IP Special

26. Okt. 2026

Amerikas Selbstentmächtigung

Der Niedergang der Vereinigten Staaten ist haus­gemacht: Zölle, Schulden, Dysfunktion. Während Washington sich abschottet, lernt eine multipolare Welt, ohne die USA weiterzumachen.

Matthew Burrows
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Bild: US-Handelsminister Howard Lutnick bei der Vorstellung der Trump Gold Card
Hauptsache: Geld, Lieblingsfarbe: golden. Trump und sein Gefolge (hier Handelsminister Howard Lutnick) verfolgen konsequent ihre Vorstellungen eines „Gilded Age“ – eine kleine Elite bereichert sich.
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Lange hat sich der relative Niedergang der USA mit dem Aufstieg anderer Länder erklären lassen, vor allem dem Chinas. Das ist heute anders. Es sind Amerikas eigene Entscheidungen – Protektionismus, Haushaltsdrift, politische Dysfunktion und Beschränkungen für Talente –, die seine Macht von innen heraus schwächen. Der Dollar und die militärische Überlegenheit sind beeindruckende Trümpfe. Sie machen es unwahrscheinlich, dass China oder ein anderer Rivale die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit vollständig als Nummer eins ablösen wird. Wenn aber Wa­shington seine inneren Schwächen nicht überwindet, wird sich die relative Position Amerikas weiter verschlechtern. Eine multipolare Welt zeichnet sich ab; die zentrale Frage ist, ob die Großmächte damit friedlich und produktiv umgehen können.

Der Dollar bleibt Amerikas wichtigster wirtschaftlicher Vorteil. Er wird bei 89 Prozent der Devisentransaktionen verwendet und macht nach wie vor 57 Prozent der weltweiten Währungsreserven aus, auch wenn dieser Anteil auf dem niedrigsten Stand seit 1994 liegt. China, Russland und die BRICS-Staaten haben versucht, ihre Abhängigkeit vom Dollar zu verringern, China hat ein eigenes grenzüberschreitendes Zahlungssystem aufgebaut.

Doch selbst große chinesische Banken bleiben an das dollarbasierte Finanzsystem gebunden, während kleinere Banken sanktionierte Geschäfte mit Russland aus Angst vor dem Verlust des Zugangs zu den Dollar-Märkten eingeschränkt haben. Wie der Ökonom Barry Eichengreen argumentiert, wird die Zukunft des Dollars weniger von der Ablehnung im Ausland als von der innenpolitischen Disziplin der USA abhängen: davon, ob Washington die Verschuldung unter Kontrolle hält, Krisen um die Schuldenobergrenze vermeidet und das Vertrauen in seine Wirtschaftspolitik wiederherstellt.

Dieses Vertrauen steht unter Druck. Die USA geben bereits mehr für Schuldzinsen aus als für Verteidigung oder Medicare, und die Zinszahlungen werden in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich um 76 Prozent steigen. Eine hohe Verschuldung schränkt den Handlungsspielraum der Regierung in Krisenzeiten ein und könnte einen finanzpolitischen Schock auslösen, sollten Investoren höhere Renditen für US-Staatsanleihen verlangen. Ray Dalio und andere warnen, dass eine solche Krise bereits plausibel wird, sofern der Kongress die Ausgaben nicht eindämmt.

Diese Belastung und das Risiko werden noch größer, sollte Washington einen massiven militärischen Ausbau in Angriff nehmen, um mit China zu konkurrieren. Eine größere Marine, eine ausgebaute Raketenabwehr, fortschrittliche Cyber- und Weltraumfähigkeiten sowie eine stärkere Präsenz im indopazifischen Raum würden über Jahre hinweg nachhaltige Ausgaben erfordern. Die Finanzierung solcher Verpflichtungen durch Fremdkapital würde genau jene fiskalische Anfälligkeit vertiefen, die letztendlich die strategische Reichweite Amerikas einschränken könnte.

