01. April 2009

Damit wir wissen, was wir tun

Warum Deutschland in Bildung und Ausbildung investieren muss

Autos kaufen keine Autos: So lautet das legendäre Diktum Henry Fords, der dafür plädierte, seinen Arbeitern höhere Löhne zu zahlen. Übertragen auf die heutige Wissensgesellschaft lautet die Losung: Jobs schaffen keine Jobs. Denn es ist die Qualität des Arbeitsangebots und nicht die Nachfrage des Marktes, die über die Zukunft der Arbeitswelt bestimmt.

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Zu den langfristig bedeutsamen Themen moderner Gesellschaften gehört die Frage nach der Zukunft der Arbeit. Wie werden Umfang und Qualität gesellschaftlich notwendiger Arbeit aussehen, welche sozialen und technologischen Prozesse werden die Arbeitswelt mitbestimmen und verändern? Welche Akteure spielen in diesem Zusammenhang eine prägende Rolle? Die mannigfaltigen Stimmen zur Theorie der Wissensgesellschaft will ich im Folgenden auf eine Art magisches Dreieck konzentrieren und so nach den wechselseitigen Beziehungen von Bildung, Arbeit und Wirtschaft fragen. Dabei geht es mir vor allem darum, ob man die Arbeitswelt in Wissensgesellschaften – wie noch in Industriegesellschaften – als maßgeblichen Motor gesellschaftlicher Veränderungen ansehen darf. Mein Blickwinkel gilt somit einer sozialen Anatomie der Arbeit, einer Analyse ihres Stellenwerts in der wissensbasierten Ökonomie.

„Säkulare“ Arbeitslosigkeit

Im Gegensatz zur politischen Öffentlichkeit, welche die tiefgreifenden Änderungen in der Struktur der modernen Wirtschaft noch immer nicht erkennt – man denke etwa an Wirtschaftsminister, Kanzler oder Oppositionsführer der jüngsten Zeit–, ist sich die Wissenschaft bereits seit einiger Zeit darüber im Klaren, dass der Faktor Arbeit nicht nur an Sicherheit, sondern auch an Umfang verloren hat. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Symptom struktureller Veränderungen, sondern weist auf einen tiefergreifenden, permanenten Wandel in der Beschäftigungsstruktur hin. Was wir beobachten, ist der Anfang „säkularer“ Arbeitslosigkeit, die weder konjunkturell noch strukturell bedingt ist. Die säkulare Beschäftigungsentwicklung in wissensbasierten Ökonomien lässt sich grob wie folgt unterscheiden:

  • Schaffung von wissensfundierten (und in der Regel hochbezahlten) Tätigkeiten;
  • Schaffung von (in der Regel schlecht bezahlten) Tätigkeiten mit geringen Qualifikationen und beruflichen Anforderungen; 
  • Vernichtung von Tätigkeiten.

Offen bleibt zunächst, welcher „Mechanismus“ für diese Arbeitsmarktveränderungen verantwortlich ist. Die weitaus größte Zahl der Beobachter betrachtet jedoch die moderne Technik und Wissenschaft als Antrieb dieser langfristigen Entwicklungen.

Die Veränderungen, die wir vor diesem Hintergrund erkennen, weisen zunächst darauf hin, dass das Beschäftigungsvolumen, insbesondere in der industriellen Produktion, nicht länger eine (positive) Funktion des Produktionsergebnisses dieses Bereichs ist. Folglich spielen die Arbeitskosten im „Kostenvergleich“ und als Wettbewerbsfaktor eine immer geringere Rolle. Hier wird vor allem die zunehmende Produktivität des Herstellungssektors sichtbar. In den Wirtschaftssystemen der Industrieländer nimmt der Produktionsausstoß des Herstellungssektors zu – bei gleichbleibender gesamtwirtschaftlicher Bedeutung dieses Sektors, während sein Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl beständig abnimmt. In Zukunft wird der Anteil der im Herstellungsbereich Beschäftigten wohl nicht größer sein als der Anteil jener Menschen, die in diesen Ländern heute in der Landwirtschaft arbeiten. In den entwickelten Volkswirtschaften gilt zudem ein weiterer Rückgang der Beschäftigtenzahlen im Agrar- und Industriesektor als unausweichlich.

In der Ökonomie der Wissensgesellschaft kommt es jedoch nicht nur zu einer Veränderung im Volumen gesellschaftlich notwendiger Arbeit, sondern auch zu einer einschneidenden Transformation der Anforderungen, des Berufsbilds, der Arbeitsinhalte, des Gestaltungsspielraums der Arbeitsform seitens der Beschäftigten und der sozialen Organisation wirtschaftlicher Wertschöpfung. Daran schließen sich auch Fragen nach den typischen beruflichen Fertigkeiten an, dem unterschiedlichen Tempo, mit dem diese Fertigkeiten veralten sowie der Notwendigkeit des Erlernens neuer Fähigkeiten. Bisher geht man allerdings davon aus, dass der technische Wandel in seinen Auswirkungen auf die Arbeitswelt Motor dieser Transformation ist – was wiederum die Frage aufwirft, ob ein Abbau bzw. eine Zunahme beruflicher Qualifikationen als Reaktion auf den technischen Wandel zu erwarten ist. Mit großer Selbstverständlichkeit geht die in diesem Zusammenhang favorisierte „kausale“ Logik davon aus, dass sich die beruflichen Fähigkeiten und Kompetenzen vor allem an die veränderte Technologie anzupassen haben.

