Interview

01. November 2021

„Wir müssen Klimaschutz mit besserem Leben verbinden!“

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Bild: Porträt von Dirk Messner
Prof. Dr. Dirk Messner ist seit dem Jahr 2020 Präsident des Umweltbundesamts. Der renommierte Nachhaltigkeitsforscher hat auch das „Bauhaus der Erde“ fachlich mitinitiiert, eine Bewegung für eine Bauwende. Städte sieht er als mächtige Hebel im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels – aus einer Reihe von Gründen.
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IP: Welche Rolle spielen Städte im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels?
Dirk Messner: Es sind zwei zentrale Aussagen, die hier wichtig sind. Erstens, 70 Prozent der energiebezogenen Emissionen, mit denen wir es weltweit zu tun haben, sind mit Städten verbunden. Zweitens erleben wir weltweit einen starken Urbanisierungsschub, den stärksten in der Geschichte der Menschheit, wenn man so möchte. Wir werden bis 2050, von heute aus gesehen, in etwa die Zahl der urbanen Bevölkerung verdoppeln – von jetzt gut 3,5 Milliarden Menschen auf dann etwa sieben Milliarden Menschen. Und eben genau in diesem Zeitfenster, der Verdopplung der urbanen Infrastruktur, die schon heute für 70 Prozent der Emissionen verantwortlich ist, wollen wir die Treibhausgas-Emissionen in Richtung null bringen! Hier sind die Städte offensichtlich eine der zentralen Stellschrauben, mit denen wir diesen Kampf verlieren oder gewinnen. Lassen Sie mich hinzufügen: Es gibt eine ganze Reihe von Studien zur Art des Baus urbaner Infrastrukturen – würden wir die zukünftigen Gebäude und städtischen Infrastrukturen für zusätzlich 3,5 Milliarden Menschen so bauen wie in den vergangenen Jahrzehnten, aus Zement, Stahl und Aluminium, würde dies das 1,5- bis 2-Grad-Budget, das uns zur Verfügung stünde, was also noch kompatibel ist mit 1,5  bis 2 Grad globaler Erwärmung, vollständig aufbrauchen. Da sehen Sie die Brisanz dieses Themenfelds. Wir müssen unsere Städte und Baustoffe neu erfinden.

 

Der Urbanisierungsschub hat sowohl Folgen für den Städtebau als auch für die bestehenden Systeme. Wie müssen letztere umgebaut werden?
Ja, wir haben zwei unterschiedliche Szenarien, wenn wir auf die Welt schauen. Wir haben einmal den Teil der Welt, wo die Wucht des Urbanisierungsschubs durchschlägt, das sind vor allen Dingen Afrika und große Teile Asiens. Da geht es darum, wie man die neuen Entwicklungen und Infrastrukturen von Anfang an vollständig Richtung Klimaneutralität plant, damit wir uns die Zukunft nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – verbauen. Denn wenn man solche Stadtstrukturen erst einmal energieintensiv entwickelt hat, dann ist es sehr teuer, sie wieder zurückzubauen. Das sind ja Infrastrukturen, die für Dekaden, für Jahrhunderte gebaut werden. Auf der anderen Seite haben wir die Regionen, die schon hochgradig urbanisiert sind. Das sind vor allem die OECD-Länder: USA, Kanada, Japan, Europa; aber auch die lateinamerikanischen Länder gehören im Wesentlichen in diese Gruppe. Hier ist die Herausforderung, dass wir den Bestand klimaneutral umbauen müssen. Sanierung ist also die zentrale Fragestellung. Neubau spielt in diesen Ländern nur eine ergänzende Rolle – ganz unterschiedliche Ausgangspunkte in diesen beiden Ländergruppen, in denen die Urbanisierung sich unterschiedlich abbildet.

 

Sind Sie optimistisch, dass die Zeit reicht, was dieses Umsteuern oder Umbauen der bestehenden Systeme anbelangt? Der Trend zu Megacities war ja in den vergangenen Jahren sehr stark; wenn man sich so hoch verdichtete Ballungsräume ansieht wie Mumbai, Mexico City oder Lagos: Ist es dort überhaupt möglich, umzusteuern?
Wir haben hier am Umweltbundesamt vorgeschlagen, dass große Städte sich auf ein Muster zubewegen, das wir polyzentrisch nennen. Weg von zentralen Megastadt-Konzepten, die die meisten dieser Megametropolen leider noch charakterisieren, in Richtung stärkerer Dezentralisierung innerhalb dieser Gesamtstrukturen. Zum Beispiel wäre es wichtig, die lokalen Akteure in den jeweiligen Quartieren zu stärken. Man kann auch in der Hinsicht etwas tun, durch fiskalische Dezentralisierung dafür zu sorgen, dass die Akteure vor Ort über finanzielle Mittel verfügen, Stadtgestaltung überhaupt beeinflussen zu können.

