„Der Iran ist geschwächt, aber nicht am Ende“
Teheran hat in der Region an Einfluss verloren. Mit dem Rücken zur Wand könnte der Anreiz, zur Atommacht zu werden, nun größer denn je sein. Noch ist das Fenster für eine diplomatische Lösung aber offen.
IP: Zwischen dem Iran und Israel gibt es eine lange Geschichte von Schattenkriegen, die bis zur Islamischen Revolution von 1979 zurückreicht. Damals erklärte das neue Regime in Teheran Israel zum Erzfeind. Im Juni kam es nun mit dem Zwölftagekrieg zu einer offenen Eskalation. Waren Sie von dieser Entwicklung überrascht?
Ali Vaez: Ich war vor allem vom Zeitpunkt der Angriffe überrascht. Nachdem die rote Linie einer direkten Konfrontation im Jahr 2024 bereits zweimal überschritten worden war, deutete zwar vieles darauf hin, dass Israel eine militärische Lösung des Atomstreits mit dem Iran anstrebt. Die meisten Beobachter – darunter auch Vertreter der iranischen Regierung – gingen jedoch davon aus, dass ein solcher Schritt erst erfolgen würde, wenn US-Präsident Donald Trump alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft hätte. Die Angriffe erfolgten dann allerdings zwei Tage vor der sechsten Verhandlungsrunde zwischen Teheran und Washington über das iranische Atomprogramm, die im Oman stattfinden sollte.
Hat die israelische Regierung also auf eigene Faust gehandelt?
Es ist kaum vorstellbar, dass die USA von einem Angriff dieser Größenordnung, bei dem mit iranischen Vergeltungsmaßnahmen zu rechnen war und der das Leben von amerikanischen Staatsbürgern in der Region gefährden könnte, nichts gewusst haben. Es gibt Hinweise darauf, dass das US-Militär durchaus eingegriffen hat, etwa mit Blick auf die Kontrolle des irakischen Luftraums, der neben dem syrischen Luftraum von israelischen Kampfflugzeugen genutzt wurde, um Angriffe auf den Iran zu fliegen. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass amerikanische und israelische Geheimdienste zusammengearbeitet haben. Und nicht zuletzt waren die USA an der Verteidigung Israels beteiligt. Spätestens als Trump gesehen hat, welche Erfolge Israel erzielte, wollte er mitmachen und die Lorbeeren einheimsen. Ich glaube, das war auch der ausschlaggebende Grund für den Eintritt der USA in den Konflikt: Trump wollte zeigen, dass nur die Vereinigten Staaten in der Lage sind, das iranische Atomprogramm auszulöschen.
Über den Grad der Zerstörung des iranischen Atomprogramms herrscht weiterhin Unklarheit. Wurde es, wie Trump behauptet, tatsächlich „ausgelöscht“ – oder wurde es lediglich verlangsamt?
Wir wissen es nicht. Die von den Vereinigten Staaten und Israel vorgenommenen Schadensbewertungen basieren in erster Linie auf Satellitenbildern und Signalerfassung. Das sagt nur wenig darüber aus, was tatsächlich geschehen ist. Die einzige Möglichkeit, sich ein genaues Bild zu machen, besteht darin, entweder Soldaten oder Inspekteure vor Ort zu haben. Beides ist derzeit jedoch nicht möglich.
Unklar ist vor allem, was mit dem 60-prozentig angereicherten Uran passiert ist, von dem im Iran mehr als 400 Kilogramm gelagert waren. Wenn diese Vorräte noch zur Verfügung stehen und weiterhin funktionsfähige Zentrifugen existieren, dann könnte in etwa vier bis fünf Tagen genug spaltbares Material für eine Atomwaffe hergestellt werden.
