01. März 2005

Geschäftszweck: Terror

Al-Qaida agiert wie ein multinationales Unternehmen, Osama Bin Laden ist sein CEO

Modernes Management, flexible Strukturen, internationale Akteure, Franchise-Unternehmen in über 40 Ländern, diversifizierte Produktpalette, Joint-Ventures: Der ehemalige Ökonomiestudent Osama Bin Laden führt sein Terrorimperium als cleverer Geschäftsmann. Deshalb bewegt sich Al-Qaida in der globalisierten Welt wie ein Fisch im Wasser.

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Multinationale Unternehmen (MNC/ multi-national corporation) können wir als Firmen definieren, „die wirtschaftliche Einrichtungen in zwei oder mehr Ländern besitzen“.1 Al-Qaida und ihr Anführer Osama Bin Laden spiegeln dieses Konzept einer MNC wider, obwohl die Gruppierung eher politische als wirtschaftliche Ziele verfolgt. Die Organisation besteht aus multinationalen Akteuren, die in 40 bis 50 Ländern operieren. Das „Headquarter“ gibt Richtung und Infrastruktur vor, während lokale Gruppen mit Hilfe örtlicher „Angestellter“ bestimmte Ziele vor Ort verfolgen. Al-Qaida muss sich mit Bürokratien, Budgets und sogar Veruntreuung durch Angestellte herumschlagen. Zudem setzt die Al-Qaida-Führung auch vielfältige Formen direkter Auslandsinvestitionen als Teil seiner alltäglichen Organisationsroutine ein, was leicht zu erklären ist, da Bin Laden und viele seiner „Mitarbeiter“ auf eine Karriere als Geschäftsleute zurückblicken können.

Al-Qaida ist eine bemerkenswert komplexe Organisation, die für die Durchführung ihrer Geschäfte Millionen braucht. „Sie muss für die Sicherheit von Ruheräumen aufkommen, die Familien von „Märtyrern“ finanziell unterstützen, Rekrutierung, Indoktrinierung, logistische Unterstützung und Training bezahlen. Weiter wird ein Budget für demonstrative humanitäre Anstrengungen wie Wohlfahrtsorganisationen, Kliniken und Schulen benötigt, die als Tarnung für Terroristen dienen oder um Unterstützung und Rekruten zu gewinnen. Zu guter Letzt sind da noch die Kosten für Waffen,“2 so Daniel Glaser, Direktor der Abteilung im US-Finanzministerium, die für Fragen der Finanzierung von Terroraktivitäten zuständig ist.

Wie viele „Angestellte“ Al-Qaida beschäftigt, können wir nur schätzen. Nicht alle wurden in Trainingslagern ausgebildet, nicht alle Trainingslager  sind bekannt.3 Und einige Al-Qaida-Mitglieder, wie die Attentäter von Madrid am 11. März 2004 wurden  nie in einem Lager ausgebildet, sondern waren in der spanischen Gesellschaft gut verankert. Auf dem Höhepunkt seiner Aktivitäten brauchte das terroristische Al-Qaida-Imperium jährlich Mittel von 35 Millionen Dollar.4 Selbst heute, wo große Teile seiner Infrastruktur zerstört sind und seine Führung auf der Flucht ist, benötigt es wahrscheinlich fünf bis zehn Millionen Dollar pro Jahr. Um diese Bedürfnisse zu erfüllen, bedarf es einiger sehr cleverer Geschäftsleute.

