Weltordnung und Werte
Zur „regelbasierten internationalen Ordnung“, die nach 1945 entstand, führt kein Weg zurück. Allerdings lässt sich eine neue Weltordnung ohne Fixpunkte nicht schaffen.
Die alten Griechen debattierten einst darüber, ob der Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Die Wissenschaft war in dieser Frage auf der Seite des Philosophen Heraklit, der sie verneinte. Heute betrachten wir den Kosmos als dynamisch, nicht als feststehend; als historisch, nicht als ewig. Die Forschung des 19. Jahrhunderts gab den Ausschlag für diesen Wandel: Charles Lyells Geologie offenbarte die Dynamik der Erde, Charles Darwins Biologie den Fluss des Lebens.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts demontierte die Atomphysik dann sogar die Festigkeit der Elemente, deren überraschende Wandelbarkeit nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Geopolitik veränderte – und die Urknall-Kosmologie entlarvte das Drama der Weltgeschichte: Sie begann vor 13,8 Milliarden Jahren und ist ein Fluss, der ständig in Bewegung ist.
Aber was ist mit Parmenides, dem vermeintlichen Gegenspieler von Heraklit? War seine Theorie des unveränderlichen Seins – im Gegensatz zu Heraklits dynamischer Weltanschauung – ein Ausdruck von Naivität, einer Sehnsucht nach Beständigkeit? Fehlte ihm der Mut, sich die Vergänglichkeit allen Seins einzugestehen? Womöglich. Die Idee der Permanenz hat jedoch nach wie vor eine immense Kraft. Sie findet ihren Widerhall im Brahman (in der hinduistischen Philosophie die unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität), in Allah und in Gott; und immer geht es um das Unendliche, das Ewige.
Die Unveränderlichkeit ist aber nicht nur eine theologische Prämisse. Sie ist Teil einer Haltung, die postuliert, dass das menschliche Leben einen transzendenten Wert besitzt – und wiederum auf imago dei, die Gottebenbildlichkeit, zurückgeht. Diese geht davon aus, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen wurde. Genau wie das einst unteilbare Atom, hat auch diese Idee massive geopolitische Konsequenzen: Der transzendente Wert des menschlichen Lebens bildet die normative Grundlage des Liberalismus – und jeder politischen Ordnung, die sich den Naturrechten verpflichtet fühlt.
Der Konflikt zwischen Fluss und Stillstand ist heute noch immer der Kern aller großen politischen Herausforderungen und spielt auch mit Blick auf die Weltordnung eine wichtige Rolle. Wie alle natürlich gewachsenen Formen sind auch politische Ordnungen Maschinen in Bewegung. Ihre Dynamik und Wirkweisen sind nicht leicht zu begreifen. So wie wir große Flüsse – den Amazonas, den Nil und den Mississippi – beschreiben, als ob sie stabile Eigenschaften besäßen, so beschreiben wir auch internationale Ordnungen, etwa die Systeme, die in den Jahren 1648, 1714, 1814, 1919 und 1945 entstanden. Wir unterstellen ihnen eine Art inhärente Stabilität oder Ordnung, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzen.
Das „System“ zwischen 1814 und 1914 als stabil zu betrachten, würde diesen Zeitraum verklären
Nehmen wir das frühe 19. Jahrhundert. Damals war der durchschnittliche Westeuropäer ungebildet und verrichtete Feldarbeit. Bereits gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich dieses Bild jedoch komplett verändert. Nun war der ehemalige Bauer ein städtischer, mit dem Zug pendelnder Arbeiter. Das „System“ zwischen 1814 bis 1914 als stabiles Gebilde zu betrachten, würde diesen Zeitraum verklären und über revolutionäre Veränderungen hinwegtäuschen, die die politische Ordnung Europas und der Welt stark beeinflusst haben.