 

In vielen Ländern werden die Stadt­investitionen aber auf der nationalen Ebene entschieden.
Ja, da können Sie sich vorstellen, dass Lösungen entwickelt werden, die oft nicht zu den lokalen Realitäten passen. „Fiskalische Dezentralisierung“ hört sich ja sehr technisch an – gemeint ist, Steuer- und damit Gestaltungspotenzial zu den lokalen Akteuren zu bringen. Schon bei der letzten Habitat-Konferenz in Ecuador 2016 war das ein großer politischer Streitpunkt, weil das natürlich auch mit Macht zu tun. Die Nationalstaaten geben nicht gerne Macht ab, aber wir brauchen Gestaltungsmöglichkeiten, insbesondere in den Ländern, in denen die Wucht der Urbanisierung ganz neue soziale, ökonomische und politische Realitäten schaffen wird. In Europa ist zum Beispiel Dänemark Vorreiter, was die fiskalische Dezentralisierung angeht: Dort werden gut 50 Prozent der öffentlichen Investitionen auf der lokalen Ebene getätigt. In Deutschland ist das auch nicht so schlecht, wir sind ja stark föderal organisiert. Viele Länder sind aber sehr stark zentralistisch aufgestellt: In Kenia, Benin, Bangladesch oder Ägypten liegt der Anteil der lokalen öffentlichen Investitionen unter 10 Prozent. Dann kann der Urbanisierungsschub leicht aus dem Ruder laufen, weil der Abstand zwischen denen, die entscheiden, und denen, die betroffen sind von diesen Veränderungsprozessen, sehr groß ist.

 

Gibt es so etwas wie Leuchtturmprojekte oder Städte, die mit besonders gutem Beispiel vorangehen?
Zunächst: Wenn man in andere Sektoren hineinschaut, wenn wir über Klimaschutz reden, sehen wir Trends, die uns zeigen, wie die zukünftigen Systeme aussehen müssen. Wenn Sie etwa an die Energiesysteme denken: Wir wissen ja im Kern, wie erneuerbare Energiesysteme ausgestaltet werden müssen, wir haben dafür Beispiele. Wir müssen das jetzt „upscalen“ sozusagen. Und wir haben Pläne dafür. Wir haben auch klare Vorstellungen von der Elektrifizierung unserer Fahrzeugflotten. Aber wir haben keine einzige klimaneu­trale Stadt auf der Welt, nirgendwo! Und wir haben dafür auch noch keine umfassenden Konzepte, die irgendwo auf der Welt umgesetzt würden. Hier ist unglaublich viel zu tun. Wir haben uns in Bezug auf Klimaschutz sehr lange mit gutem Grund auf die Energiefragen konzentriert. Die sind natürlich zentral, aber wir sehen jetzt, dass in Städten ein ­großer Handlungsdruck in sehr kurzer Zeit entstehen wird: ­klimaneutrale Bau­stoffe für die neuen Quartiere der nächsten 3,5 Milliarden Stadtbewohner; Sanierung des gesamten urbanen Gebäudebestands bis 2050; Schaffung klimaneutraler Mobilitäts- und Energiesysteme in den bestehenden und den neuen Stadtstrukturen. Eine Herkulesaufgabe.  

 

Und die positiven Trends?
Wenn man auf die Städte schaut, muss man unterschiedliche Teilsysteme betrachten. Wenn man über den Verkehr redet, sind für mich die interessantesten Städte in Schweden, Norwegen und den Niederlanden angesiedelt. Stockholm ist ein interessantes Beispiel, oder Oslo. Oder Utrecht! Einige unserer Nachbarn gehen schnell voran, bringen die Emissionen im Stadtverkehr runter, stärken die öffentlichen Nahverkehrsmittel und den Fahrradverkehr, elektrifizieren die Privatfahrzeuge sehr erfolgreich. Hier entstehen neue Mobilitätssysteme, davon kann man lernen. Auch wir hier in Deutschland! Und dann habe ich kürzlich zwei Tage in einer Konferenz mit chinesischen Kollegen und Kolleginnen verbracht, im Rahmen des China Council for International Cooperation for Environment and Development, einem Beratungsgremium für die chinesische Regierung. Da stand die Zukunft der Städte im Raum, in China entstehen ja viele neue Städte, ein großes Thema. Die Chinesen sind sehr darauf konzentriert, möglichst energieeffiziente, klimaneutrale Gebäude zu entwickeln. Ansonsten werden sie ihr Ziel der Klimaneutralität bis spätestens 2060 nicht erreichen können. Vor allem in Asien insgesamt entscheidet sich, ob die Verdopplung urbaner Infrastrukturen systematisch mit Klimaschutz verbunden werden kann. Da wird sehr viel Geld investiert, Kreativität mobilisiert, urbane Innovationen werden entwickelt. Hier ist viel in Bewegung. In diesem Bereich gibt es viele Kooperationsmöglichkeiten zwischen China, anderen asiatischen Ländern und Europa.

