Energiezukunft nach Maß
Klimafolgen und Energiearmut gefährden Afrikas Entwicklung. Um sich anpassen und aus der fossilen Falle befreien zu können, braucht der Kontinent mehr als eine „gerechte Energiewende“.
Es ist eine historische Ungerechtigkeit: Obwohl Afrika nur für 2 bis 3 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich ist, liegen 17 der 20 am stärksten vom Klimawandel bedrohten Länder auf dem Kontinent. Die Folgen des Klimawandels verschärfen bestehende Probleme wie Ernährungsunsicherheit und beeinträchtigen die sozioökonomische Entwicklung Afrikas.
Jedes Jahr verlieren afrikanische Länder 2 bis 5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts und wenden bis zu 9 Prozent ihres Staatshaushalts für die Bewältigung von Klimafolgen auf. Für das kommende Jahrzehnt werden allein für die Region Subsahara-Afrika jährliche Anpassungskosten von 30 bis 50 Milliarden US-Dollar erwartet. Dies dürfte dazu führen, dass Gelder, die eigentlich für Entwicklungsprojekte vorgesehen sind, verstärkt für Maßnahmen zur Anpassung an Klimafolgen ausgegeben werden.
Kurzum: Afrikanische Länder müssen die Folgen einer Krise bewältigen, die sie nicht verursacht haben – und das auf Kosten ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Klimafinanzierung soll dieses Ungleichgewicht abmildern und gefährdete Staaten unterstützen. Auf der UN-Klimakonferenz in Baku hat sich die Staatengemeinschaft im vergangenen Jahr auf ein neues Globalziel geeinigt: Bis 2035 sollen die Industrieländer jährlich 300 Milliarden Dollar bereitstellen – eine Verdreifachung der bisherigen Zielmarke.
Angesichts des aktuellen und prognostizierten Bedarfs ist diese Summe jedoch nach wie vor unzureichend. Laut Schätzungen müsste die jährliche Klimafinanzierung bis 2030 auf 8,5 Billionen Dollar und von 2031 bis 2050 auf über zehn Billionen steigen, um die globalen Klimaziele zu erreichen.
Viele Hürden, zu wenig Investitionen
Die Klimakrise ist eng verknüpft mit extremer Armut und Energiearmut. Jeder dritte Mensch in Afrika lebt unterhalb der Armutsgrenze und muss mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen. Rund 600 Millionen Menschen leben in ihren Haushalten ohne Strom und noch viele mehr haben keinen Zugang zu sauberen und nachhaltigen Brennstoffen zum Kochen, vor allem in ländlichen Gebieten.
Die Herausforderungen im Energiesektor betreffen sowohl Angebot als auch Nachfrage. Veraltete und überlastete Stromnetze reichen nicht aus, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Afrikanische Versorgungsunternehmen verzeichnen durchschnittliche Netzverluste von 15 Prozent – deutlich mehr als der globale Durchschnitt von 7 Prozent. Dies hat zur Folge, dass Betriebskosten nicht gedeckt werden können und zahlreiche Haushalte ohne eine zuverlässige Energieversorgung bleiben.
Und auch auf der Nachfrageseite gibt es große Hürden. Viele Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen sind nicht in der Lage, die mit dem Energiezugang verbundenen Kosten zu tragen, sei es für die Anschaffung und Installation von Geräten oder für die laufende Nutzung.
Diese Herausforderungen werden durch unzureichende finanzielle und technologische Unterstützung noch verstärkt. Zwar sind die Investitionen in erneuerbare Energien auf dem afrikanischen Kontinent in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen – von 0,5 Milliarden (2000 bis 2009) auf fünf Milliarden Dollar (2010 bis 2020). Allerdings entfielen in diesen zwei Jahrzehnten nur 2 Prozent der weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien auf Afrika. 75 Prozent dieser Mittel flossen in fünf Länder: Südafrika, Ägypten, Nigeria, Marokko und Kenia. Bei Investitionen in Technologien sind die regionalen Unterschiede noch drastischer: Im Jahr 2021 entfielen 92 Prozent auf Nigeria, Ägypten, Kenia und Südafrika.
Diese ungleiche Verteilung von Finanzmitteln führt dazu, dass gerade die Länder, die besonders von Energiearmut und den Folgen der Klimakrise betroffen sind, am wenigsten Unterstützung erhalten. Dadurch entsteht eine Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern auf dem Kontinent.
