IP Special

31. Aug. 2026

„Deutschland war lange ein Paradies für Geldwäsche“

Boomender Drogenhandel, Kryptowährungen und verschwimmende Grenzen zum Terrorismus: ein Interview über Organisierte Kriminalität in Europa.

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Bild: Porträts von Prof. Dr. Neumann und Dr. Hauser vor grauem Hintergrund

IP: Organisierte Kriminalität (OK) galt in Europa lange als nachrangiges Problem. Inzwischen spricht Europol von einer „veränderten DNA“ der OK. Die 2025 auf den Weg gebrachte interne Sicherheitsstrategie der EU zählt OK zu den zentralen Bedrohungen. Wie groß ist das Problem in Europa heute? 
Peter Neumann: Mein Eindruck ist, dass die von der OK ausgehenden Gefahren größer geworden sind. Die Frage, die sich für mich als Sicherheitsexperten immer stellt, ist allerdings, ob sie eine strategische Bedrohung ist – ob sie die grundsätzliche Funktionsweise unserer Demokratien und unserer Wirtschaftssysteme infrage stellt. So weit sind wir in vielen europäischen Ländern noch nicht. Aber da könnten wir hinkommen, wenn sich die Trends fortsetzen. 
Wie das aussehen könnte, das beobachten wir in anderen Teilen der Welt: in Lateinamerika, in Afrika, in Teilen Asiens. Dort stellt die OK tatsächlich die Funktionsweise des Staates und auch die Grundlagen der Lebensweise infrage. 
Zora Hauser: Die Frage ist, ob sich die Organisierte Kriminalität verändert hat oder unsere Wahrnehmung des Phänomens. Die wenigen Studien, die es gibt, zeigen im Grunde eine große Kontinuität von den 1970er Jahren bis heute. Die Präsenz der OK ist keine neue Entwicklung. In Staaten wie den Niederlanden oder Deutschland sind OK-Strukturen seit Jahrzehnten verankert. Was sich verändert hat, ist unser Wissen über die OK und wie wir die Informationen interpretieren. Mit anderen Worten: Wir sehen heute Probleme, die wir vor zehn Jahren noch nicht wahrgenommen haben – was aber nicht heißt, dass sie damals nicht bereits bestanden.
Und völlig richtig: Die Bedrohung, die von der OK für Staaten in Lateinamerika – Mexiko, Kolumbien oder Ecuador – ausgeht, lässt sich mit der für europäische Staaten nicht vergleichen. Es ist eine andere Situation. Ein Land wie Belgien etwa als „Narco-Staat“ zu bezeichnen, ist eine Übertreibung. Wir müssen differenzierter vorgehen und verstehen, welche Art der Bedrohung von der OK heutzutage wirklich für Europa ausgeht.

Was neueren Datums ist, ist beispielsweise die Digitalisierung von Strukturen, die auch die OK nutzt.
Hauser: Ja, das stimmt. Die Kommunikation hat sich verändert. Und Plattformen wie Sky ECC und EncroChat haben die Marktzugänge für den Kokain-, Drogen- oder Waffenhandel verändert und die Möglichkeiten verbessert, den europäischen mit dem lateinamerikanischen Markt zusammenzubringen. Was wir über solche Plattformen auch beobachten, ist die Praxis des „Crime-as-a-Service“, wo bestimmte kriminelle Leistungen angeboten und gekauft werden. 
Zudem spielen soziale Medien eine immer wichtigere Rolle. Hier inszenieren OK-Gangs Gewalt, Zugehörigkeit und Identität auf neue Weise, über Bilder, Videos und Musik. In diesem Sinne haben soziale Medien und Plattformen die OK verändert. Allerdings: Was sich eigentlich verändert hat, das sind die Gesellschaften, und mit ihnen eben auch die Kriminalität. 
Neumann: Technologie ist schon ein sehr großer Treiber von Veränderungen. Das gilt für den Terrorismus genauso wie für die OK. Die wahrgenommene Anonymität im Internet hat zu vielen Hochrisikoaktivitäten ermutigt. Das betrifft die politische Radikalisierung ebenso wie kriminelle Aktivitäten – weil man sich vermeintlich anonymer organisieren kann. Die Strafverfolgungsbehörden kommen da immer noch nicht so recht hinterher, was auch damit zu tun hat, dass sie nicht so internetaffin sind wie bestimmte Kriminelle oder terroristische extremistische Gruppen; zudem fehlen ihnen die Befugnisse dafür. Die Kriminellen sind in dieser Sphäre denjenigen voraus, die sie bekämpfen wollen. Ein anderer, ganz wichtiger Punkt: das Aufkommen von sogenannten Kryptowährungen.

