Aus Liebe zur Linie
In Chile regiert seit März 2026 mit José Antonio Kast ein ultrarechter Präsident. Die chilenische Medienlandschaft präsentiert sich in ihrer Berichterstattung über die neue Regierung gespalten. Je nach politischer Ausrichtung verfolgen die Redaktionen unterschiedliche Strategien im Umgang mit Popularitätswerten, uneingelösten Wahlversprechen – und der Frage nach der eigenen Rolle im politischen Diskurs.
Auch in Chile sprechen die Medien nach Beginn einer Amtszeit von einer „Honeymoon-Phase“. Die Länge dieser politischen Flitterwochen wird dabei durch Umfragen gemessen, die in wöchentlichen Abständen die Popularität der Regierung abfragen. Im Gegensatz zur Verwendung im deutschen Sprachgebrauch beschreibt die Honeymoon-Phase in chilenischen Medien lediglich die anfänglichen Hoffnungen der Bevölkerung auf einen politischen Wandel nach einem Amtswechsel. Die Honeymoon-Phase endet, sobald diese Hoffnungen durch Skepsis und Enttäuschung ersetzt werden. Interne Streitigkeiten, wie sie bei Koalitionen üblich sind, werden ausgeklammert.
Die chilenische Presse attestierte dem neuen ultrarechten Präsidenten José Antonio Kast eine ungewöhnlich kurze solche Zeit. Nach etwas mehr als zwei Wochen im Amt fragte die konservative Zeitung El Mercurio: „Ist die Honeymoon-Phase bereits vorbei?“ Damals äußerte sich in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CADEM erstmals seit Kasts Amtsantritt am 11. März 2026 eine Mehrheit der Befragten negativ gegenüber dem Präsidenten und seinem Regierungsstil: 47 Prozent waren zufrieden, 49 nicht.
El Mercurio lieferte auf die selbst gestellte Frage auch eine Antwort: Die Regierung habe sich durch ihre schlechte Pressearbeit selbst ein Bein gestellt. Die international stark angestiegenen Spritpreise hätten ihr Übriges getan. Die Hoffnung auf eine schnell handelnde Regierung, die tiefgreifende Reformen im Wirtschafts- und Sicherheitsbereich umsetzt, habe sich rasch aufgelöst. Viele der im Wahlkampf gemachten Ankündigungen seien binnen weniger Tage Regierungszeit verpufft.
Die Antwort der Regierung dokumentierte die Tageszeitung La Tercera in einem Interview mit Innenminister Claudio Alvarado: „Wir sind gewählt, um zu regieren, nicht um uns darum zu scheren, ob sich die Opposition an uns stört.“ Die Zustimmungswerte rutschten im Anschluss weiter ab und lagen Ende Mai bei 38 Prozent.
Ein Präsident, der polarisiert
Der langjährige Oppositionspolitiker José Antonio Kast wird in der chilenischen Medienlandschaft höchst unterschiedlich dargestellt. Konservative Zeitungen wie El Mercurio und La Tercera porträtierten Kast während seiner Oppositionszeit häufig als Stimme einer besorgten Bevölkerung, die Migration und Sicherheit auf die politische Agenda setzte und „ohne Tabus“ darüber sprach. Seine pointierten Aussagen galten als notwendige Kritik an der linken Regierung unter Ex-Präsident Gabriel Boric.
Linke und liberale Medien wie El Mostrador, El Desconcierto und das Investigativportal Ciper betonten hingegen Kasts Verbindungen zur Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973 bis 1990) und berichteten über Kontakte zu rechtsextremen Politikern wie Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro sowie zu europäischen Parteien wie der AfD und der Fratelli d’Italia.
Kast spaltet das Land und die Medien wie kaum eine andere politische Figur seit der Rückkehr des Landes zur Demokratie im Jahr 1990. Aus einer ursprünglichen Nischenposition gewann Kast zusätzlich an Popularität, nachdem die Erinnerung an die politischen Massenproteste von 2019 drastisch verblasste.
La Tercera, El Mercurio und die größten Fernsehsender des Landes veröffentlichten ab 2021 vermehrt Interviews und Kommentare, in denen von einem „kriminellen Ausbruch“ die Rede war. Die Demonstrationen, bei denen ein großer Teil der Bevölkerung mehr soziale Sicherheit einforderte, wurden verstärkt unter dem Gesichtspunkt von Vandalismus und politischer Destabilisierung thematisiert.
Gleichzeitig wurde in den chilenischen Medien deutlich mehr über Diebstähle und Raubüberfälle berichtet. In den rund zweistündigen Abendnachrichten nehmen diese Vorfälle nicht selten die Hälfte der Sendezeit ein. Im August 2025 kamen Akademiker, Medienvertreter und Sicherheitsexperten bei einer Debatte in der katholischen Universität von Santiago de Chile gemeinsam zu dem Schluss, dass sich in der chilenischen Bevölkerung die Meinung verbreitete, das Land lebe in einem Ausnahmezustand. Grund hierfür sei ein zu starker Fokus auf Kriminalität in den Nachrichten.
