IP Special

31. Aug. 2026

Die im Dunkeln sieht man nicht

Das Ausmaß der Bedrohung durch Organisierte 
Kriminalität für Europa und gerade für Deutschland 
wurde lange unterschätzt. Nun geht die Bundesregierung erste Schritte; weitere sollten folgen.

Daniel Brombacher
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Bild: Vermessene Einschusslöcher in einer Glasscheibe.
21. September 2024, früher Morgen: Etwa 30 Schüsse treffen die Schaufenster eines Uhrengeschäfts in Köln. In vielen deutschen Städten ist die von OK ausgehende, strukturelle Gewalt mittlerweile an der Tagesordnung.
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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im alljährlich veröffentlichten Globalen Index für Organisierte Kriminalität der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (GI-TOC) zeigt sich zwischen 2021 und 2025 eine deutliche Zunahme der Organisierten Kriminalität (OK) in Europa. Zwischen 2021 und 2023 ver-eichnete der Kontinent sogar den höchsten Anstieg aller Regionen weltweit – eine Entwicklung, die sich seither stabilisiert hat.

Die am stärksten ausgeprägten kriminellen Märkte in Europa sind die Finanz- und Cyberkriminalität, der Handel mit Kokain und mit synthetischen Drogen. Dies sind gleichzeitig auch die Märkte, die in den vergangenen Jahren das größte Wachstum erfahren haben. Die Entwicklungen in Deutschland spiegeln diese Tendenzen wider.

Die Neufassung des Serious and Organized ­Crime Threat Assessment (SOCTA) von Europol von 2025 beschreibt ebenfalls eine neue Qualität der Bedrohung durch eine „neue DNA“ der OK: Es kommt zu einer stärkeren Destabilisierung von Staaten und Gesellschaften durch Korruption und Gewalt. Gleichzeitig wirkt OK zusammen mit hybriden Bedrohungen. Hinzu kommt die zunehmende Digitalisierung der OK und internetgestützte Tatbegehung durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz und anderer neuer Technologien.

Dabei galt OK gerade in Deutschland lange als beherrschbares, da wenig sichtbares Übel, insbesondere im Vergleich zu terroristischen Bedrohungen, die die sicherheitspolitische Debatte in den zwei Jahrzehnten vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine prägten. Daraus resultierte ein Mangel an strategischer Ausrichtung und Ausstattung der Sicherheitsbehörden; diese wurden der reellen Bedrohung durch OK lange Zeit nicht ­gerecht.
 

Nachzügler Deutschland

In den europäischen Nachbarländern hat ein Umdenken deutlich früher eingesetzt. In den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Schweden gilt OK längst als zentrale sicherheitspolitische Bedrohung. Massive kriminelle Gewalt und die Unterwanderung des Staatswesens und legaler Wirtschaftssektoren durch kriminelle Gruppierungen, insbesondere im Drogengeschäft, haben dazu geführt, dass OK als existenzielle Bedrohung und Destabilisierungsfaktor in diesen Ländern wahrgenommen wird. Die Idee von „Narco-Staaten“ auf euro-päischem Boden scheint plötzlich ein reales Szenario, das selbst Staatsbedienstete und Richter ­evozieren.

Und in Deutschland? Die OK machte lange Zeit am ehesten Schlagzeilen durch spektakuläre Kunstdieb-stähle, das Reizthema der sogenannten Clan-Kriminalität oder sich bekriegende Rockergruppierungen. Gewalt im Zusammenhang mit OK beschränkte sich lange auf situative Gewaltausbrüche durch Auseinandersetzungen in kriminellen Milieus, Rechnungen, die beglichen oder Territorien, die neu abgesteckt wurden. Gewalt war kein strukturelles Element krimineller Märkte in Deutschland, sondern spontaner Ausdruck der Alternativlosigkeit krimineller Konfliktbeilegung.

Damit einher ging eine reduzierte Bedrohungswahrnehmung in Politik und öffentlicher Debatte. Ereignisse wie die ’Ndrangheta-Morde von Duisburg 2007 sorgten für ein kurzes Aufflammen öffentlicher und politischer Diskussion, die sich jedoch so schnell wieder beruhigte wie sichtbare Folgetaten ausblieben. Die in den Niederlanden, Belgien oder Frankreich geführte Diskussion um die kriminelle Unterwanderung des Staatswesens durch Korruption und Einschüchterung – in Deutschland herrschte an dieser Stelle lange Fehlanzeige.