Es sind Amerikas eigene Entscheidungen, die seine Macht von innen heraus schwächen

Ihre geografische Lage verschafft den USA eine außergewöhnliche Sicherheit: Ozeane im Osten und Westen sowie befreundete Nachbarn im Norden und Süden. Dennoch bleibt Washington entschlossen, sich gegen fast jede denkbare Bedrohung zu verteidigen. Von Reagans „Star Wars“-Initiative bis zu Trumps Vorschlag eines „Golden Dome“ haben die USA wiederholt nach einem unverwundbaren Schutzschild gegen Raketenangriffe gesucht. Republikaner neigen dazu, die Verteidigungshaushalte zu erhöhen – die Demokraten kürzen sie weniger, als die Republikaner sie aufstocken. 

Trumps vorgeschlagenes Militärbudget in Höhe von 1,5 Billionen Dollar (mehr als 50 Prozent über dem Vorjahresniveau) reflektiert die Ansicht, dass China die „maßgebliche“ Bedrohung darstellt. Dennoch hat die militärische Vorherrschaft der USA keinen politischen Erfolg garantiert. Amerika hat nach 1945 große Kriege zwischen Staaten verhindert, aber es ist ihm nicht gelungen, seine Überlegenheit in Vietnam, im Irak oder in Afghanistan in einen Sieg umzumünzen – höchstwahrscheinlich gilt das auch für den Iran.

Die Ängste der Amerikaner beschränken sich nicht nur auf den Aufstieg Chinas. Viele Wähler befürchten auch den Verlust der nationalen Identität – ein Gefühl, das Trump geschürt hat, indem er Einwanderern die Tür verschlossen hat, also genau jenen Menschen, die lange Zeit dazu beigetragen haben, „Amerika wieder groß zu machen“. Durch die Eindämmung der Einwanderung, insbesondere jüngerer Latinos und anderer Menschen im erwerbsfähigen Alter, riskieren die USA, einen ihrer demografischen Vorteile zu schwächen.


Schwindende Bevölkerung

Jahrzehntelang sah die demografische Entwicklung der USA außergewöhnlich gut aus: Unter den Industrienationen war Amerika das einzige Land, dessen Bevölkerungswachstum nahe am Reproduktionsniveau lag. Dieser Vorteil schwindet. Die US-Bevölkerung wird zwar voraussichtlich auch über das Jahr 2050 hinaus wachsen, jedoch nur, wenn die Einwanderung den Rückgang der Geburtenrate ausgleicht. Ab 2030 werden die Geburten voraussichtlich hinter den Sterbefällen zurückbleiben. Sollte die Nettozuwanderung auf dem derzeitigen Niveau nahe null bleiben, wird der Bevölkerungsrückgang früher eintreten. Ohne Zuwanderung werden die Sozialversicherung, Medicare und das gesamte Finanzsystem schwerer aufrechtzuerhalten sein. Zudem altert die US-Bevölkerung: Der Anteil der über 65-Jährigen wird voraussichtlich von 17 auf 23 Prozent steigen. KI kann zwar die Produktivität steigern, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung aber kaum ausgleichen.

Technologie mag den demografischen Druck mildern, könnte aber auch die Ungleichheit vergrößern. KI und Automatisierung begünstigen Kapital, Daten und hochqualifizierte Arbeitskräfte, während sie Routinejobs verdrängen und die Verhandlungsmacht von Beschäftigten mit niedrigem und mittlerem Einkommen schwächen. Ohne breiten Zugang zu Bildung, Umschulung und Teilhabe an Produktivitätsgewinnen könnte Innovation die sozialen Spaltungen in Amerika eher verschärfen als heilen.

Die Ungleichheit in den USA hat zugenommen, während die Wege zum sozialen Aufstieg enger wurden. In den 1940er Jahren ging es den meisten Kindern aus der Mittelschicht besser als ihren Eltern; heute trifft dies nur noch auf etwa die Hälfte zu. Eliteuniversitäten wie Harvard verstärken diese Kluft durch Zulassungsbeschränkungen, die Kinder aus dem obersten Prozent begünstigen, während stagnierende Schülerleistungen die Chancen außerhalb wohlhabender Familien einschränken. Vermögende Eltern können sich eine bessere Schulbildung oder Nachhilfe leisten; Eltern aus der Mittelschicht oft nicht.

