01. Januar 2010
Buchkritik

Leben nach dem Genozid

Buchkritik

Wie kann man Kriegsverbrechen so aufarbeiten, dass eine Grundlage für nachhaltige Bewältigung und Versöhnung in der traumatisierten Post-Konflikt-Gesellschaft entsteht? Wo schlagen Fakten- und Wahrheitsfindung und Sühne eher in eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft um? Vier Neuerscheinungen suchen nach Antworten.

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Die Handbücher und Werkzeugkästen der Peace-, State- und Nation-Builder sind gut gefüllt mit Konzepten und Instrumenten, um Nachkriegsgesellschaften wieder auf die Beine zu helfen. Gescheiterte Staaten und Schreckensregime sollen stabilisiert und zu Demokratien und Rechtsstaaten transformiert werden. Ganz oben auf der To-do-Liste: Die Schaffung funktionierender Institutionen, die Reform des Sicherheitssektors, die Einführung demokratischer und rechtsstaatlicher Prozesse sowie das Ankurbeln der Wirtschaft. 

Meist erst am Ende der Agenda findet sich der Posten „Reparatur der Gesellschaft“. Wie kann man Kriegsverbrechen so aufarbeiten, dass eine Grundlage für nachhaltige Bewältigung und Versöhnung entsteht? Wo schlagen Fakten-, Wahrheitsfindung und Sühneverfahren eher in eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft um? Die Erfahrungen mit dem Bosnien-Krieg (1992–1995), dem ersten westlichen „Laborversuch“ seit Ende des Kalten Krieges, zeigen: Solche Genozid-Aufarbeitungen, für die sich der Begriff „Transitional Justice“ durchgesetzt hat, brauchen Generationen.

Dennoch: Nicht erst seit der Auseinandersetzung mit dem Holocaust wurde zur Binsenweisheit, dass Demokratieaufbau kaum eine Chance auf Nachhaltigkeit hat, wenn dem vorausgegangenen gesellschaftlichen GAU nur technokratisch abgeholfen wird. „Entsorgungsmentalität“ (Jürgen Habermas) reicht da nicht aus.

Kathartisch kann solche Friedenskonsolidierung nur wirken, wenn die Wahrheit zu Tage gefördert, Täter und Opfer identifiziert, die Verbrechen benannt und, wo geboten, rechtsstaatlich geahndet werden. Erst dann kann mit dem zweiten, noch schwierigeren Prozess der Versöhnungsarbeit begonnen werden. Bis zum heutigen Tage ist es zu wirklicher Versöhnung, wie immer man das „messen“ kann, in den Konfliktbewältigungen seit Beginn der neunziger Jahre noch nicht gekommen – selbst im häufig als Musterbeispiel angeführten Post-Apartheid-Südafrika nicht.

Die Alleingelassenen

Während des Bosnien-Krieges half er Hilfsgüter ins belagerte Sarajewo zu schaffen. Nach dem Krieg lässt es ihn nicht ruhen – er will einfach nicht zur Karawane derer gehören, die von einem Gräuelschauplatz zum nächsten ziehen, als „Peacekeeper“, als Berichterstatter. Also macht sich der polnische Journalist und Autor Wojciech Tochman noch einmal auf in die Region, besucht Orte, die schon fast zu Synonymen für das Grauen unserer Tage geworden sind. Im Bus, in der Gebeinhalle des Vermisstenlabors, am Rande von exhumierten Massengräbern, in ärmlichen, fast verlassenen Weilern trifft er Mejra, Edna, Sabira und viele ihrer Leidensschwestern. Es sind vor allem Frauen, die mit dem Erlebten und den Erinnerungen fertig werden müssen, meist allein gelassen mit dem „Leben danach“. Die Männer wurden umgebracht, und die Hilfsprogramme zur Traumabewältigung, an denen auch Deutschland sich engagiert beteiligt hat, können nicht alle erreichen – 14 Jahre nach Kriegsende sind die Mittel knapp geworden.

Tochmans meisterliche Reportage, bereits 2002 in Polen verlegt, ist jetzt endlich zumindest in einer englischen Taschenbuchversion erschienen. Mit nur wenigen Strichen gelingt es ihm, Gesprächssituationen zu skizzieren, die den Leser in den Bann ziehen. Die Frauen, häufig auch noch Opfer systematischer Vergewaltigungen, lassen die Schrecken von Omarska, Srebrenica, Goražde und Potocari wieder aufleben, minimalistisch, aber umso wirkungsvoller. Tochman fügt nicht viel hinzu, beobachtet, wertet aber nicht.