Angebot oder Nachfrage?

Die These der wissenschaftlich-technischen Entwicklungen, welche die Produktionsbedingungen verändern, lässt sich auch in den Begriffen von Angebot und Nachfrage fassen. Dabei sind Politik, Erziehungswissenschaften und Ökonomie fast einmütig der Ansicht, dass es die Nachfrage der Arbeitswelt (nach bestimmten Fähigkeiten) ist, die das Angebot bestimmen sollte.

Eine in diesem Zusammenhang eher ungewöhnliche, unter Umständen aber plausible Hypothese für die wachsende Nachfrage nach wissensbasierten beruflichen Qualifikationen findet sich in den Arbeiten des österreichisch-amerikanischen Ökonomen Peter Drucker. In seinem 1969 erschienenen Werk „The Age of Discontinuity“ bestreitet er die gängige These, dass die steigende Nachfrage nach höherqualifizierten Arbeitskräften ein Resultat der gestiegenen Anforderung und Komplexität der Arbeitswelt sei. Drucker führt diese Veränderungen vielmehr auf die deutlich erweiterte Lebensarbeitszeit sowie die Professionalisierung von Bildung und Ausbildung der Menschen zurück. Der allmähliche Wandel der modernen Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft ist seiner Ansicht nach nicht etwa Folge der gestiegenen Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften, sondern vielmehr des gestiegenen Angebots hochqualifizierter Arbeiter, die auf den Markt drängen.

So stieg etwa in den Vereinigten Staaten die Zahl der Universitätsabsolventen unter den Beschäftigten in den 1980er Jahren um 64 Prozent auf 25,5 Millionen, während die Zahl derjenigen, die Universität oder College besuchten, aber ohne Abschluss verließen, im gleichen Zeitraum um 58 Prozent auf 20,8 Millionen zunahm. Druckers These lautet daher: Es ist das Angebot von „Wissensarbeitern, das die Arbeitswelt veränderte. Da moderne Gesellschaften diejenigen Leute einstellen müssen, die Wissensarbeit erwarten und danach verlangen, müssen folglich wissensbasierte Jobs geschaffen werden, was wiederum dazu führt, dass die Art der Arbeit verändert wird.“

Menschen mit einer qualifizierteren und längeren Ausbildung erwarten, dass man ihnen Berufspositionen anbietet, in denen sie ihre erworbenen Fähigkeiten auch anwenden können: „Der unmittelbare Grund für höherqualifizierte Beschäftigung liegt in der qualifizierteren Ausbildung der Berufseinsteiger.“ Damit kehrt sich die allseits unterstellte Kausalität um: Die Wissensarbeit wird von Wissensarbeitern erst fabriziert. Anders ausgedrückt: „Eine langjährige akademische Ausbildung qualifiziert einen Menschen zu nichts anderem als zur Wissensarbeit.“

Empirisch wird Druckers These dadurch gestützt, dass er, zumindest für die USA, den Beginn dieser grundlegenden Veränderung der Gesellschaft in eine Wissensgesellschaft auf die Verabschiedung der „G.I. Bill of Rights“ durch den Kongress im Jahr 1944 datiert, die jedem Kriegsteilnehmer den Zugang zu Universitäten ermöglichte. Drucker beruft sich auf die enthusiastische Zustimmung der zurückkehrenden Soldaten und die überwältigende Akzeptanz des Gesetzes – die Reaktion der Soldaten sieht er als Signal für den Start in die Wissensgesellschaft.

Aus dieser historisch wie gesellschaftlich möglicherweise einmaligen Konstellation der amerikanischen Nachkriegszeit lässt sich allerdings kaum schließen, dass es auch weiterhin vor allem das Angebot von „Wissensarbeitern“ sein wird, das die Arbeitswelt verändert. In Zukunft wird sich dieser Prozess wohl selbst verstärken, doch werden auch andere Faktoren wie beispielsweise die Bedingungen für die wirtschaftliche Expansion in Wissensgesellschaften eine Rolle spielen. Um auf unsere Ausgangsgleichung zurückzukommen: Die Nachfrage der Arbeitswelt nach hochqualifizierten Arbeitskräften und bestimmten Fähigkeiten könnte in diesem Prozess größeres Gewicht erlangen.