Auch die Art der Finanzierung spielt eine entscheidende Rolle. Zwischen 2010 und 2020 wurden 88 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Afrika mithilfe von Schulden finanziert. Allein im Jahr 2019 wurden 71 Prozent der Klimafinanzierung für Entwicklungsländer in Form von Krediten bereitgestellt. Die Folge ist eine wachsende Schuldenlast: Afrikanische Länder müssen zwischen 2023 und 2025 voraussichtlich 81 Milliarden Dollar für den Schuldendienst aufbringen.
Schulden und hohe Zinssätze bedeuten auch, dass afrikanischen Ländern weniger finanzielle Mittel für Investitionen in die Energieentwicklung und die Anpassung an Klimafolgen zur Verfügung stehen. Die gewalttätigen Proteste in Kenia im Jahr 2024, ausgelöst durch Steuererhöhungen zur Reduzierung der Staatsverschuldung, verdeutlichen die realen Auswirkungen der Schuldenlast.
Am Scheideweg
In Afrika ist man sich bewusst, dass die Bewältigung der Klimakrise und der Energiearmut entscheidend für das Überleben und das Wohlergehen des Kontinents ist. Aus diesem Grund haben sich afrikanische Länder in den vergangenen Jahren auf regionaler und auf internationaler Ebene mit Nachdruck dafür eingesetzt, diesen Herausforderungen mehr Beachtung zu verschaffen.
Mit der Agenda 2063 hat die Afrikanische Union (AU) vor zehn Jahren selbst die Initiative ergriffen – noch bevor auf internationaler Bühne die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und das Pariser Klimaabkommen verabschiedet wurden. Die Agenda benennt die Klimakrise und die Energiearmut als große Bedrohungen für den Wohlstand des Kontinents. Im Sinne der globalen Gerechtigkeit fordern die afrikanischen Länder auch mehr Klimafinanzierung und grundlegende Reformen der globalen Handels- und Finanzordnung.
Ob mit oder ohne internationale Unterstützung: Afrika hat keine andere Wahl, als entschlossene Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Energieentwicklung zu ergreifen, um Leben zu schützen und den Bedürfnissen heutiger sowie künftiger Generationen gerecht zu werden. Der Kontinent steht an einem Scheideweg: Gelingt es, die erheblichen inneren und äußeren Herausforderungen zu überwinden, die in der Vergangenheit Afrikas enormes Potenzial für Klimaschutz- und Energieprojekte gebremst haben?
Kluft zwischen Vision und Realität
Eine der größten Herausforderungen besteht darin, die Klima- und Energiebedürfnisse Afrikas richtig zu erfassen und passende Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. In der Literatur zu Klima- und Energiefragen dominieren Perspektiven und Erfahrungen aus dem Globalen Norden, die kaum oder gar nicht auf afrikanische Lebensrealitäten übertragbar sind. Es fehlt an entscheidenden Informationen über die Bedürfnisse, Chancen und Besonderheiten Afrikas – ein Defizit, das zu Versäumnissen bei der Planung, Finanzierung und Umsetzung von Maßnahmen führt. Das Ergebnis dieser Diskrepanz zwischen Vision und Wirklichkeit sind fehlgeleitete, unausgereifte und oft kurzsichtige Lösungen.
Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Begriff der „gerechten Energiewende“ („Just Energy Transition“), der verwendet wird, um die globalen Maßnahmen für den Übergang hin zu einer nachhaltigen Energiezukunft zu beschreiben. Das Bild eines schrittweisen Übergangs mag zwar für Industrieländer passend sein – nicht aber für die meisten afrikanischen Staaten, die vielmehr eine tiefgreifende Neugestaltung ihrer Energiesysteme benötigen: eine Energietransformation.
So gibt es abgesehen von Ländern wie Südafrika auf dem Kontinent kaum fossile Energieinfrastruktur – und somit auch kaum Infrastruktur, die für den Übergang zu erneuerbaren Energien genutzt werden könnte. Eine Energietransformation hingegen erfordert den Ausbau und die Modernisierung einer robusten Energieinfrastruktur und nachhaltiger Energiedienstleistungen, um den Bedarf im kleinen wie im großen Maßstab zu decken.
