01. Januar 2020

„China und Russland sind Feinde mit ruchlosen Absichten“

Interview mit Senator Tom Cotton

Unter Trump wollten die USA die transatlantische Allianz stärken. Deutschland müsse sich gegen Huawei und Nord Stream 2 stellen.

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Bild: Porträt US Senator Tom Cotton
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IP: Senator, wie hat sich die amerikanische Außenpolitik unter Präsident Donald Trump verändert?
Tom Cotton: Eine wirklich wichtige Veränderung betrifft die Haltung dieser Regierung zu China. Davor gab es über viele Jahre hinweg eine überparteiliche Tradition, nach der amerikanische Präsidenten China im Wahlkampf scharf attackierten, dies im Amt aber nicht weiter verfolgten. Der jetzige Präsident hat mit Chinas missbräuchlichen Praktiken im Handel und anderen Bereichen nicht nur Wahlkampf gemacht, sondern richtet auch seine Regierungspraxis danach aus. Europäern ist vielleicht nicht klar, auf welch große öffentliche Zustimmung dieses scharfe Vorgehen gegenüber China in Amerika stößt.

Außerhalb von Krisen und Kriegen wird die politische Diskussion in den USA eher nicht von Außenpolitik bestimmt.
Ja, aber China ist eine Ausnahme. Auch in meinem Staat Arkansas sehen die Bürger die schädlichen Auswirkungen des unfairen chinesischen Wettbewerbs auf ihre Nachbarn und Gemeinden. Wie alle Amerikaner haben sie einen Sinn für Gerechtigkeit und Fairness, der durch die Übergriffe in Hongkong oder in Xinjiang, wo die chinesische Kommunistische Partei Konzentrationslager gebaut hat, verletzt wird. Der Geist ist also aus der Flasche. Er wird auch nicht so bald wieder hineingehen, selbst wenn es zu einem Handelsabkommen zwischen den USA und China kommt.

Es besteht der Eindruck, dass sich die USA unter Trump aus der Weltpolitik zurückziehen und mehr Aufmerksamkeit auf die Innenpolitik richten. Wie sehen Sie das?
Ich akzeptiere diese Behauptung nicht. Vergessen Sie nicht, dass Barack Obama seinen Wahlkampf und seine Regierungsführung an der Vorstellung ausgerichtet hat, es sei an der Zeit, sich für den Aufbau der Nation daheim einzusetzen. Sein Versuch, sich aus der Welt zurückzuziehen und sein weitgehend rhetorisches Umschwenken nach Asien, das nicht ausreichend mit militärischen Mitteln unterlegt war, trugen zum Chaos bei, das 2014 und 2015 seinen Anfang nahm – ob es nun um den IS und die Flüchtlingskrise ging, um Chinas Einschüchterungsversuche gegenüber seinen Nachbarn im Süd- und im Ostchinesischen Meer oder um Russlands Invasion der Krim. Amerika bleibt der NATO und seinen Verbündeten im Nahen Osten und im asiatisch-pazifischen Raum verpflichtet. Die Bedrohungen für die NATO sind China und Russland. Und andere NATO-Mitglieder, die China und Russland als Gegner nicht ernst nehmen.

Wie haben Sie den Vorschlag Annegret Kramp-Karrenbauers bewertet, eine Sicherheitszone in Syrien zu schaffen?
Ich würde ein verstärktes deutsches Interesse im Nordosten Syriens willkommen heißen. Es ist unerlässlich, dass wir zusammenarbeiten, um die letzten Überbleibsel des IS zu zerstören. Als Teil dieses Prozesses müssen wir sicherstellen, dass IS-Gefangene in ihre Heimatländer überstellt und inhaftiert werden. Außerdem sollten wir kooperieren, um eine Ausbreitung Irans in der Region zu verhindern und die Kurden davor zu schützen, überrollt zu werden, selbst wenn sie im Nordosten Syriens kein autonomes Gebiet erhalten.

Die globale Ordnung ist im Umbruch. Derzeit gibt es zwei hauptsächliche Nutznießer, China und Russland. Akzeptieren die USA diese Entwicklung, und wenn nicht, was tun sie dagegen?
Russland und besonders China stellen sehr ernste Bedrohungen für Länder wie die Vereinigten Staaten und Deutschland dar. Analysen sprechen meist von Russland als einer Nation, die wirtschaftlich unter Druck steht und demografisch ausstirbt. Sie betrachten China als die eigentliche Bedrohung unserer Zukunft. Da ist zwar etwas dran, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Xi Jinping und seine Kumpane ganz genauso aus Verzweiflung handeln wie die russische Führung. Wie Xenophon schon vor langen Jahren lehrte, können Tyrannen nie und nirgends ruhig schlafen. Wenn Sie das bezweifeln, sollten Sie sich fragen: Wie geht es wohl zu, wenn sich Wladimir Putin oder Xi Xinping die Haare schneiden lassen? Ohne die Zustimmung des Volkes zu regieren, ist eine inhärent instabile Situation.
 