Doch die Einschläge sind nähergekommen. Vermeintlich spontane Gewaltausbrüche wandeln sich zu struktureller krimineller Gewalt, die in vielen deutschen Städten zum dauerhaften OK-Merkmal geworden ist. Bombenanschläge, Entführung und Folter in Köln; niederländische Jugendliche, die als Auftragstäter Gewalt-taten in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg ausführen. Nahezu täglich Schüsse auf Restaurants, Autowerkstätten und Shisha-Bars mit dem Ziel der Schutzgelderpressung in Berlin, ein Bandenkrieg in Stuttgart.

Neben der Gewalt wird auch die Gefahr einer Unterwanderung staatlicher Strukturen durch OK sichtbarer: die eingeschleusten Hafen-Innentäter, die für kriminelle Netzwerke Kokain aus dem Hamburger Hafen bergen, oder der korrumpierte Staatsanwalt, der kriminelle Akteure regelmäßig über Ermittlungen und operative Maßnahmen der Polizei informiert.

So kommt Deutschland allmählich auch kognitiv in einer Realität an, die für viele Nachbarstaaten längst selbstverständlich geworden ist. Im politischen Raum setzt sich eine Neuausrichtung im Umgang mit OK fort, die bereits unter der von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) geführten Ampelregierung einsetzte. Der im Februar 2026 verabschiedete Aktionsplan gegen OK der Bundesministerien für Inneres, Justiz und Finanzen sieht ein ganzes Paket an Gesetzen und Maßnahmen vor, um deutsche Behörden im Kampf gegen OK zu stärken und den Status Deutschlands als Geldwäscheparadies und sicheren Hafen des Verbrechens zu überwinden. Eine Trendwende und Neubewertung von OK, die zivilgesellschaftliche Organisationen wie auch die Sicherheitsbehörden lange gefordert haben, scheinen nun Gestalt anzunehmen.
 

Mehr als nur innere Sicherheit

Ein zentraler Aspekt darf hierbei nicht übersehen werden: OK ist bei Weitem nicht nur ein Problem innerer Sicherheit, sondern schon seit Langem eine internationale Herausforderung. Die offizielle Datenlage der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigt dies nur bedingt – und zwar insbesondere bei den Straftaten, die aus dem Ausland heraus in Deutschland begangen werden. Dies betrifft vor allem Betrugsdelikte und das weite Feld der Cyberkriminalität, bei der die Statistik eine deutliche Zunahme in jüngerer Zeit zeigt.

Industrialisiertes „Scamming“ aus dem Ausland heraus – etwa durch sogenannte „Scam-Fabriken“ in Südostasien – ist in Deutschland und Europa längst im Alltag angekommen. Diese neue Form von OK ist zur greifbaren Massenbedrohung geworden, die nur sehr geringe Aufklärungsraten hat. Gemäß Schätzungen haben inzwischen fast zwei Drittel der Weltbevölkerung Erfahrungen mit Scams gemacht.

Der internationale Bezug reicht allerdings weit über die Cyberkriminalität hinaus. Ein erneuter Blick auf den Global Organized Crime Index macht dies deutlich: Die fünf wichtigsten illegalen Märkte in Deutschland waren zwischen 2023 und 2025 neben Cyberkriminalität der Kokainhandel, Finanzkriminalität, Menschenschmuggel/-handel sowie der Handel mit synthetischen Drogen, allesamt mit klaren internationalen Bezügen. Die Lieferketten für Kokain und synthetische Drogen führen in der Regel ins west- und osteuropäische Ausland sowie nach Übersee, insbesondere nach Südamerika und Asien. Menschenschmuggel und -handel funktionieren über transnationale kriminelle Netzwerke, die europa- und mitunter weltweit agieren. Finanz- und Cyberkriminalität werden immer mehr aus dem außereuropäischen Ausland begangen und bleiben damit überwiegend ungestraft.

