01. November 2021

Chiffrierte 
Ablehnung und offener Hass

Antisemitische Ressentiments in neurechten Gruppen in Deutschland und den USA.

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Bild: Zeichnung eines T-Shirts mit antisemitischer Aufschrift eines am Sturm aufs Capitol beteiligten Mannes
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Brandanschläge, gewalttätige Angriffe, Morddrohungen. Das gehört für Jüdinnen und Juden auch 2021 noch zu Deutschland. Vor zwei Jahren versuchte der Rechtsextremist Stephan B. am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, schwer bewaffnet in eine Synagoge in Halle einzudringen. Er scheiterte nur an den massiven Türen der Synagoge und erschoss daraufhin zwei Menschen vor dem Gebäude und in einem nahegelegenen Restaurant. Deutschland hat derzeit ein „dramatisches Antisemitismus-Problem“, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in einem kürzlich veröffentlichten Essay feststellte. Doch nicht nur in Deutschland sind antisemitische Vorfälle immer noch an der Tagesordnung. Auch für amerikanische Jüdinnen und Juden ist der Antisemitismus trauriger Alltag. Nur elf Monate trennten 2018/19 zwei Angriffe auf Synagogen in Pittsburgh, Pennsylvania und Poway, Kalifornien, die insgesamt zwölf Menschen das Leben kosteten.


Und das sind nur einige von vielen antisemitischen Anschlägen in Deutschland und den USA in den vergangenen Jahren. Was sie neben dem Motiv des Judenhasses verbindet, ist die ideologische Ausrichtung der Täter. Sie alle waren Anhänger neurechter Ideologien und Verschwörungstheorien. Das scheint nicht überraschend, betrachtet man sich die Statistiken der Anti-Defamation ­League (ADL), einer amerikanischen Organisation, die sich gegen Antisemitismus einsetzt. Ihren Erkenntnissen zufolge sind rechtsextreme Vereinigungen in den USA die mit weitem Abstand gewaltbereiteste Gruppe unter den politisch ex­tremistischen Gruppierungen.


Proud Boys und Identitäre Bewegung

In den vergangenen Monaten hat sich in Deutschland vor allem der linke und muslimische Antisemitismus lautstark bemerkbar gemacht, gerade im Zusammenhang mit den Eskalationen im Nahost-Konflikt im Mai. So mag sich der Eindruck aufdrängen, dass vor allem der linke Antisemitismus auf dem Vormarsch sei. Allerdings darf dabei der rechtsextreme Antisemitismus nicht in Vergessenheit geraten. Die Vergangenheit der ­Shoah hat gezeigt, dass gerade dieser eine besonders hohe Brutalität und Durchsetzungskraft mit sich bringen kann. Rechtsextremismus wird dabei in diesem Text als Sammelbegriff einer nicht homogenen Gruppe verstanden, die sich auf politisch extreme Meinungen stützt, die am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums stehen.


Auch in den USA fallen Anhänger neurechter Gruppierungen immer wieder durch juden- und ­israelfeindliche Aussagen auf. Hier ist das Spektrum der Meinungen zum Staat Israel deutlich breiter: Es reicht von offen propagiertem Israel-Hass bis hin zu Aussagen, man wolle Israel vor den Muslimen schützen. Doch bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze verfolgen alle am Ende das gleiche Ziel: eine Abwertung des Anderen und eine Aufwertung der eigenen Gruppe, wie es Theodor Adorno und Max Horkheimer schon vor mehr als 70 Jahren beschrieben haben.


Rechtsextreme in Deutschland bedienen sich zumeist aufgrund des gesellschaftlichen Narrativs der Verantwortung für die Shoah eines deutlich weniger offensichtlich erkennbaren Antisemitismus, als das in den USA der Fall ist. Das täuscht allerdings nur auf den ersten Blick über den antisemitischen Gehalt vieler Aussagen hinweg.


Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, werden im Folgenden exemplarische Aussagen der rechtsextremen Proud Boys aus den USA und der Identitären Bewegung in Deutschland einander gegenübergestellt. Die Identitäre Bewegung wird vom Bundesverfassungsschutz in mehreren Ländern beobachtet und seit 2019 in der Kategorie „gesichert rechtsextrem“ geführt. Dabei analysiert dieser Artikel die verschiedenen Ansätze des Storytellings, durch das neurechte Gruppen Antisemitismus und Antizionismus rechtfertigen, abschwächen und auf politischer Ebene ausnutzen.


