01. Juli 2012

Aufschwung durch Ausbildung

Wie die EU den Arbeitsmarkt im südlichen Mittelmeer ankurbeln kann

Als die EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström, in einer Rede Ende April 2012 in Boston die Erhöhung der finanziellen Hilfsleistungen für die arabischen Transformationsländer um eine weitere Milliarde Euro verkündete, nannte sie Investitionen in die Bildung als eine der geplanten Maßnahmen, um die Region wieder wettbewerbsfähig zu machen. Daneben, so Malmström, wolle man die Freizügigkeit und den Austausch zwischen den Ländern der Region und der EU vorantreiben.

Die Menschen in der Region nehmen Ankündigungen dieser Art mit Wohlwollen und Genugtuung zur Kenntnis. Denn damit geht die EU über die bisherigen Leitlinien ihrer Nachbarschaftspolitik hinaus: Sie versucht, die Ökonomien der Länder des  Arabischen Frühlings anzukurbeln, um schnelle, greifbare Ergebnisse vor Ort zu erzielen.

Die politischen Unruhen hatten erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf die Länder der MENA-Region. So fielen die Wachstumsraten nach Angaben der Public-Private Infrastructure Advisory Facility infolge des Arabischen Frühlings auf 1,9 Prozent. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 10 Prozent, unter der Jugend sogar bei 20 bis 25 Prozent. Die Region wird vermutlich einen erheblichen Anstieg ihrer arbeitsfähigen Bevölkerung erleben – bis auf 605 Millionen im Jahr 2050. Um einen weiteren Anstieg der Erwerbslosenquoten zu vermeiden, wird man bis zu diesem Zeitpunkt rund 6,75 Millionen Arbeitsplätze pro Jahr schaffen müssen.

Und der Anteil der 15- bis 24-Jährigen an der Gesamtbevölkerung steigt nach UN-Angaben rasant: von 44,6 Millionen 1980 über 88,1 Millionen 2010 auf voraussichtlich 94 Millionen im Jahr 2030. Betrachtet man diese Zahlen, dann besteht die einzige Chance, die arabischen Transformationsländer wirklich zu stabilisieren, darin, weitere Investitionen in Infrastruktur und Bildung vorzunehmen. Es geht darum, die wachsende Zahl junger Menschen mit den Fertigkeiten auszustatten, die sie für den nationalen wie den internationalen Arbeitsmarkt benötigen. Dabei sollte ein Fokus auf technologiegestützte, praxisorientierte, moderne Lehrpläne gelegt werden. Dadurch würden die Länder der Region in die Lage versetzt, die wachsende Nachfrage an qualifizierten
Arbeitskräften zu befriedigen. Wenn die jungen Menschen über angemessene Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommensniveaus verfügen, trägt das via Kaufkraft wiederum zum Wirtschaftswachstum bei. Und gleichzeitig kann die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte dazu beitragen, die demografischen Probleme auszugleichen, denen Europa als alternder Kontinent gegenüberstehen wird.


Prof. Ashraf Mansour ist Gründer der German University in Kairo und Vorsitzender ihres Stiftungsrats.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/ August 2012, S. 24

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