Essay

31. Aug. 2026

Die fragile Macht des 
Heiligen Stuhls

Leo XIV. navigiert eine globale Kirche, deren demografisches Zentrum im Westen liegt, durch angespannte Zeiten. Mit einem ambitionierten Reiseprogramm und klaren  Positionen zu Krieg und KI sucht der erste US-amerikanische Papst der Geschichte nach Wegen, sich in der Welt zu behaupten. Dabei setzt Leo auch auf die USA, scheut aber den Konflikt mit amerikanischen Zivilreligionen à la MAGA nicht.

Mariano Barbato
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Bild: Illustration von Papst Leo XIV.
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Ein beachtliches Medienecho löste im April 2026 der verbale Schlagabtausch zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und Papst Leo XIV. wegen des Iran-Krieges aus. Wenige Wochen später, am Pfingstmontag, veröffentlichte Leo XIV. seine erste Enzyklika Magnifica humanitas. Mit ihr begann der Papst seine Ankündigung einzulösen, die rasanten Fortschritte bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sozialethisch zu begleiten. 

Verbindendes Element zwischen dem päpstlichen Streit mit Trump und der Enzyklika war der Fokus auf die Sicherheitspolitik. Die KI dürfe nicht autonom das Kampfgeschehen zukünftiger Kriege prägen, heißt es in der Enzyklika etwa, und die Lehre des „gerechten Krieges“ müsse überwunden werden, da sie nur allzu oft missbraucht werde. 

Für einen Papst, der dem Augustinerorden angehört, ist die Ablehnung der Lehre des gerechten Krieges, die maßgeblich durch den Ordensvater und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo geprägt wurde, in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Eingebettet waren die Debatten in ein umfangreiches Reiseprogramm. Seit der Erfindung des modernen Reisepapsttums durch Paul VI. in den 1960er Jahren gehört das Reisen zu den Säulen der päpstlichen Öffentlichkeitsarbeit. Ein reisender Papst versammelt seine Unterstützer nicht nur als Pilger auf dem Petersplatz. Er mobilisiert weltweit Massen, die ihm zujubeln und so auch die politische Elite zur Aufmerksamkeit zwingen.  

 

Prekäre geopolitische Lage

Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Papsttum in einer prekären geopolitischen Lage befindet. Dass man mittlerweile die „eigene“ Lehre vom gerechten Krieg infrage stellt, ist ein Ausdruck dafür. In Europa hält der Trend zur Dechristianisierung an. In Lateinamerika geht die Zahl derer, die sich der Katholischen Kirche zugehörig fühlen, zugunsten evangelikaler Freikirchen zurück. 

Die Zuwächse im machtpolitisch weniger relevanten Afrika können die Marginalisierung des Katholizismus im aufstrebenden Asien kaum ausgleichen. Der römische Pontifex Maximus leitet eine globale Diasporakirche, deren machtpolitische und demografische Zentren im schwächelnden Europa und in der westlichen Hemisphäre der beiden Amerikas liegen, die von Washington unter Donald Trump verstärkt als Einflusssphäre reklamiert werden.

Mit der Wahl eines US-amerikanischen Papstes haben die Kardinäle die Abhängigkeit der Weltkirche vom Westen und Washington anerkannt. In einer von Asien dominierten Ordnung würde die Papstkirche eine signifikant weniger wichtige Rolle spielen als in der alten, von den USA dominierten Welt. 
Bereits heute lebt in den Vereinigten Staaten die viertgrößte katholische Bevölkerung nach Brasilien, Mexiko und den Philippinen. Seit dem Zweiten Weltkrieg besteht ein stabiles machtpolitisches Arrangement zwischen dem Heiligen Stuhl und den US-Eliten, das auch Konflikte überdauert, weil beide Seiten erkannt haben, dass sie aufeinander angewiesen sind. 

