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28. Apr. 2025

Popmusik aus Westafrika

Afrobeats ist ein großes Geschäft geworden. Doch es geht dabei nicht nur um Geld: Der Aufstieg afrikanischer Popmusik schafft auch einen neuen kulturellen Selbstwert unter Afrikanern. 

Victor Efevberha

Im Juli 2023 schrieb Burna Boy Geschichte, als er als erster afrikanischer Künstler ein komplett ausverkauftes Stadionkonzert in den USA spielte. Der nigerianische Superstar füllte das Citi Field in New York – eigentlich spielen hier die New York Mets Baseball. Zehntausende waren dieses Mal gekommen, um Musik aus Nigeria zu hören. Der Abend war ein Beweis dafür, dass westafrikanische Popmusik längst kein Nischengenre mehr ist, sondern ein globales Phänomen, das die Charts in Europa und den USA erobert hat und ein fester Bestandteil im globalen Popkosmos ist. 

Burna Boy ist derzeit wohl der erfolgreichste afrikanische Musiker. 1991 als Damini Ebunoluwa Ogulu in Port Harcourt im südlichen Nigeria geboren, vereint er klassischen Hip-Hop und afrikanische Gesangsrichtungen, meistens in einem Sprachenmix aus Englisch, nigerianischem Pidgin-Englisch, Yoruba oder Igbo – ein echter Sprach-Hybrid. Hier entfaltet sich eine klangliche Dialektik, in der die synkopischen Rhythmen des Dancehall in eine paradoxe Synthese mit lokalen afrikanischen Beats eintreten. Dieser Sound entzieht sich jeder einfachen Kategorisierung und animiert selbst die größten Tanzmuffel, sich zur Musik zu bewegen. 

So klingt westafrikanische Popmusik: Afrobeats – das „s“ ist hier wichtig, um den Unterschied zur Kategorie Afrobeat zu kennzeichnen; und mittlerweile gibt es auch weiße europäische Nachahmer und Nachahmerinnen. 


Sound der Freiheit und Identität

Woher kommt der kometenhafte Aufstieg von westafrikanischer Popmusik? Den Boden für den weltweiten Triumph des Afrobeats hat eine ältere Generation westafrikanischer Musiker bereitet, die den Stilrichtungen Afrobeat, Highlife und Jùjú Music angehören. Doch der Weg war alles andere als einfach. Die Künstler der 1960er Jahre zahlten einen hohen Preis für ihre Karrieren: Konzerte wurden gewaltsam von der Polizei aufgelöst, Künstler mit sozialkritischen Botschaften politisch verfolgt. Noch in den 1980er Jahren waren solche Szenen an der Tagesordnung. Es war ein Kampf um künstlerische Freiheit in einer Zeit, in der Musik nicht nur Unterhaltung, sondern auch Widerstand bedeutete. Das ist wohl der zentrale Unterschied zwischen der Musik von damals und heute. 

Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit von Großbritannien errang, wurde es nach Liberia zum zweiten souveränen Staat Westafrikas. Mit der Unabhängigkeit kam ein kultureller Aufschwung, der sich vor allem in der Musik niederschlug. Highlife, der Sound der neuen Freiheit, wurde zum Soundtrack einer Nation. Kwame Nkrumah, ab 1960 Präsident Ghanas, förderte die kulturelle Blüte, die bereits in den Jahren zuvor eingesetzt hatte. Highlife war mehr als nur Tanzmusik – es war eine Fusion aus traditionellen westafrikanischen Klängen und Einflüssen der ehemaligen Kolonialmacht: Jazz, Marschmusik und andere „Firstworld“-Elemente mischten sich zu einem einzigartigen Sound, der die Identität eines jungen Staates prägte.