... digitale, dezentrale Zahlungsmittel, die nicht von Zentralbanken kontrolliert, sondern durch kryptografische Verfahren in Rechnernetzwerken gesichert werden … 
Neumann: Kryptowährungen sind mittlerweile die präferierte Zahlungsmethode für weite Teile der OK. Sie erlauben es, Zahlungen durchzuführen, ohne dass diese sich effektiv nachverfolgen lassen. Das löst aus Sicht der OK ein ganz großes Problem. In der Vergangenheit hat man das Bankensystem gemieden und war auf Bargeld angewiesen, was wiederum zu Schwierigkeiten geführt hat. Es gibt Berichte über mexikanische Kartelle, die nicht wussten, was sie mit den Lastwagenladungen voller Bargeld anfangen und wie sie diese gewaschen bekommen sollten. Welche Bank wäre bereit, einen Lastwagen voller Ein-Dollar-Scheine anzunehmen und diese dann in das Bankensystem zu überführen? Kryptowährungen lösen dieses Problem zumindest zum Teil; sie machen Strafverfolgungsbehörden überall auf der Welt das Leben ausgesprochen schwer. 
Normale Währungen wie der Euro, der Dollar oder das britische Pfund repräsentieren Volkswirtschaften samt Zentralbanken; sie geben den Währungen ihren Wert. Hinter Kryptowährungen dagegen, so hieß es lange Zeit, stehe gar nichts, das sei reine Spekulation. Aber ich würde argumentieren, dass dahinter die illegale Wirtschaft steht, die dieser Währung ihren Wert gibt. Laut Schätzungen haben 85 Prozent aller Transaktionen, die in Krypto stattfinden, einen illegalen Hintergrund. 

Dieses Bild von der Organisierten Kriminalität, das wir alle aus Filmen und Büchern in den Köpfen haben, mit einem Paten an der Spitze und Clanstrukturen, die dahinterstehen – ist das noch zeitgemäß? 
Hauser: Diese Figur des Paten war stets fern der Realität, Teil eines etwas romantisierten Bildes. Die Organisierte Kriminalität ist heute geradezu „bourgeois“ geworden. Wenn wir uns einen Kriminellen vorstellen wollen, dann müssen wir das Bild eines Geschäftsmanns vor Augen haben. Laut Europol operieren über 70 Prozent der kriminellen Strukturen, die in Europa aktiv sind, über die legale Wirtschaft. Und das bedeutet, dass sie legale Geschäfte und Unternehmen führen, die dann genutzt werden, um Drogenhandel zu betreiben, Geld zu waschen oder andere zu bedrohen. 
Ein „Mafioso“ ist also in der Regel jemand, der sein eigenes Geschäft betreibt, Einkünfte bei der Bank einzahlt und Menschen einstellt. All das dient dem Ziel, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration sowie Legitimität herzu­stellen – oder zumindest den Anschein zu erzeugen. Mit diesem Phänomen klarzukommen, ist heute eine der größten Herausforderungen für uns. Es gibt natürlich auch Kriminelle, die eher dem Klischee entsprechen – die mit großen Autos auf der Straße unterwegs sind und dem Staat grundsätzlich misstrauen; eine Gruppe von Leuten, die sich vom Rest der Gesellschaft abschottet. Aber mindestens ebenso gefährlich sind diejenigen, die unter dem Radar bleiben – etwa der Pizzabäcker um die Ecke, der zum Bürgermeister sagt: „Ich kann dir bei deinen politischen Veranstaltungen helfen. Warum arbeiten wir nicht zusammen, damit es uns allen besser geht?“ Diese Verzahnung mit der legalen Wirtschaft macht es schwierig, Kriminelle zu erkennen – und für die Ermittlungsbehörden ist es oft nicht leicht, Straftaten zu ermitteln und sie vor Gericht zu bringen.

