01. März 2005

Füreinander wichtig sein

Zeit für Nüchternheit: Die transatlantische Beziehung braucht ein neues Fundament

Der neue transatlantische Flirt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die strukturellen Veränderungen der letzten Jahre die schicksalhafte Verbindung zwischen Amerikanern und Europäern gelockert haben. Daher muss nun nüchtern analysiert werden, wo sie sich gegenseitig nützlich sein können – und was beide Seiten dafür tun müssen.

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Zum Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident George W. Bush besteht die Chance für einen Neuanfang in den transatlantischen Beziehungen. Dies zeigen die Besuche von Präsident Bush und Außenministerin Condolezza Rice in Europa und vor allem die programmatische Rede, die die Außenministerin am 8. Februar 2005 in Paris gehalten hat. Der neue und verbindliche Ton wird sicherlich hilfreich sein, eine Wiederannäherung zwischen Europa und den USA zu erreichen. Langfristig werden sich die transatlantischen Beziehungen aber nur verbessern, wenn auch die strukturellen Veränderungen zwischen Europa und den USA erkannt und aus der Analyse die richtigen Schlüsse gezogen werden. Entscheidend ist, dass man auf beiden Seiten des Atlantiks versteht, dass man einerseits nicht länger automatisch die Bedeutung besitzt, die Europa und die USA noch im Kalten Krieg füreinander hatten. Deshalb gilt es, jene aktuellen Problemfelder der internationalen Politik zu identifizieren, bei deren Lösung  Europa und die USA erneut wichtig für einander sein können.

Strukturelle Veränderungen

Die strukturellen Veränderungen im transatlantischen Verhältnis werden deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Deutschland im Kalten Krieg bereits aufgrund seiner geopolitischen Lage an der Grenze zum Eisernen Vorhang für die USA von größter strategischer Bedeutung war. Im damals wahrscheinlichsten Fall eines Krieges mit der Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Paktes wäre Deutschland in der Lage gewesen, innerhalb einer Woche 1,3 Millionen Soldaten zu mobilisieren. Die USA waren ihrerseits die einzige Macht, die die Sicherheit und Freiheit der Bundesrepublik Deutschland garantierte. Zum einen geschah dies mit den Mitteln der atomaren Abschreckung, zum andern mit der Stationierung von zuletzt 400 000 Soldaten in Europa.

Heute bleiben die USA für Deutschland der wichtigste Verbündete und ein enger Partner. Aber die ehemals existenzielle Bedeutung der USA ist inzwischen durch eine lediglich essentielle Bedeutung ersetzt worden. Genauso hat auch Deutschland für die USA an Bedeutung verloren. Die Bundesrepublik bleibt zwar einer der wichtigsten europäischen Partner, sie besitzt aber keine herausgehobene geostrategische Bedeutung mehr. Dies zeigt sich auch in der veränderten militärischen Bedeutung. Deutschland kann heute für Friedensoperationen, der derzeit wahrscheinlichsten Form eines militärischen Einsatzes, maximal 105 000 Soldaten aufbieten – 35 000 Eingreifkräfte und 70 000 Stabilisierungstruppen. Konkret bedeutet dies, für einen robusten militärischen Einsatz stehen der Bundeswehr nicht mehr als 10 000 Soldaten zur Verfügung. Die USA haben ihrerseits ihr Truppenkontingent in Deutschland auf nunmehr 90 000 Mann reduziert. Derzeit wird eine weitere Reduzierung auf 30 000 bis 40 000 Soldaten diskutiert, die von Deutschland aus Einsätze in Krisenregionen in Europa sowie dem Nahen und Mittleren Osten unterstützen sollen.

Eine weitere strukturelle Veränderung besteht darin, dass die USA aus dem Kalten Krieg als einzige verbliebene Weltmacht hervorgegangen sind. Aber diese Stärke erklärt nicht allein ihr außenpolitisches Handeln. Vielmehr wird die amerikanische Außenpolitik mindestens genauso durch die neue Verwundbarkeit bestimmt, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 vor Augen führten. Damals waren die USA erstmalig auf amerikanischem Festland angegriffen worden und mussten erkennen, dass die klassischen Mittel der Abschreckung gegen die neuen Bedrohungen durch den Terrorismus nicht wirken.

