IP

12. Mai 2005

»Könnten wir so dumm sein?«

Javier Solana im Gespräch mit der IP

Der designierte EU-Außenminister über EU-Referenden, das EU-Waffenembargo gegen China, den Nahen Osten, den Balkan, die Russen und die Amerikaner

IP: Herr Solana, haben Sie Angst vor dem 29. Mai?

Solana: Angst wäre zuviel gesagt. Ich bin besorgt. Und ich hoffe, dass das französische Referendum am 29. Mai positiv ausgeht. Ich hoffe vor allem, dass die französischen Bürger verstehen, wie wichtig diese Verfassung für Europa und für Frankreich ist. Man kann sich Europa nur schwer vorstellen ohne ein Frankreich, das sich für die Europäische Union stark macht. Etwas irritiert mich an der ganzen Diskussion in Frankreich: Wie jeder weiß, ist die EU-Verfassung weitgehend eine Zusammenfassung von früheren Verträgen, die einstimmig beschlossen worden sind und ohne das französische Engagement nicht möglich gewesen wären. Neu in der Verfassung ist vor allem die stärkere Zuständigkeit der EU für Außen- und Sicherheitspolitik – also genau das, was vor allem den Franzosen immer am Herzen lag! Ich denke, da läuft etwas falsch. Ein britischer Politiker hat einmal gesagt: Das Risiko mit Referenden ist, dass die Leute nicht auf die Fragen antworten, die gestellt werden, sondern auf Stimmungen, die gerade aktuell sind. Da wird dann vieles vermischt, da spielen innenpolitische Themen eine Rolle oder auch der Ärger über tagespolitische Fragen. Wenn die Bürger die Ideen beurteilen würden, die in der Verfassung stehen, dann würde das anders aussehen. Leider muss man befürchten, dass diese Fragen nicht das Gewicht haben, das ihnen zukommt.

IP: Lassen Sie uns den schlimmsten Fall annehmen: Was würde passieren, wenn die Franzosen Nein zur EU-Verfassung sagen?

Solana: Ich denke, wir sollten das nicht als das Ende der Welt ansehen. Die Europäische Union hatte schon öfter Schwierigkeiten mit Referenden in einigen Mitgliedstaaten. Wir haben immer Lösungen gefunden, die den Fragestellungen der Referenden gerecht wurden. Ob uns das diesmal auch gelingen wird, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wäre es für mich, den überzeugten Europäer Javier Solana, persönlich sehr schwer zu verstehen, wenn die Bürger Frankreichs diese EU-Verfassung – die doch so französisch ist! – ablehnen würden. Besonders widersprüchlich finde ich, dass viele gegen die Verfassung sind, weil sie ihnen nicht weit genug geht …

IP: Sie meinen die französische Linke?

Solana: Diese Leute übersehen, dass die vorliegende Verfassung so weit geht, wie es eben möglich ist. Mehr ist derzeit in der EU nicht vorstellbar, und sie deshalb abzulehnen, wäre seltsam. Frühere Verträge wie der Maastrichter Vertrag kamen durch den starken französischen Einfluss  zustande. Die wirkliche Kampagne für Maastricht führte damals François Mitterrand, und wenn ich nicht irre, war er ein Sozialist. Und die Basis, um die es jetzt geht, ist Maastricht Plus und nicht Maastricht Minus!

IP: Wenn die Verfassung scheitert, wird es dann trotzdem ein europäisches Außenministerium geben, wie darin vorgesehen, und einen europäischen Außenminister namens Javier Solana?

Solana: Ich habe noch nicht mit unseren Juristen gesprochen, welche Konsequenzen ein Nein zur Verfassung haben würde. Deshalb möchte ich diese Frage nicht beantworten.

IP: Sie sind schon jetzt ein einflussreicher Außenpolitiker. Europa hat mit Ihnen – in Anspielung auf das berühmte Zitat von Henry Kissinger – eine Telefonnummer bekommen, die Amerika anrufen kann, wenn es Europas Meinung hören will. Wäre mit einer Ablehnung der Verfassung alles, was bisher an gemeinsamer EU-Außenpolitik erreicht wurde, gefährdet?

Solana: Das glaube ich nicht. Was bisher erreicht wurde, haben wir ohne die Verfassung geschafft. Auf diesem Niveau werden wir sicher weiterarbeiten können. Denn ich wüsste nicht, wer ein Interesse daran haben sollte, dass wir zurückfallen auf den Stand, auf dem wir vorher arbeiten mussten. Natürlich wäre ein europäischer Außenminister ein weiterer Schritt voran. Ich kann aber auch in meiner jetzigen Position handeln. Ein Scheitern der Verfassung würde daran nichts ändern.

