Online-Veröffentlichung

30. März 2026

Eine neue Ordnung in der alten

Das internationale System steht nicht vor dem Zusammenbruch. Und dennoch müssen sich westliche Mittelmächte an eine Neuordnung der Machtverhältnisse anpassen. 

Natheer Aldalala'a
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Bild: Der kanadische Premier Mark Carney bei seiner Rede in Davos 2026
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Mark Carneys Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar dieses Jahres hat die Debatte über die Weltordnung neu entfacht. Die alte Ordnung werde nicht zurückkehren, erklärte Kanadas Premierminister – die gegenwärtige Lage sei ein „Bruch“ („rupture“), kein bloßer Übergang. Laut Carney befindet sich die internationale Politik an einem historischen Wendepunkt. Mittelmächte seien nun gefordert, gemeinsam zu handeln – in einem Umfeld erhöhter Bedrohung, wachsender Zwangsdiplomatie und militärischen Interventionismus.

Diese These wirft eine grundlegende Frage auf: Befindet sich die internationale Ordnung in einem strukturellen Wandel oder spiegeln die aktuellen Spannungen lediglich Anpassungen und Konflikte innerhalb eines fortbestehenden Rahmens wider? 

Was wir derzeit beobachten, ist weder der Niedergang der USA noch die Fragmentierung des Westens, sondern das Erlöschen gemeinsamer Annahmen, die die regelbasierte Ordnung einst zusammenhielten. Politische Legitimität erodiert, doch rechtliche, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Institutionen bleiben intakt. Der eigentliche „Bruch“ vollzieht sich in der wachsenden Beteiligung von Akteuren des Globalen Südens an einem System, das weiterhin existiert, dessen normative Grundlagen aber brüchig geworden sind. Das Ergebnis ist keine alternative Ordnung, sondern eine Umverteilung von Autorität innerhalb einer fortbestehenden liberalen Ordnung. 


Niedergangsnarrative und ihre Grenzen

Eine neue Weltordnung setzt eine entscheidende Veränderung voraus, etwa einen eindeutigen Niedergang Amerikas. Der Politikwissenschaftler Joseph Nye stand solchen Szenarien stets skeptisch gegenüber: „Das Beeindruckendste an Theorien über den Niedergang Amerikas ist, dass sie kommen und gehen – wie Busse an einer Haltestelle.“ Die Geschichte gibt ihm recht. In den 1970er Jahren drängten Handelskonflikte und das Ende von Bretton Woods die Frage auf die Agenda. Nach 2008 wurde die Finanzkrise als Beweis schwindender amerikanischer Autorität gedeutet. Doch jedes Mal erwiesen sich diese Behauptungen weniger als empirische Befunde denn als interpretative Reaktionen auf Störungen im System.

Theoretische Innovationen in der Disziplin der Internationalen Beziehungen folgten historisch auf systemische Brüche, nicht auf deren Antizipation. Der strukturelle Realismus entstand nach dem Zusammenbruch der Zwischenkriegsordnung; der Konstruktivismus gewann nach 1989 an Bedeutung, weil bestehende Theorien das Ende des Kalten Krieges nicht erklären konnten. Aktuelle Brucherzählungen wie die von Mark Carney beschreiben hingegen Prozesse der Umverteilung und Anpassung, keinen vergleichbaren systemischen Kollaps.

Die Außenpolitik der Trump-Regierung deutet denn auch eher auf eine Bekräftigung als auf einen Rückzug amerikanischer Macht hin, wenngleich verbunden mit wachsenden inneren Spannungen. Die Kohärenz und Legitimität des amerikanischen politischen Projekts scheint immer stärker zu erodieren. Doch Großmachtkonflikte sind historisch kein Vorbote eines bevorstehenden Systemzerfalls, sondern ein Strukturmerkmal fortdauernder globaler Ordnungen.