Auch die heutige Welt ist einem stetigen Wandel unterworfen, der die Prämisse einer stabilen internationalen Ordnung in Zweifel zieht. Beginnen wir – wie es die Anhänger der Denkschule des Realismus tun – mit dem Prinzip des Gleichgewichts der Kräfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich vor allem die westlichen Mächte darum, internationale Institutionen aufzubauen – natürlich nicht zuletzt deshalb, weil diese ihren Zielen dienten. Organisationen wie die Vereinten Nationen wurden zu einem historischen Zeitpunkt ins Leben gerufen, als Europa und die Vereinigten Staaten noch das Weltgeschehen beherrschten, und setzten die Vorherrschaft des Westens als selbstverständlich voraus.
Doch die westliche Dominanz erwies sich als Momentaufnahme. Beginnend mit der Unabhängigkeit Indiens (1947) und Indonesiens (1948) emanzipierten sich die Kolonien des Westens, sodass sich bereits in den späten 1970er Jahren fast alle Menschen einem Nationalstaat zuordnen ließen. Die „neuen Nationen“ erlangten echte Macht: Schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts löste der indopazifische Raum den Nordatlantik als Produktions- und Machtzentrum ab. Das, was der amerikanische Ökonom und Wirtschaftshistoriker Walt Rostow einst als „Diffusion der Macht“ bezeichnete, verwandelte eine auf den Westen zentrierte internationale Ordnung in eine pluralistischere und dezentralere Struktur.
Hegemoniale Weltordnung
Ein entscheidender Faktor für den Wandel in der Nachkriegszeit war die Zersplitterung politischer Macht. Nicht minder folgenreich war jedoch die Neugestaltung der hegemonialen Weltordnung. Für ein Vierteljahrhundert spielten die Vereinigten Staaten nach 1945 auf der Welt eine Rolle, die der des sogenannten Big Man in tribalen Gesellschaften ähnelt, einer Art informellem Führer einer segmentierten Gruppe. Washington arbeitete mit Überzeugungskunst und Druck, forderte Gefallen ein und verteilte Geschenke, um ein antikommunistisches Staatenbündnis aufrechtzuerhalten. Diese hegemoniale Führungsrolle wurde vor allem durch den Reichtum der USA ermöglicht. Ein Vierteljahrhundert lang trieb die Produktion amerikanischer Fabriken und Farmen das an, was der Historiker Charles S. Maier ein „Imperium der Produktion“ nennt.
In den frühen 1970er Jahren geriet das Nachkriegsmodell jedoch ins Wanken. Die amerikanische Handelsbilanz kippte. Im Laufe des nächsten halben Jahrhunderts veränderte sich das Verhältnis der USA zur Weltwirtschaft stark. Washington trug immer noch eine besondere Verantwortung für die Weltordnung; gleichzeitig war es eben jene Weltordnung, die den Supermachtstatus der USA unterfütterte. Genau wie frühere Imperien war auch die Pax Americana auf ausländisches Kapital, billige ausländische Arbeitskräfte und eine Flut von Importen angewiesen.
Diese Neuverteilung politischer Macht und der Wandel der US-Hegemonie zeigten die Grenzen der in den 1940er Jahren geschaffenen Institutionen auf. Manche passten sich an. Der Internationale Währungsfonds hörte auf, die Stabilität der Wechselkurse durchzusetzen, und wurde zu einem Berater für Länder, die sich dem Weltmarkt zuwenden wollten. Andere Institutionen erwiesen sich als weniger wandelbar. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen weist vielen früheren Kolonialmächten bis heute eine privilegierte Stellung zu – institutionell verankert durch das Vetorecht der ständigen Mitglieder.
Viele der schwerwiegenden Herausforderungen, die in der Nachkriegszeit entstanden sind, existieren heute immer noch. Dazu gehören die Atomwaffen, die in den 1950er und 1960er Jahren zu einer eher unerwarteten Ordnungsgröße in der Weltpolitik wurden und ironischerweise den Frieden der Supermächte sicherten. Diese Waffen sind nach wie vor eine große Gefahr, zumal immer mehr Länder nach nuklearen Fähigkeiten streben und die Logik der Abschreckung nicht mehr bilateral, sondern multilateral ist.