 

Können Sie Europa etwas vertiefen?
Da mache ich mir große Hoffnungen mit Blick auf die Initiative des Europäischen Bauhauses. Das ist ja eine Aktivität der Europäischen Kommission. Es geht um die Idee, Klimaschutz in den Städten Europas rasch voranzubringen und die Klimaschutzfragen mit sozialer, politischer und kultureller Teilhabe sowie einer Stärkung der Lebensqualität zusammenzudenken. Diese Kombination ist weltweit einzigartig, da kann Innovation entstehen!

 

Wie steht es um die Unterstützung für dieses Projekt, und wie um die internationale Resonanz?
Das ist ja noch ein recht neues Projekt, es ist 2020 auf die Schiene gesetzt worden. Jetzt laufen die ersten Ausschreibungen, damit sich Konsortien bilden können, die in Pilot- und Demonstrationsprojekten zeigen, wie die Zukunft der europäischen Städte aussehen kann. Fünf oder sechs werden das sein in Europa. Es werden urbane Experimentierräume entstehen, in denen man zeigt, wie Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, soziale Inklusion, Human Wellbeing, Gemeinwesen, urbane Infrastrukturen und Biodiversität zusammengeführt werden können. Das ist ein aufregender Ansatz. Unsere derzeitigen Städte mit überbordendem Verkehr, explodierenden Mieten, schrumpfenden Gemeinschaftsinvestitionen, die können ja nicht das Ende der menschlichen Zivilisationsgeschichte sein. Wir brauchen eine auf Klimaschutz und Lebensqualität orientierte Renaissance der Städte. Das Interesse dafür ist in Europa sehr groß. Die Initiative hat schon in wenigen Monaten viel in Bewegung gesetzt. International gibt es eine große Beachtung dafür, gerade für diese attraktive Kombination von Klimaschutz, Fragen sozialer Teilhabe, der Verbindung zwischen Natur und Infrastrukturen in unseren Städten, eine Reorientierung auf öffentliche Plätze, Parks, Räume, Gebäude, die Menschen zusammenführen können und so Grundlage sozialer Kohäsion und von Bürgerdemokratie werden. Dieser umfassende Ansatz könnte weltweite Innovationsprozesse auslösen.



Ich möchte Sie etwas zum Projekt „Bauhaus der Erde“ fragen, das die gebaute Umwelt nachhaltig transformieren will. Kritiker sagen, Sie wüssten gar nicht, woher das ganze Holz kommen soll, mit dem man sich da aus der Klimakrise herausbauen will. Was entgegnen Sie?
Das muss man ernst nehmen! Zunächst einmal ist die Idee natürlich brillant. Wir haben eben über die Städte gesprochen, 70 Prozent der Emissionen haben mit dem gesamten Stadtsystem zu tun, 40 Prozent der Emissionen sind mit den Gebäuden verbunden – die Bauphase, die Baumaterialien, die Nutzung der Gebäude, heizen, kühlen. 40 Prozent sind ein wirklich großer Hebel, eine wirklich große Quelle der Treibhausgas-Emissionen. Die Baustoffe sind ein beachtlicher Teil dieser Emissionen. Wenn es gelänge, eine Bauwende einzuleiten, weg von Stahl, Beton und Aluminium, hin zu organischen Materialien – und Holz wäre hier ein wichtiges Beispiel dafür, aber auch Lehm, Schilf und anderes – dann könnte man aus einer großen Quelle von Emissionen (unseren Gebäuden) eine wirksame Senke machen. Wälder absorbieren Treibhausgase, Holz ist also ein Treibhausgas-Speicher. Wenn man daraus Gebäude entwickelt, kann man für eine sehr lange Zeit die Treibhausgase einspeichern, damit entsteht eine Senke. Wenn man dann noch die organischen Baustoffe im Kreislauf führt, statt sie nach der Nutzung in den Gebäuden zu verbrennen oder zu Abfall zu machen, hätten wir weitere positive Umwelteffekte. Wir müssen lernen, unsere Gebäude als Grundstofflager zu sehen! Die freien Forstflächen müssten natürlich wieder aufgeforstet werden. Grundlage müssten eine nachhaltige Forstwirtschaft und weltweit wachsende Wälder sein. Wir wollen ja jetzt nicht die Wälder plündern, schrumpfen und zerstören, um Holzbau voranzubringen. Wir wollen einen Holzbau entwickeln, der auf nachwachsenden Materialien und auf wachsenden Waldbeständen in der globalen Dimension basiert. Hier steckt viel Innovationspotenzial: Gebäudeentwicklung, Stadtentwicklung, nachhaltige Landnutzung und Forstwirtschaft, Klima-, Biodiversitäts- und Ressourcenschutz könnten zusammenwachsen. Dabei sind neue Allianzen gefragt und neue Strategien notwendig.



