Online-Veröffentlichung

17. Dez. 2025

Warum der neue UN-Flüchtlingskommissar auf die Zivilgesellschaft setzen muss

Filippo Grandi scheidet nach neun Jahren an der Spitze des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) aus dem Amt. Zurück bleibt eine Organisation am Scheideweg: Budgetkürzungen in den Geberländern bedrohen ihre Handlungsfähigkeit, während die Zahl der Geflüchteten weltweit steigt. Für Grandis Nachfolger geht es um nicht weniger als die Zukunft des UNHCR.

Peter Ruhenstroth-Bauer
Bild
Bild: Vertriebene in Pakistan bereiten vor einer Zeltunterkunft des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR Tee zu.
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Weltweit sind derzeit über 122 Millionen Menschen gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben – so viele wie nie zuvor. Ein Rekordhoch, das deutlich macht: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) muss einen Kurswechsel einschlagen; ein Weiter-so ist keine Option mehr.

In wenigen Wochen endet die Amtszeit des UN-Flüchtlingshochkommissars Filippo Grandi. Als Nachfolger hat UN-Generalsekretär António Guterres den kurdischen Politiker und ehemaligen irakischen Präsidenten Barham Salih benannt. Seine Ernennung kam für Beobachter überraschend, da in der Vergangenheit Vertreter aus Hauptgeberländern ausgewählt wurden.

Salih muss radikal überdenken, wie die Organisation ihr Mandat zukünftig erfüllt. Neben den weltweiten Krisen und der stetig wachsenden Zahl der Vertriebenen ist die Finanzierung des UNHCR-Budgets die größte Herausforderung für die Organisation. Wenn das UNHCR relevant und wirksam bleiben will, muss es stärker auf die Ressourcen, Kapazitäten sowie die privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Verbindungen seiner nationalen Partner setzen.

Krise und Kürzungen: der humanitäre Notstand

Der Abgang des langjährigen und hoch angesehenen UNHCR-Chefs Filippo Grandi fällt in eine Phase, in der das Hilfswerk mit den schwierigsten Rahmenbedingungen seiner Geschichte kämpft. Flüchtlingskrisen sind längst keine kurzfristigen Ausnahmesituationen mehr, sondern langanhaltende, globale Herausforderungen, die durch Klimakrise und politische Instabilität weiter angeheizt werden.

Zusätzlich belasten drastische Mittelkürzungen der Geberländer und eine wachsende Fremdenfeindlichkeit die Arbeit des UNHCR. Dadurch spitzt sich die Lage sowohl in den Krisen- als auch in den Aufnahmeländern zu. Filippo Grandi bezeichnete die kombinierten Auswirkungen selbst als „verheerend“.

Die Folgen sind bereits jetzt spürbar. Aufgrund der Budgetkürzungen wurden über 5000 UNHCR-Mitarbeitende – fast ein Viertel der Belegschaft – entlassen. Schätzungsweise zwölf Millionen Flüchtlinge werden künftig keinen Zugang mehr zu direkter humanitärer Hilfe haben. Im Südsudan wurden inzwischen 75 Prozent der Schutzräume für Frauen und Mädchen geschlossen. Damit verlieren die am stärksten gefährdeten Personen den Zugang zu sicheren Hilfsmaßnahmen. Entlassene Lehrkräfte treiben Kinder in Kinderarbeit, frühe Verheiratung oder machen sie zu Opfern des Menschenhandels.

Der Privatsektor als finanzielle Lebensader

Dass die Lage dennoch nicht hoffnungslos ist, liegt auch an den elf selbstständigen nationalen Partnerorganisationen im UNHCR-Netzwerk, darunter die deutsche UNO-Flüchtlingshilfe. Diese NGOs mobilisieren finanzielle Unterstützung und informieren über die weltweite Fluchtsituation.

2025 haben die elf Partnerorganisationen mehr als 48 Prozent der jährlichen Einnahmen des UNHCR aus dem privaten Sektor beigesteuert – Gelder, die von Unternehmen, Stiftungen und Millionen von Einzelspendern stammen. Gerade in einer Zeit, in der Regierungen ihre freiwilligen Beiträge reduzieren, ist diese Unterstützung weit mehr als ein finanzieller Beitrag. Das UN-Flüchtlingswerk muss diese lokalen Partner nicht mehr nur als Spendenquelle, sondern als integralen Bestandteil seiner Arbeit und als mächtigen Hebel für Reichweite und Einfluss begreifen.

Unvollständige Fortschritte 

Das UNHCR hat bereits Schritte unternommen, um seine stark hierarchische Struktur anzupassen. Durch Initiativen wie den „Grand Bargain“ (2016) und den „Global Compact on Refugees“ (2018) verpflichtete sich die Organisation zu stärkeren Partnerschaften mit lokalen Akteuren. Erste Fortschritte sind erkennbar: 2024 waren 87 Prozent der finanzierten Partner lokale oder nationale Akteure, an die 59 Prozent der Partnerfinanzierung (729,4 Millionen US-Dollar) gingen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zeigt Wirkung: Technologieunternehmen unterstützen die digitale Registrierung von Geflüchteten, multinationale Konzerne schaffen Beschäftigungsmöglichkeiten.