Wir wissen, dass der Iran seit 2021 Hunderte von hochmodernen Zentrifugen hergestellt hat, aber wir sind uns nicht sicher, wo diese gelagert wurden. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) hatte in den vergangenen Jahren zwar noch eine Übersicht über die Materialien und Rohstoffe vor Ort. Nach einem mutmaßlichen israelischen Sabotageangriff auf die iranische Zentrifugenproduktion in Natans hatte die Organisation allerdings keinen Zugang mehr zu den Anlagen. Es ist also möglich, dass der Iran über geheime Anlagen verfügt, in denen nur wenige Dutzend hochmoderne Zentrifugen bereitstehen, die zur Anreicherung von waffenfähigem Uran in Betrieb genommen werden könnten. Bis zur Waffentauglichkeit würde es dann nur noch einige Monate dauern. Schätzungen gehen von drei bis achtzehn Monaten aus.
Das Fazit lautet also: Die zivilen Anreicherungskapazitäten des Iran sind zerstört worden, zumindest mit Blick auf die Anreicherung im industriellen Maßstab. Zur Herstellung von Atomwaffen kann das aber immer noch reichen.
Die „militärische Option“ hat also nicht funktioniert?
Im Vergleich zu den diplomatischen Erfolgen der Vergangenheit – wie dem 2015 ausgehandelten Atomabkommen (JCPOA) – hat sie weniger positive Ergebnisse hervorgebracht. Mit dem JCPOA hatte der Iran etwa die tief unter der Erde gelegene Anlage in Fordo stillgelegt. Genau die Anlage, die die USA nun mit bunkerbrechenden Bomben angegriffen haben, stellte damit überhaupt keine Bedrohung mehr dar. In Fordo durfte unter dem Abkommen bis 2031, also 15 Jahre lang, kein spaltbares Material gelagert werden.
Die USA schätzen, dass der militärische Angriff das iranische Atomprogramm um ein bis zwei Jahre zurückgeworfen hat. Wir reden also von zwei Jahren als Resultat von massiven Bombardements und der Zerstörung von Vertrauen und Menschenleben – und im Vergleich dazu von 15 Jahren, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. 2015 gab es außerdem die Möglichkeit, Inspekteure in iranische Atomanlagen zu schicken, um die Einhaltung der Verpflichtungen zu überprüfen. Der Iran lieferte 97 Prozent seines angereicherten Urans aus. Das kann die internationale Gemeinschaft heute nicht mehr.
Und noch ein letzter Punkt: Es stimmt zweifelsohne, dass die iranischen Fähigkeiten durch den Angriff in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Man kann aber auch argumentieren, dass dieser Erfolg langfristig dadurch zunichte gemacht wird, dass der Iran nun mehr als jemals zuvor nach der ultimativen Abschreckungswaffe streben wird.
Inwiefern hat der Zwölftagekrieg die Region insgesamt verändert?
Zweifellos hat sich das Kräfteverhältnis in der Region verändert. Der Einfluss des Iran hat stark abgenommen, da das Land an Abschreckungspotenzial verloren hat und sein Atomprogramm schwer beschädigt wurde. Doch auch wenn der Iran geschwächt ist – am Ende ist er noch nicht. Teheran verfügt nach wie vor über erhebliche Offensivfähigkeiten, etwa über Hunderte von ballistischen Raketen. Wir wissen, dass der Iran den Konflikt mit Israel durchaus fortsetzen und ihn mit seinen verbleibenden Raketenvorräten in einen Abnutzungskrieg verwandeln könnte, mindestens für einige Wochen.
Wie reagieren die Nachbarländer?
Die Golfstaaten sind noch unruhiger als ohnehin schon. Sie gehen davon aus, dass ein in die Enge getriebener, verwundeter Iran bei einem erneuten Aufflammen des Konflikts auch direkt gegen sie vorgehen könnte. Insbesondere, wenn Israel und die USA den Iran wirtschaftlich stärker unter Druck setzen. Die Golfstaaten sind deshalb vor allem daran interessiert, ihre Beziehungen zu Israel und dem Iran ausgeglichen zu gestalten. Das macht eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel natürlich noch unwahrscheinlicher, als sie es bereits vor den Angriffen war.
Zudem rückt jetzt die strategische Rivalität zwischen Israel und der Türkei mehr in den Fokus, weil nicht nur der Iran, sondern auch die anderen traditionellen Machtzentren in der Region – etwa der Irak, Ägypten und Syrien – am Boden liegen. Die Türkei ist das einzige Land, das noch auf den Beinen ist. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass diese strategische Rivalität die gleiche Intensität haben wird wie die seit Jahrzehnten andauernde Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran – immerhin unterhält die Türkei diplomatische Beziehungen zu Israel, ist Mitglied der NATO und der G20 und zudem vollends in die Weltwirtschaft integriert. Dennoch wird sie wichtiger werden.