Mit ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie hat die US-Regierung versucht, auf diese neue Herausforderung zu reagieren und hat darin die Doktrin der „preemptive strikes“ formuliert. Diese besagt, dass die USA zukünftig auch bereit seien, präventive Militärschläge durchzuführen, selbst „wenn noch Unsicherheit über die Zeit oder den Ort eines Angriffs besteht“. Vor diesem Hintergrund war der Irak-Krieg aus amerikanischer Sicht ein gewählter Krieg. Ein Krieg gegen eine potenzielle Bedrohung, die in einer möglichen Verbindung von Massenvernichtungswaffen im Irak und dem internationalen Terrorismus gesehen wurde.

Aus deutscher und europäischer Sicht ist diese Antwort nicht akzeptabel, denn eine lediglich potenzielle Gefahr kann nie ein Grund für einen Krieg sein. Und dennoch ist offensichtlich, dass keinem Staat zugemutet werden kann, zunächst einen schweren terroristischen Angriff hinzunehmen, bevor er sich wehren darf. Deswegen muss zwischen Amerika und Europa ein strategischer Dialog darüber geführt werden, wie auf die neuen Bedrohungen durch den Terrorismus zu reagieren ist.

Im Gegensatz zur EU, die in ihrer Sicherheitsstrategie vom Dezember 2003 eine Antwort auf diese Problematik schuldig bleibt, haben einige europäische Staaten und die UN das Problem benannt und Antworten formuliert, die in Europa konsensfähig erscheinen. Im französischen Militärprogramm (2003 bis 2008) zum Beispiel, ist ein Militärschlag erlaubt, wenn eine „explizite und überprüfbare Bedrohung“ besteht. Und das Expertengremium zur Reform der UN schreibt zu dieser Problematik, dass die Legitimität von Präventivmaßnahmen davon abhängt, „ob glaubwürdig nachgewiesen werden kann, dass tatsächliche Gefahr droht (unter Berücksichtigung der Fähigkeit und auch des konkreten Vorsatzes) und ob ein militärisches Vorgehen unter den gegebenen Umständen als die einzig vernünftige Lösung erscheint“.

Während die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik von diesem Spannungsfeld aus militärischer Stärke und neuer Verwundbarkeit dominiert wird, steht für Europa auch 15 Jahre nach dem Zerfall des Warschauer Paktes die Überwindung der Nachkriegsordnung von Jalta im Vordergrund. Europa versucht vor allem durch die Öffnung von EU und NATO den Kontinent zu einen und gleichzeitig die Vertiefung der Europäischen Union zu fördern. Dabei hat es Europa im letzten Jahrzehnt mit Hilfe der USA geschafft, den Kontinent zu einer historisch einmaligen Stabilität zu führen. Nun muss Europa auch politisch enger zusammenwachsen.

Doch das Streben nach einem politisch einigeren Europa darf die EU nicht dazu verleiten, sich zu sehr auf sich selbst zu konzentrieren und sich abzuschotten. Die Europäer müssen erkennen, dass das Streben nach Mitgliedschaft für die EU kein Problem darstellt, sondern eine Folge ihrer Attraktivität und Stärke ist. Die eigentliche Herausforderung der EU besteht darin, sich auf eine Weise zu organisieren, dass es ihr möglich bleibt, für weitere europäische Staaten offen zu sein und ihre Magnetkraft weiterhin auszuüben. Ein Europa der variablen Geometrien, bei dem sich nicht alle Staaten in allen Politikfeldern gleichermaßen beteiligen, wie heute bei der Währungsunion oder dem Schengen-Abkommen, scheint hierfür das realistische Modell.