Osama Bin Laden als CEO

Laut Bruce Hoffman ist „die Organisation, die Al-Qaida am meisten ähnelt, eine multinationale Firma. Und Bin Laden selbst sollte wohl als ein Terroristen-CEO angesehen werden.“5 Hoffman fährt fort: „Die Organisation, die von Bin Ladens beträchtlicher Geschäftserfahrung profitiert, ist offensichtlich wie ein modernes Unternehmen strukturiert, basierend auf Management-Konzepten der frühen neunziger Jahre, einschließlich Bottom-Up- und Top-Down-Netzwerken, einem gemeinsamen ,Mission Statement‘ und unternehmerischem Denken selbst in den unteren Rängen. Das macht sie außerordentlich flexibel und fähig, auch ernsthafte Niederlagen zu verkraften.“6 Er fügt hinzu: „Bin Laden wandte moderne Management-Techniken zur Führung einer transnationalen Terroristenorganisation an, die er an der Universität und im Baugeschäft seiner Familie kennen gelernt hat.“7

Bin Ladens Vater Mohammed Bin Awad Bin Laden war ein Einwanderer aus dem Jemen, der in Saudi-Arabien eine äußerst erfolgreiche Baufirma gründete. Er knüpfte intensive Kontakte zum Königshaus und war in den sechziger Jahren sogar Minister für öffentliche Arbeiten.8

Osama Bin Laden schloss die saudiarabische King Abdul Aziz Universität mit einem Abschluss in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung ab. Dort kam er zum ersten Mal mit der Muslim-Brüderschaft in Kontakt.9 Als Mitarbeiter im Familienunternehmen begann Bin Laden nach der sowjetischen Invasion Afghanistans die Mudjaheddin zu unterstützen. Er lieferte Maschinen zur Räumung von Minen und zum Bau von Schützengräben und Straßen. 10 Vom pakistanischen Peshawar aus betrieb er zusammen mit seinem früheren Professor Abdullah Azzam Maktab al-Khadamat, das „Dienstbüro“, mit dessen Hilfe arabische Freischärler und Geld nach Afghanistan geschleust wurden.11 Hier baute Osama auch die finanziellen und organisatorischen Grundstrukturen von Al-Qaida auf.12

Für Al-Qaida entwickelte Bin Laden ganz bewusst eine dezentralisierte, flexible und komplexe Finanzierung. Es gibt keine „Hauptquelle“, die man trocken legen könnte, sondern ein Netz von Nebenquellen.13 Einige seiner Gelder kommen aus seinem Erbe, das auf 35 bis 250 Millionen Dollar geschätzt wird.14 Dazu kommen beträchtliche weltweite Investitionen und eine Palette anderer Tätigkeiten von Drogen- und Diamantenschmuggel bis zur Passfälschung. In der Vergangenheit kam der Großteil seiner Mittel aus den rund 80 Firmen, die er weltweit besaß. Sie dienten allein der Finanzierung von Al-Qaida-Operationen.15 Bargeld wurde in Bündeln nach Kairo geflogen oder per Kamelkarawane von Oberägypten in den Sudan transportiert.16

Während seines Aufenthalts im Sudan errichte Bin Laden ein wahres Firmenimperium von Baufirmen, Produktionsfirmen, Devisenhandel, Import-Export und Landwirtschaft, einschließlich einer eigenen Bank, in die er rund 50 Millionen Dollar seines eigenen Geldes investierte. Wahrscheinlich wussten die tausenden von Angestellten dieser Firmen nicht, was Al-Qaida überhaupt war: nur Al- Qaida-Mitglieder wussten von seiner Existenz und dass die Organisation dieses Finanzimperium kontrollierte.17 Man schätzt jedoch, dass Bin Laden ungefähr 150 Millionen Dollar verloren hat, als er Sudan verlassen musste.18

Al-Qaida als multinationale Firma

Eine Reihe der Charakteristika multinationaler Unternehmen passen auf Al-Qaida. Ihre Eigentümerschaft ist oligopolistisch, Produktion und Verkauf werden in mehreren Ländern getätigt, sie sind in eine Hauptverwaltung und mehrere Unterabteilungen gegliedert.19 Innerhalb von Al- Qaida treffen Bin Laden und seine „shura“ (Beratergremium) die Geschäftsentscheidungen für die gesamte „Firma“. Unterhalb der „shura“ gibt es Räte, die verantwortlich sind für militärische Angelegenheiten, Geschäftsinteressen, Fatwas und die Medien, wobei wir nicht viel über die genauen Befugnisse dieser Komitees wissen. Intern wird Bin Laden „Direktor“ genannt, man benutzt eine Geschäftssprache, wie ein Dokument über eine jemenitische Al-Qaida-Zelle belegt, das in Kabul entdeckt wurde. Darin heißt es: „Das Spitzenmanagement soll konsultiert werden, was die Aufnahme und den Herauswurf aus der Firma angeht, die generelle Strategie und den Namen der Firma.“20

