Ein neues Gleichgewicht
Drei Szenarien für den Westen: Weiterentwicklung, Bruch oder Neubeginn. Nur eine Partnerschaft aus Technologie und Handel hätte echten Bestand – das Klammern an den Status quo hilft so wenig weiter wie die schiere Angst vor Russland.
US-Außenminister Marco Rubio war nicht der Erste, der eine wiederbelebte Allianz forderte, die auf einem gemeinsamen westlichen Erbe gründet. In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, in der er das Wort „Zivilisation“ ein Dutzend Mal erwähnte, sagte er im Februar 2026: „Armeen kämpfen nicht für Abstraktionen.“ Gleichzeitig hat die Trump-Regierung deutlich gemacht, dass die USA sich in Teilen aus Europa zurückziehen wollen, die Verantwortung für die konventionelle Verteidigung des Kontinents an die Europäer übertragen und die Aufmerksamkeit der USA auf die westliche Hemisphäre und Asien konzentrieren. Ihr zivilisatorisches Interesse an Europa koexistiert nun in einem Spannungsverhältnis mit dem strategischen Instinkt, sich von ebendiesem Europa zurückzuziehen.
Diese Spannung spiegelt eine tiefere strukturelle Dynamik wider. Die institutionellen Grundlagen der transatlantischen Nachkriegsordnung weichen mehr und mehr von den strategischen Bedingungen ab, die ursprünglich ihre Schaffung rechtfertigten. Selbst wenn sich eine künftige US-Regierung erneut zur NATO bekennt, werden die USA und Europa weiterhin unterschiedliche Prioritäten verfolgen.
Die viel zitierte „von den USA geführte liberale internationale Ordnung“ war nie ein einheitliches, umfassendes politisches und wirtschaftliches System. In ihrem westlichen Kern war ihre wichtigste institutionelle Verkörperung stets die NATO. Der Marshall-Plan bot ein anderes Modell, das sich auf Investitionen, den Wiederaufbau der Industrie, den Handel und gemeinsame Standards konzentrierte. Doch er lief nach vier Jahren aus; die wirtschaftliche Integration wurde zu einem weitgehend innereuropäischen Unterfangen, das in der Europäischen Union gipfelte. Die transatlantischen Beziehungen bestanden als vorwiegend militärisches Bündnis fort.
Die Sackgasse des Atlantizismus
Die NATO entwickelte sich unterdessen von einer Notfallmaßnahme gegen die sowjetische Expansion zu einem dauerhaften Sicherheitsrahmen. Viele ihrer amerikanischen Architekten rechneten nicht damit, dass die USA auf Dauer die Hauptlast der konventionellen Verteidigung Europas tragen würden. George Kennan sah das Bündnis vor allem als psychologisches Mittel, das das Selbstvertrauen der Westeuropäer stärken sollte, während diese ihre Wirtschaft wiederaufbauten und ihre Politik stabilisierten. Von Anfang an forderten US-Beamte Europa auf, mehr für seine eigene Verteidigung zu tun. Es folgten wiederholt gescheiterte Versuche der Lastenteilung. Dennoch überlebte das Bündnis, weil es auf der Annahme einer gemeinsamen existenziellen Bedrohung beruhte – und weil es schlicht keine alternative atlantische Institution gab.
Nach dem Kalten Krieg sorgte eine Kombination aus bürokratischer Trägheit, angesammelten politischen Investitionen, dem Glauben an einen demokratischen Frieden und Amerikas außergewöhnlichem Machtvorsprung dafür, dass das Bündnis weiterbestand und sich ausweiten konnte. Die NATO wandelte sich von einem stumpfen Instrument der Eindämmung zu einer politischen Organisation. Ihre Aufgabe: die Aufrechterhaltung des euro-atlantischen Status quo.
