01. November 2021

Falscher Zug, 
falsche Richtung

Eiszeiten, Treibhauskulturen, Diktatoren, Verschwörungen und die große Frage unserer Zeit: Wie kommt die Menschheit noch mal davon? Von der politischen Ökologie im Climate Writing.

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Bild: Szene aus dem SciFi-Spielfilm „Snowpiercer“ des Koreaners Bong Joon-ho.
Kino der Kälte: Der SciFi-Spielfilm „Snowpiercer“ des Koreaners Bong Joon-ho.
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Das Klima wandelt die Verhältnisse, die Klimakultur wandelt das Bewusstsein. Dieser Leitgedanke führt uns im folgenden Text durch einige Produktionen der Science Fiction. Wir betrachten diese knappe Auswahl (sie könnte weit größer sein) als Teil einer kulturellen Strömung, als progressiven Impuls des Climate Writing.

Dazu zählen wir alle sprachlichen und künstlerischen Praktiken der Klimakulturn, auch Forschungs- und Fachliteratur.


Aber hier kommt es einmal nicht – wie von der Klimawissenschaft sonst gefordert – auf die Wahrscheinlichkeit von Prognosen an, sondern auf das Denken und die Veranschaulichung des Möglichen. Dabei profitiert die Klimakunst von ihrer Zeit-­Autonomie. Sie kann Ereignisse, Entwicklungen und Abläufe in beliebiger Anordnung durchspielen, und weil auch der Science Fiction die sozialen und politischen Grundsatzfragen ihrer eigenen Zeit zugrunde liegen, ist sie ein verlässliches Barometer der ideologischen Tendenz.


Klimakrise und Revolution

Was früher nur möglich war, ist heute Wirklichkeit. Die Schreibenden der Vergangenheit ima­ginierten als Zukunft – und zwar mit der Absicht, davor zu warnen – was wir in unserer Gegenwart als Realität finden. Aber wie unsere eigene erhitzte Gegenwart über die Klimazukunft spekuliert, das kann in einigen Jahrhunderten unter Umständen niemand mehr lesen.


Es ist dies ein echtes Zeitproblem der Klimakrise, dem sich der australische Journalist und Science-Fiction-Autor George Turner bereits 1987 in seinem Roman „The Sea and Summer“ („Sommer im Treibhaus“) gewidmet hat: Die Erderhitzung ist vorangeschritten, der Meeresspiegel steigt, Dürre erstickt die Landwirtschaft, die wachsende Be­völkerung der Erde bleibt unversorgt. Die Grenzen sind zwar dicht, dennoch zerfällt die Macht des Staates und nur noch etwa 10 Prozent der Australier leben in erträglichen Verhältnissen. Sie nennen sich Positiv­ler. Der große Rest, die Negativler, wird in gigantischen Betonblocks dem Elend überlassen und soll, wie einer ihrer Anführer vermutet, durch eine Impf­kampagne der Regierung vernichtet werden: Es gehe eigentlich um die geheime Massensterilisierung einer ganzen Klasse. Und weil die Negativler in einer sich zuspitzenden Klimakrise keinerlei Informationen erhalten, kommt es zur Konfrontation.


Der Trick des Romans besteht darin, dass die Revolution selbst unsichtbar bleibt. Aber wie haben die Australier den Klimawandel überlebt? Das stellt sich erst heraus, als die eigentliche Erzählinstanz im Roman sichtbar wird: Menschen aus einer noch ferneren Zukunft, Nachfahren der Positivler und Negativler. Sie haben den Klimawandel überlebt, weil das kapitalistische System und die Klassen­gesellschaft zugunsten eines ökosozia­listischen Systems abgeschafft wurden. Doch auch sie stehen vor einer Klimakrise, eine neue Eiszeit wird kommen. Damit können sie zwar technisch, ökonomisch und politisch umgehen, aber was sie dringend noch brauchen, sind solidere Kenntnisse über soziale Probleme, die in langen Übergangszeiten entstehen könnten.


