01. November 2021

Reden wir über Sicherheit

Wie Initiativen in Israel und Deutschland neue Dialogräume schaffen.

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Bild: Zeichnung eines jüdischen Mannes der einer Muslima eine Blume schenkt
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Jeder hat uns gesagt: Geht da nicht hin.“ Gadi Gvaryahu blinzelt durch seine schmale, getönte Brille. „Aber wir haben darauf bestanden.“ Der 65-Jährige erinnert sich noch gut an die Zeit nach dem 2. Juli 2014 – der Tag, an dem Mohammed Abu Khdeir ermordet wurde. Jüdische Jugendliche hatten den 16-Jährigen im arabischen Viertel Sharafat in Ostjerusalem in ein Auto gezerrt, ihn in ein Waldstück nahe der Stadt verschleppt, geschlagen, mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt. Vor Gericht sollten sie später angeben, aus Rache für den Mord an drei israelischen Jugendlichen durch Hamas-Mitglieder im Westjordanland gehandelt zu haben. „Es war gefährlich, in diesen Tagen nach Sharafat zu kommen“, sagt Gvaryahu. Die Sonne spiegelt sich in der schwarzen Haarspange, die seine Kippa im grauen Haar fixiert. „Wir kamen am zweiten oder dritten Tag nach dem Mord. Mit fünf Bussen. 300 Leute.“ Familie Abu Khdeir sei anfangs skeptisch gewesen: Echte Solidarität oder ein PR-Trick der israelischen Regierung? „Aber wir durften kommen. Und wir sind wiedergekommen. Immer und immer wieder. Heute sind wir gute Freunde.“


Sicherheit ist ein großes Wort, seine Bedeutung so klar wie unklar. Wer oder was stellt eine Bedrohung dar? Was macht das Leben sicher oder unsicher? Darüber gehen Meinungen und Gefühle auseinander – zwischen Jung und Alt, Ost und West, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, zwischen Christen, Juden, Arabern, kurz: zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft. Eine Studie der Organisation More in Common Deutschland zeigte schon 2019: Das Bedrohungsgefühl der Bevölkerung variiert stark. Unterschiedliche Wahrnehmungen könnten letztlich „zu völlig anderen Bewertungen gesellschaftlicher Fragen führen“. Das heißt auch: Debatten über das, was Sicherheit bedeutet, sind wichtig. Nur im Austausch entsteht Verständnis. Doch Austausch kann auch unbequem sein, herausfordernd, aufwühlend und verunsichernd. Ihm aus dem Weg zu gehen, war nie so leicht wie heute: Soziale Netzwerke schrumpfen das Erleben geteilter Realität auf eine immer kleinere Schnittmenge zusammen – während gleichzeitig eine globale Pandemie persönliche Begegnungen zusätzlich erschwert und soziale Ungleichheiten verschärft hat. Doch es gibt Menschen, die dem entgegenwirken, außerhalb politischer Ämter und mit voller Überzeugung. Dieser Text stellt Initiativen in Israel und Deutschland vor, die neue Räume für Austausch schaffen. Austausch über das, was schon da ist und das, was fehlt – für ein Miteinander, in dem sich alle sicher fühlen.


Mehr als 116 000 Menschen verloren im israelisch-palästinensischen Konflikt ihr Leben, einem der am längsten andauernden Konflikte weltweit. Immer wieder flammt die Gewalt auf – zuletzt im Mai dieses Jahres, als die radikal-islamische Hamas mehr als 4300 Raketen auf Israel feuerte. Bei Gegenschlägen der israelischen Armee starben in Gaza etwa 250 Menschen. Aber auch innerhalb Israels kam es zu Unruhen, die viele als die schlimmsten seit der Zweiten Intifada Anfang der 2000er Jahre bezeichneten. „Im Mai haben wir enorm viele Anrufe bekommen“, erzählt Gadi Gvaryahu. „Menschen aus ganz Israel wollten mit uns Blumen verteilen. Am Ende hatten wir 20 Gruppen. In Haifa, in Akko, in vielen, vielen gemischten Städten. Und dann haben wir natürlich versucht, die zu besuchen, die verletzt wurden. Juden und Muslime.“


