01. Dezember 2007

In den Sand gesetzt

Buchkritik

Drei Neuerscheinungen und die Frage, warum Entwicklungspolitik scheitert

Kostenpflichtig

Die entwicklungspolitische Debatte des vergangenen Jahres wurde von zwei amerikanischen Professoren bestimmt. Dabei überrascht kaum, dass sich Jeffrey Sachs’ Plädoyer für eine massive Erhöhung der Entwicklungshilfe hierzulande deutlich besser verkauft hat als William Easterlys Philippika gegen die (zu) viel versprechenden Planer.

Denn auch bei uns wird mehr über die Höhe der bereitzustellnden Hilfe geredet als über deren Wirksamkeit. Drei neue Bücher führen die Diskussion fort.

Dass sich ernsthaft und allgemeinverständlich über Entwicklungspolitik streiten lässt, zeigt der kleine, aber feine Band „Making Aid Work“ aus der Reihe der „Boston Review Books“. Abhijit Vinayak Banerjee, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und nach eigenem Bekunden Entwicklungshilfeoptimist, beschuldigt die Entwicklungsszene in seinem einleitenden Essay der Denkfaulheit, der Nachlässigkeit im Geben und der Lethargie. Er plädiert dafür, in randomisierten Verfahren herauszufinden, was funktioniert und was nicht.

Gegen Feldversuche, die dann zu „best practices“ erklärt werden, lässt sich eine Menge einwenden, und das tun die renommierten Kollegen, meist Universitätsprofessoren und Mitarbeiter von Entwicklungsbanken, dann auch. Die meisten halten sich aber nicht lange bei der konkreten Idee auf, sondern lesen Banerjees Vorschlag mit Recht als weiterführendes Plädoyer für gründlichere Überlegungen, mehr unabhängige Evaluierungen und intensiveres kritisches Nachdenken über das Entwicklungshilfebusiness. Und da ist das kleine Büchlein richtig spannend. Mick Moore vom Institute for Development Studies in Sussex hält die vielen Geberagenturen und die noch zahlreicheren NGOs sowie das gewandelte Personal der Entwicklungszusammenarbeit (Sozialwissenschaftler statt Praktiker) wenn nicht für denkfaul, so doch für allzusehr dem Eigeninteresse verhaftet. Andere wie Ian Vásquez vom Cato Institute in Washington verweisen auf die Kluft zwischen fehlenden Wirksamkeitsnachweisen und politisch motiviertem Druck für mehr Entwicklungszusammenarbeit.

Alice H. Amsden vom MIT argumentiert, dass Hilfe, die nicht von Investitionen für produktive Arbeitsplätze begleitet werde, vielleicht Wohlfahrt erzeuge, aber kein Einkommen schaffe. Robert H. Bates (Harvard) meint, dass die Entwicklungsszene weniger auf empirische Ergebnisse denn auf politische Moden reagiere. Durch die finanzielle Unterstützung von Regierungen trage sie dazu bei, dass diese der eigenen Bevölkerung gegenüber in geringerem Maße rechenschaftspflichtig seien. Angus Deaton (Princeton) geht so weit, die Auswirkungen von Entwicklungshilfegeld auf die gleiche Stufe mit dem viel beschworenen Ressourcenfluch zu stellen. Ruth Levine vom Center for Global Development räumt für die gesamte Branche ein, dass der Wille fehle, systematisch aus Erfahrungen zu lernen und dass die Mittel stattdessen aufgrund einer Mischung aus politischen Überlegungen, einigermaßen begründeten Vermutungen und Wunschdenken verteilt würden. Die angenehm kurzen und gut lesbaren Beiträge bieten also genügend Stoff für eine längst überfällige und hoffentlich kontroverse Debatte.

Ähnlich wie die meisten Autoren dieses Bandes argumentiert Helen Epstein in einem Buch ganz anderer Art zur Aids-Bekämpfung in Afrika. Die Autorin, 1993 als junge Forscherin nach Uganda gekommen und mit ihrer Beobachtungsgabe und ihrem kritischen Geist über die Jahre zu einer exzellenten Journalistin geworden, hat nach einer Erklärung gefahndet, warum sich Aids in Afrika so rasend schnell ausgebreitet hat und bisher kaum eingedämmt werden konnte. Was sie in einer faszinierend geschriebenen Recherche herausfindet, ließe sich in den Kategorien des Bostoner Bandes als Denkfaulheit, Nachlässigkeit und Dominanz von institutionellen Eigeninteressen beschreiben. Kommt noch hinzu, dass beim Thema Aids auch Fragen der Sexualität eine Rolle spielen – und damit die eigenen Empfindungen und moralischen Vorstellungen.

Dass Aids in Ost- und Westafrika so verbreitet ist, ist laut Epstein nicht auf eine Neigung zur bedenkenlosen Promiskuität zurückzuführen, sondern eher auf „informelle Polygamie“, dem Nebeneinander von mehreren langjährigen Beziehungen. Da das HI-Virus überwiegend in den ersten Wochen nach der eigenen Infektion übertragen wird, wird es in einem solchen Netzwerk schnell an mehrere Personen weitergegeben, die es ihrerseits verbreiten. Wie sich dem begegnen lässt, hat Uganda zwischen 1992 und 1997 unter dem Slogan „Zero Grazing“ gezeigt. Man warb dafür, die Zahl der Beziehungen zu begrenzen, auf Gelegenheitssex zu verzichten und appellierte ans Verantwortungsbewusstsein der „Sugar daddies“ mit ihrem höchst problematischen Interesse an Schülerinnen. Der Erfolg: Die Zahl der Sexualpartner und der Neuerkrankungen ging deutlich zurück.