Die Staaten der EU müssen sich bewusst werden, dass die wirklichen Herausforderungen für Europa in der Zukunft liegen. Die Tagespolitik darf die entscheidenden Weichenstellungen nicht verhindern. So sollte allen Europäern bewusst sein, dass Europas Anteil an der Weltbevölkerung bis 2050 von jetzt 11,5 auf 7,2 Prozent zurückgehen wird (und in diesen Zahlen der UN ist die Bevölkerung der Türkei und Russlands bis zum Ural enthalten). Deshalb muss die EU bereits jetzt alle Anstrengungen unternehmen, ihre Nachbarregionen zu stärken und Stabilität zu exportieren. Andernfalls wird es Europa in Zukunft kaum möglich sein, sich gegenüber den ungleich ärmeren, aber um ein Vielfaches bevölkerungsstärkeren Regionen Afrikas und Asiens zu behaupten. Die Beitritts- und Nachbarschaftspolitik der EU sind deswegen Instrumente, Sicherheit und Wohlstand Europas dauerhaft zu sichern.Deshalb sind die europäische Bei-trittsperspektive für die Staaten des Westbalkans und der europäische Stabilitätspakt für die Region genauso richtig wie die im Dezember 2004 beschlossene Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ab Oktober 2005. Nach der „Revolution in Orange“ steht mit der Ukraine nun ein weiteres Land an der Grenze Europas, dessen Bürger sich  für ein Staats- und Gesellschaftsmodell entschieden haben, das sich an der EU ausrichtet. Wenn die neue ukrainische Führung die von der EU in Aussicht gestellten Anreize annimmt und die geforderten Reformen entschlossen umsetzt, sollte die EU der Ukraine noch während der Amtszeit Viktor Juschtschenkos die Perspektive einer Mitgliedschaft geben.

Die erfolgreichen Reformen in Polen, Ungarn und anderen Staaten Ostmitteleuropas waren in dieser Geschwindigkeit nur Dank der Beitrittsperspektive möglich. Zuletzt hat das Beispiel der Türkei gezeigt, was die Beitrittsperspektive bewirken kann. Den fundamentalen Wandel in diesen Gesellschaften muss Europa als seine eigene Erfolgsgeschichte begreifen.

Gemeinsame Aufgaben

Trotz der strukturellen Veränderungen im internationalen System gibt es  keine zwei Regionen auf der Welt, die soviel gemeinsam haben wie Europa und Amerika und die in ähnlicher Weise wirtschaftlich, kulturell, strategisch und historisch aneinander gebunden sind. Daher muss in einer gemeinsamen Partnerschaft überlegt werden, wo die USA und Europa im 21. Jahrhundert wichtig füreinander sein können. Der Streit, der die Allianz in den letzten Jahren prägte, ändert nichts daran, dass die Partnerschaft zwischen Europa und den USA auch unter den neuen Herausforderungen ihren Sinn behält. Zunächst bleibt ihre Aufgabe bestehen, die euro-atlantische Gemeinschaft weiter zu konsolidieren, z.B. muss nun auch Russland stärker in den euro-atlantischen Strukturen verankert werden.

Vor allem aber zeigt ein Blick auf die gefährlichsten Konfliktregionen, dass die Hauptaufgabe in Zukunft die Stabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens sein wird. In dieser Nachbarregion bündeln sich Gefahren, die Europas Sicherheit und auch die Versorgung mit Energie unmittelbar betreffen: regionale Konflikte, Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, soziale und ökonomische Instabilität. Und im Gegensatz zu anderen Konfliktregionen – koreanische Halbinsel, Indien/Pakistan und Taiwan/China – wo der europäische Einfluss begrenzt ist, können Amerika und Europa hier mit einer komplementären Politik Entscheidendes bewirken. Angesichts des gesunkenen Ansehens der USA in dieser Region wird Europa sogar gezwungen sein, stärkere Verantwortung zu übernehmen als bisher.

Konkrete Aufgaben sind die Stabilisierung des Irak, die Schaffung eines lebensfähigen Staates Palästina in guter Nachbarschaft zu einem jüdischen Staat Israel und zu verhindern, dass der Iran eine Nuklearmacht wird. Dazu kommt die Europäisierung der Türkei, die dadurch zu einem wichtigen Stabilitätsexporteur in die Region werden wird. Im Irak hat die Wahl am 30. Januar noch keine radikale Verbesserung der Sicherheitssituation bewirkt. Auch hat das Wahlergebnis (mit den klerikalen Schiiten und dem Kurdischen Wahlbündnis als Gewinnern und dem Wahlboykott der meisten Sunniten) gezeigt, dass der politische Prozess im Irak erst am Anfang steht. Dennoch ist deutlich geworden, dass der Irak das Potenzial für Demokratie besitzt. Nun benötigt die neue irakische Regierung eine funktionierende eigene Armee, funktionierende Strukturen in Justiz und Verwaltung, eine gute Polizei und Unabhängigkeit von den USA, um eigene politische Entscheidungen zu treffen und falsche der Besatzungsjahre zu korrigieren. Eine irakische Regierung muss ihren Bürgern zeigen können, dass sie selbständig handelt und die Iraker ihr Schicksal in den eigenen Händen haben. Die internationale Gemeinschaft muss deswegen eine neue irakische Regierung in dieser Arbeit nach Kräften unterstützen.