Das Operieren in Netzwerken ist ja typisch für die Organisierte Kriminalität. Welche dieser Netzwerke sind, geografisch betrachtet, in Europa derzeit die wichtigsten? 
Hauser: Da wären die klassischen Gruppierungen, etwa solche vom Westbalkan, italienische Mafiaorganisationen und vermehrt auch familiäre Clanstrukturen. Gleichzeitig beobachten wir neue Player, die sich in flexibleren Netzwerken organisieren, unterschiedliche Hintergründe zusammenbringen und vor allem markt­orientiert agieren. 

Um welche Art von Geschäften geht es da? 
Hauser: Wir beobachten ein dynamisches Wachstum beim Kokainmarkt. Früher galt das für die Vereinigten Staaten, heute gilt es für Europa. Das Volumen an Kokain, das nach Europa kommt, ist in den vergangenen zehn Jahren um über 500 Prozent gewachsen. Und die Häfen, in denen die Ware aus Lateinamerika ankommt, sind heute stärker im Norden Europas zu verorten, Hamburg spielt eine sehr wichtige Rolle; früher waren es Häfen im südlichen Europa. Allerdings: Die Haupteintrittshäfen für Kokain ändern sich ständig, es ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel. Die Schmuggelrouten verlagern sich immer wieder von einem Hafen zum nächsten und teilweise auch wieder zurück.
Hinzu kommt ein Boom bei den synthetischen Drogen. Nicht nur gibt es mehr davon, die Angebote werden auch immer variantenreicher. Und wir sehen auch, dass Kriminelle aus Lateinamerika, vor allem aus Mexiko, jetzt selbst nach Europa kommen, um etwa in Polen eigene Labore aufzubauen und dort synthetische Drogen zu produzieren. Also Innovation und Lokalisierung, wie sie legale Unternehmen auch betreiben.

„Geringe Gewalt ist eigentlich stets ein Zeichen, dass ein krimineller Markt erfolgreich ist.“

Wie sieht es mit dem Einsatz von Gewalt aus?
Hauser: Da verändert sich gerade einiges. Wir beobachten Organisationen, die ganz wenig Gewalt ausüben, und solche, die fast unstrategisch gewalttätig sind und auf einmal sehr aggressiv gegenüber dem Staat auftreten. In den Niederlanden bedroht die sogenannte Mocro-Mafia Staatsanwälte und Journalisten, quasi eine Art Überreaktion seitens der OK. In London kommt es mehr und mehr zu Bedrohungen derjenigen, die gegen Geldwäsche ermitteln. In Schweden beobachten wir Gewalt zwischen Clans in einem erheblichen Ausmaß, einschließlich Morden. In Italien ist die Gewalttätigkeit der OK dagegen rückläufig. Insgesamt gilt: Die meisten OK-Aktivitäten kommen ohne Gewalt aus. 
Neumann: Ein ganz wichtiger Punkt, den viele Leute missverstehen, ist, dass eine steigende „Lautstärke“ der OK nicht gleichbedeutend ist mit ihrem Anwachsen. Es gibt Länder wie Italien, wo die OK nach wie vor sehr aktiv ist, der Markt aber ausgesprochen stabil bleibt und keine Notwendigkeit besteht, mit großer Gewalt auf sich aufmerksam zu machen. Es gibt aber auch Märkte in Deutschland, in den Niederlanden, in Belgien, die sich sehr stark verändern, wo verschiedene Gruppen um Einfluss kämpfen und dann eben die Organisierte Kriminalität sehr, sehr laut wird. Aber das ist nicht unbedingt gleichbedeutend damit, dass die OK insgesamt wächst. Wir bekommen nur mehr davon mit, weil es plötzlich Schießereien gibt, Leute erpresst werden oder der Staat angegriffen wird.
Hauser: Geringe Gewalt ist eigentlich stets ein Zeichen, dass ein krimineller Markt erfolgreich ist – gewissermaßen das genaue Gegenteil von Terrorismus.
Neumann: Ein gutes Beispiel sind die „Mafiamorde von Duisburg“ 2007, begangen von der ’Ndrangheta, als sechs Menschen erschossen wurden. Danach gab es unglaublich viel Aufmerksamkeit für die ’Ndrangheta, die dann wieder zurückging. Aber die ’Ndrangheta ist nach wie vor in Deutschland aktiv, wahrscheinlich aktiver als je zuvor ... 
Hauser: ... und sie war auch schon vor Duisburg seit über 30 Jahren aktiv. 