IP: In der derzeitigen Diskussion in Frankreich fällt aber auf, dass es teilweise durchaus um europäische Fragen geht: Viele Menschen sind unzufrieden mit der Osterweiterung, etliche lehnen die geplanten Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ab. Misstrauen Europas Bürger vielleicht generell der Richtung, welche die EU eingeschlagen hat?

Solana: Zum Thema Osterweiterung und Verfassung meine ich Folgendes: Niemand hat uns gezwungen, diesen Vertrag als Verfassung zu bezeichnen. Wir hätten ihn auch „Römische Verträge Teil 2“ nennen können. Das haben wir nicht getan, weil wir dem Ganzen mehr Bedeutung geben wollten als dem Amsterdamer oder dem Maastrichter Vertrag. Die Erweiterung um die zehn Länder Mittel- und Osteuropas war gewissermaßen fast eine Neugründung der Union. Bei vorhergehenden Erweiterungen waren immer Länder aufgenommen worden, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf derselben Seite gestanden hatten. Mit der Aufnahme der Zehn dagegen kam es zu einer Wiedervereinigung Europas. Es war politisch, aber auch historisch und kulturell eine elegante Lösung, diesen Vertrag auf eine andere Ebene zu heben. Geschichtlich gesehen hatte es eine ganz andere Dimension, als wir Polen und Ungarn aufgenommen haben als, sagen wir, Schweden und Österreich. Die Aufnahme der zehn mittel- und osteuropäischen Staaten war der Abschluss eines sehr langen Prozesses.

IP: Wie schwierig ist es, allein angesichts der Verschiedenheit der 25 Mitgliedstaaten, mit so vielen Akteuren eine gemeinsame EU-Außenpolitik zu machen?

Solana: Es ist in verschiedener Hinsicht ganz anders als vorher. Diese Länder sind viele Jahre lang Beitrittskandidaten gewesen. Vom Beginn ihrer Kandidatur an haben sie die entscheidenden Texte mit unterschrieben. Bei allen wichtigen Entscheidungen in der Außenpolitik waren die Beitrittskandidaten dabei. Jetzt sind sie Mitglieder, und wenn ich Ihnen sage, dass wir heute in der EU mehr Länder haben, die sich für die Ostsee-Region interessieren, dann ist das trivial, aber logisch, denn wir haben jetzt mehr Mitglieder in dieser Region. Und dieses neue Interesse ist gut, denn es ist gut, wenn sich Spanien und Portugal mit der Situation im Baltikum beschäftigen, ebenso wie es gut ist, wenn sich die Länder rund um die Ostsee mit der Situation der Mittelmeer-Anrainer befassen. Das ist doch Europa! Einige der neuen Länder sind geprägt von einer etwas anderen Kultur, und das hat mit der Geschichte zu tun: Sie waren viele Jahre Mitglieder im Warschauer Pakt. Und das hat etwa Auswirkungen auf ihre Sichtweise Russlands. Doch im Alltäglichen hat sich an unserer Arbeit wenig geändert.

IP: Und wenn die 25 sich uneinig sind – bestimmen Sie dann die Richtung?

Solana: Nein. Natürlich muss ich manchmal ein Konzert dirigieren, dessen Partitur von anderen geschrieben wurde. Genauso gibt es Fälle, in denen ich die Partitur schreibe und die anderen dafür sorgen müssen, dass die Musik nach meiner Partitur gespielt wird. Das sind die zwei Extreme, zwischen denen ich mich bewege.

IP: Allerdings scheinen die „großen Drei“ – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – zunehmend eine Sonderrolle zu beanspruchen: Frankreich und Deutschland haben innenpolitische Probleme und üben daher massiven Druck auf die EU aus, damit dort Entscheidungen in ihrem Sinne gefällt werden, jüngst etwa beim Stabilitätspakt, der Dienstleistungsdirektive oder der geplanten Staatshilfenreform.