Wie bewerten Sie den Vorwurf, dass Diktatoren wie Putin und Xi Verbündete wie die Vereinigten Staaten und Deutschland spalten wollen?
Die größte Bedrohung der NATO ist heute die Weigerung einiger Mitglieder, die bösen Absichten dieser beiden Männer und ihrer Politiken ernstzunehmen. Nehmen Sie Huawei, dem einige NATO-Mitglieder wie Deutschland womöglich Zugang zu ihrer 5G-Infrastruktur geben wollen, obwohl das Unternehmen nachweislich Spionage für China betrieben hat. Oder Nord Stream 2, was, offen gesagt, ein widerwärtiges und schändliches Projekt ist. Deutschland wirbt für den kommerziellen Nutzen der Pipeline.

Putin wird Nord Stream 2 als strategisches Werkzeug nutzen, um Ost- von Mittel- und Westeuropa abzuspalten?
Absolut. Durch die Pipeline verdoppelt sich die Menge an Erdgas, die Russland an der östlichen Grenze der Allianz vorbei nach Europa exportieren kann. Russland kann dann Länder wie Polen und die baltischen Staaten noch besser erpressen, indem es ihre Energielieferungen bedroht. Zugleich wächst die Abhängigkeit von NATO-Staaten gegenüber Russland, was die Heizung ihrer Häuser und Energie für ihre Volkswirtschaften betrifft. Die Art, wie Russland seine Öl- und Gasexporte eingesetzt hat, um die Ukraine unter Druck zu setzen, gibt einen Vorgeschmack darauf, wie es Nord Stream 2 gegen die NATO nutzen könnte. Zur Erinnerung: Als Putin die Krim besetzt hat, drohte er, europäische Länder, die die Ukraine unterstützen, von Energielieferungen abzuschneiden. Wenn NATO-Mitglieder ihre Abhängigkeit vom russischen Gas vergrößern, erhält der Kreml weitere Möglichkeiten für Erpressungen und einen noch größeren Hebel gegenüber dem Bündnis. Der erste Schritt, um Russland und China entgegenzuwirken, ist, damit aufzuhören, ihre Position durch Projekte wie Nord Stream 2 weiter zu stärken.

Sind Sie mit dem Beitrag Deutschlands und der EU zur internationalen Sicherheitsarchitektur zufrieden? Was erwarten Sie von den Europäern und speziell von den Deutschen auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik?
Ich weiß zu schätzen, dass sich Deutschland im letzten Monat erneut verpflichtet hat, sein Verteidigungsbudget auf das Niveau zu bringen, das die NATO-Regierungschefs vereinbart haben. Angesichts der gemeinsamen Bedrohungen, denen wir uns gegenübersehen, ist es erforderlich, dass alle NATO-Mitglieder ihren Ausgabenverpflichtungen für die Verteidigung nachkommen. Für die NATO wird es womöglich schwierig werden, eine glaubwürdige Militärmacht zu bleiben, wenn sich alle außer sieben NATO-Mitgliedern weigern, genug Geld für ihre Streitkräfte auszugeben. Außerdem unterstütze ich die europäischen Initiativen, den Verteidigungsbeschaffungsprozess bei unseren europäischen Verbündeten zu optimieren. Allerdings gilt: In dem Maße, wie sich solche Initiativen entwickeln, ist es von zentraler Bedeutung, sie so zu gestalten, dass sie weder die Funktionen der NATO duplizieren noch die Interoperabilität der NATO beeinträchtigen.

Nochmal zu Huawei. Wie bewerten Sie die deutsche Absicht, den Anbieter am Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes zu beteiligen? Wird das den Austausch von Geheimdienstinformationen zwischen Deutschland und den USA einschränken?
Ich bin tief besorgt über den Vorschlag der deutschen Regierung, Huawei in die 5G-Infrastruktur des Landes einzubeziehen. Bei Huawei handelt es sich um einen Arm der Kommunistischen Partei Chinas zur Informationsbeschaffung. Die Nachbarn Chinas im asiatisch-pazifischen Raum – Australien, Japan und Neuseeland – haben Huawei bereits aus ihren 5G-Netzwerken ausgeschlossen. Die USA sind noch weiter gegangen und haben das Unternehmen auf die schwarze Handelsliste gesetzt. Einige NATO-Verbündete, darunter Polen und Estland, haben ebenfalls gehandelt, um die Bedrohung durch Huawei abzuwehren. Es mag sein, dass die deutsche Wirtschaft die Huawei-Technologie favorisiert, weil sie relativ preisgünstig ist, aber was ist der Preis dafür? Huawei-Netze stellen ein Risiko für die deutsche Sicherheit dar, das nicht entschärft werden kann. Durch sie könnte die Kommunistische Partei Chinas in die Lage versetzt werden, die deutsche Regierung auszuspionieren und in die Privatsphäre deutscher Bürger einzudringen. Ich würde die deutsche Regierung drängen, sich sicherere 5G-Anbieter wie die europäischen Firmen Nokia und Ericsson anzuschauen.