Wenn man die Themen Städtebau, Gebäude und Demografie zusammenbringt, gibt es einen Trend. Weite Landstriche werden entvölkert, zum Beispiel im Mittleren Westen der USA und andern­orts. Nun werden Stimmen laut, dass es sich gar nicht mehr lohne, kleinere Städte zu betreiben. Einer von ihnen ist Kim Stanley Robinson. Er beschreibt in „Das Ministerium für die Zukunft“ dystopisch und eindrucksvoll, man müsste diese kleinen Städte einfach aufgeben, es lohne sich nicht mehr ... wie realistisch ist dieser Gedanke?
Tja, wenn ich auf die Stadtproblematik insgesamt schaue und auf die Klimadynamiken, über die wir gesprochen haben, wo wir es mit Dürren zu tun haben, mit Hitzewellen, Verwüstung, Wüstenbildungsprozessen, Überflutungen und Meeresspiegelanstieg ... Wir haben drei große Baustellen, über die wir nachdenken müssen. Das eine sind Katastrophenszenarien, das ist die Dystopie, von der Sie gerade sprachen. Wir werden, wenn wir Richtung 3 Grad globale Erderwärmung liefen (und wir sind noch nicht runter von dem Pfad, noch ist das ja der Trend, den wir antreiben mit unseren Treibhausgas-Emissionen), viele Städte haben, zum Beispiel die, die nah am Meer gebaut sind, die vermutlich zu Krisengebieten werden. Die Infrastrukturmaßnahmen, die notwendig wären, fallen für viele Länder zu hoch aus, um diese Städte noch zu schützen. Denken Sie an die Küstenstädte in Bangladesch, an Bombay und Kalkutta. Aber auch ­Guangzhou oder New York könnten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu unsicheren Orten werden. Wir haben also Katastrophengebiete, und für die brauchen wir Strategien. Rückzug kann da zur Option werden, wenn die globale Erwärmung bestimmte Schwellen überschreitet. Zweitens brauchen wir für alle Regionen der Welt Anpassungsstrategien …

 

… das lernen wir ja gerade schmerzhaft in Deutschland …
Ja, und da stehen wir auch noch relativ weit am Anfang. Wir haben mit den Flutkatastrophen vom Sommer 2021 erlebt, dass wir auch in Deutschland nicht gut vorbereitet sind. Wir haben Bilder gesehen, die hätten wir bisher vielleicht eher Vietnam oder anderen ärmeren Ländern zugeschrieben, wo man sieht, wie ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht und Infrastrukturen komplett zerstört werden. Das hätten wir vor den Flutkatastrophen im Ahrtal assoziiert mit schlechten Baumaterialien, mit schwacher Infrastruktur, unterentwickelten Institutionen. Aber das war mitten in Deutschland, bei 1,2 Grad globaler Erderwärmung! Anpassung ist das zweite große Feld neben den Katas­trophengebieten, mit denen wir es zu tun haben werden. Und die dritte Frage lautet (da ist das Thema Bauhaus Europa ein Beispiel): Wie schaffen wir lebenswerte Städte, die Klimaschutz, Biodiversitätsschutz und Lebensqualität verbinden? Wie vermeiden wir eskalierenden Klimawandel durch Prävention? Das ist einer der großen Punkte, die ich immer zu machen versuche: Wir müssen neben den Herausforderungen und Problemen, auf die wir verweisen – Katastrophengebiete, Anpassungsnotwendigkeiten –, Klimaschutz mit einem besseren Leben verbinden, mit positiver Zukunft, mit höherer Lebensqualität! In den Städten kann man da sehr viel tun. Diese drei Spielfelder existieren neben­einander, wir brauchen für alle drei entsprechende Strategien.