Somit ist es richtig, dass die NATO der irakischen Regierung bei der Ausbildung einer neuen irakischen Armee hilft. Deutschland und andere Staaten sollten dabei Flexibilität zeigen und neben ihrem verstärkten Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten erlauben, dass deutsche Stabsoffiziere aus NATO-Hauptquartieren auch in Bagdad ausbilden können.

Die Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates in guter Nachbarschaft zu Israel ist eine Aufgabe, die nur Europäer und Amerikaner gemeinsam bewältigen können. Dies wird das vielleicht wichtigste außenpolitische Ziel der zweiten Amtszeit von Präsident Bush sein müssen. Die Wahlen in den palästinensischen Gebieten und vor allem die Waffenruhe, die Mahmud Abbas und Ariel Scharon am 8. Februar in Sharm-el-Sheikh vereinbart haben, geben Anlass zu Optimismus. Als Bündnis von Europäern und Amerikanern ist die NATO die einzige Institution, die einen Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten, angefangen bei Gaza, und eine Friedenslösung in Übereinstimmung mit den Parteien militärisch absichern kann. Dafür braucht sie Vertrauen bei Israelis und Arabern, das sie nicht leichtsinnig gefährden darf. Daher war es wichtig, dass die NATO im Irak nicht Teil der Kriegskoalition wurde.

Beim Iran gilt es zu erreichen, dass das Land dauerhaft auf die Schließung des nuklearen Brennstoffkreislaufs verzichtet. Verhandlungen sind dafür die einzige Chance. Doch für den Erfolg der Gespräche zwischen den Europäern Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit der Regierung in Teheran wird es entscheidend sein, dass auch die USA ihr Gewicht in die Verhandlungen einbringen. Das Interesse Irans an einem politischen Prozess könnte ein wichtiger Baustein in den Verhandlungen sein. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass sie die Verhandlungen der Europäer unterstützt und  Interesse an einer diplomatischen Lösung hat. Sie sollte in enger Abstimmung mit den Europäern und unter Einbeziehung Russlands aktiver zu einem Erfolg beitragen. Neben den Nuklearverhandlungen ist zusätzlich eine regionale Vereinbarung notwendig, mit der die bilateralen Beziehungen in der Region auf eine friedliche  Grundlage gestellt werden. Darin muss Teheran die Existenz des Staates Israel anerkennen und erklären, terroristische Gruppen wie die Hisbollah nicht länger zu unterstützen.

Der wichtigste Beitrag der Europäer für die Stabilisierung der Region ist die Europäisierung der Türkei: Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei im Oktober 2005 wird zeigen, dass Europa an die Möglichkeit glaubt, den Islam mit den Werten einer modernen und demokratischen Gesellschaftsordnung zu verbinden. Eine europäisierte Türkei wird ihrerseits ein Zeichen sein, dass auch muslimische Gesellschaften erfolgreiche freiheitliche Demokratien sein können. Obgleich die Türkei aufgrund ihrer spezifischen Geschichte nicht als Vorbild für die arabische Welt taugt, so wird sie doch für viele Menschen dort als Beispiel gesehen werden. Die geographische Lage der Türkei wird die EU einerseits enger an die Krisenregion heranführen, andererseits aber auch ihre Einwirkungsmöglichkeiten verstärken. Wenn sich der Osten der Türkei ökonomisch entwickelt, wird dies positive Auswirkungen auf die Nachbarstaaten Iran, Irak und Syrien haben.

Darüber hinaus besitzt die EU mit ihrem Barcelona-Prozess, der Nachbarschaftspolitik und speziellen Länderprogrammen weitere wichtige Instrumente, die zur Stabilisierung der  Region beitragen können.