Ein weiterer Trend, der sich abzeichnet, sind die schwindenden Trennlinien zwischen Organisierter Kriminalität und Terrorismus. So stufte die Trump-Regierung im Februar 2025 mexikanische Drogenkartelle als „ausländische terroristische Vereinigungen“ ein. Dschihadistische Netzwerke weisen häufig ähnliche Strukturen und Arbeitsweisen wie die OK auf. Wie sehen Sie das?
Neumann: Wir sind dieser Frage neulich mit einem Kollegen aus Kolumbien für einen wissenschaftlichen Artikel nachgegangen. Wir haben einige der Organisationen untersucht, die von der Trump-Regierung als terroristisch eingestuft wurden. Obwohl es sehr viele unterschiedliche Definitionen gibt, hat der Terrorismus letztlich zwei Merkmale. Das erste: Er nutzt symbolische Gewalt, die die Absicht hat, die Bevölkerung oder bestimmte Zielgruppen einzuschüchtern, zu manipulieren, Schrecken zu verbreiten. Wir beobachten den Einsatz dieser Art von Gewalt, also von terroristischen Taktiken, bei vielen dieser kriminellen Gruppen. Besonders brutal gehen diese Gruppierungen in Mexiko vor, mit Enthauptungen und anderen Gräueltaten – wahrscheinlich noch brutaler als vieles von dem, was wir von Terroristen sonst so gewohnt sind. 
Aber der entscheidende, zweite Punkt ist die Motivation: Gibt es eine politische Triebfeder? Versucht die Gruppe, eine alternative Form von Regierung oder Herrschaft zu etablieren? Und das trifft eben in den meisten Fällen nicht zu. Wenn Sie sich zum Beispiel das Sinaloa-Kartell anschauen, das größte, am längsten etablierte Drogenkartell in Mexiko, angeführt bis 2017 von „El Chapo“, der dann in den USA vor Gericht stand und jetzt im Gefängnis sitzt. Der hat sich in seinem Leben nicht einmal politisch geäußert. „El Chapo“ hatte überhaupt kein Interesse daran, in Mexiko eine andere Regierungsform zu etablieren. 

Weil er mit den bestehenden Regierungen gut auskam?
Neumann: Genau. Er war bekannt dafür, dass er sehr gut darin war, die existierenden Regierungen in Mexiko zu infiltrieren, zu manipulieren und zu korrumpieren mit dem Ziel, seinen Kokainhandel leichter abwickeln und bessere Geschäfte machen zu können. Der Mann hatte kein politisches Interesse. Und das unterscheidet ihn von einem Terroristen, dessen Ziel es ist, in einer bestimmten Gesellschaft die Art und Weise, wie regiert wird, fundamental zu verändern – im Falle von muslimischen Extremisten hin zu einem islamistischen System. Und das sehen wir eben bei vielen dieser Gruppen aus Lateinamerika und der Karibik, die als terroristisch eingestuft wurden, nicht. In bestimmten Konfliktzonen, etwa in Libyen oder Syrien, gibt es Kriminelle, die auf der einen Seite sehr intensiv an illegalen Märkten teilhaben und sich auch so finanzieren. Zugleich bilden sie politische Gruppen in dem Sinne, dass sie ein Programm haben, einen Grund dafür, warum sie kämpfen. Hier verschwimmen dann tendenziell die Grenzen zwischen OK und Terrorismus, typischerweise im Kontext von Bürgerkriegen.
Hauser: Ich stimme völlig zu. Und man sollte auch fragen: Woher kommt der Wille, OK als Terrorismus einzustufen? Ich glaube, Teil der Antwort ist die Erkenntnis, dass kriminelle Organisationen eine Gefahr für politische Systeme sein können. Und das, ohne politisch zu sein in dem Sinne, wie Ter­rororganisationen es sind. Dennoch sind sie eine Gefahr für die innere Sicherheit eines Staates. Weder die italienische Mafia noch das Sinaloa-Kartell sind Terrorgruppen, aber das bedeutet nicht, dass sie keine Bedrohung für das politische System sind. Man muss diese Gruppen getrennt betrachten und dennoch die Bedrohung ernst nehmen, die von ihnen ausgeht. Dafür mangelt es noch an Begrifflichkeiten.
Neumann: Völlig richtig. Eine im Grunde unpolitische Organisation wie ein Drogenkartell, das nur Geschäfte machen will, kann trotzdem zu einer strategischen und politischen Gefahr für einen Staat werden. Und weil wir dafür kein Wort haben, sprechen wir von Terrorismus. Das ist das eigentliche Defizit. 
 