Die Internationalisierung der OK zeigt sich auch deutlich an den kriminellen Akteuren, die die Geschicke illegaler Märkte in Deutschland und Europa steuern. In Deutschland wie in der gesamten EU lässt sich seit 2021 eine kontinuierliche Präsenz und Relevanz internationaler krimineller Akteure nachzeichnen, die inzwischen die wichtigste Gruppe unter den kriminellen Akteuren in Deutschland und in Europa insgesamt bilden. Zentraler Treiber dieser Entwicklung ist der Drogenhandel und dabei insbesondere der Kokainmarkt. Dessen Wachstum in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass sich entlang der Lieferketten zahlreiche interna-tionale kriminelle Akteure an zentralen Knotenpunkten platziert haben, um an dem höchst lukrativen Geschäft zu partizipieren. Besonders deutlich wird dies an kriminellen Netzwerken des Westbalkans, der italie-nischen ’Ndrangheta und niederländischer krimineller Gruppierungen, die unter dem missverständlichen Begriff der „Mocro-Mafia“ Bekanntheit erlangt haben.

Dies bedeutet nicht, dass heimische kriminelle Gruppierungen verdrängt würden, jedoch ist insbesondere im Kokainhandel eine Koexistenz von heimischen und internationalen kriminellen Akteuren zu beobachten. Mitunter gibt es Konkurrenz, häufiger jedoch Kooperation; beide profitieren von der Entstehung eines kriminellen Dienstleistungssektors.
 

Eine kriminelle Dienstleistungskultur

Es sind insbesondere drei Faktoren, die sich zur Erklärung der Transformation der Funktionsweise von OK in Europa und des Strukturwandels krimineller Märkte heranziehen lassen: die Covid-19-Pandemie, die Digitalisierung krimineller Transaktionen sowie der Kokainboom, den Europa seit einigen Jahren erfährt.

Die Covid-19-Pandemie brachte nicht nur legale Lieferketten zum Erliegen, sondern zwischenzeitlich auch illegale Handelsströme, die häufig Trittbrettfahrer legaler Lieferketten sind. Dies galt insbesondere für jene illegalen Märkte, die über globale Routen und transnationale kriminelle Akteure angelegt sind, wie etwa für den Kokainhandel, der Südamerika mit Europa verbindet.

Analog zum legalen Wirtschaftsleben fand jedoch auch auf kriminellen Märkten eine rasche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen statt – mit vielen Innovationen, die auch nach dem Abebben der Pandemie erhalten blieben. Hierzu gehörten technische Innovationen, insbesondere bei der Kommunikation. Die zu-nehmende digitale Interaktion von kriminellen Akteuren, beispielsweise über verschlüsselte Kommunikationskanäle, förderte die Zusammenarbeit über Landes- und Regionengrenzen hinweg, häufig anonymisiert.

Es gilt, Deutschlands Status als Geldwäscheparadies und sicherer Hafen zu überwinden

Der einst stark lokalisierte Charakter krimineller Gruppierungen wurde hierdurch obsolet. Anstelle hierarchischer krimineller Organisationen, die ganze Lieferketten kontrollieren, treten immer häufiger dezentrale Netzwerke, die einzelne Segmente stärker fragmentierter Lieferketten abdecken und kriminelle Dienstleistungen Dritten anbieten.

Besonders deutlich wird dies wiederum am Beispiel des Kokainhandels, der in den vergangenen Jahren zu einer Art Innovationslabor der OK geworden ist. Keine andere Substanz war zuletzt so lukrativ wie Kokain, mit einer massiven Zunahme der Nachfrage in Europa, einem deutlichen Rückgang der Großhandelspreise und stabilen Einzelhandelsverkaufspreisen. Die Lukrativität des Kokainhandels ermöglichte einen bislang in Europa präzedenzlosen Zugang zu Risikokapital für kriminelle Gruppierungen, das schnelle Innovationszyklen und kontinuierliche kriminelle Anpassungsleistungen beförderte. Entstanden ist hierdurch ein immer weiter verästeltes kriminelles Ökosystem, das sich durch Fragmentierung und ausdifferenzierte Dienstleistungsstrukturen auszeichnet.
 

Broker, Schmuggler, Geldwäscher

Kokain-Broker, die sich in den Ursprungsländern in Südamerika und an den wichtigsten Verladehäfen platziert haben, organisieren und poolen Kokainlieferungen für Kunden in Europa, stellen die Hafenlogistik sicher und verfügen über lokale Netzwerke und infiltrierte Partner in Behörden und Infrastruktur, um eine sichere Verschiffung zu ermöglichen. In den vergangenen Jahren sind insbesondere kriminelle Netzwerke vom West­balkan in dieser Rolle aufgetreten, allerdings auch italienische, niederländische oder mitunter deutsche Vermittler.