Wie schätzen Sie die Gruppen ein, die der Iran dazu genutzt hat, um Israel zu umzingeln: die Hamas, die Hisbollah, die Huthis im Jemen und auch Milizen im Irak? Diese Stellvertreter wurden zwar geschwächt, aber könnte Teheran sie wieder aufbauen?
Angesichts fehlender strategischer Alternativen befürworten einige im Iran eine Wiederbelebung der sogenannten „Achse des Widerstands“. Wenn das Land seine Luftabwehrsysteme erneuern will, dann muss es sie im Ausland erwerben. Die derzeit genutzte russische Technologie hat sich bei der Abwehr von amerikanischen und israelischen Angriffen nicht bewährt. Damit bleibt nur noch China als Option, doch Peking hat sich bislang eher zurückgehalten, wenn es um eine strategische Militärpartnerschaft mit Teheran geht.
Dann gibt es solche, die meinen, dass Irans Proxies über Jahrzehnte gute Arbeit geleistet und einen israelischen Angriff auf den Iran verhindert haben – zumindest bevor sie zu fetten Bürokratien wurden und ihre Ziele aus den Augen verloren.
„Der Iran könnte nun mehr als jemals zuvor nach der ultimativen Abschreckungswaffe, der Atombombe, streben“
Andere sind hingegen der Meinung, dass es gerade die Stellvertreter-Strategie war, die dazu geführt hat, dass der Iran zum Ziel israelischer Angriffe wurde. Das gesamte Konzept wurde auf den Kopf gestellt, nachdem Israel im Jahr 2021 die sogenannte Oktopus-Doktrin verabschiedete, wonach nicht mehr nur die Tentakel, sondern auch der „Kopf der Krake“ bekämpft werden soll.
Welche Richtung der Iran nun einschlägt, hängt stark davon ab, was an anderen Fronten und insbesondere in den Verhandlungen mit den USA passiert. Wenn das Regime in Teheran glaubt, dass es keine strategische Alternative hat, wird es wahrscheinlich die Vorlage nutzen, die Israel ihm durch die Angriffe in Gaza und im Libanon geliefert hat. Angesichts der zivilen Opfer gibt es in der Region viel Wut und Hass. Teheran könnte dies ausnutzen, um neue militante Gruppen aufzubauen. Sollte man dem Iran jedoch einen Ausweg anbieten, beispielsweise in Form von Sicherheitsgarantien, dann könnte er bereit sein, seinen Kurs zu ändern und auf eine solche Strategie zu verzichten.
Wie ist die Stimmung in der iranischen Bevölkerung?
Da sich die bisherige Abschreckungsstrategie des Iran offensichtlich als unwirksam erwiesen hat, um das Land vor Angriffen von außen zu schützen, bleiben ihm jetzt nur noch wenige Alternativen. So werden Atomwaffen nun nicht nur für die politische Elite, sondern auch für die breite Bevölkerung immer attraktiver. Da Israel auch Wohnhäuser von einfachen Bürgerinnen und Bürgern ohne Vorwarnung angegriffen hat, kann sich im Iran niemand sicher sein, ob das Regime in Zukunft die Kontrolle über den eigenen Luftraum gewährleisen kann. Die Menschen fühlen sich unsicher, es gibt nicht mal echte Schutzräume, in denen sie Zuflucht suchen können. All das bedeutet, dass die Unterstützung für massivere Abschreckungsmaßnahmen in der Bevölkerung zunehmen wird.
Das Regime in Teheran geht also innenpolitisch gestärkt aus dem Krieg hervor?
Die israelischen Angriffe haben im Iran eine Welle des Nationalismus ausgelöst, von der schlussendlich vor allem das dortige Regime profitiert. Wenn man ein Jahr zurückblickt, dann hatte die iranische Führung enorm an Legitimität verloren. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung wollten grundlegende politische Veränderungen im Land; sie hatten die Korruption, Misswirtschaft und Unterdrückung satt.