Doch ein eng gefasstes Sicherheitsbündnis, das letztlich um ein negativ formuliertes Ziel (die Abschreckung Moskaus) herum organisiert war, war nie eine ausreichend solide Grundlage für eine dauerhafte transatlantische Beziehung. Russlands Invasion der Ukraine hat die Bedrohung für weite Teile Europas unmittelbar erscheinen lassen, aber sie hat die strategische Einheit des Kalten Krieges nicht wiederhergestellt. Die Europäer selbst sind sich uneinig über das Ausmaß und den Charakter der russischen Ambitionen. Noch wichtiger ist, dass Russland in der amerikanischen und der europäischen Prioritätenliste einen radikal unterschiedlichen Platz einnimmt. Für viele Europäer ist Russland die größte Sicherheitsbedrohung. Für die USA hingegen rangiert es hinter der Verteidigung des Heimatlands, der Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre sowie dem wirtschaftlichen und militärischen Wettbewerb im indopazifischen Raum.
Die Nationale Sicherheitsstrategie 2025 der Trump-Regierung machte diese Divergenz deutlich. Sie fordert eine Verlagerung von Streitkräften aus Einsatzgebieten, deren Bedeutung für die Sicherheit der USA abgenommen hat, identifiziert die westliche Hemisphäre als Amerikas erste regionale Priorität und beschreibt den Indo-Pazifik als zentralen wirtschaftlichen und geopolitischen Schauplatz. Europa, so argumentiert sie, solle die Hauptverantwortung für seine eigene konventionelle Verteidigung übernehmen. Diese Einschätzungen mögen auch von künftigen Präsidenten mehr oder weniger unverblümt geäußert werden, sie werden mit Trump nicht verschwinden.
Wenn ein Militärbündnis das Einzige ist, was Nordamerika mit Europa verbindet, und beide Seiten keine gemeinsame Bedrohungsanalyse mehr teilen, ist die Kluft eher struktureller als politischer Natur. Bekenntnisse zur Einheit und geringfügige Anpassungen bei den Verteidigungsausgaben können sie nicht beheben.
Die transatlantischen Beziehungen stehen nun vor drei möglichen Zukunftsszenarien: Weiterentwicklung, Bruch und Erneuerung.
Szenario 1: Weiterentwicklung
Auf beiden Seiten des Atlantiks scheint der bevorzugte Weg in die Zukunft eine Weiterentwicklung der bestehenden Bündnisstruktur zu sein. Tatsächlich hat sich die NATO über Jahrzehnte hinweg angepasst und Bestand gehabt, trotz tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten und sich wandelnder Bedingungen. Das Bündnis hat frühere Vertrauenskrisen überwunden: Suez, Vietnam, de Gaulles Rückzug aus dem integrierten Kommando der NATO, den Irak-Krieg und Trumps erste Amtszeit. Die NATO überstand den Zusammenbruch des kommunistischen Blocks und den Wegfall ihrer eigentlichen Daseinsberechtigung. Amerikanische Forderungen nach einer Lastenteilung sind nichts Neues. Und die USA und Europa waren sich oft uneinig – beidseitig – über die Dringlichkeit einer Bedrohung durch Moskau. Vielleicht sind die gegenwärtigen Schwierigkeiten gar nicht so gravierend und die NATO wird sich anpassen und bestehen bleiben, wie sie es in der Vergangenheit auch getan hat.
Die atlantischen Institutionen sind tief verwurzelt, und die Eliten auf beiden Seiten des Atlantiks suchen weiterhin nach Wegen, das Bündnis anzupassen und zu stärken, den transatlantischen Zusammenhalt zu bewahren und letztendlich die Trump-Ära zu überstehen – in der Hoffnung, dass eine entgegenkommendere US-Regierung die gewohnten Beziehungen wiederherstellen wird. Ein Großteil der aktuellen Diskussion über eine „NATO 3.0“, eine stärkere europäische Säule innerhalb der NATO oder sogar eine stärker von Europa geführte NATO lässt sich daher als Versuch verstehen, das Bündnis mit den sich wandelnden politischen und strategischen Realitäten in Einklang zu bringen, ohne seine zugrunde liegende Struktur substanziell zu verändern. Diese Vorschläge scheinen zwar echte Meinungsverschiedenheiten anzusprechen, doch besteht die Gefahr, dass die institutionelle Weiterentwicklung zu einem Mechanismus wird, um die Kontinuität zu wahren, statt das tiefer liegende Problem anzugehen.