Al-Qaida ist ein multinationales Unternehmen der Spitzenklasse. Es operiert in fast 50 Ländern, einschließlich Ägypten, Somalia, Bosnien, Kroatien, Tansania, Kaschmir, Tschetschenien, Uganda, Elfenbeinküste, Togo oder Ghana, und benutzt modernste Kommunikationstechnologie. Viele der „Abteilungsleiter“ können wir als „Kosmokraten“ bezeichnen, die sich in ihrer Heimatstadt genauso wohl fühlen wie in New York oder Hongkong.21 Al-Qaida gehört nicht mehr zu den alten Terroristenorganisationen, die von staatlichen Subventionen leben. Ganz im Gegenteil ist das Unternehmen frei von jeder Regierungskontrolle, kann seine eigene Organisationsinfrastruktur, Trainingsprogramme und Operationen unterhalten, weshalb die Organisation bevorzugt im Gebiet dysfunktionaler Staaten operiert.22

Auch Bin Ladens engste Mitarbeiter verfügen über enorme technische und ökonomische Qualifikationen. Aywan Zawahiri, der oft als das „Gehirn“ Al-Qaidas angesehen wird, ist Arzt. Bin Ladens früherer Medienberater in London war ein saudischer Unternehmer, der im Import-Export-Geschäft arbeitete, während sein Militärberater als Computerspezialist in Kalifornien tätig gewesen war. Mamdouh Mahmud Salim, eine weitere Spitzenkraft des Unternehmens, studierte Elektrotechnik.23 

Bin Ladens Investitionsportfolio enthält Investments in Mauritius, Singapur, Malaysia, den Philippinen und Panama; hinzu kommt Grundbesitz u.a. in Europa.24 Al-Qaida benutzt auch Wohltätigkeitsorganisationen wie die kürzlich geschlossene „Benevolence International Founda-tion“, eine Hilfsorganisation aus Illinois mit Sitz in Bosnien-Herzegowina, die von einem Syrer mit amerikanischer und bosnischer Staatsbürgerschaft betrieben wurde. Die Wohlfahrtsorganisation unterhielt u.a. ein Waisenhaus in Aserbaidschan und ein Tuberkulose-Hospital in Tadschikistan, sie half beim Versuch, Uran zu kaufen und stellte Bargeld für die Attentate auf zwei US-Botschaften in Afrika im Jahr 1998 bereit.25 Am Handel mit „Blutdiamanten“ aus Sierra Leone soll die Organistion ebenfalls beteiligt sein.26

Al-Qaida hat auch das internationale Banksystem besonders geschickt manipuliert. Bin Laden selbst behauptete in einem Interview mit einem pakistanischen Journalisten, dass seine finanziellen Unterstützer „die Lücken im westlichen Finanzsystem so gut kennen wie die Linien ihrer Handflächen“.27 Zwar wurden Millionen Dollar auf Konten eingefroren, deren Nutzung durch Al-Qaida bekannt wurde. Doch inzwischen nutzt die Organisation die regionalen und wenig transparenten Banksysteme des Nahen Ostens, einschließlich der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits, Bahrains und des Libanon. Islamische