Gegen Hasskriminalität – Solidarität zeigen

Wir, das ist die Initiative Tag Meir. 2011 hat Gadi Gvaryahu sie gegründet – als direkte Reaktion auf die sogenannten „Preisschild“-Attacken, bei denen meist fundamentalistisch-jüdische Jugendliche Gewalt und Vandalismus ausüben, meistens im Westjordanland, meistens gegen Palästinenser, oftmals als Racheakte für palästinensische Gewalt gegen die Siedlerbewegung. In der Hochphase zwischen Anfang 2012 und Mitte 2013 zählten Beobachter bis zu 800 solcher Attacken. Tag Meir begann, die Betroffenen zu kontaktieren, zu besuchen und zu unterstützen. Solidarität zu zeigen. Zeigen, dass nicht alle Israelis gleich denken. Mittlerweile reagiert die Organisation auf Hasskriminalität jeder Art, organisiert Solidaritätsbesuche dort, wo Menschen, Moscheen, Synagogen oder Kirchen zu Hassobjekten und Angriffszielen werden. Gadi Gvaryahu hat schon Palästinenser in israelische Siedlungen gebracht – oder eben jüdische Israelis in arabische Viertel. Gvaryahu selbst ist gläubiger Jude, Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Seinen Willen, sich mit aller Kraft gegen Rassismus und Diskriminierung jeder Form zu stemmen, begründet er mit seiner eigenen Familiengeschichte.


Ortswechsel. Durch die Bäume vor dem Jerusalemer Rathaus fallen die letzten Sonnenstrahlen an diesem Tag. Gadi Gvaryahu ist verabredet, zu einem Rundgang durch das Zentrum Jerusalems. Etwa einmal im Monat organisieren er und seine Kollegin Ruth Klein diese Tour für Interessierte aus der Tag-Meir-Community. Sie stoppen nicht an Sehenswürdigkeiten. Sie stoppen überall dort, wo Menschen Opfer von Hasskriminalität geworden sind. Sie stoppen oft. Die Tour verläuft entlang einer unsichtbaren, blutigen Spur, die sich durch die Heilige Stadt zieht. Tsofit ist eine der Teilnehmenden. Sie habe das Gefühl, die Gesellschaft drifte auseinander, erzählt sie. Tag Meir bezeichnet sie als „Blume in der Wüste“. „Es scheint, als würden die Leute hier immer extremer“, sagt Tsofit. „Man kann es fühlen. Man kann es hören. Leute verwenden Ausdrücke, die vor 15, 20 Jahren niemand in den Mund genommen hätte.“


Die Gruppe hält auf der Jaffa Road an, der zentralen Einkaufsstraße Jerusalems. Im Februar und März 1996 war dieser Ort gleich zweimal hinter­einander Schauplatz palästinensischen Terrors: 45 Menschen starben durch Selbstmordanschläge der Hamas auf zwei Linienbusse. „Bombenanschläge waren praktisch meine Kindheitsbilder“, sagt Ruth Klein, während sie auf die Gedenktafel an dieser Stelle schaut. „Ganz natürlich wächst man damit auf, gewisse Dinge über Araber zu denken. Vor allem, wenn man keine Informationen hat, die den Emotionen entgegenwirken könnten, die man automatisch hat.“ Seit etwa drei Jahren arbeitet Ruth Klein bei Tag Meir. Was ihre Perspektive auf den Konflikt nachhaltig verändert hat: ein Studienprogramm an der New York University, das Israelis und Palästinenser zusammenbrachte. „Wir können nicht Extremisten unsere Leben hier bestimmen lassen“, sagt sie. „Das geht in beide Richtungen. Genauso, wie ich von Palästinensern erwarte, dagegen zu kämpfen, dass unschuldige Menschen zu Schaden kommen, will ich dasselbe tun. Unsere Aktionen mögen simpel sein, aber sie machen einen Unterschied.“