Dazu kommen neue Herausforderungen und Risiken, die sich nicht zuletzt aus dem materiellen Fortschritt ergeben. Der Kalte Krieg mag ein Konflikt zwischen Ideologien der Moderne gewesen sein, aber er wurde in einer agrarischen Welt ausgetragen. Erst in den 1980er Jahren sank der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen unter 50 Prozent. Das Ergebnis waren echte Verbesserungen für die Weltbevölkerung: Der Durchschnittsmensch wird heute über 73 Jahre alt, 1980 waren es noch 62 Jahre.
Doch der Lohn des Fortschritts wird in CO2-Emissionen gemessen. Mehr als die Hälfte der menschengemachten Treibhausgase wurden seit 1990 produziert, im Zeitalter der globalen industriellen Entwicklung. Im Gegensatz zu den Atomwaffen drohen die daraus resultierenden Risiken nicht unsere ganze Spezies auszulöschen, aber eine Klimakatastrophe kann im 21. Jahrhundert Hunderte Millionen Menschen töten. Die globale Ordnung steht heute vor keiner schwerwiegenderen oder dringlicheren Herausforderung als dem Klimawandel, ist aber kaum dazu geeignet oder fähig, ihr gerecht zu werden.
Kein Zurück zu 1945
Die Herausforderungen unserer Zeit sind so brisant, dass wir der Versuchung widerstehen müssen, die Uhr im Namen der Weltordnung wieder bis 1945 zurückzudrehen. Nostalgie ist in der Politik eine mächtige Kraft, und ihr Magnetismus zeigt sich heute in den vielen Gesprächen über die „regelbasierte internationale Ordnung“ und „die Welt, die Amerika geschaffen hat“.
In einer Zeit, in der das institutionelle und kulturelle Fundament der Weltordnung ins Wanken gerät, wirkt das historisch Vertraute verführerisch – und es kann schnell zum Kompass für die Politik werden. So wie im Fall des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden, der sich in seiner Amtszeit stark an der althergebrachten amerikanischen Rolle der Ordnungsmacht orientierte und an den Regeln eines internationalen Systems, das er während seiner jahrzehntelangen Washingtoner Karriere verinnerlicht hatte.
Eine tatsächliche Rückkehr zu diesen Regeln und Werten erfordert jedoch viel eher einen Blick über den Tellerrand – oder genauer gesagt, Inspiration von jenseits des Washingtoner Establishments. Vielleicht sind es gerade die europäischen Verbündeten der USA, die eine neue Perspektive eröffnen können, obwohl auch sie sich vor den Fallstricken der Logik des Kalten Krieges hüten müssen.
Schließlich debattieren die europäischen und amerikanischen Staats- und Regierungschefs schon seit der Eisenhower-Regierung über die Verteilung von Befugnissen und Verantwortung. Eine neue Formel für die Lastenteilung wird die Weltordnung des 21. Jahrhunderts allerdings nicht erneuern; sie wäre kaum mehr als neuer Wein in alten Schläuchen. Vielmehr müssen die Amerikaner und ihre europäischen Verbündeten über die Herausforderungen der Nachkriegszeit hinausblicken und selbst entscheiden, wo die Probleme der Gegenwart wirklich liegen.
Dabei sollten sich die Entscheidungsträger an die alte Debatte zwischen Heraklit und Parmenides erinnern. Die Moderne, so könnte man meinen, hat Heraklit recht gegeben. Der von der Wissenschaft inspirierte Fluss des Fortschritts treibt uns voran – vielleicht in Richtung eines sicheren Hafens, vielleicht in Richtung des Abgrunds. So läge der Schluss nahe, unsere technischen Lösungsansätze auf diesen halsbrecherischen Wandel auszurichten. Um die Weltordnung wiederherzustellen, müssten wir also die Triebkräfte des Wandels identifizieren und lernen, sie zu beherrschen.
