Europas unterschätzte Schattenökonomie
Organisierte Kriminalität ist ein massives wirtschaftliches wie sicherheitspolitisches Problem. Es bedarf einer Neubewertung: fünf Vorschläge.
Organisierte Kriminalität wird in Europa vorwiegend als innenpolitisches Problem wahrgenommen. Nationalstaatlich erscheint sie als Herausforderung für Polizei und Strafjustiz. Auf der Ebene der Europäischen Union erweitert sich der Blick auf gemeinsame Kriminalpolitik, Informationsaustausch, operative Kooperation, gemeinsame Ermittlungsgruppen und die Priorisierung besonders bedrohlicher Deliktsfelder. Doch auch diese Perspektive bleibt zu eng, wenn sie OK primär als Summe einzelner Straftaten beschreibt. Denn die eigentliche Herausforderung liegt heute tiefer.
OK bewegt sich nicht nur am Rand der legalen Ordnung, sondern zunehmend in ihr. Kriminelle Netzwerke handeln nicht allein mit Drogen, Waffen, illegalen Dienstleistungen oder gestohlenen Gütern. Sie handeln mit Einfluss, Daten, Unternehmen, Dokumenten, Identitäten, Korruption und Vertrauen. Sie nutzen legale Unternehmensstrukturen, greifen in Lieferketten ein, missbrauchen öffentliche Förderprogramme, verschieben Gewinne über Grenzen hinweg und verwandeln illegal erwirtschaftetes Kapital in wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht.
Damit verändert sich der Charakter des Problems. OK ist nicht mehr nur eine Herausforderung für die Strafverfolgung. Sie beeinflusst Märkte, schwächt öffentliche Haushalte, verteuert staatliches Handeln, untergräbt fairen Wettbewerb und beschädigt die institutionelle Integrität Europas. Wer sie lediglich als Deliktsphänomen behandelt, verkennt ihre eigentliche Bedeutung: OK ist zu einem politökonomischen Faktor geworden – und damit zu einer Frage europäischer Resilienz.
Zwar erheben verschiedene Institutionen und Verbände Daten, mit denen sich das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen von OK beschreiben lässt. Doch die kriminellen Akteure betätigen sich in so zahlreichen Deliktsfeldern, dass ein gesamteuropäisches Lagebild nur schwer zu erstellen ist, zumal nicht aus allen Bereichen belastbare Daten vorliegen.
Große Schäden
Die verfügbaren Zahlen sind daher mit Vorsicht zu lesen, auch weil illegale Ökonomien notwendig im Dunkelfeld liegen. Die Europäische Kommission bezifferte in ihrem Strategiepapier von 2021 die Gewinne aus OK in den neun wichtigsten kriminellen Märkten auf rund 139 Milliarden Euro jährlich, was etwa 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU entspricht. Die Europäische Staatsanwaltschaft führte bis Ende 2024 insgesamt 2666 aktive Ermittlungen wegen Straftaten zum Nachteil der finanziellen Interessen der EU. Der geschätzte Schaden lag bei mehr als 24,8 Milliarden Euro, davon 13,15 Milliarden Euro durch Mehrwertsteuerbetrug.
OECD und EUIPO schätzen den Wert gefälschter Waren, die in die EU importiert werden, auf 117 Milliarden Dollar, also 4,7 Prozent der EU-Importe. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau beziffert den Schaden durch Produktpiraterie im deutschen Maschinen- und Anlagenbau auf 4,1 Milliarden Euro. Das sind keine Randphänomene. Es sind Größenordnungen, die in die Sprache der Wirtschafts-, Finanz- und Sicherheitspolitik übersetzt werden müssen.
Das große Geld wird längst nicht mehr nur mit Drogen-, Waffen- und Menschenhandel verdient. Gefälschte Medikamente aus Fake-Apotheken und gefälschte Pestizide versprechen hohe Gewinnmargen bei geringem Verfolgungsdruck und niedrigerem Sanktionsniveau. Die illegale Produktion von Zigaretten hat sich auch im EU-Raum ausgebreitet, und die Akteure entgehen damit dem Kontrolldruck an den EU-Außengrenzen. Andere profitable Deliktsbereiche bleiben mangels Datenlage weitgehend im Schatten, etwa das Phänomen des organisierten Ladungsdiebstahls.
