Essay

17. Juni 2026

Die Kunst des Kompromisses

Was einst ein Mechanismus war, um Differenzen beizulegen, wirkt heute wie eine Bedrohung der Identität – sowohl im sozialen Leben von Individuen als auch von Verantwortlichen und Staaten auf politischer Ebene. Deshalb muss Kompromiss neu gedacht werden: um den Raum des Möglichen zu erweitern und gemeinsamen Gewinn zu schaffen. Denn nur so können beide Seiten trotz ihres Streites weiter existieren. 

Selena Milanovic
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Bild: Adaption des Schreis von E.Munch, am Himmel lauter Handpaare beim Handshake
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In der Art, wie wir über Kompromisse sprechen, liegt etwas leise Verdächtiges. Der Begriff taucht überall auf: im politischen Diskurs, in öffentlichen Debatten und in der Sprache der Moral, mit der wir einander bei Konflikten Ratschläge geben. Sei vernünftig. Komm dem anderen entgegen. Der Klügere gibt nach. Und doch bewegt sich die Welt, in der wir leben, offensichtlich in die entgegengesetzte Richtung. Positionen verhärten sich, die Sprache wird schärfer, und die Distanz zwischen den Menschen verringert sich nicht, sondern vergrößert sich, bis sie sich weniger als Entfernung denn wie eine Abwesenheit anfühlt.

Die Versuchung ist da zu sagen, dass wir irrational oder ideologisch geworden sind oder einfach nicht mehr so gut zuhören können. Doch was, wenn das Scheitern von Kompromissen nicht auf einem Charakterfehler, sondern auf einem Strukturfehler beruht? Was, wenn der Kompromiss selbst von Bedingungen abhängt, die nicht mehr existieren? Von Bedingungen, die in einer fragmentierten Welt, die von geopolitischen Spannungen, inneren Spaltungen und digitaler Verstärkung geprägt ist, immer schwerer aufrechtzuerhalten sind?

Um dies zu verstehen, muss man zurückgehen – nicht in die Nostalgie, sondern zur Sprache. Das Wort „Kompromiss“ begann nicht mit einem Zugeständnis, sondern mit einem Versprechen. In seiner lateinischen Ursprungsform „compromissum“ bezeichnete es die Übereinkunft zweier Streitparteien, ihren Konflikt einem Dritten vorzulegen und dessen Urteil zu akzeptieren. Im alten Rom war dies keine Metapher, sondern gängige rechtliche und gesellschaftliche Praxis. Zwei Personen, die ihre Meinungsverschiedenheit nicht beilegen konnten, wählten einen Schiedsrichter – ­jemanden, dem beide vertrauten – und verpflichteten sich im Voraus, seinen Spruch zu akzeptieren. Das ist das Entscheidende: Sie einigten sich, bevor sie wussten, wie die Entscheidung ausfallen würde.


Kompromiss bedeutete also nicht, sich in der Mitte zu treffen. Es ging vielmehr darum, in einen Raum einzutreten, in dem keine der Parteien die alleinige Deutungshoheit über die Wahrheit hatte. Der Schlichter deckte nicht unbedingt eine objektive Realität auf, sondern schuf etwas, das der Aequitas näherkam, einer Form der Fairness, die die ­Beziehung und das soziale Gefüge bewahrte. Entscheidend war nicht, dass eine Seite Recht bekam, sondern dass beide weiterhin nebeneinander existieren konnten, ohne die Welt auseinanderzureißen. Mit anderen Worten: Es gab eine gemeinsame Welt, die es zu schützen galt, und eine gemeinsame Autorität, an die man sich wenden konnte.


Heute ist dieser Raum weitgehend verschwunden. Wir sind uns nicht mehr einig über Schiedsrichter, nicht über Gott, nicht über Institutionen und zunehmend nicht einmal mehr über gemeinsame Interpretationen der Realität. Dieser Verlust ist nicht nur globaler, sondern auch innerer Natur. 