Inzwischen stoßen viele Aussagen des Obersten Führers Ali Khamenei wieder auf Zustimmung – etwa die Behauptung, der Iran habe in gutem Glauben mit den USA verhandelt und sei dann plötzlich bombardiert worden, oder der Vorwurf, Israel führe keine gezielten Angriffe aus, sondern greife wahllos Zivilisten an. All das spielt Khamenei und seinem Argument, dass die Feindseligkeit Israels und der Vereinigten Staaten nicht dem Regime, sondern dem Land gilt, in die Karten.
Auch das ist aber nur eine Momentaufnahme. Ich glaube nicht, dass die Islamische Republik in der Lage ist, diesen Augenblick zu nutzen, um nationale Einheit zu schaffen und die strukturellen Reformen voranzutreiben, die nötig wären, um das Land sowohl innen- als auch außenpolitisch auf den richtigen Weg zu bringen. Tatsächlich hat das Regime bereits mit Repressionen reagiert, die darauf abzielen, jene Sicherheitslücken zu schließen, die Israel für seine Überraschungsattacke genutzt hat.
Insgesamt hat dieser Konflikt aber eines sehr deutlich gezeigt: Es gibt keinen einfachen Weg zu einem Regimewechsel im Iran. So schwach das Regime nach außen auch sein mag, nach innen hat es noch immer die volle Kontrolle. Es verfügt über den Willen und das Gewaltmonopol, um seine Widersacher in Schach zu halten. Außerdem gibt es weder innerhalb noch außerhalb des Landes eine echte politische Alternative. Die iranische Opposition ist unorganisiert. Sie hat keine positive Vision für die Zukunft des Landes und keine effektive Führung. Selbst wenn es zu einer Destabilisierung oder einem Zusammenbruch des Regimes kommen sollte, würde dies vermutlich eher zu einem Bürgerkrieg oder einer Machtübernahme durch das Militär führen als zu einem Übergang zu einer Jefferson’schen Demokratie.
2015 haben Sie und Ihre Organisation, die International Crisis Group, dazu beigetragen, den Weg für das Atomabkommen zu ebnen. Sehen Sie einen gangbaren Weg zu einem neuen Abkommen?
Diplomatie ist immer eine Option, aber die Ausgangslage ist äußerst schwierig. Die Iraner müssen mit einem US-Präsidenten verhandeln, der ihnen bereits Unrecht getan hat: Trump hat 2018 das Atomabkommen gebrochen und 2025 den Iran mitten in laufenden Verhandlungen bombardieren lassen. Es ist also zu erwarten, dass die Iraner Sicherheitsgarantien fordern würden, damit sich so etwas nie wiederholt. Diese wird es von den USA aber nicht geben, solange der Iran eine Bedrohung für Israel darstellt. Es geht also nicht mehr nur um Verhandlungen über das Atomprogramm, sondern es müssen auch weiterreichende Fragen zwischen den USA und dem Iran geklärt werden – und in deren Zentrum steht die Feindseligkeit des Iran gegenüber Israel.
Die veränderte Lage vor Ort und das neue regionale Kräfteverhältnis eröffnen jedoch auch Chancen für kluge Diplomatie. Ich kann mir beispielsweise ein Szenario vorstellen, in dem die Vereinigten Staaten eine Art impliziten Nichtangriffspakt zwischen dem Iran und Israel vermitteln. So unrealistisch das auch klingen mag: Die Realität ist, dass der Iran jetzt am eigenen Leib erfahren hat, wie kostspielig eine direkte Konfrontation mit Israel ist. Israel verfügt über eine viel stärkere konventionelle Armee und wird noch dazu von der Weltmacht USA unterstützt.
Außerdem hat der Iran, wie bereits gesagt, seine sogenannte „Achse des Widerstands“ verloren – und es ist gar nicht so einfach, diese Achse wiederzubeleben, zumal die Landverbindung über Syrien zur Hisbollah verloren gegangen und die Luftbrücke zur Hisbollah über den Flughafen Beirut ebenfalls blockiert ist. Der Iran ist deshalb beispielsweise nicht mehr in der Lage, Waffen an die Hisbollah – das Kronjuwel seiner Stellvertreterarmee – zu liefern.