Zukunft der NATO

Für die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft ist wichtig, dass sich in den USA jene Kräfte durchsetzen, die eine wirkliche Partnerschaft mit Eu-ropa wollen. Wirkliche Partnerschaft bedeutet, die weltweiten Entwicklungen gemeinsam zu analysieren, gemeinsam zu entscheiden und  schließlich gemeinsam zu handeln. Und diese Maxime gilt insbesondere für die NATO. Wo immer dieses Prinzip eingehalten wird, ist die Allianz ein starkes und weltweit respektiertes Bündnis. Deswegen gefährdet es ihre Zukunft, dass einige US-Politiker und Militärs die NATO als Werkzeugkasten betrachten, aus dem nach Bedarf militärische Fähigkeiten für Operationen auch außerhalb des Bündnisses und mit wechselnden Koalitionen zur Verfügung stehen. So wäre es für die NATO fatal gewesen, wenn sie im Sommer dem amerikanischen Drängen nachgegeben und  als „Subunternehmer“ einen Sektor der Koalitionstruppen im Irak übernommen hätte.

Und jene, die verkünden, dass „die Mission die Koalition“ definiere, unterschätzen völlig den politischen Wert des Bündnisses. Die NATO ist mehr als die Summe der militärischen Instrumente und Fähigkeiten ihrer Mitgliedsstaaten. Ihr Wert liegt vor allem in der politischen Partnerschaft von Europäern und Amerikanern.Nur diese Einigkeit ist der Grund dafür, warum die Allianz auf dem Balkan und in Afghanistan im Auftrag der UN tätig ist und ihr Einsatz weltweit akzeptiert wird.

Trotzdem ist die NATO nicht der Ort, wo alle Themen mit transatlantischem Bezug diskutiert werden können – sei es, weil der militärische Bezug fehlt, sei es, weil sie eine enge operative Abstimmung benötigen, die im Kreis der 26 Staaten nicht möglich ist. So hat die Diskussion über die Aufhebung des Waffenembargos gezeigt, dass den USA und Europa ein Konsultationsmechanismus bezüglich Chinas fehlt. Für die Verhandlungen mit dem Iran wäre eine Kontaktgruppe Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands mit den USA unter Einbeziehung Russlands sinnvoll.

Europäische Sicherheitspolitik

Insgesamt muss die Partnerschaft zwischen den USA und Europa gleichgewichtiger werden. Dies bedeutet, dass Europa ein stärkerer und selbstbewussterer Partner werden muss.

Wir brauchen daher eine Diskussion darüber, wie Europa seine militärischen Fähigkeiten verbessern kann. Die Europäer haben mit dem Europäischen Fähigkeitsziel von Helsinki 1999, mit der NATO-Fähigkeitsinitiative von Washington 1999 und dem Prager Gipfel im November 2002 immer wieder betont, dass sie dies tun wollen, um ihre sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit zu sichern.

Tatsächlich verlangen die eingegangenen Verpflichtungen die Umgestaltung der Streitkräfte in Richtung neuer militärischer Instrumente und damit erhebliche Investitionen in die Verteidigung. Gleichzeitig sind drastische Steigerungen der Verteidigungshaushalte auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Daher verwundert es nicht, dass die 2001 im European Capabilities Action Plan (ECAP) vereinbarten Fähigkeitsziele  derzeit weder qualitativ noch zeitgerecht erfüllt werden.

Wer europäische Sicherheitspolitik ernst nimmt, kann es aber dabei nicht belassen. Europa muss die Schere zwischen seinen selbstdefinierten Ansprüchen und tatsächlichen Fähigkeiten schließen. Der Weg dorthin liegt in einer effizienteren Nutzung unserer Ressourcen.

2003 gaben die 16 europäischen NATO-Staaten 200 Milliarden Dollar für Verteidigung aus. Das entspricht mehr als 50 Prozent des damaligen amerikanischen Budgets von 380 Milliarden Dollar – zugleich zwei Prozent des jeweiligen Bruttosozialprodukts gegenüber 3,4 Prozent. Doch die Effizienz der europäischen Streitkräfte liegt bei einem Bruchteil des US-Niveaus. Die NATO hatte wiederholt erhebliche Probleme, genügend Heeresflieger  und  Transporthubschrauber, aber auch Kommunikations- und Führungsfähigkeiten für Auslandseinsätze bereitzustellen. Schon im Kosovo-Krieg 1999 waren 95 Prozent der abgeschossenen Marschflugkörper amerikanische Waffen. Die US-Airforce flog auch die überwiegende Anzahl der Lufteinsätze, da es den Europäern oft nicht möglich war, bei schlechtem Wetter zu operieren. Von rund 2,5 Millionen europäischen NATO-Soldaten sind heute nur etwa fünf Prozent für Auslandseinsätze verfügbar.

