Brief aus...

27. Juni 2022

Leben in zwei Welten

Staatsversagen und Gewalt versus Engagement und Tatkraft: Gut und Böse liegen in Haiti ganz dicht beieinander.

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Bild: Zeichnung einer Stadtansicht von Port-au-Prince
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An jenem Morgen blickte ich dem Tod in die Augen. Kurz zuvor war ich auf dem Guy-­ Mala­ry-Flughafen in Port-au-Prince gelandet, nach einem Einsatz im Grand Sud, der durch das Erdbeben im August 2021 verwüsteten ­Region.

Ich fuhr bei Daniel hinten auf einem Motorrad mit, das sich auf der von Autos und Menschen überfüllten Route de Tabarre durch die infernalische, lärmerfüllte Stadt drängelte, bvor es in eine einsame Straße einbog. Nach ein paar scharfen Kurven und einem steilen Hügel passierte es: Der Motor blieb stehen, das Benzin war aus.


Mein Geburtsort ist in den vergangenen drei Jahren zur Kidnapping-Hauptstadt der Welt geworden. Erwachsene und Kinder, Reiche und Arme leben mit der Angst, gefangen gehalten zu werden, bis ein- oder auch zweimal Lösegeld fließt – oder bis sie umgebracht werden.


Daniel winkte einen vorbeifahrenden Motorradfahrer ­heran. Obwohl auch dieser um die Gefahr wusste, für Fremde auf einer einsamen Straße anzuhalten, überließ er uns eine Flasche Benzin. Ein Mann, der auf der anderen Straßenseite ging, kam spontan herüber und schob das Motorrad an. Er war sich der Tragweite seiner Geste der Solidarität in diesen schrecklichen Zeiten bewusst und erklärte im Flüsterton: „Wir können nicht alle böse sein.“ Zwei gutartige Männer, zwei gute Gesten auf einer einsamen Strecke. Genau darin liegt die Widersprüchlichkeit von Haiti.


Tage später erhielt ich über WhatsApp eine Nachricht. Ich hörte Schüsse und Schreie: „Nein, das kann nicht wahr sein … Wir sind nicht in Afghanistan. Dies ist nicht die ­Ukraine. Ich bin in Bon Repos, in Haiti.“ Und eine Frauenstimme: „Ich habe Angst. Die Scharfschützen sind vor meinem Haus. Die Kinder sind traumatisiert. Ich liege im Sterben.“ Auch in mir starb etwas, als ich mit anhören musste, wie diese beiden Menschen den Bandenkrieg erlitten, der genau vor ihrer Haustür stattfand. Diese Gräuel hatten sich zwei Wochen zuvor in La Plaine du Cul-de-Sac abgespielt, einem nördlichen Vorort von Port-au-Prince. Die verzweifelten Schreie beweisen die Unfähigkeit des haitianischen Staates, diese oder irgendeinen anderen seiner Bürger zu beschützen, deren Rechte jeden Tag verletzt werden.


Allein zwischen dem 24. April und dem 6. Mai dieses Jahres wurden 148 Menschen ermordet, so die Angaben der Menschenrechtsorganisation RNDDH. Manche wurden in Erdlöcher geworfen, andere enthauptet. Mädchen und Frauen erlitten Massenvergewaltigungen. Diese Gräuel­taten geschahen, weil zwei Banden Krieg um ein Gebiet an der nördlichen Stadtgrenze führen. Laut RNDDH kontrollieren Banden die Hälfte von Haitis Territorium.
 

Sehnsucht nach Demokratie

Ich lebe in zwei Welten: einer sehr guten, die unmittelbar auf eine sehr böse trifft. Ich lebe in lähmender Angst, die mir von den Behörden und ihren barbarischen Kumpanen aufgezwungen wird. Inmitten dieses Chaos sehne ich mich nach Demokratie. Das ist der Grund, warum ich im März 2021 einer zivilgesellschaftlichen Gruppe mit 13 Mitgliedern beigetreten bin, der Kommission für die Suche nach einer haitianischen Lösung der Krise. Wir haben eine breite, mit großer Legitimität ausgestattete politische Allianz von Zivilgesellschaft und Politik geschaffen, um einen Fahrplan für eine zweijährige Übergangsregierung zu entwickeln. Sie soll die Kleptokratie der PHTK-Partei ablösen, die seit zehn Jahren an der Macht ist. Das Ausmaß der Korruption, Straflosigkeit, Inkompetenz und Komplizenschaft mit kriminellen Organisationen, die zur Terrorisierung der Bevölkerung benutzt werden, ist unvorstellbar. Trotzdem wird das Regime von der internationalen Gemeinschaft unterstützt.


Der Gesellschaftsvertrag, den wir vorschlagen, zielt auf die Herstellung von Legitimität, die Neugestaltung der Demokratie und die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit. Die Übergangsregierung soll innerhalb von zwei Jahren freie Wahlen abhalten. Auf Dauer kann es in Haiti aber nur vorangehen, wenn eine rasche Entwicklung des Landes gelingt. Trotz aller Anstrengungen ist es immer wieder frustrierend. Wir leben im Belagerungszustand, aber unser Weg nach vorne zeichnet sich klar ab: Sicherheit für unsere Bürger, damit wir in einem demokratischen Staat in Würde und unter Wahrung unserer Souveränität leben können.


Bei meinen Reisen in die verschiedenen Landesteile treffe ich auf tatkräftige, starke Frauen. Sie sagen: „Pa gen leta“: Es gibt keinen Staat, keine Regierung. Aber diese Frauen verbarrikadieren sich nicht in ihren Häusern. Stattdessen bauen sie Straßen in ihren Dörfern und unterstützen Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, vor Gericht. Sie bestellen ihre Felder, sie verkaufen ihre Produkte auf dem Markt, und sie singen und tanzen, um sich selbst zu spüren – und dass es auf sie ankommt. Denn das tut es. Für mich beweisen sie damit ihre Klugheit, sie entwerfen ihre ganz eigenen Überlebensstrategien. Und es zeigt sich die außerordentliche Würde haitianischer Frauen – und Männer –, die von ihrem Leiden nicht mehr überrascht werden. Sie kämpfen schon seit Jahrhunderten. Auf ihren starken Rücken tragen sie das Land, während sie im Rückwärtsgang zum Himmel klettern.


Diese Menschen waren meine geistigen Vorbilder an jenem Morgen, als ich nach Port-au-Prince kam und das Motorrad stoppte. Und auch wenn mich der Terror im Griff hält, arbeite ich mit ihnen und anderen engagierten Bürgerinnen und Bürgern, um eine auf Menschenrechten basierende ­Demokratie zu errichten. Es ist ein nobler Kampf.
Aus dem Englischen von Bettina Vestring

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2022, S. 114-115

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Monique Clesca arbeitet als Journalistin, war für die Vereinten Nationen in Port-au-Prince tätig und ist Mitglied der Kommission für die Suche nach einer haitianischen Lösung der Krise.

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