Bankininstitutionen, die sich nach den Regeln der Schariah richten, genießen außerordentliche Autonomie und sind dafür bekannt, dass sie die Gelder von vielen Kunden vermischen und in Gruppeninvestitionen stecken, was zur Anonymität der Konten beiträgt. Ausgiebig greift die Organisation auch auf das alternative, in Dubai übliche Hawala-Banksystem zurück, das als unreguliert, anonym und sehr effizient bekannt ist. Schließlich scheint Al-Qaida auch häufig Offshore-Bankdienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die für ihre strikte Beachtung des Bankgeheimnisses bekannt sind, vor allem auf den Bahamas. 28

Die Nichtregierungsorganisationen, die von Al-Qaida gegründet oder beeinflusst sind, steuern ebenfalls Wesentliches bei. Indem sie Al-Qaida-Aktivisten Posten in ihren weltweiten NGO-Büros verschaffen, halten sie eine für die Planung und Ausführung von terroristischen Attacken notwendige Infrastrukur parat. Sie versorgen die potenziellen Attemtäter mit Wohnungen, Aufenthaltsgenehmigungen und Identitätspapieren.29 Auch stellen sie Bankkonten zur Verfügung, die für Bargeldabhebungen benutzt werden können. „Wohlfahrtsorganisationen,“ so ein US-Regierungsbeamter, „sind die beste Tarnung. Sie tun mit der einen Hand Gutes und mit der anderen decken sie Terroristen.“30

Al-Qaidas Investitionen zeigen das Verständnis der Unternehmensleitung für den globalen Markt. Zum Beispiel wurde schweres Gerät generell in Tschechien, Ungarn und Russland gekauft, wo die Preise niedrig sind. Produkte von Bin Ladens Farmen wurden auf Zypern verkauft, weil dies ein leichter Einstieg in den lukrativen europäischen Markt war und die Insel ein „freundliches“ Bankenwesen anbietet, wo wenig Fragen gestellt werden.31 Auch der Standort Europa mit seinen offenen Gesellschaften gewann für Al-Qaida an Bedeutung. Zudem hat der Kontinent eine große und wachsende islamische Bevölkerung, die es rekrutieren und in der die Gruppe untertauchen kann. Schließlich bietet Europa eine fortgeschrittene technische Infrastruktur, die die Terroristen brauchen, um weltweit zu operieren.32

Wie jede multinationale Firma kennt auch Al-Qaida Finanzkrisen. In den neunziger Jahren hatte sie angeblich Cash-Flow-Probleme wegen des starken Dollars, vor allem im Verhältnis zum schwachen sudanesischen Pfund. Bin Laden musste Kosten sparen, indem er die Löhne kürzte. Das verursachte Spannungen innerhalb der Dschihad-Gruppen unter dem Management Al-Qaidas. Die Schwierigkeiten wurden offensichtlich so groß, dass er seine Truppen ermahnen musste: „Unsere Aufgabe ist größer als ein Geschäft. Wir werden hier keine Gewinne machen, aber wir müssen der Regierung helfen und die Regierung unserer Gruppe, und das ist unser Ziel.“33

Al-Qaida als Joint-Venture

Das prinzipielle Ziel einer multinationalen Firma ist es, die kostengünstigste Produktion von Gütern auf dem Weltmarkt sicherzustellen. Ausländische Direktinvestitionen sind durch verbesserte Transportmöglichkeiten, Kommunikation und positive Regierungspolitiken leichter geworden.34 Eine Untergruppe solcher Investitionen sind Joint-Ventures. Bin Laden neigt dazu, sich wie ein Joint-Venture-Kapitalist zu verhalten. Er ermutigt eine Entwicklung eigener Ideen in der Basis, fördert die kreativsten und umsetzungsfähigsten Ansätze und stellt eine Finanzierung für die viel versprechendsten Vorschläge zur Verfügung.