Dieser Verlust an sozialer Mobilität schürt Ressentiments. Viele weiße Wähler aus der Arbeiterklasse fürchten um ihren Status und sind neidisch auf den Aufstieg anderer – insbesondere schwarzer und hispanischer Amerikaner. Eine Studie der University of Chicago über die Aufständischen vom 6. Januar 2021 ergab, dass der Glaube daran, dass Schwarze und Hispanics gegenüber Weißen aufsteigen, es dreimal wahrscheinlicher machte, sich dieser Bewegung anzuschließen. Trumps Kreuzzug gegen Programme für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion schöpft Kraft aus diesem Gefühl der Verdrängung.

Die Parallelen zum „Gilded Age“  (1876–1900) sind auffällig. Damals wie heute bereicherten technologische Durchbrüche eine kleine Elite, Einwanderung war ein politisch brisantes Thema, und die populistische Wut gegen konzentrierten Reichtum und Außenseiter wuchs. Die „Progressive Ära“ verhinderte durch Reformen einen größeren Umbruch. Heute, da KI die Ungleichheit zu vertiefen droht, warnen einige Sozialwissenschaftler, dass Amerika einen erneuten Bürgerkonflikt riskiert, sollten Reformen erneut scheitern.


Polarisierung und Dysfunktion

Das politische System der USA ist tief gespalten, insbesondere unter den politischen Eliten. Die Parteien sind nicht mehr nur unterschiedlicher Meinung; sie misstrauen und verachten einander mehr und mehr. Diese „affektive Polarisierung“ wird durch verzerrte Wahrnehmungen, negative Wahlkampftaktiken und Medienökosysteme verstärkt, die Empörung belohnen. Normale Wähler sind im Allgemeinen ideologisch weniger extrem; die Institutionen aber, die sie vertreten, sind weniger kompromissfähig geworden.

In der Folge werden Strukturreformen verzögert, verwässert oder von der nächsten Regierung rückgängig gemacht. Die letzte umfassende Einwanderungsreform liegt Jahrzehnte zurück. Eine parteiübergreifende Bildungsreform ist trotz sinkender Leistungen ins Stocken geraten. Selbst von beiden Parteien unterstützte Infrastrukturinvestitionen brauchten eine Generation, bis sie verabschiedet wurden. Da große Probleme ungelöst bleiben, ist das Vertrauen der Öffentlichkeit zusammengebrochen: Nur 17 Prozent der Amerikaner sagen, dass sie darauf vertrauen, dass die Regierung das Richtige tut. 

Diese Dysfunktionalität bedroht auch eines der größten Güter Amerikas: die technologische Innovation. Mit der Kürzung von Forschungsmitteln, der Einschränkung des Talentstroms und der Politisierung der Universitäten riskiert Washington, das Ökosystem zu schwächen, das den USA lange einen Vorsprung verschafft hat.

Die Innovation in den USA profitiert zwar nach wie vor von Weltklasse-Universitäten, umfangreichen Risikokapitalressourcen, staatlichen F&E-Mitteln und technikaffinen Verbrauchern. Doch dieses Ökosystem schwächt sich ab, während sich der Wettbewerb mit China verschärft. Die zweite Trump-Regierung hat die Mittel für wissenschaftliche Forschung gekürzt und die Visa für chinesische und andere Studierende eingeschränkt; die Zahl der ausländischen Studierenden ist um ein Fünftel gesunken. Das ist von Bedeutung, denn Einwanderer und ausländische Forscher haben zum Aufbau des Silicon Valley beigetragen: Google, Amazon, Uber und viele andere Unternehmen wurden von Einwanderern gegründet. Die USA sind nach wie vor führend bei bahnbrechender KI und Quantentechnologien im Frühstadium; China liegt bei Robotik, autonomen Systemen, Batterien und dem Einsatz erneuerbarer Energien vorn. US-Chipbeschränkungen könnten Chinas Fortschritte im Bereich der KI zwar verlangsamen, haben aber auch chinesische Unternehmer und staatliche Fördermittel beflügelt. Da China weitaus mehr Ingenieure hervorbringt als die USA, rückt ein technologisches Gleichgewicht näher.