Die Aids-bezogenen Interventionen des Auslands mit ihren prallen Budgets und beredten Beratern haben solches nicht vermocht: zu großflächig die Planungen, zu sehr auf Problemgruppen (Prostituierte, Fernfahrer) fokussiert, die dadurch erst richtig ins Abseits gerieten. In Uganda hat am Ende die „fette Krankheit“ der Experten mit ihren Landrovern der „dünnen Krankheit“ der von Aids Ausgezehrten kaum etwas anhaben können, so Epstein. Der Geldautomat „Entwicklungshilfe“ habe Korruption gefördert, also die öffentliche Moral untergraben. Dass bei der Aids-Bekämpfung so viel Geld in den Sand gesetzt wurde, führt Epstein auch auf die Kulturkriege in den USA zurück: Die christliche Rechte (und mit ihr teilweise auch Kongress und Präsident) propagierte Enthaltung, die ideologische Linke in der Entwicklungsszene lehnte das Reden von Treue als spießig ab. Mit dem handfesten „Zero Grazing“ konnten beide nicht viel anfangen. Deshalb triumphierten rivalisierende Ideologien über die Empirie.

Helen Epstein erzählt das alles ohne Schadenfreude, eher mit Kopfschütteln und ein wenig erschrocken. Wer das Buch liest, kann eine Menge über Afrika und den Wust von Vorurteilen, Projektionen und Eigeninteressen des Entwicklungshilfegewerbes lernen und ist anschließend geimpft gegenüber der allzu simplen Vorstellung, mit mehr Geld gäbe es weniger Aids in Afrika.

Gegen Denkfaulheit, falsche Prioritäten und die Eigentümlichkeiten von Politik und Hilfswerken schreibt auch Paul Collier an, Direktor des Centre for the Study of African Economies an der Universität Oxford. Sein Interesse gilt den 58 Staaten, die wirtschaftlich abgehängt sind und zu zerfallen drohen. Ihnen – überwiegend, aber nicht nur in Afrika gelegen – habe die bisherige Entwicklungszusammenarbeit kaum genützt. Um diesen von ihm nicht im Einzelnen benannten Ländern auf die Beine zu helfen, setzt er auf die in der G-8 versammelten Staaten. Und er rechnet ihnen vor, wie das gehen könnte.

Für die negative Entwicklung macht Collier vier „Fallen“ verantwortlich: die Konflikt-Falle, also Bürgerkriege, die Schäden in Höhe von im Schnitt 64 Milliarden Dollar verursachen; die Rohstoff-Falle der Abhängigkeit von einem Exportprodukt wie Öl; eine abgeschiedene Lage in ungünstiger Nachbarschaft; und schließlich die schlechte Regierungsführung in kleinen Ländern. Die in diesen Fallen steckenden Länder haben den in den achtziger Jahren noch möglichen Anschluss an die Globalisierung verpasst. Durch Kapitalflucht und Abwanderung der gut Ausgebildeten bluten sie weiter aus. Dessen ungeachtet besteht Collier zufolge noch Hoffnung, vorausgesetzt, man hat die richtigen Instrumente. Er nennt vier (Hilfe, Handel, Militär, Spielregeln) und plädiert dabei im Detail immer wieder gegen derzeit gängige Argumentationsmuster: für mehr ausländisches Fachpersonal in der Nachkonfliktzeit, für Projekte und Auflagen statt Budgethilfe, für die Liberalisierung der Handelsbeziehungen (bei temporärem Schutz vor der asiatischen Konkurrenz) sowie, und das dürfte am kontroversesten diskutiert werden, für selektive ausländische Militärpräsenz und -interventionen, um Sicherheit zu garantieren und Militärbudgets niedrig zu halten. All das, betont Collier nachdrücklich, ist keine Sache der Entwicklungsministerien allein – es muss Chefsache sein.

Colliers Argumentation, von Studien gestützt, mit scharfem Verstand sortiert, mit Beispielen untermauert und Seitenhieben auf Moden, bürokratische Prozesse und ideologische Wahrnehmungsmuster gewürzt, ist auch da, wo einem spontan Einwände einfallen oder statistische Zusammenhänge nicht als ausreichende Begründung erscheinen, anregend und im besten Sinne provozierend.

Das essayistische Puzzle des „Boston Review“-Bandes, die passionierte Recherche von Helen Epstein und die kühle Argumentation von Paul Collier – alle drei Bücher führen über die Sachs-Easterly-Kontroverse hinaus und sind der Lektüre und der Rede wert.

Abhijit Vinayak Banerjee: Making Aid Work. Boston Review Books, Cambridge, MA: MIT Press 2007, 136 Seiten, $14,95

Helen Epstein: The Invisible Cure. Africa, The West and the Fight Against Aids. London: Farrar, Straus and Giroux 2007, 352 Seiten, 16,99 £

Paul Collier: The Bottom Billion. Why the Poorest Countries are Failing and What Can be Done About It. New York: Oxford University Press 2007, 204 Seiten, $ 28,00

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2007, S. 130 - 133.

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