Das zentrale Problem bleibt, dass der alte Status quo aus strukturellen Gründen nicht mehr ausreicht. Ein europäischer Pfeiler, der abhängig bleibt von der strategischen Führung der USA, von amerikanischen Geheimdiensten, amerikanischer Logistik, amerikanischen Kommandostrukturen und letztlich von der Bereitschaft der USA, für die Sicherheit Europas zu bürgen, würde eher eine Anpassung in der Form als eine Transformation im Wesentlichen darstellen. Die NATO kann sich gewiss weiterentwickeln. Wenn aber ihre Weiterentwicklung in erster Linie darauf abzielt, das Bündnis so zu erhalten, wie es historisch funktioniert hat, bis eine wohlwollendere Regierung nach Washington zurückkehrt, läuft sie Gefahr, die zugrunde liegende Frage nach Lasten und Verantwortung eher aufzuschieben als zu lösen.
Die NATO mag zwar überleben, und eine künftige US-Regierung mag die Rhetorik der Bündnissolidarität wiederbeleben. Doch eine solche Kontinuität würde nur die Oberfläche erhalten, während die Fundamente weiter erodieren. Zur Zeit des Kalten Krieges fanden transatlantische Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Verständnisses statt, dass der kommunistische Block die vorrangige Herausforderung darstellte. Nach dem Jahr 1991 verfügten die USA über Ressourcen im Überfluss, und die Aufrechterhaltung bestehender Verpflichtungen schien nahezu kostenfrei. Keine dieser Bedingungen trifft heute noch zu. Washington verlagert knappe militärische Ressourcen und politische Aufmerksamkeit auf andere Bereiche, während die Europäer weiterhin von einer Bedrohung in Beschlag genommen sind, die die USA nicht in gleichem Maße als solche einstufen.
Eine „NATO 3.0“ oder eine „von Europa geführte NATO“ geht nicht auf einen zentralen Widerspruch ein. Die europäischen Verbündeten können zwar mehr ausgeben und mehr Kommandoposten besetzen, doch solange die USA der letztendliche Entscheidungsträger und Sicherheitsgarant bleiben, besteht die alte Abhängigkeit fort. Gibt Washington diese Rollen ab, hat es wenig Grund, eine Nebenrolle in einer europazentrierten Sicherheitsstruktur zu spielen. Eine nominell intakte NATO würde nach und nach ausgehöhlt werden, das schwindende Vertrauen in amerikanische Garantien würde lediglich verschleiert.
Die Herausforderung besteht daher nicht einfach darin, eine neue Version des alten atlantischen Paktes zu schaffen, sondern eine wirklich nachhaltige Aufgabenteilung zu etablieren, in der die europäischen Verbündeten die konventionellen militärischen Lasten ihres eigenen Kontinents übernehmen. „NATO 3.0“ läuft Gefahr, zu einem Deckmantel für Kontinuität zu werden – genau in dem Moment, in dem Kontinuität nicht mehr ausreicht.
Szenario 2: der Bruch
Ein klarer Bruch ist kurzfristig unwahrscheinlich, da die bestehenden Verflechtungen sehr umfangreich sind und einflussreiche Eliten weiterhin an ihnen festhalten. Doch eine Krise – um Grönland, die Ukraine, den Handel oder einen unvorhergesehenen Streit – könnte die Beziehungen über einen Bruchpunkt hinaustreiben. Langfristig ist ein De-facto-
Bruch durchaus plausibel.
Die Folgen wären asymmetrisch. Der Transatlantizismus ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein Eckpfeiler der US-Außenpolitik, doch sind Amerikas Identität und Institutionen nicht untrennbar mit Europa verflochten. Die Vereinigten Staaten könnten sich auf die westliche Hemisphäre zurückziehen und ein mächtiger Kontinentalstaat bleiben. Europa hingegen würde sich grundlegend verändern. Ein integriertes Europa hat nur innerhalb eines umfassenderen amerikanischen Systems existiert, das den Sicherheitswettbewerb intern unterband und die letzte Garantie gegen Angriffe von außen bot.