Nach Deutschland. Der 19. Februar 2020 hat alles verändert. „Wir waren alle wütend, natürlich“, sagt Ali Yildirim. Neun Menschen verloren an diesem Tag am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt und am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau-Kesselstadt ihr Leben, ermordet von einem Rechtsextremisten. Einer der Ermordeten war Alis Kindheitsfreund Ferhat Unvar. „Ich habe damals gedacht: Das Einzige, was mir eine innere Genugtuung geben würde, wäre, wenn ich jetzt auf Demos gehe und mich mit irgendwelchen Skinheads schlage“, erzählt der 27-Jährige. Doch dazu kam es nie. Auf dem Friedhof traf er Serpil Unvar, die Mutter seines ermordeten Freundes Ferhat. Sie unterhielten sich, lachten und weinten zusammen, hielten danach Kontakt. Irgendwann, erzählt Ali, habe sie gesagt: „Ihr seid alle wütend, ich bin auch wütend. Aber wir machen aus dieser Wut jetzt nichts Negatives, sondern etwas Konstruktives.“ Am 14. November 2020, Ferhats 24. Geburtstag, gründete Serpil Unvar die Bildungsinitiative Ferhat Unvar.


Mehr als 30 junge Menschen engagieren sich mittlerweile in der Initiative. Die meisten davon kannten Ferhat persönlich – aus der Schule, vom gemeinsamen Abhängen, aus den Bars der Stadt. „Ferhat kannte eigentlich jeder hier in Hanau. Er war so ein bisschen der wahre Oberbürgermeister der jungen Leute hier“, sagt Ali, Vollbart, dunkle Stimme. Seit Juni hat die Initiative ihre eigenen Räume in der Hanauer Innenstadt angemietet, 700 Meter von einem der Anschlagsorte entfernt. Hier sollen ab November Anti-Rassismus-Workshops für Schülerinnen und Schüler, Sensibilisierungstrainings für Lehrerinnen und Lehrer und Beratungstermine für Eltern stattfinden, die im Austausch mit Lehrkräften auf Übersetzungshilfe angewiesen sind. All das, um genau den Rassismus zu bekämpfen, der ihrem Freund Ferhat das Leben kostete. „Es ist ein Seelenfrieden für jeden einzelnen, der hier mitwirken kann“, sagt Serkan, der für die Initiative die Renovierungsarbeiten in den neuen Räumlichkeiten koordiniert, „um dem sinnlosen Tod von einem Freund, einem Bruder, einem Familienmitglied einen Sinn zu geben“. Von Stufe sechs bis zehn gingen er und Ferhat in eine Klasse. Das Ausmaß an Alltagsrassismus, das sie an ihrem Hanauer Gymnasium erlebten, werde ihm erst heute so richtig bewusst, erzählt Serkan.


Die größte Bedrohung unserer Sicherheit

Deutschland hat ein Rechtsextremismus-Problem. Laut der jüngsten Mitte-Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung sagen das etwa zwei Drittel der Deutschen. Keine andere Gefahr wird von so vielen als Risiko eingestuft. Und in keiner anderen führenden Wirtschaftsnation fühlt sich die Bevölkerung von Rechtsterrorismus so stark bedroht wie in Deutschland, so das Ergebnis einer aktuellen Befragung der Münchner Sicherheitskonferenz. Im vergangenen Jahr erreichten rechtsextremistische Straftaten einen neuen Höchststand seit Beginn der Erfassung im Jahr 2001. Als Bundesinnenminister Horst Seehofer die Statistik im Mai vorstellte, nannte er Rechtsextremismus „die größte Bedrohung für die Sicherheit in unserem Lande“. Doch was folgt daraus?


„Die Realität, die traurige und harte Realität, ist einfach, dass es irgendwann woanders auch passieren wird. Und immer, wenn ich das sage, dann tut das weh. Aber das ist einfach die Realität. 2019 war Halle, 2020 war Hanau. Wer weiß, wann die nächste Stadt dran ist“, sagt Ali Yildirim. Ob sich in Deutschland alle gleich sicher fühlen können? „Auf keinen Fall.“ Das Engagement in der Bildungsinitiative sei für viele hier ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. „Um ehrlich zu sein, hatte ich auch erstmal Angst, jetzt hier zu sein. Man wird ja sozusagen zur Zielscheibe“, erzählt Berivan, die am Klinikum Hanau ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht hat. „Auch meine Eltern haben gesagt: Du musst aufpassen. Klar, man muss aufpassen. Aber es ist halt kein Grund, jetzt zu sagen: Okay, ich halte mich da raus“, sagt die 24-Jährige. Ihr Freund Fatih, auch in der Bildungs­initiative aktiv, bekam bereits Hassnachrichten bei Instagram: „Du gehörst nicht zu uns. Du brauchst dir keine Mühe zu geben. Das ist nicht dein Land.“