Die USA nutzen die Soft Power des Papstes in der Weltöffentlichkeit und in ihren diplomatischen Netzwerken. Der Heilige Stuhl profitiert im Gegenzug von der militärischen und geoökonomischen Hard Power der USA, auch durch Spenden der US-Katholiken. Dieses Arrangement ist aber alles andere als eine „Heilige Allianz“, wie Carl Bernstein die Kooperation zwischen Johannes Paul II. und Ronald Reagan gegen den Sozialismus einst im Time Magazine nannte. 

Neben den ideologischen Gegensätzen bestehen handfeste strukturelle Unterschiede. Ein Papst, der eine globale Diasporakirche führt, kann trotz ihrer westlichen Zentren nicht zum Militärgeistlichen Washingtons werden, sondern muss auf seine Unabhängigkeit achten. Eine US-Regierung, die diesen Sachverhalt verkennt, gerät trotz der gegenseitigen Angewiesenheit in den Konflikt mit dem römischen Pontifex. Da trifft es sich schlecht, dass Trump nicht gerade für solche Sensibilitäten bekannt ist.


Papst versus Präsident

Seit Ronald Reagan haben konservative Katholiken keine US-Regierung so stark geprägt wie die von Donald Trump in dessen zweiter Amtszeit. Unter Joe Biden, dem zweiten katholischen Präsidenten der Vereinigten Staaten nach John F. Kennedy, waren es liberale Katholiken, die einen signifikanten Anteil der Regierung stellten. 

Während konservative Katholiken den robusten Selbstbehauptungswillen des Westens unterstützen, auch wenn sie in den USA zuweilen kriegsmüde sind, tendieren liberale Katholiken zu einer global kooperativen Orientierung, die migrationsfreundlich ist und klimapolitische Maßnahmen unterstützt. 
Konservative Katholiken zeigen zwar in der Regel eine größere Treue zu Papsttum und Lehramt, geopolitisch räumen sie dem Heiligen Stuhl aber weniger Manövrierraum ein als liberale Katholiken. Sie sind Verfechter eines Kulturkampfs und unterstützen entschiedener den westlichen Selbstbehauptungswillen gegenüber aufstrebenden Mächten, wenn auch gelegentlich mit isolationistischen Tendenzen. 

Beides kommt dem Papsttum in Maßen nicht ungelegen, solange es ohne die direkte Unterstützung des Papstes auskommt. Denn das gewünschte robuste Auftreten des Papstes nach innen und außen würde dessen diplomatische Stellung in der Weltöffentlichkeit und in internationalen Beziehungen gefährden.
Aus dieser prekären geopolitischen Lage wechselseitiger Abhängigkeit speiste sich der Schlagabtausch zwischen Papst und Präsident im Kontext des Iran-­Krieges. 

Mit seiner Positionierung in der Debatte zur Künstlichen Intelligenz greift der Papst einerseits die libertäre Position der meisten amerikanischen Tech-Konzerne und der Trump-Regierung an. Gleichzeitig hat er aber auch den gemeinsamen ­Kontrahenten China im Blick, der uneingeschränkt auf die KI setzt, um die Vereinigten Staaten insbesondere in der Kriegsführung einzuholen.
 

Mahner des Friedens

Am 7. April 2026, dem Dienstag der Osterwoche, trat der Papst in Reaktion auf die Drohung Trumps, eine ganze Zivilisation auszulöschen, wenn der Iran nicht die Straße von Hormus freigäbe, vor die Mikrofone in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo. Der Papst rief alle Menschen, die guten Willens seien, dazu auf, ihre politische Führung zu friedlichen Lösungen auf dem Verhandlungsweg zu bewegen.

Da er es nicht bei einer Mahnung auf Italienisch beließ, sondern den Appell auf Englisch wiederholte, sich konkret gegen die Drohung Trumps wandte und explizit von „Con­gressmen“ sprach, die kontaktiert werden sollten, geriet diese Pressekonferenz in der Wahrnehmung mancher zur päpstlichen Kampagne gegen eine kriegsführende Nation.