Eine mögliche Folge eines transatlantischen Bruchs wäre eine qualitative Vertiefung der europäischen Integration: ein strategisch autonomes Europa mit einheitlichem Kommando, gemeinsamer Beschaffung sowie der finanziellen und politischen Kapazität, den Kontinent zu verteidigen. Der Krieg in der Ukraine und Zweifel an Washington haben die Argumente für dieses Szenario gestärkt. Dennoch hat die jüngste Rhetorik kaum vergleichbare Kapazitäten hervorgebracht. Nationale Rivalitäten, unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen und der Unwillen, auf die amerikanische Sicherheitsgarantie zu verzichten, bleiben gewaltige Hindernisse. Washington selbst könnte einen wirklich unabhängigen europäischen Pol möglicherweise ganz anders betrachten als eine Gruppe besser bewaffneter Verbündeter, die unter US-Führung operieren. Die Amerikaner befürworten eine Lastenverlagerung; von einem potenziellen gleichrangigen Partner könnten sie weniger begeistert sein.
Ein weitaus wahrscheinlicheres Ergebnis ist eine Fragmentierung. Ein teilweiser Zerfall des europäischen Nachkriegsprojekts würde kaum zum Triumph des vollständig souveränen Nationalstaats führen. Stattdessen könnte Europa zur historischen Norm zurückkehren, gekennzeichnet von sich überschneidenden Zuständigkeiten und konkurrierenden Koalitionen.
Was Europas Geschichte lehrt
Über weite Teile der europäischen Geschichte hinweg war die politische Autorität weder zentralisiert noch um ein einziges dominantes Bündnissystem herum organisiert, sondern auf sich überschneidende Zuständigkeiten und konkurrierende Machtzentren verteilt. Das Heilige Römische Reich umfasste Hunderte von halbautonomen Fürstentümern, freien Städten, Bistümern und anderen Hoheitsgebieten, während das Papsttum seine eigene politische und diplomatische Autorität in ganz Europa ausübte. Frankreich, Spanien, England, Österreich, Preußen, Russland und das Osmanische Reich konkurrierten um Einfluss, während Venedig, Genua und andere italienische Stadtstaaten ihre eigenen wirtschaftlichen und militärischen Interessen verfolgten. Kleinere Staaten wie Savoyen, Sachsen, Bayern, die Niederländische Republik und die Schweiz konnten ihre Bündnisse je nach ihren Interessen wechseln. Entsprechend fließend waren die Koalitionen: Frankreich konnte sich mit dem Osmanischen Reich gegen die Habsburger verbünden; das katholische Frankreich konnte während des Dreißigjährigen Krieges protestantische deutsche Fürsten unterstützen; Großbritannien konnte mit Russland und Österreich gegen Frankreich kooperieren, um dann in einem anderen Konflikt eine andere Ausrichtung zu verfolgen.
Zukunftstechnologien wie KI oder Robotik werden Macht und Wohlstand im 21. Jahrhundert prägen. Europa sollte versuchen, echten Einfluss zu gewinnen
Nun könnte sich eine ähnliche Dynamik entwickeln. Eine geschwächte EU könnte einen Teil ihrer Regulierungsbefugnisse behalten. Deutschland würde wahrscheinlich eine deutlichere wirtschaftliche und militärische Führungsrolle übernehmen; das könnte einen nordisch-baltischen Block, von Frankreich angeführte Verteidigungsinitiativen, britische minilaterale Partnerschaften und wechselnde Koalitionen der Willigen einschließen oder mit diesen in Konflikt geraten. Die USA würden in diesem Szenario nicht aus Europa verschwinden. Sie würden selektiv mit den Staaten und Gruppierungen zusammenarbeiten, die ihnen am wertvollsten erschienen, und diese zeitweise gegeneinander ausspielen.
Szenario 3: Neugestaltung
Der dritte und potenziell produktivste Weg würde eine Erneuerung der transatlantischen Beziehungen auf einer völlig neuen Grundlage erfordern. Für den Westen muss diese Beziehung neu konzipiert werden, und zwar auf der Grundlage von Interessen, die wirklich geteilt werden. Jeder Beteiligte muss Vorteile aus dieser Vereinbarung ziehen, und jeder muss einen Mehrwert für das Ganze darstellen. Eine Beziehung, die sich lediglich auf die konventionelle Abschreckung Russlands konzentriert, kann diese Anforderungen nicht erfüllen. Eine Beziehung, deren Schwerpunkt auf Technologie und Handel liegt, hätte möglicherweise bessere Chancen.