Die Schäden, die durch OK entstehen, werden mit dreistelligen Milliardenbeträgen beziffert
Der entscheidende Punkt ist allerdings nicht allein die Höhe der Schäden. Entscheidend ist die Struktur. OK erscheint heute weniger als äußerer Angriff auf die Wirtschaft, sondern als schleichende Durchdringung legaler Märkte. Eurojust und Europol weisen darauf hin, dass mehr als 80 Prozent der kriminellen Netzwerke in der EU legale Unternehmensstrukturen nutzen, um Straftaten zu ermöglichen, zu verschleiern und Gewinne zu waschen; mehr als 70 Prozent greifen auf Korruption zurück.
Wer diese Befunde ernst nimmt, muss OK als Angriff auf die Integrität von Märkten verstehen. Nicht der einzelne spektakuläre Fall ist das Problem, sondern die Entwicklung einer Ökonomie, in der kriminelles Kapital, Scheinfirmen und korrumpierte Entscheidungen zum Wettbewerbsvorteil werden. Das zeigt sich besonders im Mehrwertsteuerbetrug. Klassische Karussellmodelle wirken technisch und buchhalterisch. Tatsächlich gehören sie zu den profitabelsten Formen grenzüberschreitender Wirtschaftskriminalität. Waren werden über mehrere Unternehmen und Staaten hinweg bewegt; einzelne Firmen verschwinden, bevor sie Umsatzsteuer abführen; andere Beteiligte machen Vorsteuer geltend. Das Ergebnis ist ein Schaden für öffentliche Haushalte und ein Vorteil für jene, die ihre Waren oder Dienstleistungen durch Betrug billiger anbieten können.
Die OECD geht in einer Studie zu Steuerkriminalität von 2024 davon aus, dass organisierter Mehrwertsteuer-Karussellbetrug die EU-Mitgliedstaaten rund 50 Milliarden Euro jährlich kostet. Auch wenn solche Schätzungen mit Zurückhaltung interpretiert werden müssen, zeigen sie die Dimensionen: Steuerbetrug ist kein bloßer Verwaltungsschaden, sondern ein Angriff auf die fiskalische Handlungsfähigkeit Europas.
Gerade hier zeigt sich, dass Kriminalitätsbekämpfung immer auch Sicherheitspolitik ist. Wer Milliarden aus öffentlichen Haushalten abzieht, schwächt Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Bildung, Digitalisierung und Transformation. In Zeiten, in denen Europa über strategische Autonomie, Rüstungsfähigkeit, Energieabhängigkeit und Resilienz diskutiert, ist dies keine Nebensache. Jede Milliarde, die durch organisierte Betrugsmodelle verloren geht, fehlt an anderer Stelle. Und jeder erfolgreiche kriminelle Finanzstrom schafft neues Kapital, mit dem Netzwerke Unternehmen erwerben, Immobilien kaufen, politische Kontakte pflegen oder neue Deliktsfelder erschließen können.
Die jährlichen „PIF-Berichte“ der Europäischen Kommission und der Betrugsbekämpfungsbehörde OLAF zum Schutz der finanziellen Interessen der EU liefern dafür eine nüchterne haushaltspolitische Perspektive. Der jüngste Bericht für 2024 weist 13 589 gemeldete betrügerische und nichtbetrügerische Unregelmäßigkeiten mit einem finanziellen Volumen von 1,84 Milliarden Euro aus. Die Zahl der gemeldeten Unregelmäßigkeiten ging im Vergleich zu 2023 leicht zurück (-2,6 Prozent), während die damit verbundenen Beträge stiegen (+19,5 Prozent). Die im Jahr 2024 gemeldeten Unregelmäßigkeiten lagen um 3,6 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre, während die damit verbundenen finanziellen Beträge um 12 Prozent höher waren. Besonders auffällig ist die Zunahme der als betrügerisch gemeldeten Unregelmäßigkeiten: 1364 Fälle, ein Plus von 26 Prozent gegenüber 2023, mit einem finanziellen Volumen von 548,8 Millionen Euro.
Produktpiraterie verdrängt legale Anbieter, mindert Steuereinnahmen und beschädigt Innovation
Hinzu kommt die operative Dimension: 2024 schloss OLAF 246 Untersuchungen ab und empfahl Rückforderungen in Höhe von 871,5 Millionen Euro; weitere 43,5 Millionen Euro konnten vor unrechtmäßiger Auszahlung bewahrt werden. Diese Zahlen beschreiben natürlich nicht das gesamte Ausmaß von OK. Aber sie zeigen, wie manipulierbar öffentliche Mittel sind.