Grundsätzliche Abgrenzung zum „Anderen“

Eines der Feindbilder, gegen das sich die Identitäre Bewegung wendet, ist die „muslimische Unterwanderung des christlichen Abendlands“. Insofern wäre eine Unterstützung Israels aus einer einfachen Freund-Feind-Theorie nach ­Carl ­Schmitt eine durchaus logische Konsequenz. Jedoch ist die Ideologie der Identitären Bewegung umfassender. So geht es nicht nur um die Angst vor muslimischen Einwanderern, sondern um eine ganz grundsätzliche Abgrenzung zum „Anderen“. Die Anhänger dieser Ideologie sehen die deutsche Kultur in Gefahr, sobald sie anderen Einflüssen ausgesetzt ist. Die „Wiedergewinnung unserer historischen, ethnischen und kulturellen Identität“, wie die Identitäre Bewegung auf ihrer Website postuliert, sei notwendig, um Deutschland vor der „selbstverschuldeten Islamisierung“ zu schützen.


Dabei gehe es nicht um „den Islam, es geht nicht um Israel, es geht nicht um den ‚Westen‘, die ‚Aufklärung‘, die Religionsfreiheit, das Schweine­schnitzel in der Kantine und die barbusigen, unverschleierten Pin-ups in der Tageszeitung“, so die Identitäre Bewegung in einem Artikel aus dem Jahr 2017. Nachdem Aktivistinnen und Aktivisten des „Zentrums für politische Schönheit“ vor dem Haus eines AfD-Politikers in Berlin eine Nachbildung des Holocaust-Denkmals aufgestellt hatten, beschrieb die Identitäre Bewegung den Initiator der Aktion Philipp Ruch in einem Facebook-Post als den „Hohepriester der bundesdeutschen ‚Holocaust-Religion‘“. Zusätzlich teilte die Identitäre Bewegung Deutschland ein Video von Martin Sellner, dem Kopf der österreichischen Schwester­organisation, in dem dieser Tipps gab, wie man sich „von diesem kranken zivilreligiösen Sektenkult befreien“ könne.


Auch Götz Kubitschek, ein neurechter Aktivist, der als Kopf der Identitären Bewegung gilt, veröffentlicht in seinem rechten Theoriemagazin Sezession immer wieder antisemitische Artikel. Da ist vom „Projekt Israel“ die Rede, vom „Apartheidstaat“ oder der „stark jüdisch besetzten“ Biden-Regierung. Zahlreiche Artikel des Magazins verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien und Vorurteile und suchen diese mit Zitaten vermeintlicher Experten zu belegen. Diese moderne Form der völkischen Ideologie hat in ihrer Reinform einen ethnisch und kulturell homogenen Staat zum Ziel. Dabei spielt im Selbstbild besonders die Angst vor einer Unterwanderung der „weißen“ deutschen Gesellschaft durch nichtweiße Immigrantinnen und Immigranten eine wichtige Rolle.


Antisemitismus nach Auschwitz

Offene Bekenntnisse zum Nationalsozialismus und Antisemitismus vermeidet die Identitäre Bewegung in den meisten Fällen auffällig unauffällig. Damit erfährt der Antisemitismus innerhalb der Bewegung eine neue und andere Qualität, die ihn besonders gefährlich macht. Typisch für diese verschleierte Unterform des strukturellen Antisemitismus, der auch als „Antisemitismus nach Auschwitz“ bezeichnet wird, ist der Ruf, einen „Schlussstrich“ unter die „Schuldkultur“ in Deutschland zu ziehen und Kritik an Israel üben zu dürfen. Diese Kritik wird häufig verallgemeinert; man fordert nicht etwa eine andere Politik oder einen Regierungswechsel, sondern zweifelt rundheraus das Existenzrecht des jüdischen Staates an.


Eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit solle nach Ansicht der Identitären Bewegung nur im Stillen stattfinden, denn die öffentliche Predigt der „Ketzerei“, wie es Martin Sellner nennt, wäre eine Weiterführung der NS-Verbrechen, in den Worten Sellners ein „Ethnozid“. Die einzige Lösung wäre daher, sich gegen den Verursacher zu richten oder anders gesagt – gegen Israel, „die Juden“ und Amerika.


Es ist wichtig zu betonen, dass diese Ansichten nicht offen nach außen getragen werden. In der Antisemitismusforschung ist von einem „chiffrierten Antisemitismus“ die Rede – ein Antisemitismus, der es zwar nicht ausspricht, aber jedem klar macht, was der eigentliche Inhalt hinter der Aussage ist. Dabei spricht die Identitäre Bewegung besonders junge Leute mit einem hohen Bildungsgrad an und ist durch ihre nicht immer gleich erkennbaren antisemitischen Aussagen auch außerhalb des rechtsextremen Spektrums anschlussfähig. Der Historiker Bernd Marin bezeichnet dies als „Antisemitismus ohne Anti­semiten“, denn viele Aussagen müssen gar nicht mehr getätigt werden, um Gleichgesinnten zu vermitteln, was gemeint ist.
Neben dem chiffrierten bedient sich die Gruppe besonders des „sekundären Antisemitismus“. Diese exklusiv deutsche Variante des Antisemitismus unterscheidet sich von anderen Formen der Judenfeindlichkeit in erster Linie durch Schuldprojektion, Täter-Opfer-Umkehr und Schuldabwehr. Im Sinne einer „Entlastung des deutschen Volkes“ geht damit eine Nichtanerkennung der Schuld nach der Shoah einher, oder, wie es der Psychoanalytiker Zvi Rex nennt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“


Sekundärer Antisemitismus lässt sich also als Antisemitismus wegen und nicht trotz der Shoah beschreiben. Konkret manifestiert sich sekundärer Antisemitismus etwa in der Holocaustleugnung oder -relativierung. Aber auch der Überdruss, sich mit der Shoah auseinanderzusetzen, und der erwähnte Ruf, einen „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur zu ziehen, können hierzu gezählt werden, ebenso der Vorwurf, Juden profitierten von der NS-Vergangenheit oder hegten gar eine „jüdische Rachsucht“.


Der Versuch, sich von einer klassischen Holocaustleugnung zu distanzieren, endet bei neurechten Gruppen häufig in einer neuen Strategie: in der Relativierung oder Banalisierung der Verbrechen. Dabei ist die Distanzierung von der Leugnung der Shoah als rein taktisches Kalkül zu verstehen. So sehen neurechte Gruppen wie die Identitäre Bewegung „die Deutschen“ als wahre Opfer der Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Alliierten gelten ihnen als Besatzungsmacht, die das deutsche Volk nach dem Krieg schwächen wollte. Dazu kann auch die Behauptung gezählt werden, Kritik am Staat Israel sei ein gesellschaftliches Tabu, und durch die Unterdrückung dieser Kritik werde die Meinungsfreiheit beschnitten.


Auch die Behauptung, Kritik am Staat Israel sei ein gesellschaftliches Tabu und würde dadurch die Meinungsfreiheit beschneiden, kann dazu gezählt werden. Bezeichnend für die Identitäre Bewegung ist, dass man den Antisemitismus der eigenen Gruppe vehement abstreitet. So erklärte Martin Sellner in einem Interview: Leute, die „extremistisch werden oder rassistisch werden oder antisemitisch werden, haben […] bei der Identitären Bewegung gar nichts verloren […] und sind bei uns auch nicht willkommen“. Das Selbstverständnis der Identitären Bewegung als einer „normalen“ politischen Bewegung manifestiert sich in einer Taktik, an die Aussagen gewählter Politikerinnen und Politiker anzuknüpfen und diese dann mit deutlicher Meinungsmache und Warnungen vor einer „Islamisierung des Abendlands“ anzureichern, um so Angst und Unsicherheit in der Gesellschaft zu schüren.