Zukunftstechnologien – Künstliche Intelligenz, Raumfahrtsysteme, Quantencomputing, fortschrittliche Halbleiter, Robotik, Biotechnologie und autonome Systeme – werden Macht und Wohlstand im 21. Jahrhundert prägen. Europa fehlt die Fähigkeit, in all diesen Bereichen eigenständig mit den USA und China zu konkurrieren. Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, könnten die Europäer letztendlich aus einer Position der Schwäche heraus zwischen amerikanischen und chinesischen Technologieökosystemen wählen müssen.
Zwar können die USA auch ohne Europa ihre technologische Führungsrolle behalten, doch könnten sie erheblich von europäischen Talenten, Kapital, industrieller Spezialisierung, fortschrittlicher Fertigung und einem Markt von rund 450 Millionen Menschen profitieren. Ein koordiniertes Ökosystem könnte Erträge generieren, die keiner der beiden Seiten allein zur Verfügung stünden. Die USA würden aufgrund ihrer überragenden Kapazitäten die Gesamtführerschaft behalten, doch könnten die Europäer unverzichtbare Positionen im Technologie-Stack einnehmen – indem sie etwa mehr Unternehmen wie ASML hervorbringen – und dadurch echten Einfluss gewinnen.
Eine solche Zusammenarbeit muss nicht bedeuten, dass sich Europa den amerikanischen Big-Tech-Unternehmen unterwirft. Derzeit befinden sich beide Seiten in einem unproduktiven Konflikt zwischen amerikanischen Forderungen nach Zugang und europäischen Präferenzen für Regulierung. Ein gemeinsames Projekt könnte stattdessen Standards entwickeln, die Innovation fördern und gleichzeitig die Gesellschaften vor den disruptivsten Auswirkungen neuer Technologien schützen. Regulierungsmaximalismus würde Europa hilflos zurücklassen. Unternehmen jedoch freie Hand zu lassen, könnte tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Umbrüche zur Folge haben. Gemeinsame Regeln zu KI-Sicherheit, Cyberresilienz, Datenzugang, Biotechnologie und Wettbewerb könnten die technologische Entwicklung innerhalb demokratisch legitimer Grenzen halten. Das Ziel wäre nicht, den Westen durch Angst vor China oder Russland zu definieren, sondern sein eigenes Potenzial zu maximieren und Technologien zu entwickeln, die für seine eigenen Gesellschaften geeignet sind.
Die gleiche Logik gilt für die physischen Grundlagen der Hightech-Wirtschaft. Nordamerika und Europa sollten ihre Investitionen in Energie, Halbleiter-Lieferketten, die Verarbeitung von Seltenen Erden und andere kritische Materialien koordinieren. Gemeinsame Bevorratung, Regeln für vertrauenswürdige Lieferanten, Finanzierungsmechanismen und langfristige Abnahmevereinbarungen würden gefährliche Abhängigkeiten verringern, ohne Autarkie zu erfordern.
Während der Westen einen gemeinsamen Ansatz für Spitzentechnologie institutionalisiert, sollte er auch versuchen, Reibungsverluste im wirtschaftlichen Austausch zu verringern. Der globale Freihandel ist faktisch tot, doch nationale Selbstversorgung ist eine teure Illusion. Die USA und Europa sollten einen breiten Handelsblock bilden, der interne Barrieren abbaut und externe Zölle, Exportkontrollen, Industriestandards und Regeln für den Technologietransfer, soweit möglich, angleicht. Im Gegensatz zu den improvisierten Zollverhandlungen der vergangenen Jahre würde diese Vereinbarung dauerhafte Institutionen erfordern, die in der Lage sind, Streitigkeiten beizulegen und zu verhindern, dass entweder US-Protektionismus oder EU-Regulierung sie still und leise aushöhlen. In gewisser Hinsicht wäre dies eine Rückkehr zu den positiven Prioritäten des Marshall-Plans: Investitionen, Industrie, Handel und Standards statt dauerhafte militärische Abhängigkeit.