Es gab eine Zeit, in der sich ganze Gesellschaften um eine gemeinsame metaphysische Autorität herum strukturiert hatten. Im mittelalterlichen Europa beispielsweise war die Gestalt Gottes nicht bloß eine Frage des privaten Glaubens, sondern das ordnende Prinzip des Lebens selbst. Praktiken, die heute irrational erscheinen – wie der Ablasshandel, die Unterwerfung unter eine kirchliche Autorität und die Ausrichtung des eigenen Lebens an der Furcht vor Gottes Gericht –, waren schlüssig in einer Welt, deren letztgültiges Ziel die Erlösung war. Zwar gab es Unterschiede in Status, Macht und Perspek-
tive, doch diese waren eingebettet in eine gemeinsame Ausrichtung: das Streben nach Vergebung, Erlösung und göttlicher Ordnung. 

Und dies war nicht nur im Christentum oder in Europa so. Über geografische und religiöse Grenzen hinweg waren Gesellschaften historisch in transzendente Rahmenbedingungen eingebettet, die Verhalten, Sinn und Autorität in Einklang brachten. Was heute verschwunden ist, ist nicht die Religion an sich, sondern die Grundlage dafür, dass ein solches System als allgemein anerkannter Bezugspunkt einer Gesellschaft dienen konnte. Heute ist die Wahrheit entweder zutiefst ­persönlich oder endlos umstritten.

Diese Veränderung ist nicht nur philosophischer, sondern auch materieller Natur. Der Aufstieg des Individualismus ist nicht allein auf sich wandelnde Überzeugungen, sondern auch auf sich wandelnde Lebensbedingungen zurückzuführen. In den modernen und global vernetzten Volkswirtschaften, in denen viele der politischen und diplomatischen Entscheidungen getroffen werden, die die Weltordnung prägen, können sich große Teile der Bevölkerung ein historisch unvorstellbares Maß an Autonomie leisten. Der Zugang zu Mobilität, Gesundheitsversorgung, Bildung und relativer wirtschaftlicher Stabilität ermöglicht es den Einzelnen, ihre Vorlieben, Identitäten und Lebensweisen in den Mittelpunkt ihres Daseins zu stellen. 

Die Globalisierung hat nicht nur Märkte miteinander verbunden, sondern auch den Horizont dessen erweitert, wie das Leben aussehen kann. Durch Reisen, Medien und digitale Plattformen werden wir ständig mit alternativen Lebensweisen konfrontiert, und mit dieser Konfrontation gehen Erwartungen einher. Das Leben anderer wird nicht nur sichtbar, sondern auch vergleichbar und letztlich beanspruchbar. Soziale Medien verstärken diese Dynamik und machen ferne Lebensweisen zu unmittelbaren Bezugspunkten. 


In einem solchen Kontext orientiert sich der Einzelne nicht mehr an einer gemeinsamen externen Autorität, sondern an einem Selbst, das ständig neu definiert, behauptet und optimiert werden muss. Dies hilft zu erklären, warum in einem Zeitalter der digitalen Konfliktverstärkung und geopolitischen Fragmentierung Kompromisse zunehmend nicht mehr als stabilisierende Kraft, sondern als Bedrohung jener Individualität wahrgenommen werden, die durch die modernen Lebensbedingungen erst ermöglicht wurde.

In einem solchen Umfeld vermittelt ein Kompromiss nicht mehr das Gefühl, an einer gemeinsamen Wirklichkeit teilzuhaben. Er fühlt sich an, als würde man seine eigene Realität aufgeben. Diese Verschiebung ist entscheidend, um die veränderte Rolle von Kompromissen im politischen und sozialen Leben zu verstehen: Was einst ein Mechanismus zur Bewältigung von Differenzen war, wirkt nun wie eine Bedrohung der Identität.

Man sagt uns, im Kompromiss liege Weisheit. Der Klügere wisse, wann er nachgeben, wann er loslassen und wann er nicht beharren solle. Doch hinter diesem Bild von Weisheit verbirgt sich häufig eine ganz andere Tatsache: nämlich, dass es leicht ist, Kompromisse einzugehen, wenn der Preis dafür gering ist. Wenn man auf sicherem Boden steht – materiell, intellektuell oder emotional –, wird das Zugeständnis zu einer großzügigen Geste statt zu einem Opfer. Man kann es sich leisten, etwas aufzugeben, weil nichts Wesentliches auf dem Spiel steht. 

