Brief aus...

01. November 2020

Notausgang gesucht

Alles hat sich geändert, seit das neue Pekinger Gesetz für Hongkong gilt.

Kostenpflichtig

Hong Kong is com-pe-li change!“, sagt der Chef im Kameraladen in Kowloon, während er die Verschlusszeiten auf einer alten Rolleiflex prüft, um mir zu zeigen, dass die Kamera tadellos funktioniert. Der Laden und der Mann bleiben namenlos, weil die Kommunistische Partei neuerdings die Regeln in Hongkong bestimmt.

Bei Bedarf, der von der chinesischen Stasi festgestellt wird, gilt nicht mehr das Hogkonger, sondern das chinesische Gesetz. Zuerst dachte ich, er meint „company changed“ – im Sinne von: Hongkong gehört jetzt einer anderen „Firma“, seit China die Rechtsstaatlichkeit in Hongkong ausgehebelt hat. Das wäre ja auch gewissermaßen wahr. Aber nachdem der Mann seinen Ausruf ein paar Mal wiederholt hat, verstehe ich, er meint „completely changed“.

Er ist um die 70 und hat die wenigen Haarsträhnen mit Pomade ordentlich über seine Glatze geklebt. Das Geschäft ist klein, in der Ecke steht ein rosa Klapptisch aus Pressholz, darauf Zeitungspapier statt Tischdecke, an dem der Alte und seine Gattin eben gedämpften Fisch mit schwarzen Bohnen zu Abend gegessen haben, während der Sohn hinterm Tresen stand. Jetzt sind die Frau und der junge Mann weg. Ich sitze an der mit Kamerateilen übersähten Ladentheke. Wie denn das Geschäft so gehe? Kantonesen haben Schwierigkeiten mit den sogenannten Verschlusslauten, also den Konsonanten, die eine Silbe beenden. „Hot“ zum Beispiel wird zu „ho“ mit kurzem o – die Aussprache bleibt, wie sie ist, nur eben ohne t. „No goo! No goo!“ mit kurzem u. „Very ba!“
„Ich hoffe, dass sich das Geschäft bald wieder etwas erholt“, sage ich. „Das glaube ich nicht“, sagt er. Alles habe sich verändert: „Geschäft. Leben. Alles! Before, Hong Kong goo free. No now. All coming from the China!“ Der Mann hat leider recht, und sehr viele Hongkonger denken so wie er. Ihre Stadt, ihre Gesellschaft – eine ganz andere Gesellschaft als die auf dem chinesischen Festland – scheint im chinesischen Kontext keine Zukunft mehr zu haben. Es ist, als hätte Westdeutschland nur aus Westberlin bestanden, der Rest Deutschlands: sowjetisch besetzte Zone; und erst jetzt, nachdem Westberlin 70 Jahre auf eigene Rechnung wirtschaften konnte, würde auf einmal die siegreiche DDR Kreuzberg, Wedding oder Charlottenburg kassieren. So ähnlich ist die Lage in Hongkong. Wie konnte das passieren?


Der eine Grund ist, dass es wahrscheinlich so kommen musste, einfach eine Frage der Schwerkraft. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: China ist so groß wie ein ganzer Kontinent, Hongkong ist eine Stadt. Im übertragenen Sinne: 1300 Millionen Ossis, 7,5 Millionen Wessis. Wie hätte Hongkong auf längere Frist nicht in den chinesischen Planeten stürzen sollen?


Ein anderer Faktor ist wohl die Protestbewegung von 2019. Die hat die Frage zur Zukunft Hongkongs als ein ausschließlich moralisches Problem behandelt, ohne die Realität mit in ihre Überlegungen einzubeziehen. Der realistische „best case“ für Hongkong vor den Protesten hätte vermutlich darin bestanden, sich mit dem Status quo durchzuwurschteln. Zu diesem Status quo gehörten Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und eine wirklich liberale Gesellschaft, kombiniert mit einer mangelhaften parlamentarischen Repräsentation. Die Chancen, diesen Zustand über die Runden zu retten, schienen ganz passabel zu stehen. Statt aber mit dieser Ambivalenz leben zu wollen, hat man einen Konflikt mit der KP erzwungen, von dem jeder wissen musste, dass er nicht zu gewinnen ist.


Das Gegenargument ist, dass es ohnehin so gekommen wäre, auch ohne die Proteste. Als schleichender Prozess, der schon im Gange war. Auch wurde China in den letzten Jahren immer autoritärer, das musste irgendwann auch in Hongkong ankommen. Trotzdem bleibt die Frage unangenehm, ob China in Hongkong nun trotz der Proteste eingegriffen hat oder wegen der Proteste. Ob also die Demonstranten genau das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollten, befördert und beschleunigt haben.
 

Demonstrationen sind verboten, Wahlen verschoben

Seit Ende Juni, seit das neue Pekinger Gesetz für Hongkong gilt, geht es Schlag auf Schlag. Demonstrationen werden untersagt; Abiturienten auf dem Nachhauseweg verhaftet, wenn sie auf Instagram politisch nicht kommode Meinungen veröffentlichen – zur Warnung für die anderen; ein Zeitungsherausgeber, der keinen Kratzfuß machte, wurde zuhause festgenommen, während die Redaktion von zwei Hundertschaften Polizei gefilzt wurde; die Parlamentswahlen schließlich, die diesen Herbst hätten stattfinden sollen, wurden um ein Jahr oder auch auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Obendrein drohte die Obrigkeit, dass Oppositionspolitik „möglicherweise“ die „nationale Sicherheit“ gefährde und darum unter dem neuen Sicherheitsgesetz strafbar sein könnte. Wo käme man denn hin, wenn die Opposition mit ihren Stimmen im Parlament Regierungsvorhaben verhindern würde?
Es steht schlimm um Hongkong, und wer es sich leisten kann, verschafft sich einen Notausgang, etwa eine Staatsbürgerschaft in Kanada oder ein dauerhaftes Visum in Australien oder England. „Sie sind also schon seit zehn Jahren hier?“, fragt der Mann im Kameraladen, während er mir die alte Rollei sorgfältig in Luftpolsterfolie wickelt. „Ja, früher, da war das was ganz anderes“, sagt er. „Aber jetzt, jetzt denken Sie sicherlich daran, nach Europa zurückzukehren?“ Ich erkläre ihm, dass ich noch mindestens fünf, sechs Jahre bleiben werde, aus familiären Gründen. „Sie werden die Stadt nicht wiedererkennen“, sagt er. „Ich hoffe, dass Hongkong noch mal irgendwie Glück haben wird“, erwidere ich. „Das glaube ich nicht“, sagt er. „Hong Kong is com-pe-li change.


Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er lebt in Hongkong und möchte aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2020, S. 110-111

Teilen

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Mehr Zugriff? Kein Problem. Für nur 9,80 Euro pro Monat können Sie auf sämtliche Artikel der Internationalen Politik jederzeit und bequem zugreifen – Online, im Print und per App. Studierende zahlen nur 73,00 Euro im Jahr.