Der Wandel von einem transatlantischen Bündnis, in dessen Mittelpunkt Panzer und Truppen stehen, hin zu einer erneuerten Beziehung mit den Schwerpunkten Technologie und Handel würde erfordern, dass Europa die volle Verantwortung für seine konventionelle Verteidigung übernimmt. Die NATO könnte in den „Ruhestand“ treten oder alternativen europäischen Vereinbarungen weichen. Europas Sicherheit aber würde durch transatlantische Zusammenarbeit in den Bereichen, die immer wichtiger werden – Cyberspace und Weltraum –, weiterhin gestärkt werden. Gemeinsame Frühwarnnetzwerke, Satellitenkonstellationen, sichere Cloud- und Kommunikationsinfrastruktur sowie Cyberabwehr würden die Fähigkeiten aller Beteiligten verbessern, ohne die gesamte Beziehung auf einen einzigen irdischen Gegner auszurichten. Europäische Bedenken hinsichtlich technologischer Abhängigkeit könnten durch die Ansiedlung der Infrastruktur in Europa, die Gewährleistung nationaler Kontrolle über sensible Daten, die Verwendung interoperabler Standards und offener Lizenzen sowie den Bau von Satelliten und redundanten Systemen in europäischem Besitz ausgeräumt werden.
Der Weg in die Zukunft
Elemente aller drei Szenarien nehmen bereits Gestalt an. Die Europäer geben mehr Geld aus, in der Hoffnung, die NATO zu erhalten. Einige Amerikaner befürworten einen Rückzug in „ihre“ Hemisphäre, während einige Europäer strategische Autonomie fordern. Ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten, regionale Blöcke und bilaterale Koalitionen entstehen, während Washington Druck auf Brüssel ausübt und einzelne Regierungen umwirbt. Konflikte um digitale Regulierung und politische Meinungsäußerung beschleunigen den Bruch. Gleichzeitig deuten Initiativen in den Feldern KI, Halbleiter, kritische Mineralien und Handel auf die Möglichkeit einer Erneuerung hin.
Der 2021 von der Biden-Regierung ins Leben gerufene US-EU-Handels- und Technologierat (TTC) stellte einen Versuch dar, die transatlantische wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit zu institutionalisieren und einen Rahmen zu schaffen, in dem Washington und Brüssel sich bei neuen Technologien, Halbleiter-Lieferketten, Künstlicher Intelligenz, digitaler Governance, Exportkontrollen, Investitionsprüfungen und Technologiestandards abstimmen können. Die „Pax Silica“ der Trump-Regierung stellt ebenfalls eine bedeutende Weiterentwicklung dieses Ansatzes dar – weg von einer transatlantischen Regulierungskoordination hin zu einer breiteren, explizit strategisch ausgerichteten Technologie- und Lieferkettenkoalition. Die Hauptschwächen solcher Initiativen liegen jedoch in ihrer institutionellen Fragilität und politischen Unbeständigkeit.
Das strategische Ziel für Washington und Brüssel sollte daher darin bestehen, über episodische Initiativen der Präsidenten hinaus zu einer dauerhaften transatlantischen Wirtschaftsarchitektur zu gelangen, in der sich Marktzugang, technologische Zusammenarbeit und Sicherheit der Lieferketten gegenseitig verstärken und so vorhersehbare gegenseitige Vorteile für amerikanische und europäische Unternehmen schaffen.
Das alte Bündnis beruhte auf einem gemeinsamen Feind und einer ungleichen Aufteilung der militärischen Aufgaben. Eine neue Beziehung muss auf gemeinsamen Projekten beruhen. Die USA brauchen kein umfassendes transatlantisches Engagement. Ein Bruch, der zu einer flexibleren Politik gegenüber verschiedenen europäischen Machtzentren führt, könnte für Washington mehr als geeignet sein. Wenn aber Europa eine Trennung vermeiden will, muss es etwas Überzeugenderes bieten als die Aufrechterhaltung des Status quo – und die Angst vor Russland.
Übertragen aus dem Englischen von M. Bialecki
Internationale Politik Special 06, Oktober 2026, S. 26-33
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