Das Netzwerk der elf nationalen Partnerorganisationen (Argentinien, Australien, Deutschland, Großbritannien, Japan, Neuseeland, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien und die USA) generiert den Großteil der gesamten jährlichen Einnahmen des UNHCR aus dem privaten Sektor. Mit 90 bis 100 Millionen Euro jährlich ist der spanische Partner „España con ACNUR“ regelmäßig der größte nichtstaatliche Unterstützer des Hilfswerks. Der spanische CEO und Sprecher aller nationalen Partner, Francesco Sciacca, kündigte für das Jahr 2026 bereits Beiträge in Höhe von insgesamt 350 Millionen US-Dollar an. Damit zählen mehrere der nationalen Partner zu den 20 größten Gebern des UNHCR weltweit.

Integration statt Isolation

Während Hochkommissar Grandi die finanzielle Rolle der nationalen Partner anerkennt, dominiert bei vielen Mitarbeitenden in den UNHCR-Repräsentanzen in Hauptstädten der Geberländer noch immer eine unreflektierte „Weiter so“-Mentalität. Die UNHCR-Repräsentanzen agieren oft isoliert von ihren lokalen Partnern.

Dabei bieten die nationalen Partner dem UNHCR weit mehr als nur Geld. Mit insgesamt rund 1,7 Millionen Spendern sind sie fest in der Zivilgesellschaft verankert. Außerdem haben sie direkten Zugang zu Spitzenpolitikern und Mediennetzwerken – Kontakte, über die die UNHCR-Büros in dieser Form nicht verfügen. Hinzu kommt ihre Expertise in Fundraising und in gezielter Kommunikation, die für die Spendenbereitschaft in den jeweiligen Märkten elementar ist.

Doch das UNHCR beschränkt die Rolle der Partner meist auf die Mittelbeschaffung. Manchmal liegt dies an unbegründeten Bedenken hinsichtlich der Fachkompetenz, sehr oft aber an einer isolierten Denkweise. Die enge Verbindung in die Zivilgesellschaft – ein unschätzbarer Wert – wird so ungenügend berücksichtigt.

Das Versagen der Hierarchie

Die nationalen Partner sind oft schneller und effektiver als der streng hierarchisch organisierte internationale Apparat. Diese Dynamik verunsichert die UNHCR-Bürokratie und führt häufig zu einer Abwehrhaltung. Dabei ginge es auch anders: Ein integrativer Ansatz erkennt die dynamische Wechselwirkung zwischen Zivilgesellschaft, Regierung und den Partnern an. Schließlich sind Spender auch immer potenzielle Wähler. Außerdem machen Berichte aus der Praxis Programme lebendig, die von Regierungen kofinanziert werden.

Andere UN-Organisationen sind in ihrer Kommunikation bereits weiter. So ist es der Internationalen Organisation für Migration (IOM) durch gezielte Kommunikationsstrategien gelungen, das UNHCR bei den weltweiten Medienerwähnungen abzuhängen. Die im März 2025 von Generalsekretär Guterres ausgerufene UN80-Initiative, die zu einer stärkeren und effektiveren UN führen soll, prüft die Mandatsumsetzung. Es ist denkbar, dass in diesem Rahmen auch Überlegungen vorangetrieben werden, beide UN-Organisationen künftig unter einem Dach fortzuführen.

Die Kommunikationsscheu vieler UNHCR-Repräsentanten, die teilweise aus Furcht vor Missverständnissen am liebsten gar nicht öffentlich kommunizieren würden, ist eine entscheidende Schwachstelle. Nur wer als humanitäre Organisation sichtbar und nahbar ist, kann sich im „Wettbewerb der Guten“ gegenüber den vielen Organisationen, die sich ebenfalls um finanzielle Unterstützung bemühen müssen, durchsetzen. Wie dringlich diese Herausforderung ist, zeigte die Geberkonferenz am 2. Dezember in Genf: Die Geberregierungen reagierten auf den globalen Appell für 2026 mit Zusagen in Höhe von 1,161 Milliarden US-Dollar. Zusammen mit den Zusagen der nationalen Partner startet das UNHCR mit 1,5 Milliarden US-Dollar ins Jahr 2026. Das sind nur 18 Prozent des prognostizierten Bedarfs. Private Gelder sind damit systemrelevant geworden.

Neue Offenheit als Überlebensfrage

Nationale Partner sind mehr als eine Geldquelle. Sie sind Türöffner zu Regierungen, Kommunikationsexperten und das Bindeglied zur Zivilgesellschaft. Ihre NGO-Struktur ist flexibel und schnell. Diese Ressourcen müssen integraler Bestandteil der UNHCR-Strategie werden.

In dieser kritischen Zeit ist es unerlässlich, dass der nächste Hohe Kommissar in der Lage ist, alle möglichen Verbündeten und Partner zum Wohle der Flüchtlinge zu mobilisieren. Dies erfordert Offenheit und Lernbereitschaft innerhalb des UNHCR, um herauszufinden, wie die Zusammenarbeit am besten auf Augenhöhe erfolgen kann. Angesichts weltweit steigender Vertreibungszahlen ist eine sinnvolle Zusammenarbeit mit nationalen Partnern und dem privaten Sektor nicht mehr optional. Sie ist eine unumgängliche Voraussetzung für den zukünftigen Erfolg des UNHCR.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik Online-Veröffentlichung, 17. Dezember 2025

Teilen

Themen und Regionen

Peter Ruhenstroth-Bauer war von 1998 bis 2005 in der Bundesregierung tätig, zuletzt als Staatssekretär. Mitte 2025 beendete er nach acht Jahren seine Tätigkeit als nationaler Direktor der UNO-Flüchtlingshilfe, dem deutschen Partner des UNHCR.

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.