Drei Fragen an … Wolfgang Ischinger
Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC)
1. In den transatlantischen Beziehungen ist praktisch nichts mehr, wie es war. Wie reagiert die MSC darauf?
In der Tat werden lange gehegte Gewissheiten infrage gestellt. Das fordert uns Europäer nicht nur sicherheits- und handelspolitisch heraus, sondern hinterfragt bisweilen auch unsere gemeinsame Wertebasis. Das wurde in der vielzitierten Rede des US-Vizepräsidenten auf der MSC 2025 deutlich. Umso wichtiger ist es, in den Dialog zu treten. Die MSC kann hier eine zentrale Rolle spielen. Nicht als Ort für den Austausch von Nettigkeiten, sondern als Plattform, wo man auf Augenhöhe und konstruktiv über Differenzen sprechen kann. Dass das gelingen kann, zeigte J. D. Vance’ Auftritt im Mai bei einer MSC-Tagung in Washington.
2. Die Europäer versuchen bislang, Trump mit Entgegenkommen bei der Stange zu halten. Die richtige Strategie?
Wo gemeinsame Interessen bestehen, liegt der Schulterschluss mit den USA nahe. Unsere sicherheitspolitische Abhängigkeit macht enge Kooperation unverzichtbar. Zugleich halte ich eine Politik des bloßen Beschwichtigens für riskant und kurzsichtig. Europa muss aus der Reaktivität herausfinden und eine eigene strategische Handschrift entwickeln. Es genügt nicht, auf US- Initiativen zu warten und dann mangelnde Einbindung zu beklagen. Für eine stabile europäische Sicherheitsordnung müssen wir unsere Prioritäten definieren, Verantwortung übernehmen und Vorschläge auf den Tisch legen.
3. Welche Themen werden die MSC 2026 bestimmen?
Wir werden wieder ein breites Spektrum abdecken. Wichtige Schwerpunkte sind die Zukunft der internationalen Ordnung, die Entwicklung der transatlantischen Beziehungen und die Selbstbehauptung Europas in der Welt. Der Krieg in der Ukraine und der Nahost-Konflikt werden weiter hohe Aufmerksamkeit beanspruchen, ebenso wie Chinas wachsende globale Rolle. Gleichzeitig wollen wir weniger beachtete Konflikte stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, etwa den eskalierenden Bürgerkrieg im Sudan. Wichtig sein werden aber auch breitere Sicherheitsherausforderungen wie Klima-, Energie- und Ernährungssicherheit sowie die Verzahnung von Sicherheit und Wirtschaft.
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 8