Geldverteilungsmaschine EU
Die EU ist nicht nur ein Binnenmarkt. Sie ist auch ein großer Verteiler von Geld. Wo Geld in großem Umfang fließt, entstehen kriminelle Anreize: bei Beschaffung, Fördermitteln, Zoll, Agrarsubventionen, Aufbauprogrammen und regionaler Entwicklung. Gerade deshalb ist der Schutz der finanziellen Interessen der EU nicht bloß eine verwaltungstechnische Kontrollfrage, sondern ein Kernbereich europäischer Resilienzpolitik.
Zudem ist OK auch eine Frage europäischer Industriepolitik. Produktpiraterie wird häufig als Ärgernis von Markeninhabern verstanden. Bei Konsumenten gilt sie nicht selten als Kavaliersdelikt.
Das greift zu kurz. Gefälschte Waren verdrängen legale Anbieter, mindern Steuereinnahmen, beschädigen Innovation und können Sicherheitsrisiken erzeugen. In der Bekleidungs-, Kosmetik- und Spielwarenbranche beziffert das Amt der EU für geistiges Eigentum (EUIPO) die jährlichen Umsatzverluste auf rund 16 Milliarden Euro und die Beschäftigungsverluste auf fast 200 000 Arbeitsplätze. Im Maschinen- und Anlagenbau sind die Folgen noch spezifischer: Es geht nicht nur um Marken, sondern um technische Sicherheit, Know-how, Zertifizierung, Wartung und industrielle Vertrauensketten. Die schon erwähnte VDMA-Studie zeigt, dass 46 Prozent der befragten Unternehmen von Produktpiraterie betroffen waren. Wenn Plagiate Maschinen, Komponenten oder Steuerungstechnik betreffen, ist das nicht nur ein betriebswirtschaftlicher Verlust. Es kann Produktionsausfälle, Sicherheitsrisiken und Reputationsschäden nach sich ziehen.
Korruption ist kein zufälliger Begleitumstand, sondern ein Geschäftsmodell. Sie ist mittlerweile auch bei der deutschen Polizei und Justiz angekommen
Hinzu kommt der digitale Raum. Europol beschreibt im SOCTA-Bericht 2025 eine Veränderung bei schwerer und Organisierter Kriminalität: Kriminelle Netzwerke agieren vernetzter, datengetriebener und hybrider; sie nutzen digitale Infrastrukturen, Künstliche Intelligenz, verschlüsselte Kommunikation und globale Dienstleistungsmodelle. Für Unternehmen bedeutet das: Die Grenzen zwischen Cybercrime, Industriespionage, Erpressung, Produktpiraterie und Geldwäsche verschwimmen. Mit einem Angriff auf ein Unternehmen können Daten gestohlen, die Produktion lahmgelegt, Lösegeld erpresst und geistiges Eigentum kopiert werden. Zugleich kann er als Einstieg in weitere Lieferketten dienen. Die VDMA-Studie berichtet, dass in den zwei Jahren vor der Erhebung 24 Prozent der befragten Unternehmen signifikante Cybersicherheitsvorfälle hatten. Die wirtschaftlichen Folgen solcher Vorfälle sind oft nicht vollständig bezifferbar, weil Unternehmen aus Reputationsgründen schweigen oder weil der Verlust von Know-how erst später sichtbar wird.
Damit wird OK zu einem Resilienzproblem. Europa diskutiert Resilienz meist mit Blick auf Energie, Lieferketten, kritische Infrastrukturen, Desinformation und militärische Bedrohungen. Die kriminelle Ökonomie gehört in dieselbe Debatte. Sie nutzt Schwachstellen offener Gesellschaften, deren freie Märkte, schnelle Unternehmensgründungen, grenzüberschreitende Warenströme, digitale Zahlungswege, komplexe Subventionssysteme, asymmetrische Informationslagen und überlastete Behörden. Gerade die Stärken Europas – Offenheit, Rechtsstaatlichkeit, Binnenmarkt, Mobilität – können zu Angriffsflächen werden, wenn sie nicht durch Transparenz, Datenfähigkeit und effektive Kooperation abgesichert sind.
Eine europäische Antwort
Die politische Gefahr liegt nicht nur im Geld, sondern auch in der Macht, die aus Geld entsteht. Kriminelle Netzwerke kaufen Dienstleistungen („Crime-as-a-Service“), Loyalitäten, Schweigen und Zugang. Sie unterhalten Scheinfirmen, nutzen Strohleute, investieren in Immobilien, Logistik, Gastronomie, Bauwirtschaft oder Handel. Sie können Arbeitsmärkte verzerren, lokale Abhängigkeiten schaffen und öffentliche Entscheidungen beeinflussen. Korruption ist dabei kein zufälliger Begleitumstand, sondern ein Geschäftsmodell. Korruption ist auch bei der deutschen Polizei und Justiz angekommen, wie aufsehenerregende Fälle belegen.