Andere Bildungspolitik

Unbestritten ist, dass es in den letzten Jahrzehnten und noch stärker in den letzten Jahren in der technologischen Ausstattung von Betrieben und Verwaltungen dramatische Veränderungen gegeben hat. So revolutionierte die rasche Ausweitung der Informations- und Kommunikationstechnologie den Produktionsprozess und den Dienstleistungssektor, was der allgemein unterstellten Annahme, die Veränderung der Beschäftigungsstruktur in den vergangenen Jahren sei eine Folge des technisch-wissenschaftlichen Wandels, zusätzliches Gewicht gab. Demnach schlägt sich der nachfrageorientierte Anstieg bei der Zahl von Fachkräften auch im wachsenden Einkommensgefälle zwischen qualifizierter und unqualifizierter Arbeit nieder sowie in der höheren Vergütung einer längeren Ausbildungsdauer. Simpel ausgedrückt: Betriebe, die mit Computern arbeiten, zahlen bessere Gehälter. So schlussfolgern etwa die Wirtschaftswissenschaftler Mark Doms, Timothy Dunne und Kenneth Troske: „Die veränderten beruflichen Fähigkeiten der Beschäftigten gehen aus den Veränderungen der Kapitalintensität der Industrie und deren Investitionen in die Ausrüstung mit Computern hervor.“

Ob es also die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ist oder bereits deren Angebot: Die Wechselwirkungen der Transformation der Arbeitswelt bleiben strittig. Da jedoch Druckers Hypothese in den Sozialwissenschaften bis heute eher von untergeordneter Bedeutung ist, gibt es kaum empirische Untersuchungen, die dieser Frage nachgegangen sind. Gleichwohl finden sich in der Literatur zum so genannten Produktivitätsparadox in den 1980er und 1990er Jahren Erkenntnisse, die seine fragliche These empirisch untermauern. Der Begriff des Produktivitiätsparadoxons verweist auf die Tatsache, dass sich in den USA in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsstatistiken kein schlüssiger Nachweis dafür finden lässt, dass die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten außergewöhnlich hohen Unternehmensinvestitionen in Kommunikations- und Informationstechnologie zu einem messbaren Produktivitätszuwachs geführt haben. Betrachten wir also die Problematik des Produktivitätsparadoxons wie auch ganz allgemein die Grundlagen nachhaltigen Wirtschaftswachstums in modernen Gesellschaften, so muss die Frage nach den Voraussetzungen der „Produktion von technischem Fortschritt“ – bzw. der Fabrikation und Produktivität von wissensintensiver Arbeit – im Mittelpunkt stehen. Und eben nicht die Frage nach den Folgen technisch-wissenschaftlichen Wandels, dem sich Bildung und Ausbildung dann anzupassen haben.

Eine realistische Bildungspolitik sollte sich in diesem Sinne nicht von der landläufigen Überzeugung leiten lassen, dass der wachsende Bedarf an qualifizierten Tätigkeiten eine Funktion der zunehmenden Spezialisierung, Arbeits-teilung oder Komplexität der Wirtschaft ist. Sondern, im Gegenteil, dass die Transformation des Wirtschaftssystems hin zu einer wissensbasierten Ökonomie nicht zuletzt eine Folge des qualifizierteren Arbeitsangebots und damit der Verbesserung von Bildung und Ausbildung ist.

Neues Zeitalter

Wer kann heute schon unter den Bedingungen wachsender Unsicherheit Auskunft über Erfordernisse geben, wie qualifizierte Arbeit in Zukunft auszusehen hat? Wir wissen nur, dass die Zukunft zwar von uns gemacht wird, aber unsicher ist. Es sind demnach nicht so sehr die – technologisch bedingten – Veränderungen der Arbeitsqualifikationen, auf die wir unser Augenmerk richten sollten, sondern jene Bedingungen, die bestimmte technische Veränderungen erst möglich machen. In der modernen Ökonomie ist Wissen elementarer „Rohstoff“. Infolgedessen sind Lernen und die Wissensproduktion die wichtigsten Prozesse der Wissensgesellschaft.

Auch das Produktivitätsparadox lässt sich besser begreifen, wenn man drei empirische Tatsachen anerkennt:

  • Hochqualifizierte Arbeitskräfte gab es schon vor der weltumspannenden Verbreitung und Anwendung der Informationstechnologie.
  • Der wachsende Anteil an der Erwerbsbevölkerung und die wachsende Bedeutung hochqualifizierter Arbeitskräfte sind nicht Ausdruck der Nachfrage nach diesen Arbeitskräften, sondern Ergebnis einer (autonomen, sprich gesellschaftlich bedingten) Veränderung im Umfang solcher Arbeitskräfte. 
  • Die Informationstechnologie hilft den Unternehmen und dem Firmenmanagement, mit den steigenden Arbeitskosten mitzuhalten bzw. sie zu kompensieren.

Das Produktivitätsparadox hilft uns also zu verstehen, dass wir nicht einer technologisch getriebenen Transformation von der Industrie- zur Informa-tionsgesellschaft ausgesetzt sind, sondern vielmehr einem gesellschaftlich bedingten Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. In diesem Sinne haben wir tatsächlich ein neues, modernes Zeitalter erreicht. Was zählt, und dies in zunehmendem Maße, ist die Qualität des Arbeitsangebots. Dies und nicht die Nachfrage bestimmt, wie Arbeit und der Arbeitsmarkt in Zukunft aussehen werden.  

Prof. Dr. NICO STEHR leitet die Karl Mannheim Professur für Kulturwissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2009, S. 24 - 28.

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