Russland, der Iran und Nordkorea setzen kriminelle Strukturen gezielt für die Sanktionsumgehung oder auch für Sabotage ein – Stichwort Geokriminalität. Wie schätzen Sie dieses Zusammenspiel von staatlichen und kriminellen Akteuren ein?
Neumann: Die drei Beispielstaaten, die Sie genannt haben, agieren in der Tat so, aber auf jeweils unterschiedliche Weise. Nordkorea ist wohl das extremste Beispiel. Ein Staat, der stark sanktioniert ist, der kaum noch legale Geschäfte betreiben kann und der auch der Welt eigentlich nichts anzubieten hat, finanziert sich zu einem erheblichen Prozentsatz durch illegale und zum Teil kriminelle Aktivitäten. Da geht es um das illegale Herstellen von Arzneimitteln und verschiedenen synthetischen Drogen, um Geldwäsche, Waffenexporte und eine breite Palette weiterer illegaler und krimineller Aktivitäten. Besonders spezialisiert ist das Land auf Cyberkriminalität, wo es seine Dienste direkt anbietet.

Wie sieht das bei Russland und dem Iran aus?
Neumann: Der Iran macht das in den meisten Fällen indirekt. Seine „Proxies“ wie die Hisbollah finanzieren sich durch die Betätigung in kriminellen Milieus, Drogenhandel inklusive, aber auch durch Diamantenschmuggel. Im westlichen Ausland arbeitet der Iran, und das ist gut belegt, mit kriminellen Gruppen zusammen. Derzeit steht die Gruppe Hayi im Fokus – über sie wirbt der Iran im Internet Leute aus dem kriminellen Milieu an, um solche Anschläge durchzuführen. Teheran selbst legt Wert auf einen Deckmantel und auf „plausible deniability“, also die Möglichkeit, eine Beteiligung halbwegs glaubhaft zurückweisen zu können.
Bei Russland spielt Sanktionsumgehung eine große Rolle, aber das Land mischt auch bei Kryptowährungen immer stärker mit – staatliche russische Stellen wickeln in wachsendem Maße Geschäfte darüber ab. Moskau ist praktisch gezwungen, mit Vertretern der Organisierten Kriminalität zusammenzuarbeiten, um die Sanktionen zu umgehen. Und dadurch werden auch hier die Schnittmengen mit der OK immer größer.


Wie groß sind die ökonomischen Folgen der OK?
Hauser: Es gibt viele Studien dazu, wie sich OK auf die legale Wirtschaft auswirkt, aber ich bin da immer ein bisschen skeptisch, denn genau wissen wir es nicht. Oft ist die Rede von „50 bis 100 Milliarden Euro“ an illegalen Geldern, die jedes Jahr nach Deutschland fließen – eine zu breite Spanne, um aussagekräftig zu sein. Dass es einen Effekt gibt, lässt sich aber nicht bestreiten. Und die Effekte sind vielfältig. Der Wettbewerb wird verzerrt, illegales Geld ist ein Treiber für Betrug, Geldwäsche­aktivitäten, Steuerhinterziehung oder direkte Korruption, wie wir es auch in Deutschlands neuerdings erleben. Kürzlich stand ein Staatsanwalt vor Gericht und wurde zu mehr als acht Jahren Haft verurteilt, weil er vertrauliche Informationen an Drogenhändler weitergegeben hatte. Da ging es um 16 Tonnen Kokain, die in Hamburg ankamen; Staatsanwälte, Polizeibeamte und OK hatten zusammengearbeitet.