In diesem Sinne ist das, was oft als Weisheit bezeichnet wird, schlicht ein Phänomen des Überflusses, eine Position der Stabilität, aus der heraus es ohne Verluste möglich ist, sich flexibel zu zeigen. Dies erklärt auch, warum Kompromisse in der internationalen Politik oft fälsch­licherweise als Tugend angesehen werden, obwohl sie in Wahrheit durch Machtasymmetrien geprägt sind.

Die Asymmetrie hat eine subtile, aber entscheidende Wirkung. Wer aus einer Position der Stärke heraus nachgibt, empfindet den Kompromiss nicht als Einbuße. Er wird beinahe ästhetisch, ein Zeichen von Gelassenheit, ja sogar von Überlegenheit: Ich kann es mir leisten, nachzugeben. Doch dies ist nicht die Art von Kompromiss, die einen Menschen auf die Probe stellt. Stattdessen bestätigt sie ihn. Genau hier wird der Unterschied zwischen ­klugem Entgegenkommen und rein strategischem Zugeständnis deutlich.


Die eigentliche Schwierigkeit beginnt, wenn sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen oder wenn Staaten einander unter Bedingungen relativer Gleichberechtigung gegenüberstehen. Hier verändert der Kompromiss seinen Charakter von Grund auf. Hier gibt es keinen Spielraum, um den Verlust aufzufangen, da jedes Zugeständnis das Gleichgewicht verschiebt und jeder Schritt auf den anderen zu gleichzeitig ein Schritt weg von sich selbst ist. Die Frage lautet nicht mehr: Was kann ich aufgeben, sondern: Wer werde ich, wenn ich das tue?

Das ist der Grund, warum wir Kompromisse in der heutigen Zeit als so bedrohlich empfinden. Nicht, weil wir unflexibler geworden sind, sondern weil die Identität selbst fragiler, konstruierter und schutzbedürftiger geworden ist. In einer Welt, in der Sinn nicht mehr durch Religion, Tradition oder stabile Hierarchien vermittelt wird, wird das Selbst zum primären Ort der Sinnstiftung. Man muss sich selbst definieren, behaupten und abgrenzen. Einen Kompromiss einzugehen, bedeutet dann nicht einfach nur, seine Meinung anzupassen. Es bedeutet, die Auflösung der gesamten Struktur zu riskieren, in der man existiert. Dies erklärt auch, warum Kompromisse im politischen Kontext immer häufiger nicht als Einbeziehung, sondern als Auslöschung wahrgenommen werden.


So wie ein Kompromiss auf individueller Ebene als Bedrohung der Identität empfunden wird, so wird er in der internationalen Politik oft als Bedrohung der Souveränität, Legitimität und strategischen Position wahrgenommen. Staaten sind, ähnlich wie Individuen, in Erzählungen eingebettet, die beschreiben, wer sie sind und wofür sie stehen. Diese Narrative lassen sich nicht ohne Weiteres und ohne Folgen ändern. In einem solchen Kontext ist der Kompromiss kein neutrales Verhandlungsinstrument mehr. Er wird zu einem Signal, das sowohl nach außen als auch nach innen als Schwäche, Zugeständnis oder Ansehensverlust interpretiert werden kann. Politiker verhandeln nicht isoliert, sondern werden ständig beobachtet von ihren heimischen Zielgruppen, Verbündeten und Gegnern, die jede Bewegung als Stärke oder als Rückzug zu interpretieren bereit sind. Diese Dynamik erklärt, warum Kompromisse in Zeiten geopolitischer Spannungen immer schwieriger werden. Es liegt nicht nur an divergierenden Interessen, sondern auch daran, dass der Akt des Kompromisses selbst Reputations- und strategische Risiken birgt, die gegenüber seinen unmittelbaren Vorteilen überwiegen können. Infolgedessen verhärten sich die Positionen nicht nur, weil es schwierig ist, sich zu einigen, sondern auch, weil die Kosten, die mit dem Anschein eines Nachgebens verbunden sind, politisch und symbolisch an Bedeutung gewonnen haben.

Und doch kommt dem Kompromiss gerade unter diesen Bedingungen die allergrößte Bedeutung zu. Nicht als Geste des guten Willens, sondern als Mechanismus, um eine Eskalation zu verhindern, Konflikte einzudämmen und in einer Welt, in der vollständige Einigung nur selten erreichbar ist, die Möglichkeit des Zusammenlebens zu bewahren.