 

Gegen den „amerikanischen“ Universalismus

Die Identitäre Bewegung unterhält Kontakte zu rechten Gruppierungen in den USA, allerdings gerät sie dadurch immer wieder in ideologische Konflikte. Denn grundsätzlich wehrt sie sich ja gegen die Globalisierung als treibende Kraft hinter einem angeblichen Verlust der deutschen und europäischen Identität – ein Universalismus, für den gerade Amerika sinnbildlich steht.


Ähnlich steht es um den Umgang der Identitären Bewegung mit dem Staat Israel. Wissenschaftler beschreiben diesen als eine Form des „ethnopluralistischen Antizionismus“. So wäre, wenn es nach den Identitären ginge, ein eigener Staat für Jüdinnen und Juden und ein eigener Staat für Musliminnen und Muslime notwendig. Nur vermischen darf sich nichts. Und solange sich Israel nicht für eine solche Lösung ausspricht, geschweige denn sie anerkennen würde, ist der jüdische Staat nach diesem Argumentationsmuster der alleinige Aggressor. Durch diese Aggressionen werde außerdem die Migration nach Europa gefördert – und damit einer der Hauptgefahren aus Sicht der Identitären der Boden bereitet. Zudem gilt Israel der Identitären Bewegung als engster Verbündeter und Satellitenstaat der USA bei ihren „neokolonialen“ Aktivitäten im Nahen Osten, wie der französische Journalist und Autor Guillaume Faye anmerkt.


Wie Antiamerikanismus und Antisemitismus bei der Identitären Bewegung Hand in Hand gehen, zeigt sich auch, wenn man Kritik am amerikanischen Kapitalismus übt, um seine antisemitische Einstellung zu codieren. Ein künstlich erzeugter Zusammenhang zwischen dem „Schuldkult“, dem vermeintlichen Verlust der deutschen Identität und dem „Einwanderungsproblem“, das durch amerikanische und jüdische Machenschaften gefördert werde, gehört zu den Kräften, welche die Identitäre Bewegung am Laufen halten. So sehen die Identitären in der Shoah eine Erfahrung, die das deutsche Volk zu einer Nichtidentität zwinge und Gefühle wie Patriotismus und Stolz brandmarke.


Eine antisemitische Aussage nach der anderen

Stolz und Patriotismus fühlen auch die amerikanischen Proud Boys – sie nehmen diese Gefühle gleich direkt in ihren Namen auf. Spätestens seit der Aufforderung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump im Jahr 2020: „Proud Boys – stand back and stand by“ (haltet Euch zurück und haltet Euch bereit) hat die rechtsextreme Gruppierung auch außerhalb der USA an Bekanntheit gewonnen. Die erst 2016 vom Mitgründer des Medienoutlets Vice, Gavin McInnes, und anderen gegründete reine Männergruppe definiert sich selbst als „Alternative-Right“ und ist für ihre antimigrantische und antimuslimische Ausrichtung sowie ihren Hang zu Verschwörungstheorien bekannt.


McInnes selbst verließ die Organisation bereits 2017 wieder. Mehrere Mitglieder der Proud Boys werden für den Sturm aufs Kapitol verantwortlich gemacht und etwa in Kanada als Terroristen eingestuft. Einzelne Mitglieder, darunter auch McInnes selbst, sind immer wieder durch antisemitische Aussagen aufgefallen. Nach Einschätzung der Anti-Defamation League ist die Ideologie der Gruppe zwar nicht grundlegend antisemitisch, jedoch haben es Mitglieder in der Vergangenheit des Öfteren versäumt, sich von offen antisemitisch auftretenden Neonazis zu distanzieren. Wenngleich es methodisch heikel ist, die Haltung einzelner Proud Boys zu Israel und Jüdinnen und Juden auf die gesamte Gruppe zu übertragen, so lässt doch die Vielzahl an Ausfällen Einzelner auf eine tieferliegende und identitätspolitisch vorangetriebene Ideologie schließen.


Dabei ist das bewusste Spiel mit widersprüchlichen Aussagen Teil der Strategie der Proud Boys. So hat McInnes nach einem Besuch in Israel ein inzwischen von YouTube gelöschtes Video mit dem Titel „10 things I hate about the Jews“ veröffentlicht, in dem er eine antisemitische Aussage nach der anderen tätigte – darunter die, dass Juden eine „weinerliche paranoide Angst vor Nazis“ hätten. McInnes hat wiederholt behauptet, er wolle die Shoah nicht leugnen. Dennoch sagt er auch, dass es „viel weniger als sechs Millionen waren und diese verhungerten und nicht vergast wurden“. Zusätzlich beschuldigte er die Juden unter Stalin, schuld an der Hungersnot von Millionen von Ukrainern zu sein.