Solana: Es kommt selten vor, dass eines unserer Mitgliedsländer keine Probleme im eigenen Land hat. In einer perfekten Situation würde man sich darauf einigen, die Wahlen in allen EU-Ländern am gleichen Tag abzuhalten, sodass man fünf Jahre lang mit den gleichen Staats- und Regierungschefs arbeiten kann. Wir sind aber nicht ein Land, wir sind eine Gruppe von Ländern. Mir erscheint der Vergleich der EU mit einem Molekül nahe liegend: Die Schönheit des Moleküls liegt doch darin, dass man die Atome ganz deutlich erkennen kann. Zugleich teilen sich die Atome die Elektronen, und das macht sie aktiver. Betrachten Sie die EU als Molekül: Der Sauerstoff, das könnte Italien sein, der Kohlenwasserstoff Großbritannien – alles lässt sich deutlich unterscheiden, ist aber gleichzeitig Teil einer sich austauschenden Gemeinschaft. Das gibt uns Kraft. Den Einfluss, den die Europäische Union in der Welt hat, im Handel, in der Außenpolitik, den könnten wir nicht erreichen, wenn wir uns nur Atom für Atom zusammentäten.

IP: Und die immer energischer durchgesetzten Partikularinteressen der Großen belasten die Gemeinschaft nicht?

Solana: Diese Union, dieser schöne Entwurf, den wir über die Jahre aufgebaut und verbessert haben, ist ein Vorbild für die gesamte Welt. Wenn wir wirklich so dumm wären, sie zu zerstören, dann würden wir Verantwortungsträger völlig unverantwortlich handeln. Die Europäische Union ist ein gutes Beispiel für eine Politik des Multilateralismus.

IP: In Deutschland wird heftig diskutiert, ob die EU ihr 1989 nach dem Tiananmen-Massaker verhängtes Waffen-embargo gegenüber China aufheben soll. Sogar die Bundesregierung scheint darüber geteilter Meinung zu sein. Wie geht die EU mit dem Thema um?

Solana: Es gibt zu diesem Thema noch keine endgültige Position. Unsere Grundidee ist, dass wir normale Beziehungen zu einer neuen Generation von Verantwortlichen in China unterhalten wollen, die nichts mehr mit den Ereignissen von 1989 zu tun haben. Das Waffenembargo war als Folge dieser Ereignisse beschlossen worden. Seitdem hat sich China selbst und auch unsere Beziehung zu China wesentlich gewandelt. China ist nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht ein wichtiger Partner geworden. Im Übrigen ist es nicht die Absicht der EU, nach einer etwaigen Aufhebung des Embargos mehr Waffen nach China zu exportieren. Deshalb haben wir uns darauf geeinigt, dass wir einen strikteren Rahmen festlegen für Waffenexporte generell, mit besonderen Regeln für Länder, gegen die zuvor ein Embargo verhängt war.

IP: Soll dieser Verhaltenskodex nur für Exporte nach China gelten?

Solana: Es werden allgemeine Verhaltensregeln für Waffenexporte aus der EU sein, mit speziellen Übergangsregeln für diejenigen Länder, die nicht länger einem Embargo unterliegen.

IP: Zwei Entwicklungen haben die Embargodiskussion jetzt angeheizt: das chinesische Antiabspaltungsgesetz mit seiner Gewaltandrohung gegenüber Taiwan, und die Empörung in den Vereinigten Staaten über die europäischen China-Pläne.

Solana: Wie die USA reagieren würden, wussten wir, Senat und Kongress hatten ja bereits ihre Opposition gegen die Aufhebung des China-Waffenembargos angekündigt. Neu ist der andere Punkt, das chinesische Antiabspaltungsgesetz. Wir stehen fest zu der Ein-China-Politik, und wir haben immer wieder betont, dass alle Probleme zwischen China und Taiwan friedlich gelöst werden müssen. Das Antiabspaltungsgesetz hat zwar positive Elemente, weckt aber auch Bedenken, insoweit es die Tür zu einer Anwendung von Gewalt öffnet. Das hat die Lage komplizierter gemacht.

IP: Der Protest der Amerikaner beunruhigt Sie nicht?

Solana: Mit den Amerikanern haben wir Probleme, die wir lösen können. Wir müssen zum Beispiel dringend einen strategischen Dialog mit den USA beginnen über die Pazifik-Region, denn was das Thema Sicherheit angeht, stehen wir dieser Region bei Weitem nicht so nahe wie die USA. Washington hat eine Übereinkunft mit Japan und mit Taiwan, die USA haben in der Region Truppen stationiert – wir nicht. Wir nehmen zwar am einzigen Sicherheitsforum der Region teil, dem ASEAN Regional Forum, aber weiter involviert sind wir dort bisher noch nicht.