Das Beispiel zeigt, dass die europäischen Staaten immer noch einen Großteil europäischer Ressourcen durch eine rein nationale Organisation ihrer Verteidigungspolitik vergeuden. Eine effiziente, an europäischen Erfordernissen ausgerichtete Sicherheitspolitik könnte erreicht werden, wenn verstärkt militärische Fähigkeiten gebündelt werden, die nationalen Streitkräfte eine europäische Arbeitsteilung vornehmen und in einigen Fällen integrierte europäische Fähigkeiten aufgebaut würden. Dafür brauchen die Europäer „Mut zur Lücke“, denn nicht jeder Staat wird in Zukunft alle Fähigkeiten besitzen können. Stattdessen benötigt Europa komplementäre Strukturen, in denen die Europäer gemeinsam über ein breites und modernes Spektrum an Fähigkeiten verfügen. Beispielsweise könnte Europa seine Luftverteidigung in verschiedene Zonen aufteilen. Polen und Deutschland würden dann den Luftraum von Tschechien und Ungarn mit verteidigen, damit diese Staaten ihre Mittel in andere Fähigkeiten investieren. Auch eine Zusammenfassung der U-Boot Flotten der Nordseeanrainer, also Deutschlands, der Niederlande und Norwegens, würde sicher Vorteile bieten. Weitere Projekte zur Nutzung europäischer Synergien sind die geplanten europäischen Luft- und Seetransportkommandos wie auch die gemeinsame deutsch-französische Ausbildung der Piloten für den Kampfhubschrauber TIGER.

Als Konsequenz müssen die Staaten den Mut aufbringen, sich in neue Abhängigkeiten zu begeben. Denn neue Fähigkeiten sind nur durch neue Abhängigkeiten zu gewinnen. Einige kleinere Staaten haben schon gehandelt. Die Niederlande und Belgien haben ihre Marinehauptquartiere zusammengelegt. Die Niederländer haben zudem ihre Seeaufklärer an Deutschland verkauft, weshalb die deutsche Marine künftig die Seeaufklärung für die Niederlande mit übernehmen wird. Die Zusammenfassung aller europäischen Flugzeuge zur Seefernaufklärung in gemeinsamen Einsatzverbänden wäre eine konsequente Weiterentwicklung dieses Ansatzes.

Entscheidend ist, dass die europäischen Lösungen einen Ersatz und keine Ergänzung zu den nationalen Fähigkeiten darstellen. Nur so können Einsparungen erzielt werden.

Die Umsetzung einer solchen Politik würde Europa letztlich auch politisch stärker einen als die Schaffung von europäischen Institutionen, wie dem Amt des europäischen Außenministers. Denn die Europäer müssten frühzeitig ihre Politik abstimmen, um in Krisenzeiten schnell gemeinsam reagieren zu können. Eine Spaltung wie vor dem Irak-Krieg könnte sich Europa nicht mehr leisten. Eine solche Entwicklung würde Europa in jeder Hinsicht stärken. Gleichzeitig bekämen die USA den starken Partner, den sie benötigen. Und das Beispiel der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zeigt: Wenn Eu-ropa wirklich Verantwortung übernehmen will, dann kann das in wirkungsvoller Weise nur ein geeintes Europa.

Die Zukunft der transatlantischen Beziehung wird davon abhängen, inwiefern Amerikaner und Europa wieder entdecken, wie wichtig sie füreinander sein können. Dabei muss Europa erkennen, dass seine Schwächen und Defizite nicht Folge der amerikanischen Stärke sind. Sie sind Ergebnis alter nationaler Denkstrukturen. Amerika muss seinerseits erkennen, dass es in Europa den stärksten Partner hat, wenn Europa ein einiger Akteur und nicht gespalten ist. Und es müssen sich wieder jene Kräfte durchsetzen, die wissen, dass Amerika eher als Führungsmacht in der Welt akzeptiert ist, wenn es bewundert wird, nicht gefürchtet. Amerikaner und Europäer müssen stärker gemeinsam die weltpolitische Lage analysieren, gemeinsam über Konsequenzen entscheiden und schließlich gemeinsam handeln.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, März 2005, S. 58 - 64.

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