Und was ist mit den Geheimdiensten?
Wenn einige Verbündete Huawei-Technologie verwenden, könnte dies die NATO in einen Huawei- und einen Nicht-Huawei-Block spalten. Dies würde unserer Fähigkeit zur Zusammenarbeit schaden und damit unseren Gegnern helfen. Leider wird die Präsenz von Huawei in Netzwerken verbündeter Nationen die US-Regierung zwingen, unsere Verfahren für den Austausch nachrichtendienstlicher Informationen zu überprüfen.

Präsident Trump hat erklärt, dass die EU und Deutschland zu Amerikas Feinden zählen. Stimmen Sie dem zu, gerade wenn man den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer in Betracht zieht?
Die USA, Deutschland und die EU werden sich niemals in allen Punkten einig sein, und das gilt auch für Handelsfragen. Diese waren der Kontext der Bemerkungen, auf die Sie sich beziehen. Unsere Beziehungen werden, je nachdem, wer gerade regiert, manchmal besser und manchmal schlechter sein. Aber wichtige Jahrestage wie der Fall der Berliner Mauer und Bedrohungen wie China und Russland erinnern uns daran, dass die gemeinsamen Interessen, die uns verbinden, viel stärker sind als irgendwelche angeblichen Spaltungen.

Ist es für die USA womöglich schon zu spät, Chinas Expansion in der Welt wirksam zu begrenzen?
Die Kommunistische Partei Chinas stellt eine Bedrohung nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für die gesamte freie Welt dar. China wird von einem totalitären Regime regiert, das Widerspruch nicht duldet, weder daheim noch im Ausland. Es ist leicht, die Konzentrationslager der Kommunistischen Partei in Xinjiang als ein Problem abzutun, das „weit weg“ ist. Aber die böswilligen Aktivitäten der KP reichen bis vor unsere Haustüren. Peking setzt heute schon räuberische Wirtschaftsmethoden und Zensur ein, um unsere Unternehmen zu bestehlen und unsere Bürger zu hindern, dagegen die Stimme zu erheben.

Wie bewerten Sie die derzeitigen Beziehungen zwischen den USA und Russland?
Über Wladimir Putin sage ich schon lange: einmal KGB, immer KGB. Ich glaube, dass die Vereinigten Staaten und Russland Gegner bleiben werden, solange er im Amt ist. Es wäre gut, wenn wir eine bessere bilaterale Beziehung hätten, aber dazu wird es vermutlich nicht so bald kommen, vor allem, wenn man die fortdauernde Aggression Russlands gegen das NATO-Bündnis sowie die russische Einmischung in der Ukraine, Syrien, Venezuela und anderswo sieht.

Befürchten Sie eine neuerliche russische Einmischung in die Präsidentschaftswahlen 2020, und wie wollen Sie dem Thema begegnen?
Ich fürchte nichts, das mit Wladimir Putin oder seinen Bemühungen, Russland relevant zu halten, zu tun hat. Seinen Handlungen sollte man mit Entschlossenheit begegnen, nicht mit Furcht. Ich bin Mitglied im Geheimdienstausschuss des Senats. Wir verfolgen die böswilligen Aktivitäten Russlands in diesem Bereich sehr genau, und die Vereinigten Staaten sind gut darauf vorbereitet. Aber wichtig ist auch, sich daran zu erinnern, dass die russische Einmischung kein entscheidender Faktor für die jüngsten US-Wahlen war. Das amerikanische Volk entscheidet über seine eigene Zukunft, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass das auch so bleibt.

Trumps früherer Nationaler Sicherheitsberater H.R. McMaster erklärte 2017 in einem Meinungsbeitrag, Nationen sollten ihren eigenen Interessen Vorrang einräumen gegenüber globalen Bündnissen. Würden Sie dem heute noch zustimmen?
Bündnisse brauchen einen Zweck. Sie sind Werkzeuge, die strategischen Zielen dienen, deshalb sind sie für jede Nation zentral bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen. Ich schaue mir heute die Welt an und habe keinerlei Zweifel, wenn es um die Zwecke geht, denen zum Beispiel die NATO dient.

Was sind für Sie die wichtigsten Themen der Münchner Sicherheitskonferenz 2020, und was muss passieren, damit es eine erfolgreiche Konferenz wird?
Die wichtigsten Themen dieser MSC sind die ruchlosen Absichten unserer Feinde, Russland und China. Russland fährt damit fort, seine Nachbarn zu nötigen, einzuschüchtern und zu besetzen. Derweil versucht China, ein internationales System aufzubauen, das dem verfassungsmäßigen Regieren, dem Rechtsstaat und der Marktwirtschaft entgegensteht. Trotz dieser Bedrohungen gehen manche Verbündete noch immer gefährliche Abmachungen mit China und Russland ein, mit dem Risiko, ihre eigene Sicherheit und die ihrer Verbündeten zu untergraben. Die Konferenzteilnehmer sollten darüber diskutieren, wie wir verhindern können, dass unsere transatlantische Allianz von diesen feindlichen Kräften infiltriert und gespalten wird. Wie wir auf die Bedrohungen durch Nord Stream 2 und Huawei reagieren, wird von entscheidender Bedeutung sein.
 

Die Fragen stellte die IP-Redaktion.
Übersetzung: Bettina Vestring

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2020, S. 52-56

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