Wer Sicherheit denkt, muss Klima mitdenken
Der Klimawandel schafft Verwundbarkeiten, die von außen instrumentalisiert werden können. Deutschland muss strategisch resilient werden.
Der Klimawandel ist nicht nur eine ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch eine sicherheitspolitische. Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Stürme wirken als Bedrohungsmultiplikatoren, die gesellschaftliche Spannungen verschärfen, kritische Infrastrukturen anfällig machen und Raum für hybride Einflussnahme eröffnen. Klimaschutz muss deshalb neu gedacht werden – weg von reinem Katastrophen- und Umweltschutz hin zu einem Verständnis von Klimasicherheit, das Resilienz als strategische Fähigkeit begreift.
Hybride Bedrohungen und Klimawandel
Die Entwicklung der Kriegsführung lässt sich über Generationen hinweg nachzeichnen. Während die frühen Generationen – Formationskrieg, Einsatz von Feuerkraft und Bewegungskrieg – vor allem durch physische Zerstörung des Gegners geprägt waren, verschob sich der Fokus ab der vierten Generation auf asymmetrische Konflikte. Durch Opfer auf staatlicher Seite, vornehmlich in Demokratien mit hoher Opfersensibilität, wird die psychische Fähigkeit untergraben, indem Entscheidungsträger beeinflusst werden und die öffentliche Meinung zum strategischen Schwerpunkt wird.
Heute dominiert eine Form der Kriegsführung, bei der hybride Mittel zum Einsatz kommen, die klaren, übergreifenden strategischen Zwecken dienen. Zwei Ziele stehen im Vordergrund: Zum einen soll der Gegner permanent geschwächt und paralysiert werden, etwa durch Desinformation, Cyberangriffe oder Attacken auf kritische Infrastrukturen. Es gilt, die Urheberschaft zu verschleiern und die eigene Ausgangsposition in einem möglichen Konflikt zu verbessern. Das zweite Ziel ist ein psychologisch-kognitives. Hier geht es nicht mehr um die Störung, sondern um die Übernahme gegnerischer Entscheidungsschleifen. Mittels gezielter kognitiver Einflussnahme – etwa durch Desinformation, Dominanz über Narrative und strategische Korruption – werden Entscheidungsprozesse im Zielstaat so umgelenkt, dass sie den Interessen des Angreifers dienen. Demokratien werden ausgehöhlt, bis selbst rationale Entscheidungen faktisch fremdgesteuert sind.
Die sechste Generation beschreibt das Endstadium kognitiver Kriegsführung. Hier steht die Übernahme der Realität des Gegners im Zentrum. Gesellschaften, die durch manipulierte Informationen und psychologische Operationen derart beeinflusst werden, dass sie die Sichtweise des Angreifers übernehmen, verlieren die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und Manipulation zu unterscheiden.
Klimavulnerabilitäten – etwa überlastete Stromnetze während Hitzewellen, Wasserknappheit in Dürreperioden oder eingeschränkte Logistik durch Überschwemmungen – eröffnen Angreifern neue Ansatzpunkte, um staatliche Entscheidungsprozesse zu stören oder zu übernehmen. In solchen Momenten der Überlastung reicht eine gezielte Desinformationskampagne, um das Vertrauen der Bevölkerung in staatliches Handeln zu erschüttern, oder ein Sabotageakt, um den Eindruck völliger Handlungsunfähigkeit zu erzeugen. Damit verschränken sich klimatische Herausforderungen mit hybriden Bedrohungen. Naturereignisse bilden den Resonanzboden, auf dem nicht nur physische, sondern auch psychisch-kognitive Angriffe maximale Wirkung entfalten können. Wer also Sicherheit denkt, muss das Klima mitdenken.
Szenarien klimatischer Vulnerabilität
Deutschland ist bereits heute stärker betroffen als angenommen: Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt um rund 1,7 Grad höher als 1881, Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, Hitzewellen, Stürme und Dürren nehmen an Intensität und Frequenz zu. Solche Belastungen führen zu einer Schwächung der kritischen Infrastruktur, zu Mehrkosten und zu einer wachsenden sozialen Polarisierung. Genau hier setzen hybride Akteure an. Der Klimawandel schafft Verwundbarkeiten, die von außen instrumentalisiert werden können. Ein Stromnetz, das durch Hitze bereits an seiner Belastungsgrenze operiert, ist anfällig für gezielte Cyberattacken. Eine ausgetrocknete Landschaft begünstigt Waldbrände, die durch koordinierte Brandstiftung unkontrollierbar werden können. Gesellschaftliche Spannungen, die im Zuge von Klimaschutzmaßnahmen entstehen, lassen sich durch Desinformation in sozialen Netzwerken verschärfen. Im Folgenden demonstrieren zwei Szenarien, wie hybrid agierende Akteure Klimavulnerabilität gegen Deutschland einsetzen können.