Als wären derartige Aussagen und die fehlende Distanzierung nicht Indiz genug, schlug dann auch noch ein in Washington entstandenes Foto hohe mediale Wellen. Es zeigt einen Mann, der eine Mütze mit dem Logo der Proud Boys trägt und umgeben von Proud-Boys-Mitgliedern ist. Denn der Mann trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „6MWE“, was für „6 Million Wasn’t Enough“ steht – eine Anspielung auf den Holocaust.


Durch Aktionen und Vorfälle wie diese hat sich die Gruppe mittlerweile zu einer eigenen Marke entwickelt und ist in der rechten und rechtsextremen Szene fest etabliert. Die Selbstbeschreibung der Proud Boys als „westliche Chauvinisten“ und ihre Rolle im Rahmen der Alt-Right sind wichtig, um ihren Bezug zu Israel zu begreifen. So hat Enrique Tarrio, derzeitiger Anführer der Proud Boys, es zwar verstanden, die Gruppierung nach außen als vielfältig darzustellen und den offenen Antisemitismus, den Rassismus und die Muslimfeindlichkeit der Gruppe in den entscheidenden Momenten zu verschleiern.


Doch die Tatsache, dass die Mitglieder so oft auffällig werden, macht Tarrio einen Strich durch seine Strategie. So haben Mitglieder der Proud Boys auf einer Pro-Trump-Veranstaltung in Wa­shington die Gegendemonstranten immer wieder als „Fucking Jews“ bezeichnet. Im Herbst 2020 proklamierte Proud-Boy-Mitglied Kyle Chapman unter anderem, dass „wir die zionistischen Kriminellen, die unsere Zivilisation zerstören wollen, stellen werden“. Der versuchte Coup innerhalb der Organisation scheiterte zwar, jedoch wird an diesem Beispiel die tatsächliche Gesinnung vieler Mitglieder deutlich. Chapman schlug zudem eine Namensänderung zu „Proud Goys“ (Goy ist ein ursprünglich aus dem Hebräischen stammendes Wort, das im Jiddischen und in diesem Kontext zumeist Nichtjuden bezeichnet) vor. Diese Änderung kam nicht durch, offenbart jedoch einmal mehr den offenen Antisemitismus in der Gruppe.


Unglaubwürdige Distanzierungen

Wie also unterscheiden sich die Ansätze des Antisemitismus in der deutschen Sektion der Identitären Bewegung und den Proud Boys konkret? Fest steht, dass die Identitäre Bewegung sich vor allem eines codierten Antisemitismus bedient und Mitglieder seltener durch offen antisemitische Aussagen auffallen. Anders als die Proud Boys will die Identitäre Bewegung vor allem junge Menschen mit einem hohen Bildungsgrad ansprechen. Eine zentrale Forderung, die als antisemitisch einzuordnen ist, ist die, einen „Schlussstrich“ unter den „deutschen Schuldkult“ nach der Shoah zu ziehen. Der weniger offensichtlich geteilte Antisemitismus der Identitären Bewegung kann zumindest in Teilen auf die Rolle Deutschlands während der Shoah und die daraus entstandenen Gesetze und gesellschaftlichen Grenzen zurückgeführt werden.


Im Gegensatz dazu wird der Antisemitismus bei den Proud Boys deutlich offener nach außen ­getragen. So sind Mitglieder in den vergangenen Jahren immer wieder durch Aussagen aufgefallen, die den Holocaust relativieren. Auch die fehlende Distanzierung von Antisemiten wie Kyle Chapman steht symptomatisch für die judenfeindliche Haltung der neurechten Gruppe. Zwar haben sich sowohl die Identitären als auch die Proud Boys in der Vergangenheit auf Nachfrage gegen Antisemitismus ausgesprochen. Doch lässt sich das mit den antisemitischen Äußerungen kaum aufrechnen – zumal die Frage der Glaubwürdigkeit mitschwingt.