Für andere blieb der Papst in seiner etablierten Rolle als Mahner des Friedens in der Weltpolitik. Offenkundig empfand sich der zunächst zurückhaltend kritische Papst durch Trumps Drohung mit dem Ende einer Zivilisation in seiner Rolle als Weltgewissen herausgefordert.

Mit diesem Rollenverständnis steht der Papst in einer langen Tradition. Zwar gab es auch Zeiten in der Geschichte der Katholischen Kirche, in denen die Päpste selbst Kriege führten. Doch unter dem Eindruck des Nationalismus des 19. Jahrhunderts hielt das Friedenspapsttum Einzug. 

Durch die Entwicklungen in beiden Weltkriegen sahen sich die Päpste in ihrer Vermutung bestätigt, dass im Kriegsfall die Loyalität der meisten Katholiken zur Nation größer wäre als das Gemeinschaftsgefühl unter Katholiken oder die Treue zum Papst, und aus dieser Erkenntnis ergab sich die Basis der päpstlichen Friedenspolitik: Gerade weil die Bedeutung der Nation hoch veranschlagt wird, darf kein Papst einer kriegsführenden Nation direkt in den Arm fallen, sondern muss sich darauf beschränken, alle Seiten zum Frieden zu mahnen. 

Diese rote Linie respektierte Leo XIV. angesichts der Drohungen Trumps gegen den Iran nicht eindeutig. Nüchtern betrachtet hatte Trump jenseits der wilden Rhetorik jedoch nur auf eine Gefahr hingewiesen: Ein Krieg würde Infrastrukturanlagen in einer wasserarmen Gegend treffen, denn der Iran hatte zuvor glaubwürdig angekündigt, dass er diese Anlagen zerstören würde. 

Aber Leo XIV. ging es eben gerade um die rhetorische Zuspitzung, die einer militärischen Eskalation den Weg ebnen konnte. Das widersprach dem Kalkül von Trump, der eigene Schwachpunkte gerne mit brachialen Drohungen kaschiert. Hinter dem Streit steht der Wunsch beider Beteiligten, ihr Standing in der Weltöffentlichkeit zu stärken und ihre Soft Power auszubauen.
 

Wohl kalkulierter Affront

Der US-Präsident reagierte mit seinem harschen Post auf Truth Social – allerdings nicht, wie oft, unmittelbar und im Affekt, sondern mit einigen Tagen Verzögerung und einem wohl kalkulierten Affront gegen den Papst. Und so eignet sich der auf den ersten Blick erratisch wirkende Angriff des US-Präsidenten auch gut, um lange Konfliktlinien und aktuelle Streitthemen aufzuzeigen.

Trump zielte in seiner Papstkritik sehr grundsätzlich auf die neutrale Friedenspolitik der Päpste und auf ihre Unabhängigkeit. Unverhohlen forderte er die Gefolgschaft des Papstes ein. Namentlich mokierte sich der Präsident über ein Treffen des Papstes mit dem Medienberater David Axelrod, der einst Obama zum Wahlsieg geführt hatte. Leo XIV. sei nur Papst, weil er, Trump, im Weißen Haus sitze und weil die Kardinäle einen Papst wollten, der mit ihm als US-Präsidenten auskomme. Da das derzeit nicht der Fall sei, habe Leo XIV. sein Verhalten zu ändern. 

Sogar die Corona-Krise fand Platz in Trumps Post – der Präsident warf dem Papst vor, sich auf die Seite einer „religionskritischen Linken“ zu stellen, die während der Pandemie die Religionsausübung eingeschränkt hatte. 

Nun waren es nicht nur kirchenfeindliche Linke, die zu Corona-Zeiten Einschränkungen für Gottesdienste verhängten, sondern Leos Vorgänger Franziskus. Und es waren eher die konservativen US-amerikanischen Kardinäle, die den Weg für Kurienkardinal Robert Francis Prevost geebnet hatten, den späteren Papst Leo XIV. 