Andere Medien schauten der sich ausbreitenden Angst und den konservativen Forderungen nahezu tatenlos zu. In einer Kolumne des Investigativportals Ciper konstatierte die Soziologin Carolina Aguilera kurz nach dem Wahlsieg von Kast am 14. Dezember 2025, die chilenische Ultrarechte habe es geschafft, „ein Gefühl der Rückkehr zu traditionellen Werten und einer verlorenen Normalität“ zu vermitteln. Noch in der Nacht des Wahlsiegs versprach Kast, eine Notstandsregierung zu bilden, die mit schnellen Maßnahmen Ordnung schafft „und den Chilenen wieder Ruhe zurückgibt“. Dies schürte Erwartungen, die auch von einem Teil der Medien selbst verstärkt wurden.
Der Umgang mit Erwartungen
Nach dem Amtsantritt am 11. März berichteten die chilenischen Medien über kaum etwas anderes als die zahlreichen Ankündigungen der Regierung, deren Wahrheitsgehalt jedoch wenig später wieder infrage gestellt wurde. So warf die spanische Zeitung El País der Regierung Kast bereits wenige Wochen nach Regierungsantritt vor, die Kommunikationsstrategie von Donald Trumps ehemaligem Berater Steve Bannon zu kopieren. Das Bannon’sche „flood the zone with shit“ wurde in ein chilenisches „copamiento de la agenda“ übersetzt. Durch konstante Ankündigungen und gemeinsame Erklärungen der Minister solle die öffentliche Debatte dominiert werden, so El País.
Das linksliberale Blatt aus Spanien versucht seit einigen Jahren, sich innerhalb der konservativ geprägten Medienlandschaft in Lateinamerika mit eigenen Regionalredaktionen als parteiunabhängige und kritische Zeitung mit einem iberoamerikanischen Blick zu etablieren.
Der Regierung Kast attestierte sie einige Fehltritte: „Politik funktioniert nicht wie ein Schachbrett, sondern wie eine Strömung. Wer versucht, sie aufzuhalten, dem rinnt sie durch die Finger.“ Insbesondere der Umgang mit den steigenden Ölpreisen habe gezeigt, dass eine Regierung nicht mit den Kommunikationsstrategien einer Opposition handeln könne. Nachdem im Zuge des Iran-Konflikts die Spritpreise stark angestiegen waren, kam auch in Chile die Forderung nach Subventionen auf. Die Regierung reagierte darauf mit einem Video, das sie über ihre Accounts in den sozialen Medien verbreitete. Darin behauptete sie, dass schlichtweg kein Geld für Subventionen vorhanden sei. „Wir haben von der vorherigen Regierung einen bankrotten Staat übernommen“, hieß es darin.
Die Reaktionen der Medien fielen gespalten aus. El Mostrador bezeichnete die Aussage als „unverantwortliche Übertreibung“, die das Vertrauen in die Stabilität des Staates gefährde. Die linke Zeitung El Desconcierto sprach von „populistischer Rhetorik“, die nun auf die Regierung zurückfalle.
Konservative Medien verteidigten zunächst die Aussage. El Mercurio schrieb, die Regierung wolle damit die „dramatische Haushaltslage“ verdeutlichen, die sie geerbt habe. Finanzminister Jorge Quiroz ruderte jedoch Ende März vor dem Parlament zurück und sagte: „Ich würde dieses Wort niemals verwenden. Der Staat befindet sich lediglich in einer schlechten Finanzlage“. Ein Widerspruch, der von den konservativen Medien ausgesessen wurde.
Unpopulär, aber rational?
Wenige Wochen später schaffte es Finanzminister Quiroz erneut auf die Titelseiten, nachdem ein internes Dokument publik geworden war, das massive Kürzungen in der öffentlichen Gesundheit und Schulbildung vorsah. Darin schlug Quiroz unter anderem vor, ab 2027 die Finanzierung von kostenlosem Schulessen komplett zu streichen.
Die Onlinezeitung El Mostrador schrieb: „Das ist keine technische Anpassung, dies ist eine Entscheidung mit sofortigen sozialen Einschnitten.“ Neben ihrer Grundaufgabe, kostenloses Schulessen anzubieten, habe das Programm auch nach Katastrophen die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sichergestellt.
La Tercera positionierte sich in einem Editorial und verwies auf das „besorgniserregende“ erwartete Wirtschaftswachstum von maximal 1,5 Prozent. Dies sei Ausdruck der Politik der Vorgängerregierung. Es sei daher notwendig, „Strukturreformen anzugehen, auch wenn die Bevölkerung die Kosten tragen muss“. Dies könne ruhig zu einer geringeren Popularität führen.