Und deshalb gilt es jetzt, jene untergegangene „Treibhauskultur“ zu erforschen, von der man noch die Spitzen der Betonburgen aus dem Wasser ragen sieht. Ein berühmter Theaterautor soll ein Lehrdrama verfassen, einiges findet er heraus, aber den Sinn der Klassentrennung in jener Zeit versteht er absolut nicht mehr.


CliFi als Kulturauftrag

Bei George Turner soll also die Sozialgeschichte der Klimakrise in einem ökosozialen Drama gelehrt werden, rekonstruiert aus einem letzten Dokument der versunkenen Treibhauskultur, einem Romanmanuskript: Climate Fiction als Curriculum der Klimakultur. Die Revolution bleibt eine Leerstelle, gerade dadurch wird sie interessant. Im SciFi-Spielfilm „Snowpiercer“ (2013) des Koreaners Bong Joon-ho dagegen ist die Revolution der Plot. Die Geschichte beginnt im Jahr 2030, die Erde ist recht schnell erfroren, weil das globale Geo­engineeringprojekt „Aerosol CW-7“ leider missglückt ist. Nun beherrscht der letzte Kapitalist der Welt die Szene: einen von ihm entworfenen Zug, der mit dem kleinen Rest der Menschheit Jahr um Jahr auf einer festen Spur die Erde umkreist.


In diesem ewigen Zug der Menschheit heißt es deutlich: Alle Ordnung beruht auf der Allmächtigen Maschine, und Mr. Wilford, ihr Schöpfer, ist ihr Göttlicher Wächter. Das glauben aber nur die Privilegierten vorne im Zug; hinten will man sich nicht mehr mit den grauenhaften Proteinriegeln abspeisen lassen und wehrt sich gegen die Entführung kleiner Kinder. Mr. Wilson wird die Welt nicht retten, das ist die eindeutige Botschaft dieses Filmes. Dies ist der falsche Zug in die falsche Richtung, eine Revolution ist angesagt.


„Snowpiercer“ ist der Schauplatz einer politischen Allegorie, wie sie ähnlich, wenn auch nicht immer so bildmächtig und blutrünstig, in etlichen CliFi-Werken ausgeführt wird. Der Film erzählt die Geschichte einer Revolution, als Dystopie lässt er uns jedoch unberaten zurück – Wilsons Zug wird gestoppt, aber die überlebenden Kinder geraten in eine Eiszeit, aus der sie kaum lebendig herausfinden werden. Und das ist die wirklich große Frage unserer Zeit, die sich in dieser Klarheit wahrscheinlich nur die Literatur zu stellen wagt: Wie kommt die Menschheit noch einmal davon?


Science Fiction am Gipfel

Um die Beantwortung dieser letzten Frage hat sich nun ein großer Autor ernsthaft bemüht, Kim Stanley Robinson mit seinem Roman „Das Ministerium für die Zukunft“. Eine der ersten positiven Rezensionen in der New York Review of Literature schrieb übrigens Bill McKibben, globaler Klimaaktivist und selbst bekannter Buchautor („Die taumelnde Welt“). McKibben ist überzeugt, dass es sich hier kaum um Science Fiction handle, sondern um Realismus. „Wir leben in Science Fiction“, das ist das Mantra des Autors selbst. Robinson ist einer der wichtigsten Science-­Fiction-Autoren der Gegenwart – und wie um McKib­bens Gedanken in die Tat zu überführen, erreicht den SciFi-Autor Robinson nun im Jahr 2021 die offizielle Einladung zu einer Rede auf dem Klimagipfel in Glasgow.


„Die Klimakämpfer bekennen sich zur Sciene Fiction“, so könnte der Spott ihrer vielen Gegner wohl lauten, aber die Einladung hat wohl mehr damit zu tun, dass Robinson schon in früheren Romanen wie „Green Earth“ und „New York 2140“ Institutionen der Klimaforschung und Klimapolitik behandelt hat. Er entspricht damit einem starken Bedürfnis auch des Weltklimarats nach kultureller Klimakommunikation, besonders nach der Entwicklung anschaulicher Szenarios. In seinem neuen Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ geht der Schriftsteller sogar so weit, ein globales Klimaministerium selbst zum Subjekt der Geschichte zu machen. Es dürfte den Klimaschützern nicht leicht fallen, sich in diesem Buch so einfach wiederzufinden. Und auch wir gemeinen Leser können nur nach und nach entschlüsseln, was Robinson in seinem Theatrum Mundi einer explosiven Klimakultur entfaltet.