In den Ankunftshäfen finden sich wiederum kriminelle Dienstleister – die Kokain extrahieren und durch „Uithalers“ („Rausholer“) aus den Häfen bringen, die Lagerstrukturen vorhalten und den Weitertransport in Europa mit Schmuggelfahrzeugen organisieren. Korruptions-Broker organisieren Kontakte und Schmiergeldzahlungen; professionelle Geldwäscher, häufig Hawala-Banker sowie chinesische oder nigerianische Anbieter, können Einkünfte verschleiern. Auf sozialen Medien und im Darknet finden sich Akteure, die das Strecken von Kokain als Dienstleistung anbieten. Für den Straßenhandel und für Gewaltdienstleistungen werden in einigen europäischen Ländern zunehmend Minderjährige rekrutiert.

Eine Konsequenz dieser Fragmentierung ist die gestiegene Resilienz krimineller Märkte. Der Kokainmarkt zeugt davon: Trotz massiv gestiegenen Repressionsdrucks war in Europa ein Kilogramm Kokain noch nie so billig zu haben wie heute – das Gegenteil wäre erwartbar gewesen.

Der Kokainhandel ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Innovationslabor der OK geworden

Viele dieser strukturellen Wesensmerkmale und kriminellen Innovationen haben sich inzwischen auch auf andere Bereiche der OK ausgeweitet: „Crime-as-a-Service“ ist zu einem zentralen kriminellen Organisationsprinzip geworden. Deutlich wurde dies durch die Entschlüsselung der kryptierten Messaging-Dienste Encro-Chat und SkyECC 2020 und 2021 durch Behörden in den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Die Hundert-tausende Chat-Nachrichten, auf die Ermittlungsbehörden im Zuge der Entschlüsselung Zugriff erhielten, machten die Funktionsweise krimineller Märkte in nie zuvor dagewesener Weise transparent.

Dieser „Rosetta-Stein-Moment“ für das Verständnis von OK zeigte auch, wie stark sich eine kriminelle Dienstleistungskultur, Digitalisierung und die transnationale Kooperation zwischen kriminellen Akteuren und Netzwerken etabliert hatten. Diese „Demokratisierung der Kriminalität“ hat zu einem offenen Markt illegaler Güter und Dienstleistungen geführt, der traditionelle Strafverfolgungsinstrumente infrage stellt.

Die zentralen Wesensmerkmale der international agierenden OK – Dezentralisierung, Dienstleistungsstrukturen und Digitalisierung – haben derweil dazu geführt, dass auch geopolitische Akteure einfacher Zugang zu kriminellen Dienstleistungsstrukturen erhalten haben.
 

Eine unheilige Allianz

Die Unterwanderung staatlicher Strukturen durch OK scheint vielen in Europa noch immer eine ferne Dystopie. In vielen Teilen der Welt ist dies doch bereits Fakt. In nahezu der Hälfte aller Länder der Welt sind staatlich integrierte kriminelle Akteure eine Realität – ein Problem, das eine erhebliche geopolitische Relevanz entwickelt hat. Der Rechtsstaat wird unterwandert, staatliche Abschreckung neutralisiert und zahlreiche strukturelle Vorteile und Opportunitäten für kriminelle Akteure geschaffen.

Hierzu gehören die staatliche Permissivität gegenüber Drogenhandelsflüssen, offene Grenzen für Schleusungskriminalität und Menschenhandel bis hin zu illegalem Bergbau und Abholzung. Die internationale polizeiliche Zusammenarbeit wird durch die Infiltration staatlicher Stellen unterhöhlt und verliert ihr Abschreckungspotenzial.

Der zuletzt viel diskutierte Einsatz von „Wegwerf“- Agenten ist eine Spielart der Geo-Kriminalität

Doch die unheilige Allianz staatlicher Stellen und krimineller Akteure endet nicht bei der erzwungenen Duldung illegaler Machenschaften durch Korruption und Einschüchterung. Autoritär regierte Staaten haben in jüngerer Zeit die OK als Vehikel geopolitischer Interessenspolitik erkannt und zu nutzen gelernt. Dieses Phänomen wird auch als Geo-Kriminalität beschrieben.