Das gilt vor allem für Attacken, die mehr an der „Peripherie“ der islamischen Welt stattfinden, was etwa für die gewalttätigen Aktivitäten der indonesischen Gruppe Jemaah Islamiyah in Bali im Jahr 2002 und in Jakarta 2003 zutrifft.35 In einem CIA-Briefing im Weißen Haus wurde Bin Laden 1995 als „die Ford Foundation des sunnitischen Extremismus“ beschrieben: „Möchtegern-Terroristen machten Vorschläge. Fand Bin Laden die Projekte lohnend, schrieb er Schecks aus.“36

Wie viele andere multinationale Firmen hat Al-Qaida daran gearbeitet, seine Strukturen flacher und vernetzter zu gestalten.37 Van Natta Jr. weist darauf hin, dass „Terrorismus als ein Zerrbild der New Economy gesehen werden kann. In dieser Finanzstruktur managen Firmenchefs schlanke kleine Firmen, indem sie für spezielle Jobs Freiberufler anstellen. Die Spezialisten arbeiten als Team an einem Auftrag und übernehmen dann andere Jobs, oft für andere Firmen.“38

Nichtsdestotrotz gibt es Aspekte der Organisation, die ein traditionelleres Geschäftsmodell widerspiegeln, vor allem in der Führungsspitze. So war Bin Laden bei einigen der spektakulärsten Attacken direkt beteiligt.39 Sollte ein Anführer gefangen genommen, getötet oder kommunikationsunfähig werden, ist die Nachfolge genau geregelt.40

Al-Qaida ist bemerkenswert flexibel – sie hat keinen singulären Modus operandi. Wie Brian Jenkins kommentierte, sind „die Feinde von heute dynamisch, unvorhersehbar, vernetzt und in ständiger Entwicklung be- griffen.“41 Ein Teil dieser Flexibilität erklärt sich aus dem bipolaren Cha-rakter Al-Qaidas, die sowohl Organisation als auch dynamische Ideologie ist. Neben Bin Ladens Kommandokette gibt es andere, die nur dem losen Netzwerk angehören, dessen Bindeglied der Respekt für Bin Laden und seine Ideen ist.42

Diese Flexibilität ermöglicht das Weiterbestehen der Organisation, obwohl sie mit der vollen Härte des Kampfes gegen den Terror konfrontiert ist. Wenn ein Operationsbereich verletzbar scheint, kann Al-Qaida ihren Modus operandi außerordentlich rasch umstellen. Droht einer Niederlassung Gefahr, benutzt sie ihre weitverzweigten Strukturen, um sie auf sichereres Gelände zu verschieben. Überprüfen amerikanische Steuerinspektoren eine spezielle Wohlfahrtsorganisation, kann diese unter anderem Namen in ein anderes Bundesland umziehen.43 Diese amöbenartige Existenz ist der Schlüssel zum Überleben der Organisation.

Eine neue Al-Qaida-Generation dürfte noch schwerer zu durchschauen sein. Die „Neue Garde“ sieht Bin Laden eher als Inspiration denn als CEO. Zu dieser neuen Garde gehört der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, Al-Qaidas mutmaßlicher Chefterrorist im Irak, und der Saudi Abu Walid, der eine Führungsposition bei den tschetschenischen Rebellen übernommen hat. Diese Gruppe gilt als besser ausgebildet, technisch noch versierter und mindestens ebenso religiös motiviert wie die erste Al-Qaida-Generation.44 Zudem verlässt sich Al-Qaida immer stärker auf seine  globalen „Franchise-Firmen“. Dazu gehören die Moro-Befreiungsbewegung in den Philippinen, Jemaah Islamiah in Indonesien, die Al-Ansar-Mudjaheddin in Tschetschenien und die Harakat ul-Mudjaheddin in Kaschmir.