IP: Hat dieser strategische Dialog mit Washington schon begonnen?

Solana: Nein, aber wir stehen kurz davor.

IP: Stimmt es eigentlich, dass Sie ein Rotes Telefon mit direktem Draht zur amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice haben ?

Solana: Ja, und dieses Telefon wird gleich klingeln. Wir telefonieren fast jeden Tag so gegen 19 Uhr 30. Also, ich bin zuversichtlich, dass wir bei unseren Problemen mit den USA eine Lösung finden werden. Aber ich bin nicht naiv, ich weiß auch, dass es nicht einfach werden wird.

(Das Telefon klingelt tatsächlich. Das Interview wird unterbrochen und eine Viertelstunde später fortgesetzt.)

IP: Der Aufhebung des EU-Waffenembargos gegen China müssen alle 25 EU-Mitgliedsländer zustimmen. Werden sie das tun?

Solana: Wir arbeiten weiter auf eine Aufhebung hin, aber eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Und alle 25 müssen zustimmen, weil die Sanktion damals auch von allen Regierungen beschlossen worden war.

IP: Ein anderer transatlantischer Streitpunkt war bisher der Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Ist die Kooperation auf diesem Gebiet jetzt besser?

Solana: Ja. Das so genannte „Quartett“ arbeitet viel besser, die USA engagieren sich viel intensiver als bisher. Wir sind uns einig bei den grundsätzlichen Elementen: Wir unterstützen den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, wir sorgen dafür, dass seine Regierung arbeiten kann, wir helfen ihm dabei, dass die Autononomiebehörde auch wirklich Sicherheit gewährleisten kann, wir finanzieren den Wiederaufbau und Ausbau von Strukturen in den palästinensischen Gebieten, wir unterstützen den Gaza-Abzugsplan, so dass er zum Rahmen der Road Map passt und wir mit der Road Map wirklich beginnen können. Das wird uns schätzungsweise bis Oktober beschäftigen, und danach wird es wohl richtig losgehen. Gerade hat Präsident Bush beim Treffen mit Premier Ariel Scharon auf seiner Ranch in Texas zum ersten Mal eindeutig „Nein“ gesagt zu Israels Siedlungsplänen im Osten Jerusalems. Das ist einer der entscheidenden Punkte. Beim ersten Treffen des „Quartetts“ in diesem Jahr haben wir klar gesagt: Keine Entscheidung bitte, die den Endstatus in irgendeiner Form vorwegnimmt – und diese Siedlungspläne hätten den Status von Jerusalem festgelegt. Condoleezza Rice versprach mir damals, es sei den USA Ernst – und jetzt haben sie wirklich Ernst gemacht.

IP: Also verlaufen die transatlantischen Gespräche jetzt besser als früher?

Solana: Ja, unbedingt.

IP: Ein anderes Konfliktthema war der Umgang mit den Nuklearambitionen des Iran.

Solana: Wir wollen gemeinsam verhindern, dass noch mehr Atomwaffen in eine Region kommen, die sehr instabil ist. Deshalb halten wir es für richtig, in Verhandlungen zu treten mit dem betreffenden Land, mit Iran. Wir sehen keine andere Möglichkeit als Gespräche. Der Iran ist kein kleines Land, er ist eine wichtige Regionalmacht. Wir müssen uns fragen, warum der Iran Atomenergie haben will, wenn er doch ein Drittel der Weltgasreserven besitzt. Wir versuchen, in den Gesprächen auf das einzugehen, was wir für Irans mögliche Probleme halten. Dabei bieten wir vor allem drei Dinge an: Hilfe bei der Nuklearenergiegewinnung, Gespräche über Wirtschafts- und Handelsfragen, und wir versuchen, mit dem Iran einen politischen Dialog zu führen. Mit diesen drei Faktoren arbeiten wir, und es wäre natürlich viel besser, wenn uns die Amerikaner in allen drei Punkten unterstützten. Die USA unterhalten aber seit über 20 Jahren keine Beziehungen mehr zum Iran. Für sie ist der Iran ein sehr fremdes Land.

IP: Jetzt hat Washington angekündigt, den EU-Ansatz zu unterstützen.