Die Trump-Unterstützer unter den Kardinälen hatten bei ihrer Wahl von Prevost auf eine Aussöhnung zwischen Papst und Präsident spekuliert. Dass sie aber einen moderaten Parteigänger von Papst Franziskus auf den Thron hievten – oder, aus Donald Trumps Perspektive, einen radikalen Linken –, wurde vom US-Präsidenten als „schockierende Überraschung“ bezeichnet. Auch in den Wettbüros und unter Journalisten hatte man die Wahl des US-Amerikaners nicht als wahrscheinliche Option gesehen. 

Überraschend war die Wahl vor allem deswegen, weil sie mit einem alten geografischen Muster der Papstnetzwerke brach, das kaum in den offiziellen Debatten auftaucht, aber lange den personellen Kern der päpstlichen Machtpolitik ausmachte. Außer dem philippinischen Kardinal Tagle hatten alle als aussichtsreich geltenden Kandidaten eine Gemeinsamkeit: Sie stammten wie alle Päpste der Moderne aus Oberitalien oder dem Umkreis der untergegangenen Donaumonarchie. 

Hält man sich vor Augen, dass vor dem Polen Johannes Paul II. nur Oberitaliener zum Papst gewählt wurden, und stellt man in Rechnung, dass auch die Familie des Argentiniers Franziskus aus Oberitalien stammt, dann ist es umso bemerkenswerter, wie sehr sich Franziskus dafür engagierte, die alten Seilschaften zu entmachten. Venedig und Mailand – zwei Diözesen, die zusammen fünf und damit die Mehrheit der Päpste des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hatten, erhielten nun keinen Kardinalshut mehr. 

Mit Leo XIV. bekam Franziskus seinen Willen. Leo ist der erste Papst, der die Machtverschiebung von den katholischen Zentren und Netzwerken Oberitaliens und Mitteleuropas nach Amerika in seiner Person verkörpert. Für die Kardinäle mag dabei auch der Wunsch nach einer Besänftigung Trumps eine Rolle gespielt haben. Die langlaufenden geopolitischen und weltanschaulichen Positionierungen reichen aber weiter zurück und über die Präsidentschaft Donald Trumps hinaus.
 

Diplomatie und Vergebung

Dass der Plan einer Besänftigung des US-Präsidenten nicht aufgehen sollte, hatten wir schon erwähnt. Jedenfalls unterstützte Trumps katholischer Vize J. D. Vance im Streit zwischen Papst und Präsident seinen Chef, indem er Leo XIV. zur Vorsicht bei politischen Fragen mahnte und ihn an die Lehre vom gerechten Krieg erinnerte. Diese zielt zwar darauf, Kriege zu verhindern oder zumindest einzudämmen, belässt aber die Entscheidung über Krieg und Frieden in der Tat bei der weltlichen Führung, während der Pontifex Maximus sich auf die Rolle des Friedensmahners zu beschränken habe.

Doch Leo blieb standhaft – warum, erörterte er ausführlich in seiner Pfingst-Enzyklika. Erlaubt ist Leo zufolge nur Selbstverteidigung, und auch diese sei so eng auszulegen wie möglich. Der Papst verweist stattdessen auf Dialog, Diplomatie und Vergebung als probate Mittel der Friedenssicherung und brandmarkt die Rüstungsindustrie als Kriegstreiber, ja im Grund als primäre Kriegsursache. 

Leo XIV. verschiebt die ideologischen Positionen der Papstkirche weiter in Richtung Pazifismus, weil die Kirche jetzt noch mehr in einem Krieg zu verlieren hätte als alle seine Vorgänger in den Weltkonflikten seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der Pius IX. den Kirchenstaat kostete, weil Frankreich seine Schutztruppe aus Rom abziehen musste.


Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Päpste mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie die letzte selbsterklärte katholische Großmacht verloren. Seither müssen sie sich von Fall zu Fall entscheiden, welche ihrer ideologischen Gegner sie am wenigsten oder am meisten zu fürchten haben. Statt des Nationalismus, der sich nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchien als Bündnispartner aufdrängte, setzen sie seit dem Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf den Liberalismus.

Zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) und dem Pontifikat Johannes Paul II. (ab 1978) rechneten die Päpste durchaus mit einem Sieg des ­Sozialismus, zumindest in der postkolonialen Welt. Und mit Blick auf den Aufstieg Chinas schloss Franziskus die Wiederkehr des Sozialismus als Weltmacht nicht mehr aus. 

Sozialismus und Liberalismus mögen ideologisch für den Katholizismus herausfordernd sein – geopolitisch scheinen sie für eine universale Diasporakirche weniger unbequem. Denn die globale Perspektive dieser Kirche verträgt sich nicht mit dem aufkommenden Nationalismus im Westen und seinem Partikularismus. Dass der Nationalismus in seiner identitätspolitischen Neigung den Katholizismus gerne für seine Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung vereinnahmen würde, ändert daran nichts.
 

Machtpolitische Fragen

Der Westen und die Vereinigten Staaten sind zwar in einer Welt voller ideologischer Gegner die natürlichen Verbündeten des Papsttums, weil ihr Katholikenanteil hoch ist. Doch gerade der Westen steht seit Reformation und Revolution nicht für die reine Lehre des Katholizismus, sondern für einen säkularen Liberalismus, der mal stärker in Richtung Nationalismus, mal in Richtung Sozialismus driftet. 

Weltweit trifft der Papst zwar überall, wo er hinkommt, auf Katholiken. Doch in einer Position zu herrschen, sind sie nicht – nicht in ihren Zentren und schon gar nicht als Minderheit. Als religiöse Wettbewerber konkurrieren in Europa der Islam und in Lateinamerika die Freikirchen, und Atheismus und Agnostizismus machen dem Katholizismus in allen Teilen der Welt das Leben schwer. 

Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verfolgen die Päpste in der Welt das Ziel einer ökumenischen und interreligiösen Einbindung. Papst Franziskus war sogar bereit, dafür einen religionspluralistischen Kurs zu fahren, für den ihm seine Vorgänger die Lehrerlaubnis an jeder ­katholischen Fakultät verweigert hätten. 

Allerdings müssen sich die Päpste gelegentlich zwischen den Konfessionen und Religionen entscheiden. Ein wichtiger Leitstern ist dabei die machtpolitische Frage. Der Islam und muslimisch geprägte Länder werden deswegen politisch gegenüber Israel eher bevorzugt, auch wenn der theologische Dialog mit und die Nähe zum Judentum enger ist. 

Es sollte bis tief hinein ins Pontifikat von Johannes Paul II. dauern, dass Israel von der Katholischen Kirche anerkannt wurde. Dessen Vorgänger Paul VI. stand in einer antizionistischen Tradition, die mit einer Internationalisierung Jerusalems und der Heiligen Stätten des Christentums liebäugelte. 
 

Basis im Westen

Eine signifikante Minderheit von Christen gibt es nicht nur unter den Arabern des Heiligen Landes. Vom Irak über Syrien und den Libanon bis nach Gaza und Ägypten stehen römisch-katholische und mit Rom verbundene Kirchen unter staatlichem und sozialem Druck. Dieser wird nicht nur in Ländern mit islamischer Mehrheit, sondern auch in Israel und den besetzten Gebieten als belastend empfunden. Mit dem Iran unterhielt der Heilige Stuhl auch nach der Revolution von 1979 stabile diplomatische Beziehungen. An einer Neuordnung des Nahen Ostens unter der Führung Israels, der USA und Saudi-Arabiens, das bislang keine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl unterhält, hat der Vatikan jedenfalls kein großes Interesse.