Von staatlichen Institutionen sei bislang, von netten Worten einmal abgesehen, wenig Unterstützung gekommen, sagt Ali Yildirim. Bisher finanziert sich die Initiative ausschließlich aus Spenden, Anträge für öffentliche Gelder laufen. Allgemein würde sich Ali mehr Rückhalt ­wünschen, zum Beispiel, dass täglich eine Polizei­streife bei den Räumen der Initiative vorbeikomme. „Aber es ist halt leider dann doch wichtiger, dass man den Vater des Täters schützt, immer vor seinem Haus ist und aufpasst, dass ihm nichts passiert.“ Vor allem beim Thema Rassismus fühlten sich zu viele zu wenig oder gar nicht betroffen, beklagt Ali. „Aber ich denke, dass Rassismus irgendwann jeden betreffen kann, weil er Anti-Haltungen fördert. Das sorgt dann auch für Spaltung in der Gesellschaft.“ „Diese Spaltung muss aufgehoben werden“, ergänzt sein Freund Maruf. „Wenn Lukas nur mit Tim chillt und Ali nur mit Fatih und da niemals ein Berührungspunkt entsteht, dann ist einem so manche Person irgendwann fremd. Und vor Fremden fürchtet man sich leider.“ „Say their names“, steht auf Marufs T-Shirt.


Zurück nach Israel. Beit Jala liegt etwa 20 Autominuten von Jerusalem entfernt, in der sogenannten Area C des Westjordanlands. Israelis und Palästinenser können sich hier relativ leicht treffen – theoretisch, denn Austausch ist selten. Erst recht während einer globalen Pandemie, erst recht nach der jüngsten Gewalteskalation. Manche haben gezögert, bevor sie heute in die Bar Jala Jungle gekommen sind. Wut, Trauer und Ängste sind noch präsent.


Emuna, jüdische Israelin aus Jerusalem, denkt an den 11. Mai zurück – einen Tag nachdem die radikal-islamische Hamas die ersten Raketen auf ihre Stadt gefeuert hatte. „Die Leute hatten richtig Angst. Meine Mitbewohner gingen nicht mehr aus dem Haus. Alles war sehr, sehr hektisch. Dann noch all die WhatsApp-Nachrichten. Und ich habe mir gesagt: Ich muss runterkommen.“ Von dem, was sie dann tat, sollte sie ihren Eltern erst Tage später erzählen. „Die hätten mich sonst umgebracht“, scherzt die 26-Jährige, die in einer israelischen Siedlung im Westjordanland großgeworden ist. Ihre Familie beschreibt sie als eher rechts. „Ich bin rübergelaufen ins muslimische Viertel in meiner Nachbarschaft. Ich bin einfach gegangen. Ich musste von Angesicht zu Angesicht sehen, dass die Leute da eigentlich auch nur ihr Leben leben und das Zeug in ihren Läden verkaufen wollen. Nach drei Stunden bin ich nach Hause gekommen und dachte: Okay, jetzt bin ich beruhigt.“ Währenddessen hielt ihr Bruder Wache in einem jüdischen Viertel – aus Angst vor arabischer Gewalt.


Alle, die heute Abend im Jala Jungle sind, sind ehemalige Workshop-Teilnehmende der ­Initiative Tech2Peace. Seit 2017 bringt die Organisation junge Menschen aus Israel und den Palästinensischen Gebieten zusammen. Dialog steht dabei gar nicht im Vordergrund. Die Initiative lockt mit Workshops zu Programmieren und App-Entwicklung, verspricht Start-up-Mentalität. „Als ich mich bei Tech2Peace beworben habe, hatte ich das bei Facebook gesehen“, erzählt Elias, ein palästinensischer Architekturstudent. „Ich habe gar nicht gelesen, dass da Israelis sind. Der Text war viel zu lang. Da stand nur was von Meer und Strand. Okay, cool, habe ich gedacht und mich beworben. Und dann bin ich hingegangen und es war das erste Mal, dass ich Israelis getroffen habe.“