Amerika und Israel

Die Haltung zu Israel fußt bei der Identitären Bewegung vor allem auf einem Antiamerikanismus und einer Verknüpfung des Staates Israels mit den USA. Zudem spielt die Einwanderung von muslimischen Menschen für die Identitären eine wichtige Rolle. Jedoch gibt es innerhalb der Identitären Bewegung noch keine eindeutige Haltung zu dem jüdischen Staat. Vereinzelt wird Israel als Auslöser für die Flüchtlingskrise verantwortlich gemacht oder es wird gar ein größerer, von Israel gelenkter Plan der „Ersetzungsmigration“ dahinter vermutet.


Die Proud Boys haben eine ebenso ambivalente Haltung zum Staat Israel. So fällt auf, dass die Gruppe durchaus zu israelfreundlichen Aussagen bereit ist, solange sie damit gegen ihre politischen Opponenten von der Linken punkten kann. Jedoch wirkt es, als seien israelfreundliche Aussagen häufig von einem gewissen Opportunismus getrieben und nicht von einer tatsächlichen Anerkennung des Staates. Denn an anderer Stelle werden ebenso klar antizionistische Aussagen getätigt, die beispielsweise auf eine jüdische Weltverschwörung und einen zu großen Einfluss jüdischer Politikerinnen und Politiker verweisen.


Dabei haben sich die Proud Boys gleichzeitig immer wieder als Beschützer von Jüdinnen und Juden inszeniert, so etwa auf einer proisrae­lischen Demonstration in Detroit, auf welcher Mitglieder der Proud Boys Plakate mit Aufschriften wie „Antisemitische Linke, geht heim! Stolz, Juden zu verteidigen“ aufliefen. Das macht eine eindeutige Klassifizierung schwierig.


Somit lässt sich festhalten, dass sich die ­Formen des Storytellings besonders im Hinblick auf die Codierung antisemitischer Aussagen in der Identitären Bewegung und bei den Proud Boys durchaus unterscheiden. Auch die Ausgangshaltung ist aufgrund der unterschiedlichen Geschichte der beiden Staaten eine andere. Das Endergebnis ist jedoch in beiden Fällen eine klar   judenfeindliche Haltung. Eine Gefahr, die in ­beiden Ländern nicht unterschätzt werden sollte.


So lässt sich die von chiffriertem Antisemitismus ausgehende Gefahr nur durch eine Sensibilisierung der Gesellschaft für diese Formen des Antisemitismus und die eigentlichen Aussagen dahinter bannen. Eine entcodierende Aufklärungsarbeit ist unerlässlich, will man dem neuen Rechtsextremismus, wie ihn die Identitäre Bewegung betreibt, entgegentreten. Zusätzlich sollte die Verantwortung, die die Nachkriegsgenerationen vereint, durch eine proaktive Erinnerungspolitik an die Shoah gekennzeichnet sein. Denn die neuesten Entwicklungen zeigen, dass es auch mehr als 75 Jahre nach der Shoah weder der deutschen noch der amerikanischen Gesellschaft gelungen ist, das zutiefst menschenverachtende Gedankengut wirklich zu bekämpfen.

 

Lena Voelk hat Politikwissenschaft und Geschichte an der Ludwig-­Maximilians-Universität in München studiert. Zuletzt absolvierte sie ihr Auslandssemester an der SciencesPo in Paris. Sie ist Stipendiatin der JONA und arbeitet als Hilfskraft am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU. An der Hochschule für angewandte Wissenschaften München studiert Lena zudem Fotografie mit einem Schwerpunkt auf Fotojournalismus und Dokumentarfilm. In ihrer Arbeit verbindet sie die Fotografie mit ihrem gesellschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Nach zahlreichen Hospitanzen und freier Mitarbeit, etwa bei der SZ, dem BR und dem ZDF in London, arbeitet sie als freie Journalistin und Fotografin bei der dpa und der Israelischen Nachrichtenagentur. Ihr besonderes Interesse gilt dabei dem Antisemitismus – dies spiegelt sich auch in ihren vielen Veröffentlichungen wider.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 7, November 2021, S. 58-65

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