Die Weigerung, sich auf Kompromisse einzulassen, wird durch die digitalen Umgebungen, in denen sich moderne Konflikte abspielen, verstärkt. Anders als früher, als sich der öffentliche Raum auf gemeinsame Informationsquellen und einen gemeinsamen Bezugsrahmen stützte, splittert sich die Kommunikation heute immer weiter auf Plattformen auf, die Inhalte kuratieren und personalisieren. Infolgedessen sind Einzelpersonen und Gruppen oft unterschiedlichen Versionen desselben Ereignisses ausgesetzt und werden von unterschiedlichen Informationsökosystemen geprägt. Bei Meinungsverschiedenheiten geht es nicht mehr nur um Werte oder Interessen, sondern um die Interpretation der Realität selbst.

In einer solchen Umgebung wird es strukturell schwieriger, einen Kompromiss einzugehen, denn dazu braucht es ein Mindestmaß an Übereinstimmung im Verständnis der Situation, einen gemeinsamen Ausgangspunkt, von dem aus Verhandlungen beginnen können. Fehlt diese Übereinstimmung, wird ein Kompromiss nicht als Anpassung empfunden, sondern als Verzerrung, als Nach­geben gegenüber einer Version der Realität, die man nicht als gültig anerkennt.


Indem digitale Systeme die Interaktion verstärken und bestehende Perspektiven festigen, verursachen sie die Spaltungen zwar nicht unbedingt, aber sie vertiefen und verfestigen sie. Sie machen Konflikte sichtbarer, unmittelbarer und schwerer zu schlichten. Dies erklärt, warum Kompromisse in digital vermittelten Umgebungen immer weniger als stabilisierende Kraft, sondern zunehmend als eine Form der Fehlinterpretation wahrgenommen werden. Und doch macht die Tatsache, dass Kompromisse schwieriger werden, diese nicht weniger notwendig, sondern sogar noch dringender. Es gibt Situationen, in denen es destruktiv ist, sich zu verweigern; Situationen, in denen die Unfähigkeit zum Nachgeben nur zu Eskalation und Schaden führt. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Gräben überbrückt werden sollten. Es gibt Momente, in denen ein Kompromiss Ungerechtigkeiten verschleiert, anstatt sie zu beseitigen; Momente, in denen er von einer Seite verlangt, etwas aufzugeben, das nicht verhandelbar sein sollte. Daher ist es unbedingt erforderlich, zwischen kluger Annäherung und faulem Frieden zu unterscheiden.

Ein kluger Kompromiss bewahrt beiden Seiten die Möglichkeit, trotz ihres Streites weiter zu existieren. Er verteilt die Last der Zugeständnisse auf eine Weise, die transparent und verhandelbar bleibt. Im Gegensatz dazu stabilisiert ein fauler Frieden die Oberfläche, indem er die Lasten auf eine Seite konzentriert und diese beiseite drückt. Während ersterer das Zusammenleben aufrechterhält, schiebt letzterer den Konflikt unter dem Deckmantel einer Lösung lediglich auf.

Für Diplomaten und politische Entscheidungsträger erfordert dies womöglich ein Umdenken im Verständnis und in der Umsetzung von Kompromissen. Wird ein Kompromiss weiterhin als gegenseitiges Zugeständnis, als ein Aufeinandertreffen auf halbem Weg bei beiderseitigen Einbußen verstanden, bleibt er fragil – insbesondere in Kontexten, in denen es um Identität, Legitimität und Macht geht. Unter solchen Bedingungen wird die Aufforderung an die Parteien, auf etwas zu verzichten, oft nicht als Zusammenarbeit, sondern als Herabsetzung empfunden.

Ein anderer Ansatz ist erforderlich. Anstatt ein Gleichgewicht mittels Verlusten anzustreben, muss der Kompromiss neu gedacht werden: als Schaffung gemeinsamen Gewinns, als ein Prozess, in dem sich die Parteien nicht durch den Verzicht auf einen Teil ihrer Positionen annähern, sondern in dem sie herausfinden, was von ihnen nur gemeinsam erreicht werden kann. Die Aufgabe besteht nicht mehr darin, das Bestehende aufzuteilen, sondern das Mögliche zu erweitern.