Uri Rosenberg hat Tech2Peace gegründet, gemeinsam mit einem weiteren Israeli und ­einer ­Palästinenserin. Rosenberg, 44, Glatze und Ringelshirt, kommt aus Haifa, der Küstenstadt im Norden Israels. „Die breite Masse der Israelis und Palästinenser ist nicht an Dialog interessiert“, erzählt er. „Die sagen: Joa, wenn es direkt zu mir an die Tür kommt, dann vielleicht. Aber wer nicht sowieso schon sehr moderat und friedlich ist, würde sich nicht die Mühe machen, einen Israeli oder eine Palästinenserin zu treffen.“


Heute ist Uri Rosenberg auf dem Weg zu einem besonderen Tech2Peace-Workshop, einer Art Experiment: Gut 20 ehemalige Seminarteilnehmende der Initiative treffen sich, um miteinander über ihre Erlebnisse im Mai dieses Jahres zu sprechen. Perspektiven teilen, auch Wut, Enttäuschung und Ängsten Raum geben. Jüdische und arabische Israelis, Palästinenser aus dem Westjordanland und Jerusalem sind hier. Das Konfliktpotenzial sei hoch, sagt Rosenberg, denn die Meinungen, wer Freund und wer Feind ist, gehen teils weit auseinander – zwischen links und rechts, zwischen Israelis und Palästinensern, jüdischen und arabischen Israelis. „Das ist immer der Elefant im Raum. Die jüdischen Israelis sehen eine Gefahr, die von der arabischen Welt ausgeht, vor allem von den Palästinensern. Aber das ist nichts, was sie gerne sagen – selbst dann nicht, wenn sie eher rechts sind. Und gleichzeitig fühlen sich die Palästinenser auch bedroht. Die sagen: ‚Wenn ich einen Soldaten sehe, habe ich Angst.‘ Das wiederum mögen die Israelis nicht, weil sie alle selbst mal Soldaten waren.“


Vor allem Israels arabischen Teil der Bevölkerung hätten die Geschehnisse in diesem Jahr nachdenklich gemacht, erzählt Rana. Das sind immerhin gut 20 Prozent aller Israelis. Die 26-Jährige berichtet von brutaler Polizeigewalt, die sie und ihre Freunde erlebten, als sie im Mai auf die Straße gingen: „Wir hatten genug von dem Rassismus hier. Wir wollten unsere Stimme erheben. Aber die Reaktion der jüdischen Mehrheitsgesellschaft war: ‚Oh, ihr wollt eine Stimme? Sorry, ihr seid Araber. Wir kommen gerne zu euch ins Restaurant, um Hummus zu essen. Aber ihr habt kein Recht darauf, hier irgendwas zu sagen. Das hat uns echt wütend gemacht.“ Nun trotzdem wieder den Austausch mit jüdischen Israelis zu suchen, habe Rana Überwindung gekostet, sagt sie. „Es gab Momente, da hatte ich das Gefühl, ich kann nicht einerseits über den Schmerz reden, den ich während der Ereignisse hatte, und andererseits am selben Abend mit allen zusammensitzen und Spaß haben. Darum habe ich mich oft rausgezogen. Aber im Laufe der Zeit habe ich zu schätzen gelernt, dass die Leute hier gesagt haben: Du hast recht. Du hast gelitten. Und das tut uns leid. Dadurch hatte ich das Gefühl, mehr von mir preisgeben zu können. Weil sie meinen Schmerz fühlen können. Das hat gut getan.“


Laut einer Umfrage des Institute for National Security Studies (INSS) an der Universität Tel Aviv sagt mehr als die Hälfte der jüdischen Israelis, arabischen Landsleuten sollte man respektvoll, aber misstrauisch begegnen. Ein Viertel sieht sie sogar als Feinde. Und das war schon lange vor den Unruhen in diesem Jahr. „Es gibt eine bedeutende Zahl an Leuten, bis zu einem Drittel der Bevölkerung, die israelische Araber als Feinde sieht. Das ist definitiv ein großes Hindernis für Integration. Das ist ein Teil des Problems“, sagt der Politikwissenschaftler Meir Elran. Er leitet das Programm für Innere Sicherheit am INSS.