„Online-Betrug wird in Asien quasi fabrikmäßig betrieben. Tausende arbeiten Tag und Nacht“

Wir hatten es schon angesprochen, aber nochmal konkret: Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Online-Betrug gilt als eine der am schnellsten wachsenden Kriminalitätsformen in Europa …
Neumann: Eine immer größere Rolle, die wir aber nicht richtig einschätzen können. Dabei wird mit Verweis auf Kriminalitätsstatistiken oft gesagt: Die Kriminalität sinkt. Aber im Grunde verlagert sich nur ein Großteil der Kriminalität, die früher auf der Straße stattgefunden hat, in den Online-Bereich, und dort wird sie nur sehr selten angezeigt. Banken etwa haben wenig Interesse daran, dass Kreditkartenbetrug angezeigt wird. Man erhält eine Rückerstattung, aber eine Strafverfolgung findet selten statt. Auch große Technologiekonzerne haben wenig Interesse, das wirklich zu quantifizieren, weil es nämlich zeigen würde, dass das ein erhebliches Problem ist. 
Hauser: Wie profitabel Online-Betrug ist, lässt sich ja auch daran ablesen, dass er in Asien quasi fabrikmäßig betrieben wird. In sogenannten „Factories“ in Ländern wie Myanmar oder Thailand sitzen Tag und Nacht Tausende, die oft unter schlimmen Bedingungen nichts anderes tun, als Leute, die auf der anderen Seite der Welt leben, in Amerika oder Europa, online zu betrügen.


Wie kann man OK am besten bekämpfen?
Neumann: Derzeit ist die Situation so, dass der Staat, besonders in Deutschland, in zweierlei Hinsicht im großen Nachteil ist. Die OK ist globalisierter geworden, aber Polizei und Strafverfolgung bleiben immer staatlich begrenzt. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass die OK immer digitaler wird und dass auch in dieser Hinsicht unsere Strafverfolgungsbehörden nicht im notwendigen Maße hinterherkommen – mangels Befugnissen, mangels technischer Ausstattung und oft auch mangels Kompetenz. Ein ganz einfaches Beispiel: Wir haben in Deutschland noch nicht mal ein nationales Immobilienregister. Nehmen wir einmal an, es gibt einen bekannten Mafioso, der sich angeblich in Deutschland 100 Wohnungen gekauft hat: Wie findet man das raus? Man muss jedes einzelne kommunale Immobilienregister in Deutschland abfragen.