Solana: Was wir bei den Amerikanern erreicht haben nach einigen interessanten Verhandlungen war, dass sie die Aufnahme des Iran in die WTO unterstützen, falls die Nukleargespräche mit Iran erfolgreich verlaufen. Bislang haben die USA eine Aufnahme des Iran in die WTO immer abgelehnt. Die USA haben auch zugestimmt, dass der Iran Ersatzteile für seine Flotte von Zivilflugzeugen in den USA und Europa kaufen darf. Das war bisher wegen des Embargos nicht möglich. Symbolisch war es sehr wichtig, dass die USA dazu Ja gesagt haben. Wie Sie sich vorstellen können, war es alles andere als einfach, das zu erreichen. Wir haben einen Weg eingeschlagen, der uns ermöglicht, ein sehr kompliziertes Problem zu lösen, und die Amerikaner haben inzwischen erkannt, dass es sich lohnt, uns dabei zu unterstützen. Wenn wir allerdings keine Lösung mit dem Iran finden, dann werden sie die Sache vor den UN-Sicherheitsrat bringen.

IP: Werden diese Fortschritte in der transatlantischen Zusammenarbeit auch Auswirkungen auf die Demokratisierungsbemühungen im Nahen Osten haben?

Solana: Die Entwicklung im Nahen Osten ist insgesamt gut, aber es gibt noch viel zu tun. Der Irak bleibt sehr schwierig, auch wenn es Wahlen gegeben und sich inzwischen dort eine Regierung gebildet hat. In Afghanistan sieht es besser aus. Aber der Drogenanbau und viele andere Dinge bleiben Probleme, die wir lösen müssen. Wir müssen weiterhin Druck machen. Wenn möglich, zusammen mit den USA.

IP: Die Erfahrung lehrt, dass die EU in Sachen „regime change“ am meisten erreicht, wenn sie den Beitritt anbietet. Wäre es denkbar, sogar Israel und einigen arabischen Staaten eines Tages die EU-Mitgliedschaft anzubieten?

Solana: So weit wird die Europäische Union nicht gehen. Allein räumlich ist das zu weit weg. Das ergibt keinen Sinn. Wenn wir eine funktionierende Union wollen, können wir sie nicht in eine Art OECD oder in die Vereinten Nationen verwandeln. Es stimmt, die Anziehungskraft der Europäischen Union ist sehr stark: Für den Balkan, auch für andere Nachbarn. Aber ich halte es für falsch, über diese Grenzen hinaus zu gehen – jedenfalls für absehbare Zeit.

IP: Das schließt vorerst auch die Mitgliedschaft der Ukraine aus?

Solana: Die Balkan-Länder haben ja teilweise schon das Beitrittsangebot der EU bekommen, die Ukraine noch nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob die Ukraine jemals aufgefordert wird, der EU beizutreten. Aber weitere Länder über die unmittelbaren Nachbarn hinaus – das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

IP: Was hat Sie veranlasst, in der Staatskrise der Ukraine im vergangenen Dezember zu den Gesprächen am Runden Tisch nach Kiew zu fliegen? Einen formellen EU-Auftrag dazu hatten Sie ja wohl nicht?

Solana: Es war einmal meine Intui-tion, die mich nach Kiew führte, zweitens meine Erfahrung, und drittens wollten viele EU-Länder, auch wenn sie mir keinen formalen Auftrag gaben, dass jemand nach Kiew reiste. Der beste Jemand, meinten sie, sei ich. Wir machten etwas sehr Intelligentes, indem wir zu Dritt gingen, der polnische und der litauische Präsident und ich. Das war sehr wichtig, nicht nur, weil wir die Probleme lösen konnten, sondern weil wir auf diese Weise den Polen und den Litauern zeigten, dass wir uns nicht nur für die Mittelmeer-Anrainer interessieren, sondern alle Probleme Ernst nehmen, welche die Europäische Union betreffen. Sie haben es nicht geglaubt, bis sie es selbst gesehen haben. Denn sie meinten, unsere Hauptinteressen seien der Friedensprozess im Nahen Osten und die Lissabon-Strategie. In Kiew haben sie erfahren, dass die EU, wenn sie Probleme haben, wo immer diese auch liegen, alle ihre Ressourcen mobilisiert, um sie zu lösen.

IP: Und wie haben Sie es geschafft, den Ukrainern zu helfen, ohne gleichzeitig die Russen zu verärgern?