Szenario 1: Dürre als Einfallstor
Im Jahr 2030 leidet Deutschland unter extremer Dürre, die Binnenschifffahrt wird eingeschränkt und der Wasserverbrauch streng reguliert. Als Folge der Eskalation mit Russland werden bestehende Schläferzellen aktiviert, die deutschlandweit zeitgleich Brände in zahlreichen Wäldern legen. Durch die klimatisch ohnehin begünstigte Trockenheit und starke Winde verlieren die Feuerwehren vielerorts die Kontrolle, Bundesländer erbitten Hilfe vom Bund, rufen den Notstand aus und evakuieren Ortschaften. Die Stromversorgung ist vielerorts gestört, Autobahnen gesperrt und die Atemluft in urbanen Zentren durch Rauchentwicklung und Ascheregen bedroht.
In Deutschland läuft ein massiver Einsatz ziviler sowie militärischer Kräfte an. Die Bundeswehr unterstützt durch subsidiäre Hilfeleistung (Amtshilfe) mit allen verfügbaren Kräften und Gerät. Über den EU-Krisenmanagementmechanismus unterstützen EU-Staaten Deutschland mit Löschflugzeugen, Feuerwehreinheiten und Spezialgerät, während die Bundesregierung fünf Milliarden Euro Soforthilfe bereitstellt.
Nach wenigen Tagen laufen Desinformationskampagnen in sozialen Medien an, die den Staat als handlungsunfähig erscheinen lassen und die Bevölkerung gegeneinander aufbringen. Evakuierte Bürger beschweren sich über die schlechte Koordination, fehlende Notunterkünfte und mangelnde Aufklärung durch Behörden. Nützliche Idioten, die den Narrativen zum Opfer fallen, beginnen Einsatzkräfte zu behindern, weitere Feuer zu legen und Falschmeldungen über Missmanagement bei Evakuierungen oder Bevorzugung von Luxusvillen von Politikern bei den Löscharbeiten zu verbreiten. Die Behörden sind überlastet, Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze.
Inmitten des größten Krisenmanagementeinsatzes der Nachkriegsgeschichte beginnt ein großflächiger Cyberangriff auf kritische Infrastrukturen in Europa und eine Massierung russischer Kräfte im Baltikum. Was als Naturkatastrophe beginnt, entpuppt sich als koordinierter hybrider Angriff zur Paralyse der logistischen NATO-Drehscheibe Deutschland.
Szenario 2: Klimaaktivismus als Waffe
Das zweite Szenario behandelt den Host-Nation-Support im Jahr 2032. Der Meeresspiegel ist leicht angestiegen, Häfen stehen unter Druck, logistische Abläufe verzögern sich. Als die USA eine Großverlegung von Truppen nach Polen vorbereiten, führen die Verzögerungen zu großflächigen Protesten von Klimaaktivisten. Tausende US- und NATO-Fahrzeuge, die aufgrund ihres enormen Verbrauchs fossiler Brennstoffe als Klimakiller identifiziert werden, werden an den Häfen aufgehalten oder stecken tagelang auf deutschen Autobahnen fest. Bahnstrecken werden besetzt, landesweit Sitzblockaden durchgeführt und Polizei, Militärpolizei sowie Unterstützungskräfte überfordert. Als Molotowcocktails von einer Autobahnbrücke auf einen US-Konvoi geworfen werden und amerikanische Soldaten verletzen, eröffnen US-Militärpolizisten das Feuer, töten und verletzen zahlreiche Aktivisten. Der Aufschrei nach dem Zwischenfall ist gewaltig. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen schließen sich den Protesten an. Es wird teilweise gewaltsam für Aufklärung demonstriert, US-Konsulate werden belagert und weitere Blockaden auf Autobahnen, Bahnstrecken und Landstraßen organisiert.