Auch die Täter quält das „Leben danach“. Tochman besucht Serben in Prijedor, in Ost-Sarajewo, in Sokolac in der Srpska. Sie wollen nicht fotografiert werden, auf keinem Bildschirm erscheinen. Sie reden nicht viel, überlassen das ihren Frauen. Überlebende könnten sie wieder erkennen; die Witwen könnten sie anklagen. Wie Sieger wirken sie nicht.

Was wirklich passiert ist

Nach Ende der Auflösungskriege im ehemaligen Jugoslawien 1991–1995 und 1998/99 gab es in Bosnien und Herzegowina als Folge der Gewalt etwa 30 000, in Kroatien und im Kosovo jeweils rund 5000 „Vermisste“. Beim weit überwiegenden Teil von ihnen handelte es sich um männliche Zivilisten, hauptsächlich um Muslime. Die Hinterbliebenen stürzte das in einen Jahre dauernden, quälenden Prozess zwischen Hoffen und Bangen. Vermisste sind „Untote“ – ihr ungewisses Schicksal lässt den Krieg für die Angehörigen fortdauern. „Wenn Rechtsfindung das nach außen gerichtete Instrument ist, die dunklen Seiten der Vergangenheit aufzuarbeiten, ist das Trauern das innere Komplementärstück dazu“, schreibt David McDonald in „Confronting the Yugoslav Controversies“ (2009).

Als besonders perfide Erfindung gelten dabei Srebrenicas „sekundäre Massengräber“. Mit schwerem Gerät gruben serbische Kommandos Mordopfer wieder aus und verbrachten sie, nunmehr zerstückelt und versprengt, an einen neuen Ort, der anschließend planiert wurde. Es ging um Vertuschung, aber auch um vollständige Zerstörung menschlicher Identität.

Wer jemals an der Exhumierung solcher Gräber oder an der Skelettrekonstruktion teilgenommen, wer in die gramverzerrten, aber immer noch hoffenden Gesichter überlebender Angehöriger solcher Massenmorde geblickt hat, weiß um den nicht zu überschätzenden Traumabewältigungsbeitrag der International Commission on Missing Persons (ICMP). Mithilfe von DNA-gestützten Verfahren ist es der vor allem in Sarajewo und Tuzla beheimateten ICMP seit 2001 gelungen, das Schicksal von rund 20 000 Kriegsvermissten in Bosnien-Herzegowina aufzuklären – ein in der jüngeren Kriegsaufarbeitungsgeschichte einmaliger Erfolg. Darunter hat ICMP bereits 78 Prozent der 8100 Mordopfer des Sonderfalls Srebrenica (Podrinje Identification Project/PIP) identifizieren können. Rund 10 000 Fälle Verschollener in Bosnien harren noch der Bearbeitung.

Ende vergangenen Jahres hat die an der University of North Carolina lehrende Anthropologin und Ethnographin Sarah E. Wagner mit „To Know Where He Lies“ erstmals eine umfassende Studie hierzu vorgelegt. Primär am bosnischen Beispiel setzt sich Wagner Schritt für Schritt mit dem Prozess des Suchens, Exhumierens und Identifizierens der sterblichen Überreste der Opfer von Kriegen auseinander. Wagner tut dies schonungslos für den Leser, aber stets einfühlsam gegenüber Opfern und Hinterbliebenen.

Dies ist ganz und gar kein technisches Buch. Kein Buch, das sich mit einem Nebenaspekt der Genozid-Aufarbeitung beschäftigt. Vielmehr geht Wagner der zentralen Frage nach, „warum Menschen so entschlossen nach den sterblichen Überresten ihrer Liebsten suchen und was dieser Prozess für sie bedeutet“.

„To Know Where He Lies“ beschreibt die einzelnen Identifizierungsschritte bis hin zur Erreichung der „Gewissheitsmarke“ von 99,95 Prozent, dass die gefundenen Gebeine einem Verschollenen klar zuzuordnen sind. Erst dann erfolgt die Freigabe der Überreste an die Familie zur Bestattung. Das komplette Verfahren einer Identifizierung kostet etwa 2000 Euro – die Bundesregierung gehört mit über drei Millionen Euro Beteiligung zu den größten Gebern. Wagner belässt es aber nicht bei der forensischen Genozid-Aufarbeitung. Am Beispiel der zentralen Gedenkstätte und der alljährlichen zentralen Gedenkveranstaltungen (11. Juli) in Potocari untersucht sie auch die Trost spendende Funktion kollektiver Erinnerungsrituale: Die Opferangehörigen brauchen feste Orte, Gewissheit über die Todesumstände und „reale“ Tote, um trauern zu können.