Für das iranische Regime wäre es also durchaus sinnvoll, sich bereit zu erklären, Israel nicht länger zu bedrohen und keine nichtstaatlichen Akteure mehr zu unterstützen, die Israel angreifen. Stattdessen könnte sich das Land auf den Wiederaufbau seiner Wirtschaft und seiner Infrastruktur konzentrieren. Gleichzeitig wäre es auch in Israels Interesse, nicht weiterhin offen oder verdeckt gegen den Iran vorzugehen, da man damit iranische Vergeltungsmaßnahmen provozieren und Israel in einen endlosen Krieg verwickeln könnte – noch dazu gegen eine Nation, die 70 Mal größer ist als Israel und eine neun Mal so große Bevölkerung hat. Ich denke, dass ein solcher Nichtangriffspakt eine Grundvoraussetzung für ein nachhaltiges Atomabkommen wäre.
Und wie könnte ein solches nachhaltiges Abkommen konkret aussehen?
Es gibt bereits Ideen, die jedoch eine Menge Pragmatismus und Flexibilität auf beiden Seiten erfordern würden. Ich halte ein Konzept, bei dem der Iran sein Atomprogramm nicht in Bunkeranlagen wieder aufnimmt, sondern ein Konsortium auf einer Insel im Persischen Golf bildet und die USA, die europäischen Länder sowie die Golfstaaten einlädt, sich diesem gemeinsamen Projekt anzuschließen, für den besten Weg nach vorne. So könnte der Iran sein Recht auf Urananreicherung wahren, hätte aber kein nationales Anreicherungsprogramm mehr. Zusätzlich zu den IAEO-Inspekteuren gäbe es weitere Augen und Ohren vor Ort, um sicherzustellen, dass das Programm auch wirklich auf die zivile Anwendung beschränkt bleibt.
Welche Rolle könnten andere Akteure bei den Verhandlungen spielen?
Es wird in erster Linie auf Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran hinauslaufen. Derzeit wären die Chinesen aufgrund ihrer eigenen bilateralen Konflikte mit den USA nicht in der Lage, eine konstruktive Rolle zu spielen. Außerdem war Peking während der Verhandlungen, die zum Atomabkommen von 2015 führten, ohnehin eher passiv als proaktiv.
Was die Europäer betrifft, so glaube ich, dass weder der Iran noch die USA besonders daran interessiert sind, sie einzubeziehen. Sie haben aber immer noch ein starkes Ass im Ärmel, nämlich die Möglichkeit, die im Rahmen des Atomabkommens von 2015 ausgesetzten UN-Sanktionen wieder in Kraft treten zu lassen. Diese Möglichkeit, die in der Resolution 2231 des UN-Sicherheitsrats verankert ist, besteht noch bis Oktober. Ein solcher Schritt birgt aber auch die Gefahr, dass der Iran, der bereits die IAEO-Inspekteure des Landes verwiesen hat, beschließt, vollständig aus dem Atomwaffensperrvertrag auszusteigen, so wie es Nordkorea 2003 getan hat, bevor es zu einer Atommacht wurde. Die Europäer könnten die Verhandlungen also eher erschweren.
„Ein iranisch-israelischer Nichtangriffspakt wäre eine Grundvoraussetzung für ein nachhaltiges Atomabkommen“
Andere Staats- und Regierungschefs aus der Region könnten hingegen eine konstruktive Rolle spielen, vor allem jene, die gute persönliche Beziehungen zu Donald Trump pflegen und kein Interesse an einer Fortsetzung oder Eskalation des Konflikts haben. Dazu zählen der türkische Präsident Erdoğan, Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman sowie der Emir von Katar. Alle drei haben in der Vergangenheit bereits als Vermittler agiert und könnten erneut zu einer Lösung beitragen – insbesondere, wenn sie sich weiterhin für die Idee eines regionalen Konsortiums zur Urananreicherung einsetzen.