 

Stichwort „lebenswerte Städte schaffen“ – könnten Sie das bitte ausführen? Was für Strategien sind das, wie muss man sich das vorstellen?
Vielleicht beginne ich mit einer Anekdote. Ich habe bei einem großen Städtegutachten zu globaler Urbanisierung mitgewirkt, erarbeitet 2015/16 vom Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), dessen Co-Vorsitzender ich damals war. Da haben wir uns in einigen Sitzungen immer wieder Stadtansichten angeschaut und haben gesucht nach Städten, die wir attraktiv finden, die uns ansprechen, wo wir den Eindruck haben, die würde man gerne mal besuchen und da würde man gerne die Kinder hinschicken, zum Studieren, da würde man gerne mal Urlaub machen. Zugleich wollten wir Städte herausfiltern, die man angesichts ihrer Panoramen nicht besuchen möchte, wo einen nichts anspricht. Was zeichnet lebenswerte Städte aus? Wir haben dann den Begriff der „Eigenart der Städte“ gewählt, um Charakteristika nachhaltiger Städte zu erfassen und zu beschreiben.

 

Und was macht Städte lebenswert?
Das hat mit bebauter Umwelt zu tun, mit Architektur, mit Grün in den Städten, mit Luftqualität, mit der Reduzierung von Lärm, mit öffentlichen Plätzen und deren Gestaltung – also einer Vielzahl von Faktoren, die das Leben von uns allen lebenswerter machen. All diese Entscheidungen treffen wir in den Städten. Deswegen sind die Städte nicht nur aus der Klimaschutzperspektive so ein großer Hebel, sondern wahrscheinlich auch der zentrale Hebel, wenn wir über das Wohlbefinden des Menschen nachdenken. Das hat mit Umweltkomponenten zu tun: Lärm, Luftqualität, Grün in der Stadt. Es hat eine starke kommunikative Dimension – Studien zeigen, dass Menschen in wirtlichen und schönen Städten die Stadt wirklich benutzen, sie beleben, sich in ihr aufhalten – die Stadt als Begegnungsraum, als Ort, in der eine Bürgergesellschaft entsteht. In unwirtlichen Städten dagegen gehen die Menschen zum Einkaufen und zur Schule, um die Dinge zu erledigen, die man erledigen muss, und dann ziehen sie sich in ihre privaten Wohnungen zurück – verödete, unbelebte Städte, ohne Gemeinschaftsräume, in denen sich unterschiedliche Menschen begegnen können. Wenn wir keine öffentlichen Räume haben und keine Städte und Quartiere bauen, in denen sich Menschen begegnen, auch Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Gruppen, dann entsteht keine Bürgergesellschaft, dann schwächt das die Demokratie. Wohlbefinden, Bürgergesellschaft, Demokratie, Klimaschutz – das alles kommt in den Städten zusammen. Und insofern sind die Städte auf der einen Seite die kleinste Einheit unseres Gemeinwesens, die lokale Ebene in einer global vernetzten und oft unüberschaubaren Gesellschaft. Aber in diesen kleinsten Einheiten, unseren Städten, gibt es sehr viele Stellschrauben, die man bewegen kann, wenn man sie entsprechend ausstattet und ihnen politische und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt. Und das macht auch Mut.

 

Unabhängig davon, welche Koalition Deutschland nach der Wahl vom September regieren wird, was sind Ihre Erwartungen an eine nächste Bundesregierung, gerade auch im Hinblick auf internationale Kooperation im Klimaschutz?
Mir fallen drei Stränge ein, an denen wir arbeiten sollten. Es gibt ja den Vorschlag, Klimaclubs zu entwickeln: die Vorreiter des Klimaschutzes, die wichtigsten Emittenten des Klimaschutzes zusammenführen, um hier Klimaschutzinitiativen, zum Beispiel CO2-Bepreisungssysteme, aufeinander abzustimmen. Es geht um die Verhinderung von Wettbewerbsverzerrungen und Protektionismus durch Klimaschutz. Wenn es gelänge, Klimaschutz und Emissionshandelssysteme, CO2-Preise in Europa, den USA und China im Gleichklang voranzubringen, könnten wir Klimaprotektionismus durch Zölle auf klimaschädliche Importe verhindern und die Weltwirtschaft insgesamt auf einen Klimaneutralitätspfad bringen. Feld Nummer zwei: Wir wissen, dass wir die Klimaziele nicht erreichen können, wenn wir nicht die Ökosysteme massiv stabilisieren und stärken. Die Ökosysteme absorbieren die Hälfte der menschenverursachten, globalen Emissionen. Sie sind unsere besten und kostengünstigsten Unterstützer im Klimaschutz, aber ihre Absorptionsfähigkeit sinkt. Und zwar aus zwei Gründen. Wir zerstören weiterhin Habitate und Ökosysteme und schrumpfen damit die Aufnahmefähigkeit von CO2-Emissionen. Der zweite Mechanismus: Die globale Erderwärmung selbst schwächt die Ökosysteme.