Die Ordnung unserer politischen Systeme muss an beständigen Werten und Fixpunkten ausgerichtet sein
Dieser Schluss wäre jedoch voreilig. Denn politische Ordnungen müssen nicht nur anpassungsfähig sein, sondern auch legitimiert werden. Deshalb müssen sie sich auch an Werten und Zielen orientieren, die über den historischen Wandel hinausgehen. Hier sei an Parmenides erinnert, dessen Orientierung am Unveränderlichen nicht nur Platons Formenlehre, sondern auch einen Großteil der späteren Theologie vorwegnahm. Der Apostel Paulus zum Beispiel forderte die frühen Christen in Korinth auf, sich nicht auf das zu konzentrieren, was „sichtbar“ und „vorübergehend“ ist, sondern auf das, was „unsichtbar“ und „ewig“ ist. In der paulinischen Theologie orientierte sich die Kirche an ewigen Wahrheiten, die über die historische Erfahrung hinausgehen.
Auch legitime internationale Ordnungen brauchen eine solche Ausrichtung. Die Gedanken, die hinter der Schaffung politischer Systeme stehen, müssen freilich nicht christlich und schon gar nicht demokratisch sein. Der Wiener Kongress wurde, wie der große Historiker Paul W. Schroeder einst darlegte, etwa von konservativen Eliten organisiert, die den emanzipatorischen Aufruhr, den die Französische Revolution ausgelöst hatte, eindämmen und die alte Ordnung bewahren wollten.
Die Begründer der Nachkriegsordnung verordneten der Welt universalistische Werte, insbesondere in Europa. Nach den Schrecken des faschistischen Nihilismus bemühten sich katholische Denker wie Jacques Maritain, transzendente Prinzipien in den Mittelpunkt zu stellen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 und die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 machten die ewige Würde des einzelnen Menschen – das imago dei – zur normativen Grundlage der Weltordnung. Wie sehr dieses Ideal in der Praxis auch entehrt wurde, es blieb immer ein Fixpunkt, zu dem Idealisten zurückkehren konnten.
Wie das Beispiel des verstorbenen Papstes Franziskus zeigt, könnten solche Ideale auch heute eine Neuordnung der Welt inspirieren. Unsere Sorge um die Armen, die Ausgeschlossenen, die Geflüchteten, sagte Franziskus, ist der wahrhaftigste Gradmesser für unsere politischen Leistungen. Für viele unserer Institutionen bleibt das ein unmöglicher Maßstab, aber transzendente Ziele können uns trotzdem politische Orientierung geben.
Darüber hinaus machen die normativen Standards, die wir formulieren, gelegentlich auch einen praktischen Unterschied. Dank der Verankerung der Menschenrechte in seinen Nachkriegsinstitutionen hat Europa in den Jahrzehnten nach 1945 ein weiteres Abrutschen in Richtung Faschismus verhindert. Ein Kontinent, der für Konflikte und politischen Tumult stand, wurde in dieser Zeit zu einem Beispiel für relativen Frieden und zivilisatorische Errungenschaften. Europa zeigt, dass Anpassungsfähigkeit nicht bedeuten muss, althergebrachte Werte zu verraten.
Der historische Wandel ist unvermeidlich: Der Fluss fließt weiter. Der hintergründige Sinn, der unser politisches Handeln motiviert, darf aber nicht so wandelbar sein. Im Gegenteil: Die Ordnung unserer politischen Systeme – egal ob global oder national – muss an beständigen Werten und Fixpunkten ausgerichtet werden. Denn nur so kann es uns gelingen, den ewigen Fluss der Geschichte in die richtigen Bahnen zu lenken.
Aus dem Englischen von Kai Schnier
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 80-84
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