Nicht einmal ein Fünftel der Amerikaner vertraut darauf, dass ihre Regierung das Richtige tut

Dieser nächste „China-Schock“ könnte den Protektionismus noch weiter anheizen. Während China seine Handels- und Investitionsnetzwerke im Ausland ausbaut, verschließt sich Amerika zunehmend – angefeuert von einem Präsidenten, der sich stolz als „Zollmann“ bezeichnet.

Der Rückzug der USA aus der Weltwirtschaft begann bereits vor Trump; der aber hat den Protektionismus auf ein neues Niveau gehoben. Aufgrund des großen Binnenmarkts der USA spielt der Handel politisch eine weniger zentrale Rolle als in kleineren Volkswirtschaften, während die Wähler mehr Schutz vor ausländischer Konkurrenz fordern. Doch Protektionismus erhöht die Kosten, schwächt die Wettbewerbsfähigkeit und trifft einkommensschwache Haushalte am stärksten. Trump richtete seine Zölle zunächst gegen China und später gegen weite Teile der Welt. Der Schaden geht über Verbraucher und Unternehmen hinaus: Er schmälert den Einfluss der USA im Ausland. Rund 70 Prozent der Volkswirtschaften treiben mittlerweile mehr Handel mit China als mit den USA – das stärkt Pekings Einfluss weit über seine Nachbarschaft hinaus.

Diese Abkehr nach innen spiegelt auch ein tieferes Problem wider: Amerika verfügt über keine kohärente Strategie zur Gestaltung der globalen Ordnung mehr, die es einst aufgebaut hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbanden US-Politiker Realismus und Idealismus, um eine multilaterale Ordnung aufzubauen, in der Länder aufsteigen konnten, während schwächere Staaten geschützt wurden. Dieses System trug zur Wiederbelebung großer Teile der Welt bei und bildete nach dem Kalten Krieg die Grundlage für die Globalisierung, die Armutsbekämpfung und das Wachstum der globalen Mittelschicht. Doch die Vorteile haben sich ungleichmäßig verteilt. US-Unternehmen und wohlhabende Privatpersonen profitierten enorm, während viele Amerikaner aus der Arbeiter- und Mittelschicht Arbeitsplätze verschwinden sahen. Die Globalisierung stärkte zudem China und verwandelte eine wirtschaft­liche Erfolgsgeschichte in ein strategisches Problem.


Mangel an strategischer Ausrichtung

Zu lange hat sich Washington der Vorstellung einer multipolaren Welt widersetzt. US-Führungskräfte agierten weiterhin so, als sei Amerika eine Klasse für sich, selbst als andere Mächte an wirtschaftlichem, technologischem und diplomatischem Gewicht gewannen. Die US-Öffentlichkeit ist ihren Eliten hier nun womöglich einen Schritt voraus: Laut einer Carnegie-Umfrage sehen die meisten Befragten die USA nicht mehr als einzigartig dominant an; fast zwei Drittel glauben, dass China bereits ebenso mächtig und einflussreich ist – mindestens.
Die größte Herausforderung für die USA besteht also nicht einfach darin, dass andere an Einfluss gewinnen. Sondern darin, dass sich die USA selbst schwächen: politisch gespalten, finanziell eingeschränkt, demografisch verunsichert und strategisch schwach. Und dies alles geschieht genau in dem Moment, in dem die Welt, die die USA einst anführten, lernt, ohne sie weiterzumachen.
 

Übertragen aus dem Englischen von M. Bialecki
 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 06, Oktober 2026, S. 14-18

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Mathew Burrows ist Berater im Exekutivbüro des Stimson Center in Washington, D.C. und einer der führenden Experten für strategische Zukunftsforschung und globale Trendanalyse. Bevor er in den Think-Tank-Sektor wechselte, war er 30 Jahre lang bei der CIA tätig.
 

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