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30. Juni 2009

Good-bye, Che!

Schlusspunkt

Aufstandsbewegungen und ihre Helden haben ausgedient

1959 marschiert Fidel Castro in Havanna ein und begründet den Mythos des Guerillakämpfers. 2009 ist das Jahr, in dem dieser Mythos zu Grabe getragen wird. „Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam!“, rief Che Guevara. „Schaffen wir zwei, drei, viele Irak!“, ist die Losung der Counterinsurgency-Spezialisten der US-Army, der gewaltigsten Lernmaschine der Welt. Diese Leute haben im Irak gelernt, wie man Aufständische besiegt, und sie wollen ihr Wissen anwenden.

An der Northwest Frontier macht Pakistans Armee plötzlich gegen die Islamisten Druck. Die pakistanischen Militärs kennen wenig humanistische Hemmungen. Darin ähneln sie den Militärs in Sri Lanka, Tschetschenien und Kolumbien, denen es gelungen ist, Guerillabewegungen niederzuringen, die seit Jahrzehnten operierten. Israel hat mit seinen Aktionen in Südlibanon und Gaza viel Kritik geerntet, aber auch ein Ende der Provokationen von Hisbollah und Hamas. Che Guevara macht sich noch auf T-Shirts gut. Ansonsten hat er ausgedient.

Mao Tse-tung begründete die Theorie des Guerillakriegs: Die Revolutionäre müssten „dem Volke dienen“, sich im Volk „wie ein Fisch im Wasser“ bewegen, die Kräfte des Feindes aufspalten und einzeln schlagen, die Städte vom Land her einkreisen. Sein Schüler Lin Piao machte daraus eine Theorie der Weltrevolution: Weltdorf gegen Weltstadt. Es ist kein Zufall, dass diese Theorie in dem Jahr ihre Geschichtsmächtigkeit verliert, da zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land. Stadtguerilla hat nie funktioniert.

Und Maos Theorie ist umkehrbar: Wer die Guerilla bekämpft, muss ebenfalls „dem Volke dienen“ – vor allem: das Volk schützen; muss sich ebenfalls „wie ein Fisch im Wasser bewegen“ – weniger Türen eintreten, die Landessprache lernen, die Landessitten respektieren; muss ebenfalls die Aufständischen aufspalten – bestechen, gegeneinander aufbringen und so weiter; die Städte halten und die befreiten Gebiete ausweiten. Vorbilder gibt es: die Briten gegen die Kommunisten in Malaya Mitte der fünfziger Jahre, die Indonesier gegen Islamisten Mitte der sechziger Jahre. 1969 holte man sich die Mao-Bibel von der chinesischen Botschaft, 2009 sollte man das von General David Petraeus geschriebene Counterinsurgency Field Manual der US Army Marine Corps bei Amazon bestellen. Der Staat kehrt zurück. Nicht nur in der Wirtschaft.

ALAN POSENER ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft der Welt am Sonntag.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7/8, Juli/August 2009, S. 144.

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