Al-Qaidas Geldverteilungssystem

Da die Organisation nun dezentralisierter ist, unterhält sie keine Trainingscamps mehr oder unterstützt ganze Regierungen. Deshalb braucht sie wesentlich weniger Geld. Nach Schätzungen von David Aufhauser, Berater des US-Finanzministeriums, braucht sie anstatt 35 Millionen vor wenigen Jahren heute vermutlich nur noch fünf bis zehn Millionen Dollar jährlich.45

Generell werden die Operationen Al-Qaidas auf zweierlei Weise finanziert. Bei größeren Operationen wie jenen des 11. September werden Grundkapital und Beratung von der Organisationsführung zur Verfügung gestellt. Die Kosten beliefen sich auf etwa 200 000 bis 500 000 Dollar. Weniger kostspielige Aktionen können von kleine Zellen selbst finanziert werden, indem sie für die Beschaffung von Bargeld beispielsweise Tarnfirmen oder gestohlene Kreditkarten benutzen.46 Kleine, sich selbst finanzierende Zellen sind äußerst schwie-rig aufzubrechen. Dennoch kann man ihnen mit traditionellen Strafverfolgungsmethoden zu Leibe rücken, vor allem wenn die Informationen der jeweiligen Geheimdienste an die Ermittlungsbehörden weiter geleitet werden. Um die generellen Al-Qaida-Aktivitäten einzudämmen, bedarf es jedoch intensiver Geheimdiensttätigkeit und internationaler Unterstützung. Auf diesem Gebiet sind viele Taktiken bereits eingesetzt worden.  Als längerfristige Lösung versucht man, die Unterstützung für Al-Qaida vor allem in den islamischen Gesellschaften auszutrocknen. Es muss jedoch noch viel mehr getan werden, um die Finanzstrukturen zu zerstören, die das Funktionieren der Organisation als Ganzes garantieren. Zu diesem Zweck müssen die Finanzströme analysiert werden, die die Terroroperationen und Propagandakampagnen Al-Qaidas ermöglichen.

Geldwäsche ist laut US-Recht defi-niert als „die Bewegung von illegalem Bargeld oder Bargeld-Äquivalenten in, aus oder durch die Finanzinstitutionen der USA.“47 Jede kriminelle Gruppe muss Geldbewegungen tarnen, vor allem wenn die Mittel für illegale Operationen verwendet werden sollen. Der Geldwäscheprozess läuft im Allgemeinen in drei Stufen ab. Die erste Stufe ist die Platzierung, in der eine Person, die Schlupflöcher in Finanzsystemen ausfindig machen kann, das Geld ins internationale Finanzsystem einschleust. Das wird häufig über Offshore-Konten getätigt. In einem zweiten Schritt werden die Gelder umgeschichtet, um ihre Quellen zu verschleiern. Das passiert oft durch mehrere Finanztransaktionen unterhalb der 10 000-Dollar-Schwelle, die einen Währungs-transaktions-Report auslöst. Der dritte Schritt ist die Integration, wobei die Gelder durch legal wirkende Transaktionen wie Investitionen in legale Geschäfte und Immobilienkauf versteckt werden.48 Al-Qaida beherrscht alle drei Schritte perfekt.

Politik-Empfehlungen

Der Versuch, Al-Qaida von ihrem Bargeldzugang abzuschneiden, ist laut einer jüngst erschienenen UN-Studie gescheitert. Die Gründe sind vielfältig: Es erwies sich als außerordentlich schwierig, Sanktionen auf Organisationen und Individuen anstatt auf Staaten zuzuschneiden. Viele Staaten sind unwillig oder unfähig, entsprechende Gesetzgebungsmaßnahmen zu erlassen und durchzusetzen. Dazu kommt Al-Qaidas ausgeprägte Fähigkeit, wechselnde Taktiken und Organisationsformen zu nutzen.49

Brian Jenkins konstatiert: „Was die Geheimdiensterkenntnisse angeht, müssen wir schnell schlau werden. Wir brauchen die Fähigkeit zu vernetzter, multilateraler Bedrohungsanalyse – vergleichbar mit ,Echtzeit-Geheimdienstanalyse auf dem Schlachtfeld‘ – um Informationen zu generieren, die gebündelt und von einem Soldaten in Afghanistan, einem Amtmann in Frankreich, einem Polizisten in Singapur, einem Marinesoldaten in Haiti schnell benutzt werden können. Diese Fähigkeit haben wir bisher noch nicht.“50