Wenig später argumentierte der Wirtschaftswissenschaftler Felipe Balmaceda in La Tercera, dass Meinungsumfragen durch ihre Emotionalität rationale Entscheidungen in der Politik abgelöst hätten. Chile habe nur dank „technischer Konsense und solider Wirtschaftspolitik“ zwischen 1990 und 2014 ein starkes Wirtschaftswachstum erlebt – auf Basis von Entscheidungen, „die nicht immer populär waren“. Während der zweiten Amtszeit der Mitte-links-Präsidentin Michelle Bachelet von 2014 bis 2018 „wurde der Pragmatismus zugunsten einer Agenda zurückgestellt, die in erster Linie dem Druck der Straße und den Emotionen bestimmter Kreise Rechnung trug“, so Balmaceda. Man dürfe Führungsstärke nicht mit Popularität verwechseln.
Keine gute (rhetorische) Figur
Die Wahlkampagne von Kast zielte vor allem auf Sicherheit und Migration ab. Im Amt scheint der neue Präsident nun aber andere Prioritäten zu setzen: So konzentrierte sich sein erstes Gesetzespaket auf wirtschaftsliberale Maßnahmen; außerdem wurden erste Punkte eines groß angelegten Sparprogramms im Finanzhaushalt umgesetzt.
Noch bevor das Abgeordnetenhaus am 20. Mai in erster Lesung dem sogenannten „Plan zum nationalen Wiederaufbau“ in großen Teilen zustimmte, kommentierte El Desconcierto kritisch. Über die geplante 25-jährige Garantie gleichbleibender Steuern für besonders große Investitionen schrieb das Onlineblatt: „Diese Idee ist nicht neu. Sie wurde erstmals im Jahr 1974 unter der Diktatur von Pinochet eingeführt.“ Weitere Bestandteile der geplanten Reform sind Steuererleichterungen für Unternehmen, einfachere und schnellere Baubewilligungsverfahren sowie ein Stopp der Ausweitung kostenloser Studiengänge.
La Tercera verteidigte die Maßnahmen in einem Editorial als „überfällige Modernisierung“ des chilenischen Wirtschaftsmodells und das mit Abstand „wichtigste Projekt der Regierung“. Gleichzeitig sei es wichtig, die Bevölkerung vom Projekt zu überzeugen. Die Aussage „es gibt kein Geld“ reiche dafür allerdings nicht mehr aus.
Bei dem Fokus auf Wirtschaftsreformen blieben angekündigte Maßnahmen in der Sicherheits- und Migrationspolitik zunächst ohne konkrete Umsetzung. Mitte Mai erklärte Präsident Kast, sein Versprechen, in den ersten Tagen seiner Regierung die 300 000 irregulär im Land lebenden Migranten abzuschieben, sei eine „Metapher“ gewesen. Wenig später korrigierte er: „Es war eher eine Hyperbel als eine Metapher“, also eine absichtliche Übertreibung.
Die Medienreaktionen fielen erwartungsgemäß erneut gespalten aus. El Mostrador und El Desconcierto sprachen von einem „Verrat“ an der Wahlbevölkerung. El Mostrador schrieb: „Was in der Opposition als klare Linie verkauft wurde, entpuppt sich in der Regierung als rhetorische Figur.“ Konservative Medien ignorierten die Aussage weitgehend oder thematisierten sie als nachgeordnetes Problem.
Fehlende Selbstreflexion
Während Kast einen Wandel vom Oppositionspolitiker zum Präsidenten vollzieht, verändert sich auch, wie die Medien über ihn berichten. Ihrer eigenen Ideologie treu folgend, passen sie geschickt ihre journalistische Agenda an.
Dies ist nicht überraschend: Viele große Medienhäuser befinden sich im Besitz von Unternehmern und Privatpersonen mit klarer politischer Ausrichtung. So gehören El Mercurio und La Tercera zu Mediengruppen, die im Eigentum reicher Familien des Landes sind. Neuere Onlinemedien wie El Desconcierto und El Mostrador positionieren sich explizit als Gegengewicht dazu, schaffen es aufgrund mangelnder Ressourcen jedoch kaum, die Reichweite der traditionellen Häuser zu erreichen. Auch sie werden häufig von Parteien oder anderen politischen Interessengruppen stark gefördert.
Angesichts einer polarisierten Medienwelt schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Mellado in ihrem Bericht zum Medienkonsum in Chile über ein Publikum, das sich je nach politischer Orientierung bei bestimmten Medien informiert. Dabei scheint die Berichterstattung vorhandene Meinungen zu verfestigen und politische Agenden zu rechtfertigen.
Dieser Zustand verstärkt die Spaltung einer Gesellschaft, die seit über einem Jahrzehnt abwechselnd von einem rechten und einem linken Präsidenten regiert wird – und am Ende der jeweiligen Regierungszeit enttäuscht zurückblickt. Bisher zeigen weder konservative noch linke Medien eine ernsthafte Bereitschaft, die eigene Rolle im politischen Diskurs grundsätzlich zu hinterfragen. Es deutet also vieles darauf hin, dass die Honeymoon-Phase zwischen der aktuellen Regierung und einzelnen Medien noch eine Weile andauern wird.
Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 114-117
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