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31. Aug. 2026

Die dunklen Seiten von Bitcoin & Co

Kriminelle schleusen so viel Geld durch den Kryptosektor wie nie zuvor. Mit geschickten Tricks
wickeln sie dort Drogendeals und andere Geschäfte ab. Doch die Ermittler machen Fortschritte.

Philipp Frohn
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Bild: Illustration von drei Stapeln goldener Bitcoin-Münzen vor einem stilisierten Finanzdiagramm.
Wenn Kryptogeld in die „echte“ Welt transferiert wird – ein Bitcoin-Schatz beispielsweise zum Kauf von Goldbarren verwendet werden soll –, wird es für Kriminelle oft brenzlich. Die Gefahr, entdeckt zu werden, steigt.

SpeedStepper war ein König in der digitalen Unterwelt. Als Administrator sorgte er dafür, dass bei Dream Market alles reibungslos lief – und „alles“ hieß vor allem: dass Käufer und Verkäufer rund um die Uhr mit Drogen, gestohlenen Daten und Produktfälschungen handeln konnten. Über die Plattform wurden zwischen 2013 und 2019 allein 450 Kilogramm Kokain und 90 Kilogramm Heroin verkauft, teilte die US-Antidrogenbehörde DEA mit. Bis zur Schließung war Dream Market einer der weltgrößten Handelsplätze im Darknet – jenem verborgenen Teil des Internets, wo Nutzer anonym kriminellen Geschäften nachgehen können.

Jahrelang gelang es SpeedStepper, im Verborgenen zu bleiben. Doch Mitte Mai nahmen Ermittler der Zentralen Kriminalinspektion Oldenburg den mutmaßlichen Strippenzieher fest. Die Fahnder durchsuchten Wohnungen und Bankschließfächer in Schleswig-Holstein und Hamburg. Ihre Aus­beute: 11,5 Kilogramm Gold, 20 000 Euro in bar – und Kryptowährungen im Millionenwert. 

Dass SpeedStepper auf einem so großen Bitcoin-Schatz saß, ist wenig verwunderlich. Cyberkriminelle zahlen vor allem mit Kryptowährungen. 
 

Anonyme Transaktionen

Für die meisten Anleger sind Bitcoin & Co reine Spekulationsobjekte: Investmentvehikel, mit denen sie auf eine hohe Rendite hoffen. Als Zahlungsmittel aber machen die starken Kursschwankungen Kryptowährungen eigentlich unattraktiv. Und trotzdem nehmen Darknet-Shops weder Euro noch Dollar an, sondern nur Cyberdevisen wie Bitcoin. Sie versprechen den Nutzern der illegalen Plattformen nämlich etwas, das klassische Überweisungen nicht bieten: dass sie ihre Geschäfte unbehelligt abwickeln können. 

Wer mit Kryptowährungen zahlt, braucht keine Bank, die bei fraglichen Transaktionen stutzig werden könnte. Nicht einmal dem eigenen Handelspartner müssen diejenigen, die im Darknet unterwegs sind, ihre Identität preisgeben. Für eine Transaktion brauchen Nutzer nur die Wallet-Adresse des Empfängers – quasi die IBAN in der Kryptowelt. Alles ohne Klarnamen, alles ohne Kontrolle. 

Seit 2011, als mit der Silk Road der erste Darknet-Schwarzmarkt an den Start ging, stehen Bitcoin & Co für viele Kritiker daher vor allem für Anrüchigkeit und Illegalität. Charlie Munger, der 2023 verstorbene Partner von Starinvestor Warren Buffett, sagte einmal: „Ich kann keine Währung gutheißen, die so nützlich für Entführer und Erpresser ist.“ Und auch US-Präsident Donald Trump, der heute so stark für die Kryptoindustrie lobbyiert wie kaum ein anderer Politiker, erklärte noch 2019, er sei „kein Fan von Bitcoin und anderen Kryptowährungen“, weil sie „rechtswidriges Verhalten begünstigen“.