Uneinigkeit ohne Zusammenbruch

Die Geschichte bietet zahlreiche Belege dafür, dass Konflikte zwischen westlichen Mächten die institutionellen Grundlagen der Ordnung nicht erschüttert haben. Die Handelskonflikte der 1970er Jahre zwischen den USA und Westeuropa um Stahl, Landwirtschaft und makroökonomische Anpassung spielten sich innerhalb des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) ab und führten nicht zum Austritt. De Gaulles Rückzug aus dem integrierten Militärkommando der NATO 1966 bestätigte strategische Autonomie, ohne das Bündnis aufzulösen. Und der 2003 begonnene Irak-Krieg erzeugte zwar tiefe politische Risse zwischen Washington, Paris und Berlin. Doch die NATO blieb funktionsfähig, die europäische Integration schritt voran und die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen liefen weiter.

Aktuelle Streitigkeiten beziehen sich auf Handel, Sicherheit, territoriale Integrität und Regulierungshoheit: Zollkonflikte zwischen den USA und der EU, unterschiedliche China-Strategien, Lastenteilung beim Ukraine-Krieg, Souveränitätsansprüche gegenüber Grönland, Energieabhängigkeiten, NATO-Verteidigungsausgaben, Datenschutz und KI-Regulierung. Die Intensität dieser Auseinandersetzungen ist real, doch sie vollziehen sich über etablierte institutionelle Kanäle, nicht durch den Austritt aus der Ordnung selbst. Dieses Muster lässt sich am deutlichsten am außenpolitischen Verhalten westlicher Mittelmächte beobachten, deren strategische Autonomie durch Bündnisverpflichtungen und wirtschaftliche Verflechtungen strukturell begrenzt bleibt.


Der Globale Süden als neues Handlungsfeld

Der Globale Süden ist keine kohärente politische Einheit, sondern eine Formation, die durch die Entkolonialisierung des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Seine Vorläufer – die Bandung-Konferenz, die Bewegung der Blockfreien, die G77 – ermöglichten Repräsentation in vom Norden dominierten Kontexten, ohne Entscheidungshoheit zu erzeugen. Erst durch Chinas Engagement konnte der Globale Süden seine Wirkmacht entfalten. Der Politikwissenschaftler Hong Liu argumentiert, dass Chinas wirtschaftliche Beziehungen zu Entwicklungsländern als Kanal für transnationalen Wissenstransfer dienen, verstärkt durch Institutionalisierung. China hat globale Diversifizierung ermöglicht und damit den Raum für Mittelmächte im Globalen Norden geschaffen, sich in einer sich neu konfigurierenden Weltordnung zu verorten.

Der von Carney beschriebene Bruch lässt sich genau in dieser Diffusion von Autorität verorten, die seit dem Belt-and-Road-Forum 2017 sichtbar geworden ist. Das Vereinigte Königreich, Deutschland, Frankreich und Australien sind der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) als nichtregionale Mitglieder beigetreten – ein Signal der Bereitschaft, in Entwicklungsfinanzierungsstrukturen jenseits von Bretton Woods zu agieren, ohne die transatlantische Bündnisorientierung aufzugeben. Die jüngsten Staatsbesuche in Peking – Macron im Dezember 2025, Starmer und Carney im Januar 2026, Merz im März 2026 – veranschaulichen diese Dynamik: Westliche Mittelmächte navigieren in einer Weltordnung, in der China eine unvermeidliche Größe ist.


Inkohärenz als strategisches Risiko

In ihrem Umgang mit China sind westliche Mittelmächte allerdings inkohärent: Sie suchen wirtschaftliche Anbindung als Reaktion auf Marktstagnation im Westen, halten aber gleichzeitig symbolische normative Distanz aufrecht und produzieren damit selektive Zugeständnisse ohne strategische Logik. Starmers Peking-Besuch würdigte Chinas wirtschaftliche Bedeutung, fiel aber zeitlich zusammen mit der Bekräftigung, Huawei bis 2027 aus britischen 5G-Netzen zu entfernen. Koordinierte Xinjiang-Sanktionen im März 2021 blieben ohne nachhaltige Eskalation, was ihren symbolischen Charakter bloßlegte. Technologiebeschränkungen gegen Huawei ab 2020 wurden mit Sicherheitsbedenken begründet, während strukturelle Abhängigkeiten von chinesischer Fertigung unangetastet blieben. Das EU-China-Investitionsabkommen (CAI) wurde im Dezember 2020 trotz bekannter Bedenken zu Arbeitsrechten und Marktpraktiken abgeschlossen.