Hauser: Weder auf deutscher noch auf europäischer Ebene haben wir eine Strategie. Wir haben nur eine Liste von Prioritäten im Kampf gegen die OK, die sich genau so liest – eine Liste von Prioritäten, viel zu lang und zu unkonkret. Jede neue Regierung kommt mit neuen Prioritäten, die Liste wird ein bisschen umformuliert, aber mehr geschieht eigentlich nicht. Wir brauchen eine Strategie, die auf europäischer Ebene formuliert und dann in jedem EU-Mitgliedstaat systematisch umgesetzt wird. Die bestehende Geldwäsche-Direktive kann dabei Vorbild sein – und wir brauchen innerhalb der EU vor allem Vernetzung. Es kann nicht sein, dass wir zwischen europäischen Staaten problemlos reisen können, aber dass die Behörden immer noch nicht problemlos miteinander arbeiten können. Das hat sich verbessert, aber es funktioniert immer noch nicht in der notwendigen Geschwindigkeit. Was Deutschland angeht, ist die Datenspeicherung ein wichtiger Punkt. Immer wieder werden Daten gelöscht, die in Zusammenhang mit der OK stehen. Da geht es um Ermittlungen, die manchmal jahrelang dauern, die schwierig sind, bei denen man weit zurückgehen muss, um das ganze Bild zu sehen, Informationen benötigt, die vielleicht fünf oder zehn Jahre alt sind. Das ist in Italien möglich, in Deutschland aber bislang nicht. Es gibt eine ganze Liste an gesetzlichen Änderungen, die man in Deutschland angehen könnte ...
Neumann: Wie beim Thema Geldwäsche.
Hauser: Die Situation in Deutschland ist in dieser Hinsicht tatsächlich weit schlimmer als in ­anderen EU-Staaten. Erst jetzt wird beispielsweise ein Bargeld-Limit eingeführt. Lange Zeit war es ganz leicht, in Deutschland Geldwäsche zu betreiben, weil es kein Limit gab. „Financial Intelligence Units“ (FIU) – Behörden, die Transaktionen im Finanzsektor überwachen sollen – waren überhaupt nicht in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Was die Bekämpfung von Geldwäsche angeht, ist Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten ein Entwicklungsland.
Neumann: Die Deutschen lieben das Bargeld. Jetzt kommt wahrscheinlich ein Limit, aber bislang konnte man Immobilien im Wert von einer halben Million Euro und mehr einfach bar bezahlen. Und die Polizei hatte dabei keine Rechtsgrund­lage für Ermittlungen gehabt. Es hat schon Jahre gedauert, allein das Bewusstsein für dieses Problem zu wecken.
Hauser: Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal für Feldforschung nach Kolumbien gefahren bin, um mich mit dem Kokainmarkt auseinanderzusetzen, konnte ich vor Ort mit einem Kriminellen sprechen. Ich habe ihn gefragt: „Wo soll ich hinschauen in Europa?“ Und er hat gesagt: „Deutschland. Hamburg ist ganz wichtig für Kokain.“ Ich habe gedacht, dass er vielleicht die Geografie von Europa nicht so kennt und die Niederlande und Rotterdam meint, aber er hat darauf bestanden: „Nein, nein, ich meine Hamburg. Und Deutschland allgemein. Da gehen wir jetzt alle hin.“ Es spricht sich schnell herum, wo Geldwäsche einfach ist. 


Wie sollte man mit Kryptowährungen umgehen?
Neumann: Sie lassen sich leider nicht einfach abschaffen. Sie waren ja lange Zeit gar nicht legalisiert oder reguliert. Jetzt geht es in verschiedenen Ländern damit los – allen voran in den USA, aber auch in der Schweiz –, dass immer mehr Banken in dieses Geschäft einsteigen und es möglich machen, auch in Kryptowährungen zu investieren und zu handeln. Ich sehe das mit großer Skepsis. So hat die Kryptoindustrie 2024 die Wahlkampagne von Donald Trump sehr intensiv und systematisch gefördert und bekommt jetzt als Belohnung ein Regulationsumfeld – im wichtigsten Staat der Welt –, das es Krypto erlaubt, praktisch ungeregelt in den legalen Markt einzusteigen. Das gilt dann auch für Gruppen mit großen Vorräten an Kryptowährungen, wie etwa mexikanische Drogenkartelle. Sie können dieses „Geld“ dann ganz leicht in die legale Wirtschaft überführen. 
Im Prinzip sollte man das viel stärker regulieren. Die Frage ist, wie und durch wen? Solche globalen, transnationalen Phänomene lassen sich nur gut regulieren, wenn alle Staaten dabei mitmachen. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Ganz im Gegenteil. Die Vereinigten ­Staaten, aber auch die Golfmonarchien, all die Steuerparadiese – die sind dagegen, weil sie selbst von der Krypto-Flut ­profitieren.


Das Gespräch führten Henning Hoff, Carina Mumberg und Joachim Staron.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 6-13

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Dr. Zora Hauser arbeitet als Leverhulme Fellow am Institute for Criminology und Research Associate von Peterhouse an der Universität von Cambridge.  Ihr Buch „Mafia Expansion“ erschien 2025.

Prof. Dr. Peter R. Neumann lehrt als Professor of Security Studies am King’s College London. Zuletzt erschienen von ihm „Die neue Weltunordnung“ (2022) und „Das Sterben der Demokratie“ (mit Richard C. Schneider, 2025).