Den Anfang macht eine mörderische Hitzewelle in Indien, der Millionen zum Opfer fallen. Der amerikanische Entwicklungshelfer Frank May überlebt die Katastrophe mit schweren Verbrennungen und einem Trauma, das ihn im Verlauf der Geschichte zu radikalen Handlungen treibt. Während die indische Regierung ein drastisches Geoengineering nur für den Subkontinent und entgegen internationaler Absprachen durchführt, kidnappt Frank die Leiterin des Ministeriums für die Zukunft Mary Murphy. Diese Organisation der UN wurde etwa fünf Jahre vor der Hitzewelle gegründet, um die Interessen aller zukünftigen Lebewesen zu vertreten.


Mary reist um die Welt, um Banker und Regierungen von den „Carbon Coins“ zu überzeugen. Sie werden im Gegenzug zur Einstellung von Erdölproduktion oder Kohlebergbau ausgegeben. Frank will Mary Murphy zu radikaleren Schritten bewegen. Schließlich schlägt sie die Gründung eines Schwarzen Arms des Ministeriums vor, den es aber anscheinend schon gibt. Wir erleben im Verlauf der etwa 20 Jahre erzählter Zeit weitere Klimakatastrophen, Drohnenangriffe auf Flugzeuge, Kohlekraftwerke und Containerschiffe, eine geballte Cyberattacke auf Schweizer Banken. Die Gewalttäter bleiben unentdeckt, die Leser können rätseln, ob die Rächer der Children of Kali aus Indien oder der Schwarze Arm hier zuschlagen.


Mary Murphy oder Klimakrieg? Bürokratie oder Aktion? Das könnte eine Grundfrage dieses Globalromans sein, der mit Antworten zwar nicht geizt, sie aber als polyphonisch-­transsubjektive Kollektiv­erzählung auch nicht ganz unverschlüsselt herausgibt. Robinsons politische Fantasie aber dringt immer durch – er feiert das Pariser Klimaabkommen als Wendepunkt in der Geschichte. Geoengineering ist in diesem Buch ein Teil der Lösung. Das sehen andere Linke im Klimaspektrum wie Naomi Klein anders, wogegen sie Robinsons Alternativen zum ökonomischen System begrüßen dürften.


SciFi als politische Ökologie

Ein weiterer Teil der Lösung ist in diesem Roman die Gewalt. Bei genauerem Hinschauen bewegt sich die Krisenlandschaft erst nach diversen Terrorangriffen in Richtung Klimaziele. Was wird wohl Robinsons Message in Glasgow sein? Mindestens eine seiner Heldinnen dürfte aufmerksam zuhören, die im Roman verschlüsselt erscheinende Christiana Figueres. Figueres hat gemeinsam mit Tom Rivett-Carnac die wichtigsten Abläufe des Pariser Klimaabkommens gesteuert und gibt nun selbst mit großer Optimismus-Geste ein Klimabuch heraus („Die Zukunft in unserer Hand“).


Und Yannis Varoufakis hat in seinem neuen Buch „Ein anderes Jetzt“ entdeckt, wie er, inspiriert von Robinson, in eine Zu­kunft gelangt, wo seine Theorie praktisch erprobt wird – ein Markt ohne Kapitalismus, der wiederum Robinson inspiriert hat. Für uns eine Verpflichtung, einmal mehr Lektüren im Kontext zu empfehlen. Sie können bei einer Frage helfen, die ­George Turner in seinem Australienroman offen ließ – wie geht das mit der besseren Klimakultur?     

 

Jane Tversted ist Autorin, Übersetzerin und Mitgründerin des Climate Cultures Network Berlin; zahlreiche Radiosendungen zum Klima in der Literatur zusammen mit Martin Zähringer.

Martin Zähringer ist Literaturkritiker, Journalist, Moderator, Übersetzer und Kurator. Er ist künstlerischer Leiter des Climate Fiction Festivals und Gründer des Climate Cultures Network Berlin.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 6, November 2021, S. 72-75

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