Wagenburg der Weißen

„Geste versetzt Südafrika in Aufruhr“ berichtete die New York Times in ihrer Ausgabe vom 18.11.2009. Was war passiert? Der erste schwarze Rektor der Universität des Oranje Freistaats (UFS) in Bloemfontein, einer Hochburg der weißen Südafrikaner, hatte im Verlauf seiner Antrittsrede im Oktober vier weiße Studenten „begnadigt“. Diese hatten einige schwarze Campus-Arbeiter rassistisch beleidigt und erniedrigt. Unter den schwarzen Südafrikanern, zumal in der Regierungspartei ANC, brach eine Welle der Empörung los. Sie beharrten auf unnachgiebiger Bestrafung der „Söhne des blutigen, menschenverachtenden Apartheid-Regimes“, das bis zur Wahl Mandelas 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten geherrscht hatte. Der Rektor der UFS, Jonathan D. Jansen, hat jetzt mit „Knowledge in the Blood“ ein in vieler Hinsicht ungewöhnliches und für den Diskurs über die Aufarbeitung von Verbrechen gegen die Menschheit inspirierendes Buch vorgelegt. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als erster schwarzer Dean der pädagogischen Fakultät der Universität Pretoria von 2001 bis 2007 entwickelt Jansen einen Ansatz zur Transformation von Gesellschaften, die durch Gewalt, Rassismus und Versöhnungsstau bestimmt sind.

Dass die Post-Apartheid-Gesellschaft bis heute einigermaßen zusammengefunden hat, wurde anfangs neben dem Charisma Mandelas auch der Truth and Reconciliation Commission (TRC/1996–1998) zugeschrieben. Die TRC wird immer wieder als Muster für Wahrheitsfindungsprozesse nach Massen- und Völkermorden herangezogen. 15 Jahre nach Ende der Apartheid herrscht allerdings in Wissenschaft und Politik eine eher kritische Einschätzung vor, die sich insbesondere auf die weitgehend ausgebliebene Versöhnungsleistung des TRC-Konzepts bezieht.

Da hakt Jansen ein, indem er sich der weißen Tätergeneration und der jetzt studierenden „Verlierer“-Generation ihrer Kinder zuwendet. Seine Jahre als Dean an der Universität Pretoria, früher Kaderschmiede der Apartheid-Führungsschicht, haben ihm gezeigt, dass die Post-Apartheid-Generation der Afrikaaner aus den Elternhäusern nahezu unvermindert rassistische Ansichten und Wertmuster der Tätergeneration mitbringt. Die bis dahin kaum transformierten Erziehungsinstitutionen des Apartheid-Regimes wiederum verstärken tradierte rassistische und undemokratische Vorurteile und Verhaltensweisen. Damit bleiben viele junge Afrikaaner unwillig und unfähig zur gesellschaftlichen Integration und Versöhnung. Sie verharren traumatisiert und veränderungsunwillig in der Wagenburg weißen Überlegenheitsgefühls.

Es ist ermutigend und instruktiv, Jansen bei der Entwicklung seines politisch-pädagogischen Konzepts zu folgen. Er will den Stier bei den Hörnern packen: Durchbrechung demokratie- und menschenrechtsfeindlicher Einstellungen und tradierten Wissens. Hier sieht er den Schlüssel, mittel- und langfristig Wertmuster so zu verändern, dass auch die Afrikaaner ihr Zurücksetzungsgefühl überwinden und einen Platz in der südafrikanischen Gesellschaft finden. „Post-Konflikt-Pädagogik“ nennt Jansen dieses Nation-Building- und Präventionskonzept. Wird es tragen?

Schuld und Sühne

Gerichtsverfahren sind der wohl bekannteste Teil der Aufarbeitung und Bewältigung von Menschenrechtsverbrechen und Genoziden. Nationale und internationale Strafverfahren sollen nicht nur Fakten klären und Schuld feststellen. Sie sollen auch „hypnotische Lähmung lösen helfen“ (Habermas 1987) – und, selbst wenn es meist bei der Hoffnung bleibt, über Abschreckung präventiv wirken. Das Ende der Straflosigkeit für politische Massenmorde ist eingeläutet. Wo aber und wie wird man den Tätern und Opfern am besten gerecht? Vor Gerichten im Land selbst? Oder vor internationalen Tribunalen?