Die Europäer haben auf die israelischen und amerikanischen Angriffe auf den Iran unterschiedlich reagiert. Bundeskanzler Friedrich Merz lobte die Angriffe zunächst, andere befürchten eine Aushöhlung des Völkerrechts. Wie sehen Sie das?
Die europäische Frustration gegenüber dem Iran ist nachvollziehbar – Teheran zeigt sich unnachgiebig bei den Atomverhandlungen, unterstützt Russlands Angriffskrieg in der Ukraine, führt verdeckte Operationen gegen Dissidenten auf europäischem Boden durch und hält europäische Staatsbürger im Iran als Geiseln fest.
Frustration und Wut sollten aber keinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben, und sie sollten nicht dazu führen, dass Europa seine eigenen Werte untergräbt, die es seit mehr als 70 Jahren hochhält. Doppelmoral und Heuchelei führen am Ende dazu, dass die Normen der regelbasierten internationalen Weltordnung ausgehöhlt werden, vielleicht sogar in einem irreparablen Ausmaß.
Wenn der Bundeskanzler einen israelischen Angriff auf iranische Nuklearanlagen lobt, der in mehrfacher Hinsicht gegen das Völkerrecht verstößt, dann sendet die europäische Führung damit eine verheerende Botschaft. Nicht zuletzt, weil bei den Angriffen auch Krankenhäuser, Gefängnisse und andere zivile Einrichtungen getroffen wurden. Verschreibt sich Europa hier dem Recht des Stärkeren, dann wird es ungemein schwierig sein, in Zukunft glaubwürdig Russlands Vorgehen in der Ukraine zu verurteilen oder das Vorgehen anderer Tyrannen. Nach den Gräueltaten, die in den vergangenen anderthalb Jahren in Europas unmittelbarer Nachbarschaft begangen wurden, ist es für Europa bereits heute komplizierter geworden, über Menschenrechte zu sprechen.
Der Umgang mit dem Iran hat nun einen äußerst problematischen Präzedenzfall geschaffen: Er zeigt, dass Europa manchen Staaten das Recht auf Selbstverteidigung zuspricht, anderen aber nicht. Dass sich einige an das Völkerrecht halten sollen, während es bei anderen offenbar keine Rolle spielt. Dass Menschenrechte in bestimmten Fällen eingefordert werden – und in anderen ignoriert werden dürfen.
Wie schätzen Sie die Aussichten für die Region ein?
Eigentlich bin ich mit Blick auf die nahe Zukunft eher Pessimist, aber Optimist, wenn es um längerfristige Entwicklungen geht. In diesem Fall ist es umgekehrt. Kurzfristig hat Israel seine militärischen Ziele weitgehend erreicht. Es gibt daher momentan keine zwingende Notwendigkeit für neue militärische Maßnahmen – es sei denn, der Iran versucht, Atomwaffen zu entwickeln oder gezielt seine Luftabwehr oder Offensivkapazitäten wiederherzustellen. Solange das nicht geschieht, halte ich eine Rückkehr zu einem offenen Krieg in naher Zukunft für unwahrscheinlich.
Wenn jedoch keine nachhaltige Lösung für die Atomfrage gefunden wird und der „Snapback“ ausgelöst wird, der Iran also aus dem Atomwaffensperrvertrag austritt, dann könnte das schnell ganz anders aussehen. In diesem Fall könnte sich der Konflikt sogar ausweiten und komplett außer Kontrolle geraten.
Ein Warnsignal war der iranische Angriff auf die US-Basis in Katar – symbolisch, ja, aber mit weitreichender Bedeutung. Zum ersten Mal hat der Iran damit direkt einen Golfstaat angegriffen und eine rote Linie überschritten. Sollte es zu einem erneuten Krieg kommen, wäre die Gefahr einer regionalen Ausweitung also sehr konkret. Und die Tatsache, dass wir in den vergangenen Jahren mehrfach am Abgrund standen, ohne dass wir hineingestürzt sind, bedeutet nicht, dass sich dieses Spiel ewig wiederholen lässt.
Das Interview führten Anna Brugger, Henning Hoff und Tim Hofmann.
Übersetzung aus dem Englischen: Kai Schnier
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 26-33