Nun ist es nicht so, als würden ausschließlich Kriminelle Kryptowährungen nutzen. Im Gegenteil: Laut einem aktuellen Report des Analyseunternehmens Chainalysis gehen weniger als 1 Prozent aller Transaktionen des gesamten Krypto­handelsvolumens auf illegale Geschäfte zurück. Dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Prozentual betrachtet, wächst das Problem also nicht. 

Die wahre Dimension sieht man erst in absoluten Zahlen: Im Jahr 2020 standen noch Transaktionen im Wert von elf Milliarden Dollar im Zusammenhang mit kriminellen Geschäften. 2025 waren es bereits 154 Milliarden Dollar – ein neuer Höchststand. Noch nie zuvor haben Kriminelle so viel Geld in Bitcoin & Co umgesetzt wie heute. Und die Dunkelziffer könnte noch höher liegen.
 

Hilfreich bei Sanktionsumgehung

In den vergangenen Jahren machten klassische Betrugsmaschen, bei denen Anleger um ihr Geld gebracht werden, sowie Hacks, Drogenhandel oder Erpressungen den Großteil der illegalen Transaktionen aus. Nun stellen die Experten von Chain­alysis aber eine strukturelle Veränderung fest: Kriminelle nutzen Kryptowährungen zunehmend, um Sanktionen zu umgehen. Für Geschäftsleute aus sanktionierten Staaten wie Russland, Nordkorea und dem Iran bietet das Kryptosystem nun einen Umweg, um abseits regulatorischer Restriktionen Deals zu machen. 

Die Zahlen sprechen für sich: Gut zwei Drittel aller illegalen Kryptotransaktionen stehen mittlerweile im Zusammenhang mit Sanktionsumgehung. Vor allem Russland steht dabei im Fokus, zeigt ein Report von Chainalysis. Nachdem Russland infolge des Angriffskriegs auf die Ukraine von der westlichen Welt mehr und mehr isoliert worden war, habe sich eine „Krypto­schattenwirtschaft“ ­etabliert.

Den Token A7A5 nutzen den Analysten zufolge vor allem russische Unternehmen für grenzüberschreitende Überweisungen. Über spezielle Plattformen können sie Rubel gegen den Token tauschen, diesen an andere Handelsplätze senden, von dort ihre A7A5-Einheiten gegen eine andere Kryptowährung einwechseln und letztlich „auscashen“. Der Emittent des ­Tokens weist die Vorwürfe zurück. 
 

Einfach wie noch nie

Die Kryptowelt macht Online-Kriminalität so einfach wie noch nie. Der Mann hinter dem Pseudonym SpeedStepper war lange vorsichtig. Erst drei Jahre nach dem Aus der Darknet-Plattform Dream Market, im November und Dezember 2022, soll sich laut den US-Behörden jemand Zugriff auf die Kryptowerte verschafft und sie in neue Wallets transferiert haben. Das bedeutet: Jemand mit Insiderwissen hat die Bitcoins abgehoben und an andere digitale Brieftaschen gesendet. Und dieser Jemand war aus Sicht der US-Ermittler SpeedStepper.

Einige Monate später soll er ein US-Kryptounternehmen damit beauftragt haben, von seinem Bitcoin-Schatz Goldbarren zu kaufen und diese nach Deutschland zu schicken. Und hier dürfte er wohl in die Falle getappt sein. Spätestens wenn Kriminelle ihr Kryptogeld in die „echte“ Welt transferieren wollen, drohen sie, entdeckt zu werden.

Die allermeisten Kryptowährungen sind in Wirklichkeit nämlich nicht ano­nym, sondern pseudonym. Der Unterschied ist keine Haarspalterei. Um das zu verstehen, bedarf es ein wenig Krypto­theorie. Die Herzkammer einer Krypto­währung ist die Blockchain. Das ist ein digitales Datenprotokoll, in dem sämtliche Transaktionen gespeichert sind und das für jeden öffentlich einsehbar sind – unwiderruflich und fälschungssicher.