 

Die Ökosysteme nicht nur stabilisieren, sondern noch ausbauen?
Alle Szenarien zeigen uns: Wenn wir wirklich noch zwischen 1,5 und 2 Grad landen wollen, werden wir neben den Emissionen, die wir durch Defossilisierung unserer Wirtschaft mindern, negative Emissionen brauchen. Das heißt, die Ökosysteme werden mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre entnehmen müssen, als sie das heute tun. Wir müssen also den Trend einer Schwächung der Ökosysteme umdrehen und wir müssen die Absorptionsfähigkeit der Ökosysteme deutlich stärken. Hierfür brauchen wir große internationale Initiativen. Es geht um den Schutz der Moore, der Wälder, der Mangroven, der Ozeane – aller Ökosysteme. Große Initiativen! Wir haben in diesem Bereich natürlich entwicklungspolitische Projekte, aber das ist nicht die Größenordnung, die wir brauchen, um globale Umkehrtrends zu erwirken. Hier müssen globale Initiativen her.

 

Die gesteckten Ziele müssen ja in nur drei Dekaden erreicht werden ...
Dafür brauchen wir Ansätze, die so anspruchsvoll sind wie das, was wir uns jetzt national oder europäisch vornehmen – da sprechen wir von tiefgreifender Transformation. Wenn Sie sich anschauen, was wir uns derzeit im Energiebereich, bei den Gebäuden oder im Verkehr in Deutschland und in Europa vornehmen: Das ist gewaltig. Entsprechende Ambitionen benötigen wir auch in den skizzierten Feldern globaler Klimakooperation.


Der dritte Bereich, der mir sehr wichtig ist: Wir haben einen recht anspruchsvollen European Green Deal (EGD) entwickelt, für Europa in Europa, den ich beispielhaft finde und von dem wir auch in Deutschland lernen können. Auf der Ebene der EU haben wir jetzt die Nachhaltigkeitsziele an die Spitze der Zielsysteme gestellt. Innovations-, Wachstums- und Beschäftigungsziele sollen im Kontext der Nachhaltigkeitsziele, des Klima- und Biodiversitätsschutzes erreicht werden. Bisher war die Nachhaltigkeitsstrategie eine von vielen Zielsystemen, keineswegs die wichtigste. Der EGD ist also eine enorme Chance für Europa. Was wir aber dringend brauchen, ist eine engere Zusammenarbeit mit unserem Nachbarkontinent Afrika. Wir brauchen einen Joint European-­African Green Deal. Denn wenn wir anfangen, mit der Kreislaufwirtschaft und dem Klimaschutz in Europa ernst zu machen, unsere Ressourcenimporte aus Afrika wirkungsvoll reduzieren und afrikanisches Öl nicht mehr kaufen, produziert das offensichtlich Strukturanpassungszwänge auf unserem Nachbarkontinent. Darüber gilt es zu reden, um gemeinsame Strategien zu entwickeln.

 

Einmal mehr sollte Europa also intensiver mit seinen Nachbarn reden?
Unbedingt müssen wir mit unseren Nachbarn reden, Übergänge schaffen, die für Europa und Afrika insgesamt eine bessere Nachhaltigkeitsperspektive erzeugen! Was ich da beobachte, ist ein Paradoxon. In Deutschland und in Europa strengen wir uns jetzt zu Hause stärker an, Klimaschutz und Nachhaltigkeit voranzubringen. Intere­ssanterweise scheinen in dem Moment, in dem wir das intern tun, unsere Interessen und Initiativen international zu schwächeln. Da müssen wir dringend aufholen.    


Das Interview führte Martin Bialecki.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 6, November 2021, S. 34-43

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