Nach der Unabhängigkeit erfüllte ein neuer Klang die Nachtclubs der Hauptstadt Accra. Es war ein Sound, der die Tanzflächen der Oberschicht zum Beben brachte, während die ärmere Bevölkerung draußen stehen blieb und nur von ferne lauschen durfte. Die Elite feierte, die Zaungäste nannten die Musik „Highlife“ – ein Name, der bald mehr als nur eine Bezeichnung war. Er wurde zum Symbol einer Nation im Aufbruch. Trotz der sozialen Grenzen, die die Musik zunächst zog, fand sie ihren Weg in die Herzen aller. Highlife wurde zu einem Stück ghanaischer Identität, so sehr, dass Kwame Nkrumah, in seiner ersten Amtszeit als Präsident, das Genre kurzerhand zur Nationalkultur erklärte. Es war mehr als Musik; es war der Soundtrack eines Landes, das seine Freiheit feierte.


Lagos und Accra als Zentren

Etwa zur gleichen Zeit, als Highlife in Ghana die Tanzflächen beherrschte, entstand in Nigeria ein neuer Sound: Afrobeat. Als dessen Begründer gilt der Schlagzeuger Tony Allen, der zeitweise in der Band des legendären Fela Kuti spielte. Im Vergleich zum eher gemächlichen Highlife war Afrobeat schneller, treibender, und durch seinen starken Jazzeinfluss fand er bald auch jenseits der afrikanischen Grenzen Gehör. Doch was den Afrobeat wirklich weltberühmt machte, war nicht nur der Sound, sondern vor allem der Mann, der ihn verkörperte: Fela Kuti (1938–1997). Mit seiner charismatischen Präsenz und seinem unerschrockenen politischen Engagement wurde er zur Ikone – polarisierend, provokativ und unvergesslich. Afrobeat war nicht nur Musik; es war eine Bewegung, eine Stimme des Widerstands, die bis heute nachhallt.

Das zweite prägende Musik-Genre aus Nigeria war die Jùjú Music. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten elektrische Instrumente Einzug in die Musikszene Nigerias, und mit ihnen kamen Pioniere wie Tunde Nightingale, King Sunny Adé oder Ebenezer Obey. Sie formten das Genre, das bald zum populärsten des Landes wurde, und nahmen dabei Einflüsse aus Funk, Reggae und Afrobeat auf. Aus dieser kreativen Melange entstanden neue Subgenres wie Yo-Pop. King Sunny Adé war der größte Innovator des Genres und schaffte es, dass Jùjú Music Anschluss an die globale Musiklandschaft fand, wenn auch verniedlichend unter dem Label „Weltmusik“. Er war der erste nigerianische Musiker, der für einen Grammy ­nominiert wurde (1983). 

Afrobeat wurde durch das Charisma seines bekanntesten Vertreters, Fela Kuti, zum Soundtrack der internationalen Black-Power-Bewegung.  Nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 wurde Lagos zum pulsierenden Zentrum der westafrikanischen Musikszene. Die Stadt zog Künstler aus der ganzen Region an und es entstand ein reger Austausch – nicht nur zwischen den Musikern aus Accra und Lagos, sondern auch mit den USA. Je nach politischer Lage pendelten die Musiker und Bands zwischen Ghana und Nigeria hin und her, immer auf der Suche nach kreativer Freiheit und neuen Einflüssen. Doch dieser kulturelle Fluss wurde jäh unterbrochen, als 1966 Ghanas Militär Präsident Nkrumah stürzte. Mit dem Putsch kam die nächtliche Ausgangssperre und das lebendige Nachtleben zum Stillstand. Die Clubs verstummten, die Tanzflächen blieben leer: ein abruptes Ende einer Ära, die von Musik und Freiheit geprägt war.