Terrorbekämpfung auf diesem Niveau erfordert das Abrücken von einigen fest gefügten Vorstellungen. Erstens müssen die USA begreifen, dass sich zwischen inneren und äußeren Angelegenheiten kaum mehr unterscheiden lässt. Zweitens ist auch der Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor obsolet.51 Wir sollten aus unserer Erfahrung vor und nach dem 11. September wissen, dass Terrorfinanzie-rung ein kompliziertes und multidimensionales Problem ist, dass innenpolitisch wie international eine Reihe von legalen, gesetzgeberischen, finanziellen, geheimdienstlichen und strafrechtlichen Interessen berührt.52

Die USA können nicht allein jede Al-Qaida-Zelle eliminieren. Wie David Aufhauser, Spitzenbeamter des US-Finanzministeriums schon 2003 sagte, sind „unsere Wirtschaften ab-sichtlich offen und durchlässig. Die Möglichkeiten, Restriktionen des Kapitalflusses zu umgehen, sind nahe-zu unendlich. Zudem haben wir es mit einer weltweiten Herausforderung zu tun.”53 Alexei Vassiliev, Afrika-Experte der Russischen Akademie der Wissenschaften, weist darauf hin, dass „Drogenhändler ähnliche Maßnahmen erfolgreich umgingen und es ihnen gelungen ist, im vergangenen Jahrzehnt ungefähr eine Billion Dollar zu waschen – deshalb ist es zwei-felhaft, dass die Kanäle zur Terrorfinanzierung total blockiert werden können.“54 Das Beste, was die USA erhoffen können, ist, Al-Qaida einzudämmen, wie sie es mit der Sowjetunion während des Kalten Krieges taten. In der Zwischenzeit müssen die USA und ihre Allierten Al-Qaidas Möglichkeiten einschränken und die soziologischen Faktoren minimieren, die zu ihrer Unterstützung als Ideologie beitragen.55

1 Robert Gilpin: The Political Economy of International Relations, Princeton 1987, S. 231.

2 US House Government Reform Committee, Subcommittee on Criminal Justice, Drug Policy, and Human Resources, Testimony by Daniel L. Glaser on Terrorism Financing and Money Laundering, 11.5.2004.

3 Heraldo Munoz: First Report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team Appointed Pursuant to Resolution 1526 (2004) Concerning Al-Qaeda and the Taliban and Associated Individuals and Entities, UN Security Council, 25.8.2004, S. 7.

4 C. Boucek: The Battle to Shut Down Al-Qaeda‘s Finances, Jane’s Terrorism Intelligence Centre, 2002.

5 Bruce Hoffman: Redefining Counterterrorism: The Terrorist as CEO, RAND Review 28, Nr. 1, 2004. S. 14. CEO ist die Abkürzung für Chief Executive Officer, dt. Vorstandsvorsitzender.

6 Bruce Hoffman: The Leadership Secrets of Osama Bin Laden. The Terrorist as CEO, Atlantic Monthly, April 2003, S. 26–27.

7 Bruce Hoffman (Anm. 5).

8 Peter L. Bergen: Holy War Inc.. Inside the Secret World of Osama Bin Laden, New York 2002, S. 45–47.

9 Ebd., S. 51. Der überwiegende Teil der erforschten Quellen gibt an, Bin Laden habe in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung graduiert. Es gibt jedoch auch Quellen, die behaupten, Bin Laden habe in Wirtschaft und Ingenieurwissenschaft graduiert. Benjamin und Simon schreiben, Bin Laden beanspruche, dass ihm sein ingenieurwissenschaftlicher Hintergrund geholfen hätte, den Schaden den die Attentate am 11.9.2001 am World Trade Center anrichteten, vorherzusagen. Daniel Benjamin und Steven Simon: The Age of Sacred Terror: Radical Islam’s War against America, New York 2003, S. 98.

10 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 53–54.