Die tiefere Ursache dieser Diskrepanz liegt in der schwindenden Glaubwürdigkeit westlicher Institutionen als Garanten für Frieden und Wohlstand. Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Freiheiten fungieren weniger als konsistent wirksame Prinzipien denn als Marker westlicher Selbstdefinition. Ihre Berufung ruft angesichts historischer Erfahrungen mit Interventionismus verstärkt Gegenreaktionen hervor. Die Verwüstungen des Krieges gegen den Terror haben die Überzeugungskraft normativer Ansprüche nachhaltig beschädigt. Diese Spannung zwischen wertebasierten Versprechen und strategischen Interessen ist kein Bruch des Systems – sie ist ein Bruch innerhalb des Systems.

Finnlands Präsident Alexander Stubb hat die strukturelle Herausforderung präzise benannt: Einerseits wächst die Spannung zwischen Verfechtern des Multilateralismus und Akteuren, die auf Multipolarität und Transaktionalismus setzen; andererseits besteht ein Wertekonflikt zwischen normativen Ansprüchen und pragmatischer Interessenpolitik. Stubbs Antwort ist ein „werteorientierter Realismus“: Kernprinzipien wahren, Zusammenarbeit aber nicht auf gleichgesinnte Akteure beschränken – Rechtsstaatlichkeit mit Sensibilität für kulturelle und politische Unterschiede verbinden. Das klingt nach Kompromiss, ist aber in einer Welt verteilter Autorität die einzig realistische Option.

Die „Chance des Bruchs“ liegt in der Anerkennung dieser sich akkumulierenden Verschiebungen. China agiert dabei nicht isoliert. Seine Süd-Partnerschaftsdiplomatie erleichtert Zusammenarbeit bei konvergierenden Interessen, ohne bindende Sicherheitsverpflichtungen oder ideologische Angleichung zu fordern, was die Kosten für Partner niedrig hält. Die Belt-and-Road-Initiative erweitert dies durch projektbasierte Zusammenarbeit, die materielle Vorteile bietet, ohne bestehende Bündnisse aufzugeben oder Chinas Governance-Modell zu übernehmen. Institutionen wie BRICS, ASEAN, SCO und GCC veranschaulichen die institutionelle Erweiterung der Weltordnung: nicht Verdrängung westlicher Strukturen, sondern deren Überlagerung durch neue Governance-Bereiche, in denen Akteure des Globalen Südens immer mehr die Regelsetzung mitbestimmen.


Mit Anpassung zum Erfolg 

Der plausibelste Weg nach vorne ist weder die Entstehung einer kohärenten neuen Weltordnung noch der Kollaps der westlichen, sondern eine lang anhaltende Phase kontrollierten Wettbewerbs, in der Kooperation, Rivalität und Zwang innerhalb desselben institutionellen Umfelds koexistieren. Für westliche Mittelmächte wird strategische Wirksamkeit weniger von Blockdisziplin oder symbolischen Wertebehauptungen abhängen als von der Fähigkeit, in vielfältigen institutionellen Rahmen zu agieren – besonders solchen, die im Globalen Süden verankert sind, wo Wirtschaftswachstum, demografische Dynamik und politische Handlungsfähigkeit an Gewicht gewinnen.

Dieses Engagement wird geopolitische Rivalitäten nicht auflösen. Es könnte aber ein nachhaltigeres Mittel zur Bewältigung systemischer Spannungen bieten, indem Rivalitäten in Institutionen eingebettet werden, die Druck absorbieren statt verstärken. Die „Chance des Bruchs“ liegt daher nicht in der Perfektionierung von Machtpolitik, sondern in der Anpassung an deren Umstrukturierung: Autorität ist verteilt, Gewalt bleibt reguliert statt abwesend, und Stabilität wird künftig eher durch institutionelle Verhandlungen als durch hegemoniale Dominanz gesichert. Wer das erkennt und danach handelt, hat die größten Chancen, in dieser Ordnung eine Rolle zu spielen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 30. März 2026

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Nath Aldalala'a ist Professor für Internationale Beziehungen am Institut für Politikwissenschaft und Madani-Studien der Internationalen Islamischen Universität Malaysia (IIUM), Kuala Lumpur.

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