Doch Vorurteile bestehen auch auf arabischer Seite. Hasan erzählt, sein Vater habe anfangs Sorgen gehabt, sein Sohn könnte sich bei Tech2Peace mit den falschen Leuten anfreunden. „Er sagte, sie treiben die Normalisierung des Verhältnisses zwischen Israelis und Palästinensern voran. Vielleicht sind die zu links. Meine Mutter hatte damit kein Problem. Die meinte: Geh hin, triff neue Leute. Und wenn du sie nicht magst, kannst du ja wieder nach Hause kommen.“ Bei Hasan haben die Ereignisse der vergangenen Monate eine regelrechte Identitätskrise ausgelöst. „Ich bin mir gerade sehr unsicher, wer oder was ich eigentlich bin. Israeli oder Palästinenser?“ Jahrelang habe er versucht, ein „guter Israeli“ zu sein, sich als Teil der israelischen Gesellschaft zu verstehen. „Aber im Mai habe ich realisiert, dass es für die israelische Regierung egal ist, ob ich ein Palästinenser aus Jerusalem oder ein arabischer Israeli aus Haifa bin. Die Gewalt der Sicherheitskräfte ist dieselbe. Ich kann mich einfach nicht mehr als arabischer Israeli sehen, bei der Gegenwehr, die uns überall entgegenschlägt.“ Und doch sieht die Mehrheit arabischer Israelis ihre Zukunft in Israel: Laut einer Umfrage im Herbst 2020 unterstützten nur 19 Prozent der arabischen Bevölkerung die Vorstellung, in einem Staat unter palästinensischer Führung zu leben. „Israel, mit all seinen Fehlern und mit der Besatzung, ist immer noch ein demokratisches Land. Man findet kaum ein arabisches demokratisches Land in dieser Region. Darum wissen sie, was am besten für sie ist“, so der Konfliktforscher Muli Peleg.


Zivilgesellschaft als Korrektiv

Dennoch stünden jüdisch-arabische Beziehungen in Israel an einem Scheideweg, sagt Meir Elran von der Universität Tel Aviv. „Insgesamt standen die Zeichen auf Integration. Dann kamen die Mai-Unruhen und haben diesen Trend mit einem großen Fragezeichen versehen.“ Ob Initiativen wie Tech2Peace dazu beitragen können, das Verhältnis zu verbessern? „Was sie machen, ist wichtig. Die machen gute Sachen. Aber wenn Sie mich nach dem Impact fragen, würde ich sagen: sehr gering“, so Elran. Er hoffe vielmehr darauf, dass die neue israelische Regierung – ein breites Acht-Parteien-Bündnis – strukturelle Veränderungen vorantreiben könne.


Und gleichzeitig ist es genau die Unabhängigkeit von Parteipolitik und Regierungswechseln, die Initiativen in Israel und Deutschland verbindet. Ihre Ziele reichen weit über das hinaus, was in einer Legislaturperiode erreichbar scheint. „Dass es eine starke Zivilgesellschaft gibt, ist ein Merkmal von Demokratie“, sagt Derviş Hızarcı, Programmdirektor der Alfred Landecker Foundation und ehemaliger Antidiskriminierungsbeauftragter der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. „Eine gesunde Demokratie ermöglicht es, aus der Zivilgesellschaft heraus auch Korrektive zu entwickeln. Und diese NGOs sind Korrektive.“ Es ist nicht ihr Ziel, dass am Ende alle Menschen einer Meinung sind. Sondern dass sie einander zuhören.


Bastian Kaiser befasst sich im Rahmen seiner Arbeit als Kommunikationsmanager bei der Münchner Sicherheitskonferenz mit den aktuellen sicherheitspolitischen Fragestellungen Europas, Amerikas und des Nahen Ostens. Sein Masterstudium der Internationalen Beziehungen an der Hertie School of Governance in Berlin schloss er 2019 ab. Zuvor studierte er Journalistik im Bachelor an der Technischen Universität Dortmund. Schon während seiner Studienzeit sammelte der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung als freier Audio- und Video-Journalist berufliche Erfahrung. Von 2014 bis 2015 absolvierte er ein Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). Bastian Kaiser hat für verschiedene Sender aus dem In- und Ausland berichtet, darunter der Deutschlandfunk, WDR 5 und 1LIVE. Recherchen führten ihn unter anderem nach Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 7, November 2021, S. 36-43

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