Eine europäische Antwort muss deshalb über Strafverfolgung hinausgehen, ohne Strafverfolgung zu relativieren. Erstens braucht Europa eine bessere ökonomische Vermessung von OK. Die Daten liegen heute verstreut: bei Europol, Eurojust, EPPO, OLAF, Eurostat, EUIPO, der OECD, nationalen Behörden und Verbänden. Sie sind methodisch unterschiedlich, häufig deliktspezifisch und nur begrenzt kompatibel. Was fehlt, ist ein europäisches Lagebild der wirtschaftlichen Folgen von OK, das nicht nur Fallzahlen, sondern Schadensarten sichtbar macht: Steuerausfälle, Marktverzerrungen, Investitionsverluste, Innovationsschäden, Sicherheitsrisiken, Beschäftigungseffekte und politische Folgekosten. Die Forschung könnte hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Zweitens muss die EU den Binnenmarkt kriminalitätsfester machen. In diesem Zusammenhang geht es um mehr Transparenz bei wirtschaftlich Berechtigten („know your customer“), die Verknüpfung von Zoll-, Steuer- und Strafverfolgungsdaten, eine bessere Kontrolle bei öffentlichen Aufträgen und Fördermitteln, die Stärkung des administrativen Ansatzes, risikobasierte Prüfungen in Echtzeit und eine konsequente Vermögensabschöpfung. All dies sind Grundlagen fairen Wettbewerbs. Wer Unternehmen mit legalem Kapital, angemessenen Löhnen und korrekter Steuerzahlung schützen will, muss kriminelle Vorteile systematisch entwerten.
Drittens braucht die Bekämpfung von OK eine industriepolitische Komponente. Unternehmen sind nicht nur Opfer, sondern auch Frühwarnsensoren. Gerade im Maschinen- und Anlagenbau, in der Logistik, auf digitalen Plattformen, bei Zahlungsdienstleistungen und im Handel fallen Muster auf, bevor sie in Strafakten erscheinen. Dafür braucht es vertrauliche Meldewege, branchenspezifische Lagebilder und eine Kultur, in der die Anzeige eines Cyberangriffs oder einer Pirateriestruktur nicht automatisch als Reputationsrisiko gilt. Wirtschaftsschutz, Strafverfolgung und Außenwirtschaftspolitik müssen enger zusammengedacht werden.
Viertens muss Europa die internationale Dimension ernst nehmen. OK endet nicht an den Grenzen der EU. Sie nutzt globale Lieferketten, Drittstaaten, Offshore-Strukturen, digitale Plattformen und internationale Zahlungswege. Der Handel mit Fälschungen, Steuerbetrugsmodelle, Schleusung, Drogenhandel, Sanktionsumgehung und Geldwäsche sind miteinander verflochten. Das spricht für eine stärkere Verbindung von Strafverfolgung, Zollkooperation, Steuerzusammenarbeit, Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik. Wer kriminelle Lieferketten bekämpfen will, muss auch die Orte betrachten, an denen sie entstehen, finanziert, verschleiert oder politisch geschützt werden.
Fünftens sind Strukturermittlungen und Vermögensabschöpfung entscheidend. OK ist gewinnorientiert. Wird nur die einzelne Tat verfolgt, aber das Vermögen nicht entzogen, bleibt das Geschäftsmodell intakt. Die EU hat in den vergangenen Jahren wichtige Schritte unternommen, aber die Umsetzung bleibt eine Daueraufgabe. Vermögen ist mobil, verschachtelt und international verteilt. Die Antwort muss ebenso schnell, vernetzt und datenfähig sein. Das gilt besonders für Kryptowährungen, digitale Zahlungsdienste, verschachtelte Gesellschaften und Immobilieninvestitionen. Die Zerschlagung von OK-Strukturen darf daneben nicht als Last, sondern muss als parallele Strategie begriffen werden.
Schon die Vermessung des Problems bereitet Schwierigkeiten. Die politische Debatte fragt oft nach dem „Schaden“ durch OK, als ließe sich dieser in einer einzigen Zahl darstellen. Kriminelle Profite sind jedoch nicht identisch mit volkswirtschaftlichen Schäden. Ein gestohlener Euro, ein entgangener Steuer-Euro, ein Umsatzverlust durch Fälschungen, ein Produktionsausfall nach einem Cyberangriff, gesundheitliche und sicherheitspolitische Folgelasten des Betäubungsmittelhandels oder ein korrumpierter öffentlicher Auftrag gehören unterschiedlichen Schadenskategorien an. Einige Schäden sind unmittelbar messbar, andere entstehen erst langfristig: wenn Unternehmen Investitionen unterlassen, wenn Innovationen aus Europa abfließen, wenn Kommunen bestimmte Sektoren nicht mehr kontrollieren können oder wenn Bürger den Eindruck gewinnen, Regeln gälten nur für jene, die sich an sie halten.