Bei dezentralen Börsen gibt es keine Kontrollmechanismen, keinen Regulator, der eingreifen kann

Nun ist dort nicht herauszulesen, dass Herr Müller ein Gramm Kokain von Frau Meier gekauft hat. Doch jeder Wallet ist eine Adresse zugeordnet. Sie besteht aus einer etwa 30 Zeichen langen Buchstaben- und Zahlenkette. Und diese bietet Kriminalbeamten Anhaltspunkte bei ihren Ermittlungen. Beispielsweise können sie nach Auffälligkeiten und wiederkehrenden Mustern suchen, ob eine Wallet regelmäßig Überweisungen von einer anderen erhält.

Nicht selten komme es laut Fahnderkreisen vor, dass bei Ermittlungen, zum Beispiel im Drogenmilieu, Wallets sichergestellt würden. Händigen die Verdächtigen die privaten Schlüssel zu ihrer Wallet aus, kommen die Beamten nicht nur an die Kryptowerte, sondern erhalten auch Einblick in die Transaktionskette. Futter für weitere Ermittlungen, sozusagen.
 

Finanzielle Spuren

Kareem Carter von der US-Steuerfahndungsbehörde IRS Criminal Investigation erklärt das mit Blick auf den Erfolg rund um Dream Market so: „Die Akteure mögen sich im Verborgenen halten, doch ihre finanziellen Spuren bleiben bestehen.“ Etwas flapsiger formuliert es eine Ermittlerin hinter vorgehaltener Hand: „Hast du einen, hast du alle.“ Manche Kriminalbeamte sind sogar fast dankbar, wenn Kriminelle mit Kryptowährungen statt mit Bargeld bezahlen. 

Komplizierter ist es, wenn es noch keinen Vorstoß in der analogen Welt gab. Sogar wenn die Ermittler stichhaltig nachweisen können, dass eine Wallet-Adresse mit illegalen Geschäften in Verbindung steht, wissen sie noch immer nicht, wer sich dahinter verbirgt. Erst wenn die Kriminellen ihre Kryptowerte in „echtes Geld“ – im Fachjargon Fiatgeld genannt –, also in reale Währungen wie Euro oder Dollar tauschen wollen, müssen sie ihre wahre Identität bei einem regulierten Finanzdienstleister preisgeben. 

Das wissen auch die Kriminellen – und machen es den Ermittlern daher so schwer wie möglich, ihnen auf die Schliche zu kommen. Sie achten zum Beispiel darauf, die Transaktionskette so lang und kompliziert wie möglich zu gestalten. In der Kryptoszene spricht man von „Layering“. Das bedeutet, dass die Täter mehrere ­Wallets halten. Sie schicken die Kryptowerte mehrmals hin und her, um ihre kriminelle Herkunft möglichst gut zu vertuschen. 

Andere greifen auf sogenannte Mixer zurück. Hier geben mehrere Nutzer ihre Coins in einen großen Pool aus „schmutzigen“ Kryptomünzen und „sauberen“, die nicht im Zusammenhang mit kriminellen Geschäften stehen. In mehreren Transfers werden sie so gemischt, dass die Quelle der Transaktion nicht mehr herausgefunden werden soll.

Einige Kriminelle setzen auch auf technologische Verschleierung durch sogenanntes Chain-Hopping: Vereinfacht gesagt, wird eine Kryptowährung von einer auf eine andere Blockchain umgewandelt. In einem ersten Schritt werden zum Beispiel die Bitcoin-Münzen auf die Ethereum-Blockchain übertragen, anschließend auf solche anderer Kryptoprojekte wie Solana oder Avalanche. Je mehr Chain-Hopping ein Nutzer betreibt, umso höher die Komplexität – und desto schwieriger werden strafrechtliche Ermittlungen.

Das Land Hessen veräußert mittlerweile regelmäßig beschlagnahmte Kryptowährung 

Und manche Kriminelle nutzen sogar Kryptowährungen, die wirklich anonym sein sollen. Im Fokus steht dabei vor allem Monero. Anders als bei Bitcoin & Co sind Absender, Empfänger und Betrag einer Transaktion so verschleiert, dass der Blockchain-Eintrag öffentlich nicht nachverfolgbar ist. 