Deutschland steht im Spannungsfeld der Megatrends Klimawandel und hybride Bedrohungen. Beide wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig
Die Verlegung, die eigentlich nur zwei Tage in Anspruch nehmen sollte, dauert mehrere Wochen und beeinträchtigt die Verteidigungsbereitschaft der NATO. Hybrid agierende Akteure in sozialen Medien instrumentalisieren die Proteste, um die öffentliche Meinung gegen die NATO- Präsenz aufzubringen. So wird eine Verlegeoperation zu einer gesellschaftlichen Belastungsprobe, die die Einbettung Deutschlands in westliche Systeme kollektiver Verteidigung grundsätzlich infrage stellt.
Implikationen für Deutschland
Schon heute ist klar, dass Energieversorgung, Transport- und Kommunikationsnetze empfindlich auf Extremwetter reagieren. Stromausfälle durch Überhitzung, Überflutungen von Verkehrsknotenpunkten oder die Beeinträchtigung von Wasserwerken zeigen, dass die Robustheit vieler Systeme in Deutschland nicht auf die Herausforderungen des Klimawandels ausgelegt ist. Hybride Akteure werden gezielt dort ansetzen, wo Überlastungen ohnehin bestehen, um mit minimalem Aufwand maximale Störungen zu verursachen. Auch stößt der Föderalismus bei großflächigen Katastrophen an Grenzen.
Notwendig ist ein nationaler Krisenmechanismus, der Kompetenzen bündelt und schnelle Entscheidungen ermöglicht. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe könnte zu einem Ministerium für Bevölkerungsschutz ausgebaut werden, das im Ernstfall auch in Länderkompetenzen eingreifen kann. Ebenso braucht es ein nationales zivil-militärisches Einsatzführungssystem, das allen relevanten Akteuren ein gemeinsames Lagebild bereitstellt.
International ist die enge Verzahnung essenziell, sei es im Rahmen des EU-Katastrophenschutzverfahrens oder durch NATO-Kooperationen zur Abwehr hybrider Angriffe. Nur multinationale Resilienz kann eine Antwort sein. Klimabedingte Katastrophen und hybride Angriffe werden unweigerlich grenzüberschreitende Dimensionen haben. Deshalb braucht es gemeinsame Strategien, abgestimmte Kommunikationslinien und ein Verständnis dafür, dass Resilienz kein rein nationales Projekt sein kann. Gemeinsame Beschaffungen von Dual-Use-Lösungen, die sowohl für Katastrophenschutz als auch für Verteidigung nutzbar sind, können Synergieeffekte schaffen. Ebenso wichtig ist die Abstimmung von Schutzmaßnahmen für kritische Infrastrukturen, da Energie-, Daten- und Transportnetze längst europäisch verflochten sind.
Strategische Resilienz
Deutschland steht im Spannungsfeld zweier Megatrends: Klimawandel und hybride Bedrohungen. Beide wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Naturereignisse können von Angreifern instrumentalisiert, gesellschaftliche Debatten über Klimaschutz durch Desinformation vergiftet und physische Schwächen kritischer Infrastrukturen durch gezielte Angriffe ausgenutzt werden.
Resilienz muss in drei Dimensionen gedacht werden: Sie umfasst erstens die technische Härtung und Robustheit von Infrastrukturen, die institutionelle Stärkung des Krisenmanagements, die bessere Integration ziviler und militärischer Kräfte sowie die engere Zusammenarbeit mit europäischen und internationalen Partnern. Zweitens braucht es eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit, damit sowohl klimatische Vulnerabilitäten als auch hybride Angriffe abgefedert werden können, ohne dass das Krisenmanagementsystem zusammenbricht oder seine Handlungsfähigkeit verliert. Drittens bedeutet strategische Resilienz mehr, als nur Schäden zu überstehen. Sie zielt auch darauf ab, Angriffen die Grundlage zu entziehen. Letztlich geht damit ein permanenter Lern- und Transformationsprozess einher, in dem die Erfahrungen der vergangenen Krise in die Vorbereitungsbemühungen zur Bewältigung und Antizipation der nächsten Krise einfließen.
Deutschland muss in der Lage sein, flexibel zwischen Katastrophenschutz, hybrider Abwehr und klassischer Landesverteidigung zu wechseln. Gelingt dies, kann Deutschland auch unter den Bedingungen einer sich aufheizenden Welt handlungsfähig bleiben und seine Widerstandsfähigkeit im europäischen Kontext sichern.
Internationale Politik Special 1, Januar 2026, S. 38-41