Eine genauere Debatte
Gerade deshalb braucht die Debatte mehr Genauigkeit. Es genügt nicht, große Summen nebeneinanderzustellen. Die 139 Milliarden Euro krimineller Gewinne in der EU beschreiben die Ertragsseite illegaler Märkte; die 24,8 Milliarden Euro geschätzten EPPO-Schadens beziehen sich auf laufende Ermittlungen zum Schutz der finanziellen Interessen der EU; die 117 Milliarden Dollar gefälschter EU-Importe beschreiben Handelsströme; die 4,1 Milliarden Euro im Maschinen- und Anlagenbau erfassen eine branchenspezifische Belastung. Zusammen ergeben diese Zahlen kein einfaches Additionsmodell. Aber sie belegen, dass OK in mehreren wirtschaftlichen Systemen zugleich wirkt: im Staatshaushalt, im Binnenmarkt, in industriellen Wertschöpfungsketten, im digitalen Raum und in lokalen Gemeinschaften.
Für Deutschland und Europa ist das besonders relevant, weil die wirtschaftliche Ordnung auf Vertrauen beruht. Der Mittelstand muss darauf vertrauen können, dass Wettbewerber nicht durch Geldwäschekapital querfinanziert werden. Steuerzahler müssen darauf vertrauen können, dass öffentliche Mittel nicht systematisch abgegriffen werden. Verbraucher müssen darauf vertrauen können, dass Produkte sicher sind. Behörden müssen darauf vertrauen können, dass Register, Rechnungen und Unternehmensstrukturen nicht massenhaft missbraucht werden. Dieses Vertrauen ist eine wichtige ökonomische Ressource. Wird es beschädigt, steigen Kontrollkosten, Versicherungsprämien, Compliance-Aufwand und Transaktionskosten. Die Schattenökonomie wird dann auch dort teuer, wo sie nicht unmittelbar sichtbar ist.
Vertrauen ist eine wichtige ökonomische Ressource. Wird es beschädigt, dann steigen die Kosten
Für die internationale Politik ist das Thema deshalb nicht randständig. Es verbindet innere Sicherheit mit Geopolitik, Wirtschaftsschutz mit Rechtsstaatlichkeit und Marktordnung mit strategischer Handlungsfähigkeit. Europa wird in den kommenden Jahren enorme Mittel für Verteidigung, Infrastruktur, Transformation, Energie, Digitalisierung und Erweiterung mobilisieren müssen. Je größer diese Programme werden, desto attraktiver werden sie für kriminelle Netzwerke. Wer die wirtschaftlichen Folgen von OK begrenzen will, muss deshalb präventiv denken.
Europa steht damit vor einer strategischen Neubewertung. OK ist kein bloßes Sicherheitsproblem am Rande der Gesellschaft. Sie ist eine Schattenökonomie, die in legale Märkte einsickert und dort Werte verschiebt – von produktiver Arbeit zu illegalem Gewinn, von fairem Wettbewerb zu erpresster oder erkaufter Marktposition, von öffentlichem Vertrauen zu privater Bereicherung. Wer sie unterschätzt, unterschätzt eine der stillen Verwundbarkeiten Europas.
Die außenpolitische Bedeutung liegt auf der Hand. Ein Europa, das geopolitisch handlungsfähig sein will, muss seine wirtschaftliche und institutionelle Integrität schützen. Es kann nicht glaubwürdig von strategischer Autonomie sprechen, wenn kriminelle Netzwerke öffentliche Haushalte ausplündern, Lieferketten kompromittieren, Unternehmen erpressen, Innovation stehlen und lokale Strukturen korrumpieren. Resilienz beginnt nicht erst an der NATO-Ostflanke oder an der Außengrenze. Sie beginnt auch in Handelsregistern, Finanzämtern, Vergabestellen, Häfen, Unternehmen und Serverräumen.
Die verfügbaren Daten seit 2023 reichen aus, um zu zeigen: Die OK kostet Europa Milliarden, schwächt seine Märkte und bedroht die Integrität seiner Institutionen. Sie ist damit ein Thema für Innenminister, aber ebenso für Finanzminister, Wirtschaftsminister, Außenpolitiker und Unternehmensleitungen.
Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 21-27
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