Dies beseitigt die Konflikte nicht, und es löst auch nicht alle Spannungen auf. Es erfordert eine Form strategischer Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen eine Zusammenarbeit zu Ergebnissen führt, die keine der beiden Seiten allein erreichen kann. In der internationalen Politik kann dies in Form von wirtschaftlicher Verflechtung, gemeinsamen Sicherheitsvereinbarungen oder technologischer Zusammenarbeit geschehen – nicht im Sinne idealistischer Projekte, sondern als pragmatische Struktur, die Interessen miteinander verknüpft und die Kosten des Konflikts senkt.

In einem solchen Modell geht es nicht mehr darum, einen Teil seiner selbst aufzugeben, sondern an etwas teilzuhaben, das über beide Seiten hinausgeht. Dadurch verlagert sich die Frage von dem, was aufgegeben werden muss, hin zu dem, was aufgebaut werden kann, sodass der Verlust an Bedeutung verliert.


Trotzdem markiert dies eine Abkehr von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs Kompromiss. Das römische „compromissum“ beruhte wie beschrieben auf der beidseitigen Unterwerfung unter die Entscheidung eines von beiden benannten Schiedsrichters, auf der gemeinsamen Akzeptanz einer Entscheidung, über die keine der Parteien die Kontrolle hatte. Was hier beschrieben wird, beruht nicht mehr auf einer solchen Struktur. Es hängt nicht von einer externen Instanz ab, sondern von der Fähigkeit der Parteien selbst, einen gemeinsamen Nutzenhorizont zu schaffen. Weil der Kompromiss aber bereits ein erstes Mal sein Wesen verändert hat – von einem verbindlichen Versprechen zu einem ausgehandelten Zugeständnis –, gibt es wenig Anlass anzunehmen, dass seine Bedeutung von nun an unveränderlich sein muss. Eine neue Form erfordert möglicherweise nicht nur eine andere Praxis, sondern ein ganz anderes Verständnis.

Das bedeutet nicht, dass Grenzen überflüssig werden, und es bestreitet auch nicht die Existenz unüberbrückbarer Differenzen. Es wird weiter Momente geben, in denen man an seinen Standpunkten festhalten muss und ein Kompromiss die Grundlagen des Zusammenlebens untergraben würde. Doch wo Zusammenarbeit möglich ist, besteht sie vielleicht nicht mehr darin, sich auf halbem Weg zu treffen, sondern in einer Lösung, die einen solchen Treffpunkt überflüssig macht.


Womöglich ist der Kompromiss nicht gescheitert, weil wir darin schlechter geworden sind, sondern weil die Welt, die ihn getragen hat, zerbrochen ist. Ohne gemeinsamen Schiedsrichter, ohne Vertrauen in gemeinsame Strukturen und ohne das Gefühl, dass es zwischen uns etwas gibt, das es wert ist, bewahrt zu werden, verliert der Kompromiss seine Grundlage und wird zu einer Machtdemonstration oder einer Bedrohung für die Identität. Wenn es auch künftig Kompromisse geben soll, dann nicht, weil die Parteien zum Nachgeben aufgefordert werden. Sondern weil die Bedingungen wiederhergestellt werden, unter denen Zusammenarbeit überhaupt erst wieder wünschenswert wird, da sie einen gegenseitigen Mehrwert schafft.

Aus dem Englischen von Bettina Vestring

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2026, S. 100-105

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Dr. Selena Milanovic ist Global Product Managerin im Bereich Kardiologie bei Siemens Healthineers. Die gebürtige Meranerin absolvierte nach einem Maschinenbau-Studium in Bozen ein Double-Degree-Masterstudium im Bereich Medical Engineering: Ein Jahr studierte sie in Wien, das zweite in Brno in Tschechien. Anschließend promovierte sie an der Universität Oxford. Mit ihrer Forschung, ihrer Reichweite und ihrem sozialen Engagement hat Selena Milanovic es 2022 auf die Top-30-Under-30-Liste von Forbes sowohl in Italien als auch in Deutschland geschafft.