Mittlerweile greifen Kriminelle zwar wieder verstärkt auf Bitcoin oder auf sogenannte Stablecoins zurück. Das sind Digitalwährungen, die an eine Fiatwährung gekoppelt sind und die immer einem Euro oder einem Dollar entsprechen sollen. Beide sind leichter handelbar und auch weiter verbreitet. Dennoch sind Privacy Coins wie Monero Ermittlern und Finanz­aufsehern weiterhin ein Dorn im Auge.

Nun erhalten sie Rückenwind von der Politik. Im Kampf gegen Geldwäsche verschärft die EU ihre Gangart: Ab Juli 2027 sind in der EU Privacy Coins wie Monero, Zcash und Dash verboten. Außerdem müssen Kryptodienstleister dann bei Trans­aktionen ab 1000 Euro Identitätsprüfungen durchführen. 

Allerdings: Die neuen Verordnungen betreffen nur zentrale Kryptodienstleister, und die sind für Kriminelle uninteressant. Wer auf Kryptobörsen wie Coinbase, Bitpanda & Co handeln möchte, muss zunächst seine Identität verifizieren. Ehe die schmutzigen Coins deren Infrastruktur durchlaufen, sind sie längst über andere Plattformen so gut es geht reingewaschen worden. Registrieren die großen Kryptobörsen ungewöhnliche Handelsaktivitäten oder gibt es Hinweise, dass das Kryptogeld aus fraglichen Transaktionen stammt, müssen die Handelsplätze eine Geldwäscheverdachtsmeldung bei der Financial Intelligence Unit einreichen. Kurzum: Der Bereich ist bereits reguliert.

Anders sieht es bei dezentralen Börsen (DEX) aus. Die Handelssysteme laufen weitgehend automatisiert über Protokolle. Im Unterschied zu zentralen Kryptobörsen gibt es keine Kontrollmechanismen, keinen Regulator, der eingreifen kann. Sie sind so etwas wie der Wilde Westen der Kryptowelt. Anleger übernehmen selbst die Verwahrung ihrer Kryptowerte in „self-hosted“ Wallets. Wer sich dort herumtreibt, lebt den ursprünglichen Kryptogedanken der Dezentralität. Oder sucht ein Werkzeug, um in der Kriminalität zu operieren. 

Es ist daher fraglich, ob die neuen EU-Verbote den gewünschten Effekt haben: Selbst wenn hier aktive Plattformen stärker reguliert werden, könnten Kriminelle ihre dreckigen Coins über ausländische Anbieter, die keine Fragen stellen, reinwaschen – und schlussendlich über zentrale Börsen vermeintlich gänzlich sauber waschen.
 

Katz-und-Maus-Spiel

So bleibt die Strafverfolgung ein Katz-und-Maus-Spiel. Aber immerhin eines, in dem die Katze besser wird. In den vergangenen Jahren haben Ermittler große Fortschritte bei der Bekämpfung von Kryptokriminalität gemacht. Als Paradebeispiel gilt dafür die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, die regelmäßig Darknet-Server lahmlegt, Hintermänner dingfest macht und dabei immer wieder Kryptowerte konfisziert. In den Asservatenkammern der Strafverfolger schlummern wohl millionenschwere Bitcoin-Vermögen.

Die Frankfurter haben einen Weg gefunden, um die Coins wieder in Umlauf zu bringen. In Kooperation mit dem Kryptospezialisten Tradias verkauft das Land Hessen immer wieder Kryptowährungen. Das Beispiel macht Schule. 2024 veräußerte auch das Land Sachsen etwa 50 000 Bitcoins, die im Zuge von Ermittlungen gegen das illegale Streamingportal ­Movie2k beschlagnahmt worden waren. Der Verkauf spülte 2,64 Milliarden Euro in die Staatskasse. Kleiner Wermutstropfen: Es hätte doppelt so viel sein können, wenn Sachsen die Bitcoins bis zum Rekordstand 2025 gehalten hätte.                  

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 43-47

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Philipp Frohn ist Redakteur im Ressort Finanzen und Immobilien bei der WirtschaftsWoche.

 

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