Solana: Nun ja, ich habe die Russen verärgert. Ich war kürzlich drei Stunden lang allein mit Wladimir Putin. Es gefiel ihm nicht, dass wir uns nicht über Moldawien einigen konnten, es gefiel ihm nicht, dass ich mich so in der Ukraine engagierte. Aber wir haben ein gutes persönliches Verhältnis. Ich kann mit ihm sehr offen reden, er ist ein sehr pragmatischer Mensch, er ist knallhart, aber korrekt und logisch. Wir, die EU und Russland, bewegen uns in unserer Beziehung langsam voran. Russland ist ein kompliziertes Land, aber es ist sehr wichtig für uns. Und wir dürfen keine Chance vergeben, gute Beziehungen mit Russland aufrechtzuerhalten.

IP: Kommen wir auf unserer Rundreise durch die Krisenregionen zum Balkan: Wann wird es einen endgültigen Status für das Kosovo geben?

Solana: Wir haben soeben Serbien und Montenegro die Perspektive für Assoziierungsverhandlungen eröffnet, der erste Schritt in Richtung EU-Mitgliedschaft. Belgrad hat in den letzten Wochen 14 mutmaßliche Kriegsverbrecher nach Den Haag ausgeliefert. Ich selbst war direkt involviert bei der Überwindung der Krise des Parlaments der Staatsunion. Die Stimmung in Belgrad verändert sich, langsam kommt Bewegung in die Sache. Dies gilt auch für das Kosovo. Der Dialog zwischen Belgrad und Pristina wurde wieder aufgenommen. Die Kosovo-Serben machen Anstalten, sich wieder in den politischen Prozess in Pristina einzuschalten. Es gibt Fortschritte bei der Umsetzung multiethnischer Standards im Kosovo. Sofern die Überprüfung der Verwirklichung der Standards im Sommer des Jahres positiv ausfällt, können wir mit den Verhandlungen über den endgültigen Status des Kosovo beginnen. Ich bin nicht euphorisch, denn es wird sehr schwer werden. In der Frage der Unabhängigkeit stehen sich nach wie vor die gegensätzlichen Standards gegenüber. Fragen der Grenzänderungen und der Gründung neuer Länder sind überaus heikel und erfordern ein sorgfältiges Vorgehen. Man muss auch die regionalen und internationalen Auswirkungen im Auge behalten.

IP: Könnte die Kosovo-Lösung ein Modell für Russlands Umgang mit Tschetschenien werden?

Solana: Was aus Tschetschenien wird, kann ich in der derzeitigen Situation kaum sagen. Ich weiß es einfach nicht. Noch mal zurück zum Kosovo: Wir wirken manchmal ziemlich unbeholfen. Aber die EU organisiert die Dinge sehr viel intelligenter, als es von außen aussieht. Das betrifft auch die Einbeziehung der Russen über die Kontaktgruppe in die Kosovo-Gespräche. Wir sind nicht unbeholfen. Wir machen einfach das Beste aus den Bedingungen, die wir antreffen.

IP: Ist die EU eine Weltmacht, ohne es schon selbst zu wissen?

Solana: Ganz sicher. Schauen Sie sich doch die Zahlen an: In der EU leben doppelt so viele Menschen wie in den USA. Wir erwirtschaften ein Viertel des Bruttosozialprodukts der Welt, wir sind die wichtigsten Geber von Entwicklungshilfe, wir sind der wichtigste Handelspartner in der Welt, wir importieren mehr aus den armen und den Schwellenländern als irgendein anderes Land. Wir haben eine Währung, die leider im Augenblick stärker ist als der Dollar, leider vor allem für den Exportweltmeister Deutschland … Wir sind in der Tat eine Weltmacht. Wir müssen es nur glauben und uns dementsprechend verhalten. Und da hilft uns die Europäische Verfassung.

IP: Und eine Weltmacht braucht einen starken Außenminister?

Solana: Das Entscheidende ist, dass die EU eine Außenpolitik hat, dass da ein fester Ansprechpartner ist, ob der nun Außenminister heißt oder irgendwie anders. Der Name spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass jemand diese Außenpolitik vertreten muss. Ein rotierendes System mit dem Wechsel des Vorsitzes alle sechs Monate ist dafür völlig ungeeignet. Wenn die Verfassung nicht kommt, dann haben wir weiterhin alle sechs Monate einen neuen Vorsitzenden. Wie soll jemand mit Putin oder Bush verhandeln, wenn er nur ein Mandat für sechs Monate hat? Das halte ich für schwierig.

Das Gespräch führten Alois Berger, Elizabeth Pond und Sabine Rosenbladt.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, Mai 2005, S. 70 - 77.

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