11 Ebd., S. 54.

12 Maurice R. Greenberg, William F. Wechsler, Lee S. Wolosky: Terrorist Financing:  Report of an Independent Task Force, Council on Foreign Relations, New York 2002, S. 5.

13 Ebd., S. 6.

14 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 104.

15 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 111.

16 Ebd., S. 112–113.

17 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 83.

18 Ebd., S. 105.

19 Gilpin: The Political Economy of International Relations (Anm. 1), S. 232.

20 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 31.

21 Ebd., S. 200.

22 Greenberg, Wechsler, Wolosky: Terrorist Financing (Anm. 12), S. 5.

23 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 31.

24 Rensselaer Lee: Terrorist Financing: The U.S. And International Response, Congressional Research Service, 6.12.2002, S. 8.

25 Douglas Frantz: Possible Link Seen to U.S.-Based Charity and Al-Qaeda, New York Times, 14.6.2002.

26 Expert and Newspaper Says Diamonds Fund Terrorists, 6.11.2001, zitiert 10.7.2002, http://www.jckgrop.com/index.

27 Kevin McCoy und Daniel Cauchon: The Business Side of Terror: Al-Qaeda Network Runs Like Fortune 500 Firm, USA Today, 16.10.2001.

28 Greenberg, Wechsler, Wolosky: Terrorist Financing (Anm. 12), S. 9–10.

29 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 144–145.

30 Frantz (Anm. 25).

31 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 112.

32 Ebd., S. 175.

33 Ebd., S. 114–115.

34 Gilpin: The Political Economy of International Relations (Anm. 1), S. 233.

35 Bruce Hoffman: Redefining Counterterrorism (Anm. 5), S. 14.

36 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 242–243.

37 Hoffman: Redefining Counterterrorism (Anm. 5), S. 14.

38 Don Van Natta: Running Terrorism as a New Economy Business, New York Times, 11.11.2001.

39 Hoffman: Redefining Counterterrorism (Anm. 5), S. 14.

40 Ebd., S. 15.

41 Brian Michael Jenkins: Redefining the Enemy. The World Has Changed, but Our Mindset Has Not, RAND Review, Bd. 28, Nr. 1, 2004, S. 17.

42 Bergen: Holy War, Inc. (Anm. 8), S. 5.

43 Report to Congressional Requesters on Terrorist Financing: U.S. Agencies Should Systematically Assess Terrorists’ Use of Alternative Financing Methods, General Accounting Office, November 2003. S. 30.

44 Faye Bowers: Al-Qaeda’s New Young Guard. A Shift in Tactics, Christian Science Monitor, 13.2.2004.

45 Don Van Natta: Terrorists Blaze a New Money Trail, New York Times, 28.9.2003.

46 Greenberg, Wechsler, Wolosky: Terrorist Financing (Anm. 12), S. 3 und Boucek: The Battle to Shut Down (Anm. 4), S. 2.

47 Kimberly L. Thachuk: Terrorism’s Financial Lifeline: Can It Be Severed?, Strategic Forum 191, 2002, S. 1–2.

48 Ebd., S. 1–2.

49 Munoz, First Report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team Appointed Pursuant to Resolution 1526 (2004) Concerning Al-Qaeda and the Taliban and Associated Individuals and Entities (Anm. 3).

50 Jenkins: Redefining the Enemy (Anm . 41), S. 20.

51 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 402.

52 U.S. Senate Foreign Relations Committee, Testimony of Juan C. Zarate, Deputy Assistant Secretary of the Treasury on Terrorist Financing and Financial Crime, 18.3.2003.

53 Josh Meyer: Cutting Money Flow to Terrorists Proves Difficult, Los Angeles Times, 28.9.2003.

54 Alexei Vassiliev: Financing Terror: From Bogus Banks to Honey Bees, Terrorism Monitor I, Nr. 4, 2003, S. 5.

55 Benjamin und Simon: The Age of Sacred Terror (Anm. 9), S. 411.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, März 2005, S. 48 - 55.

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