Während Benedikt XVI. den Arabischen Frühling auch aus einer Perspektive interreligiöser statt säkularer Öffentlichkeiten begrüßt hatte, schaltete Franziskus in einen realpolitischen Eingrenzungsmodus. Er wollte den mörderischen Kriegen, die neben anderem zum Exodus der christlichen Minderheiten im Nahen Osten führte, um jeden Preis Einhalt gebieten. 

Dafür betrieb er die interreligiöse Öffnung von Abu Dhabi bis Singapur – beides Metropolen, in denen katholische Migranten den Anteil der Katholiken im Land signifikant erhöhen. Und dafür suchte der Papst die Nähe zu Russland als Schutzmacht gegen den sunnitischen Islamismus, was er auch nach dem Angriff auf die Ukraine nur nach und nach revidierte.

Mit diesem radikalen Kurs brach die Kurie schon, als der Papst noch im Sterben lag. Trumps katholischer Vizepräsident J. D. Vance war Ostern 2025 der letzte Besucher beim todkranken Franziskus. 

Mit der Wahl eines US-Amerikaners entschieden sich die Kardinäle für ihre machtpolitischen Netzwerke in Washington und London – König Charles III. war der vorletzte Staatsgast bei Franziskus – und für ihre demografische Basis in der westlichen Hemisphäre. 

Bei der Zusammenarbeit mit Russland in Nahost, der interreligiösen Kooperation mit islamischen Potentaten und dem Appeasement gegenüber China kann sich der Papst – anders als im Westen – nicht auf stabile Netzwerke oder eine Machtbasis von mobilisierbaren Massen stützen. Unter den Bedingungen des globalen Kapitalismus positionierte sich das Papsttum erfolgreich als sozialethische Kritikinstanz, profitierte dabei aber von der Pax Americana. Wenn sich die Welt in geopolitische Zonen aufteilt, ist das für das Papsttum eine Katastrophe. Es muss auf die USA und den Westen setzen, kann aber seine Diasporakirche nicht aufgeben.
 

Zuerst Papst und dann Amerikaner

Augustinus entwickelte seine Lehre vom gerechten Krieg unter dem Eindruck des Untergangs Westroms. Er starb in einer vo Vandalen belagerten Stadt. 
Nun fand der entscheidende Schlagabtausch zwischen Papst und Präsident während der Reise Leos XIV. nach Afrika statt, deren erste Station Annaba war, eine algerische Küstenstadt unweit der Ruinen des antiken Hippo Regius, der langjährigen Wirkungsstätte des Kirchenvaters. Leo erklärte auf einer Pressekonferenz an Bord des päpstlichen Flugzeugs, dass er sich vor der Trump-Regierung nicht fürchte und seine Aufgabe als Friedensmahner weiter wahrnehmen werde. Auf einer zweiten Pressekonferenz im Weiterflug der Afrika-Tour war er dann spürbar um die Glättung der Wogen bemüht.

Ende Juli erklärte Leo XIV. dem amerikanischen Publikum via NBC News, dass er zuerst Papst sei und dann Amerikaner. Anders als Augustinus, der sich vom untergehenden römischen Reich abgrenzte und ganz auf die „pilgernde Kirche“ setzte, bekennt sich Leo XIV. zur Liebe zu seinem Heimatland und preist dessen Prinzipien der Freiheit und der Toleranz. Wie Augustinus kann er die Kirche aber nicht an die taumelnde Weltmacht koppeln. Er muss zuerst aus der Perspektive der weltweit pilgernden Diasporakirche denken – und aus dieser Perspektive auch den Amerikanern predigen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 104-109

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Dr. Mariano Barbato ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Passau und Associate Professor (zugleich DAAD-Langzeitdozent) an der Andrássy Universität Budapest. Zuletzt erschien von ihm im August 2026 bei Campus „Die Legionen des Papstes. Machtpolitik von Leo XIII. bis Leo XIV.“.

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