Flucht ins Exil

Highlife, einst der Soundtrack der Unabhängigkeit, wurde nun zum Relikt aus der Ära Nkrumahs abgestempelt. Musiker, die einst gefeiert wurden, sahen sich plötzlich Diskriminierung und Ablehnung ausgesetzt. Die Situation verschärfte sich noch weiter, als Jerry Rawlings 1982 das Präsidentenamt übernahm. Seine drastische Steuererhöhung für Musikinstrumente traf die Künstler ins Mark – für viele war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie packten ihre Instrumente und verließen das Land auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Großbritannien und Deutschland wurden zu ihren Zufluchts­orten, vor allem Hamburg und Düsseldorf, wo sie ihre Musik in einer fremden, aber hoffnungsvollen Umgebung weiterleben ließen. Es war ein Exodus, der nicht nur die Kunstschaffenden, sondern auch die Kultur Ghanas nachhaltig veränderte

Frauen auf dem Vormarsch: Denn vorbei sind die Zeiten, in denen  afrikanische Pop­musik  reine Männersache war

Mit Highlife im Gepäck kamen ghanaische Musiker in den späten 1980er Jahren im Exil an – in einer Welt, die von Drumcomputern, Samplern und Synthesizern geprägt war. Sie öffneten sich für den pulsierenden Eurodisco-Sound, der in den Clubs und Studios Europas dominierte.

Afrikanische Rhythmen, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, trafen auf karibische Klänge und verschmolzen mit dem „kühlen“ mechanischen Sound der deutschen Industrie. Es war eine musikalische Fusion, die Grenzen überschritt und neue Klangwelten schuf – ein Dialog zwischen Tradition und Moderne, zwischen Afrika und Europa. In diesem kreativen Umfeld entstand etwas völlig Neues, das die Herzen der Menschen in beiden Welten berührte.


Neuer Klang aus Hamburg

Aus dieser musikalischen Begegnung erwuchs ein neuer Klang: ein afrodeutscher Hybrid, der als „Burger-Highlife“ bekannt wurde. Der Name trägt zwei Bedeutungen in sich – zum einen verweist er auf Hamburg, die Stadt mit der größten ghanaischen Diaspora in Deutschland, zum anderen ist „Burger“ (ausgesprochen „bor-ga“) ein ghanaischer Slangbegriff. Er beschreibt diejenigen, die ihre afrikanische Heimat hinter sich lassen, um im Ausland ihr Glück zu suchen und sozial aufzusteigen. Es ist ein Wort, das sowohl Ambition als auch Melancholie in sich birgt. 
Und so wurde „Burger-Highlife“ mehr als nur ein Genre: Es war der Sound einer Generation, die zwischen den Kulturen pendelte und in der Vermischung ihrer Traditionen mit neuen Einflüssen eine ganz eigene Stimme fand. Das war Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Als Pionier des Burger-Highlife gilt der Ghanaer George Darko. 


Ein großes Geschäft

Zurück in die Gegenwart, wo afrikanische Popmusik es längst raus aus der Nische und rein in die Masse geschafft hat. Mittlerweile gibt es beim weltweit wichtigsten Musikpreis – den Grammy Awards – auch eine eigene Kategorie „Best African Music Performance“. Vorbei sind die Zeiten der „Weltmusik“. 

Und vorbei sind auch die Zeiten, in denen afrikanische Popmusik reine Männersache war. Den Grammy in der Kategorie „Best African Music Performance“ räumte die Nigerianerin Tems für ihren Song „Love Me JeJe“ ab. Und die Nigerianerin Tiwa Savage trat bei der Krönungszeremonie von König Charles III. auf. 

Afrobeats ist ein großes Geschäft geworden. Ableger großer Musikfirmen haben in den vergangenen zehn Jahren in ganz Westafrika eröffnet, auf der Suche nach dem nächsten Burna Boy, Asake oder Tems. Doch es geht dabei nicht nur um Geld. Der Aufstieg afrikanischer Popmusik schafft auch einen neuen kulturellen Selbstwert unter Afrikanerinnen und Afrikanern. Wie es der britisch-ghanaische Autor Christian Adofo schrieb: „Als ich jung war, war es cool, schwarz zu sein, aber es war nicht cool, Afrikaner zu sein.“ Mittlerweile ist es cool Afrikaner zu sein, Afrobeats sei Dank. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 2, Mai 2025, S. 60-63

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Victor Efevberha schreibt als freier Journalist über Gesellschafts-, Kultur- und Sportthemen. 2023 war er in der Kategorie  „Musikjournalist*in des Jahres“ für den International Music Journalism Award nominiert.

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