Hierzu gehört ein breites Feld von hybriden Einsatzmöglichkeiten, deren Grenzen fluide sind und in den vergangenen Jahren insbesondere von Russland ausgetestet worden sind. Der in Deutschland diskutierte Einsatz von „Wegwerf-Agenten“ für Sabotage oder Spionage-Operationen ist eine Spielart davon, ebenso wie die Instrumentalisierung von Migration als Waffe durch die Kooperation mit kriminellen Schleusungsnetz-werken, Auftragsmorde durch Angehörige aus dem kriminellen Milieu, Cyberattacken und Hackerangriffe durch kriminelle Gruppierungen, die staatliche Nutzung von Geldwäsche­dienstleistern und Kryptodiensten sowie die Umgehung von Sanktionen durch kriminelle Dienstleister.

Bei allen diesen Operationen agieren kriminelle Akteure als Platzhalter und Erfüllungsgehilfen, wodurch staatliche Akteure geopolitische Ziele mit asymmetrischen Mitteln zu erreichen versuchen. Neben Russland sind ähnliche Muster hybrider Operationen auch dem Iran und Nordkorea zugeschrieben worden.
 

Was tun?

Die Transformation der OK, ihr Destabilisierungspotenzial auf nationaler, europäischer und globaler Ebene sowie ihre geopolitische Instrumentalisierung sind erhebliche Sicherheitsherausforderungen. Die Antwort darauf benötigt eine eigene Spielart der Zeitenwende, wie sie für die innere Sicherheit durch die Bundesregierung angekündigt worden ist. Deutschland und Europa gehen derzeit wichtige Schritte, um ein besseres Verständnis und wirksamere Antworten auf eine nach wie vor unübersichtliche Gemengelage zu entwickeln.

Die 2025 veröffentlichte neue Europäische Strategie für Innere Sicherheit und das SOCTA 2025 zeigen, dass auf europäischer Ebene die neue Dimension und Gefahr der OK erkannt worden ist. Mehrere Instrumente der EU wurden entsprechend angepasst oder ihre Reform wurde angekündigt. Dazu zählen die bereits erfolgte Weiterentwicklung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hin zu einer Europäischen Drogenbehörde, die angekündigte Erweiterung des Europol-Mandats oder die Überprüfung und Reform des Rahmenbeschlusses des EU-Rates zu den Regeln zum Umgang mit OK für die Mitgliedstaaten – alles Bestandteile eines umfangreichen Umdenkens. Auch die Bundesregierung geht mit dem OK-Aktionsplan in die richtige ­Richtung; so soll unter anderem die Einziehung krimineller Vermögen einfacher möglich werden.

Bei der Einhegung von OK müssen Innen-, Außen- und Entwicklungspolitik zusammenwirken

Allerdings: Organisiertes Verbrechen hat nur in wenigen Fällen eine rein nationale oder europäische Dimension. Der ausufernde Kokainhandel, die massive Zunahme von Betrugs- und Scamming-­Delikten oder Menschenschmuggel und -handel, um nur einige der derzeit dringlichsten Herausforderungen zu nennen, haben zahlreiche Bezüge in das außer­europäische Ausland und in Staaten, die der OK als sichere Häfen gelten oder die sogar mit ihr zusammenarbeiten.

Ein Teil der Antwort muss daher lauten, in internationale Zusammenarbeit zu investieren, die über polizeiliche Aspekte deutlich hinausgeht. Auch außen- und entwicklungspolitische Instrumente müssen zum Einsatz kommen, um Partnerschaften mit gleichgesinnten Regierungen zu ermöglichen, an den Ursachen des Entstehens und der Ausbreitung illegaler Märkte anzusetzen und in die Resilienz von besonders exponierten Staaten zu investieren. Das Phänomen der Geo-Kriminalität verlangt zudem eine engere Verzahnung polizeilicher und nachrichtendienstlicher Ansätze, wie es auch beim Umgang mit Drohnen notwendig geworden ist.

Die Einhegung von OK ist eine ressort­übergreifende Aufgabe, bei der Innen-, Außen- und Entwicklungspolitik zusammenwirken müssen und Silos wenig hilfreich sind. Eine Strategie der Vorverlagerung, weg von den europäischen Außengrenzen, hin in die Ursprungs- und Transitländer, bedarf daher mehr als nur eines Updates der inneren Sicherheit. Ein solcher Ansatz wird sinnvollerweise durch zivilgesellschaftliche Initiativen und ­Dunkelfeldforschung inner- und außerhalb ­Europas ergänzt, um Licht ins Dunkel der OK zu bringen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 14-20

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Daniel Brombacher ist Direktor des Europe Observatory der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (GI-TOC).

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