Adam M. Smith, Washingtoner Jurist und Consultant, entscheidet sich in „After Genocide. Bringing the Devil to Justice“ eindeutig für lokale Strafverfahren. In seiner kontroversen, provokanten Streitschrift schießt er massive Breitseiten auf die seit 1993 eingerichteten Ad-hoc-Tribunale und den Internationalen Strafgerichtshof (ICC).

Ergebnis seiner Untersuchungen vor Ort: Internationale Gerichtshöfe, besetzt allein mit internationalen Juristen, können durch räumliche Distanz (etwa Den Haag/Arusha) und „Kulturferne“ ihrer Richter Tatumstände und ihren gesellschaftlichen Rahmen meist nicht adäquat erfassen. Heraus komme „paternalistische Justiz“ zu weit überhöhten Kosten („Haguemania“).

Smiths zentrale These lautet, dass Gerichte in den Gesellschaften, in denen das Morden stattgefunden hat, Tatumständen, Tätern und Opfern eher gerecht werden können. Das eröffne nicht zuletzt bessere Chancen auch für Transformations-, Versöhnungs- und Abschreckungswirkungen in der postgenozidalen Gesellschaft. Smith hat dabei primär rein lokale Gerichte, aber auch Beispiele aus nationalen und internationalen Juristen zusammengesetzter Hybrid-Tribunale (etwa das kambodschanische Kriegsverbrechertribunal für Straftaten der Roten Khmer) vor Augen.

Smith favorisiert zudem nichtprozessuale Instrumente wie Lustration, Wahrheits- und Versöhnungskommissionen sowie traditionelle Verfahren versöhnungsorientierter Verbrechensbewältigung, ohne aber Beispiele wie etwa die ruandischen Gacaca-Tribunale zu diskutieren. Wirklich überzeugend sind seine Beispiele nicht immer; das gilt auch für seinen ultimativen Vorwurf, internationale Strafjustiz könne gar „destabilisierende Folgen“ haben.

Wie vorauszusehen, hat „After Genocide“ bei den Tribunalen wie etablierten Befürwortern einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Smith sei ein „völkerstrafrechtlicher Romantiker“. Sind politisch so sensible und zugleich explosive Strafverfahren überhaupt vorstellbar in fortdauernd von Konflikt, Misstrauen und Hass geprägten Gesellschaften? Können solche Verfahren unabhängig sein? Kann man jemandem wie Charles Taylor oder Radovan Karadzic im eigenen Land einen unabhängigen Prozess machen? Was bedeutet das für die Opfer und Zeugen? „After Genocide“ zwingt, überkommene Ansichten über die Arbeit der etablierten Tribunale zu überprüfen. Eine gewisse „Kulturfremde“ beklagen auch viele Zeugen, die sich die „Gerechtigkeitssuche“ als rascher und weniger kompliziert vorgestellt hatten. Richtschnur bleiben aber das Völkerstrafrecht und die Kooperation der Völkergemeinschaft. Der internationalen Strafgerichtsbarkeit letztlich „Justiz-imperialismus“ zu unterstellen, zumal ohne eindeutige Belege, trifft aber ganz und gar nicht das Selbstverständnis der Gerichte und ihre Peace- und State-Building unterstützende Arbeit.

Wojciech Tochman: Like Eating A Stone. Surviving the Past 
in Bosnia. London: Portobello Books 2009, 112 Seiten, 7,99 £

Sarah E. Wagner: 
To Know Where He Lies. DNA Techno-logy and the Search for Srebrenica’s 
Missing. Berkeley: University of California Press 2008, 352 Seiten, 55 $

Jonathan D. 
Jansen: 
Knowledge in the Blood. Confronting Race and the 
Apartheid Past. 
Palo Alto: Stanford University Press 2009, 360 Seiten, 21,95 $

Adam M. Smith: After Genocide: Bringing the 
Devil to Justice.Amherst: Prome-theus Books 2009, 375 Seiten, 27,95 $

MICHAEL SCHMUNK arbeitet im Auswärtigen Amt, Berlin. Von 2006 bis 2008 war er Botschafter in Sarajewo.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2011, S. 126 - 131

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