Der Fokus auf Transformation kann auch dazu beitragen, dass politische Maßnahmen, Investitionen und Strategien künftig nicht nur Energiearmut oder den Klimawandel addressieren, sondern auch tief verwurzelte soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten. Dadurch wird sichergestellt, dass alle Afrikanerinnen und Afrikaner aktiv an Klimaschutz- und Energieprojekten teilhaben und von den damit verbundenen Vorteilen profitieren können.
Strategische Neuausrichtung
Um die notwendige Transformation voranzutreiben, müssen Energie- und Klimaschutzmaßnahmen strategisch neu ausgerichtet werden. Das bedeutet nicht nur zu definieren, was getan werden muss, sondern auch warum und für wen.
Das oberste Ziel von Energie- und Klimaschutzmaßnahmen ist es, die menschliche Gesundheit und das Wohlergehen zu verbessern. Afrika würde von einer solchen Neuausrichtung am meisten profitieren, da viele Länder bereits dabei sind, eine nachhaltige Energie- und Entwicklungsinfrastruktur aufzubauen. Zudem bietet eine Neujustierung Gelegenheit, Ziele und Maßnahmen in den Bereichen Klimawandel, Energiesicherheit und Entwicklung miteinander in Einklang zu bringen. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass verfügbare Ressourcen effizient für Lösungen genutzt werden, die den jeweiligen Herausforderungen gerecht werden.
Die meisten afrikanischen Staaten brauchen eine tiefgreifende Neugestaltung ihrer Energiesysteme: eine Energietransformation
Klimapolitik kann etwa so gestaltet werden, dass sie auf die Bekämpfung von Energiearmut abzielt. Hierfür muss in den Bau nachhaltiger Energieinfrastrukturen sowie in die Entwicklung förderlicher Rahmenbedingungen investiert werden. Dies würde bezahlbare, zuverlässige und nachhaltige Energieversorgung gewährleisten.
Die Entwicklung erneuerbarer Energien bringt auch soziale und wirtschaftliche Vorteile mit sich – von neuen Arbeitsplätzen bis hin zu besserer Luftqualität. Auf diese Vorteile sollten Entscheidungsträger bei der Planung, Finanzierung und Umsetzung von Energieprojekten bewusst abzielen.
Zeit für ein neues Kapitel
Mit den UN-Nachhaltigkeitszielen und dem Pariser Klimaabkommen hat die Weltgemeinschaft vor zehn Jahren einen gemeinsamen Fahrplan entwickelt, um die größten Herausforderungen unserer Zeit anzugehen: die Klimakrise sowie wachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit.
Heute fällt die Bilanz bestenfalls gemischt aus: Der jüngste SDG-Fortschrittsbericht zeigt, dass voraussichtlich nur 16 Prozent der 169 Unterziele bis 2030 erreicht werden. Bei den übrigen 84 Prozent wurden entweder keine Fortschritte oder sogar Rückschritte verzeichnet.
Und auch die Ziele des Pariser Klimaabkommens sind in Gefahr: Die vergangenen zehn Jahre waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur erstmals mehr als 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau; im November 2023 wurde an einem Tag sogar die Zwei-Grad-Marke überschritten. Auch wenn dieses alarmierende Ereignis nur von kurzer Dauer war, verdeutlicht es die Dringlichkeit, die globalen Emissionen drastisch zu reduzieren.
Ein Weg zu mehr Inklu- sion wäre, Klima- und Energieziele stärker an den Bedürfnissen und Prioritäten afrikanischer Länder auszurichten
Afrika hat in der Vergangenheit wiederholt unter Beweis gestellt, dass es bereit ist, eine führende Rolle bei der Gestaltung seiner eigenen Energiezukunft zu übernehmen und auch die globale Energiewende und Klimaschutzmaßnahmen zu unterstützen. Allerdings reicht Bereitschaft allein nicht aus – es braucht auch die Fähigkeit und Kapazität, schnell und wirksam zu handeln.
Damit afrikanische Länder ihre Energie- und Klimaziele erreichen können, bedarf es unter anderem tiefgreifender Reformen des globalen Finanz- und Handelssystems. Ziel muss sein, Afrikas Zugang zu Finanzierung und Technologie zu erleichtern, um die Verbreitung von nachhaltigen Energiesystemen auf dem gesamten Kontinent zu beschleunigen.
Darüber hinaus sollten die Hauptverursacher der Klimakrise im Sinne globaler Gerechtigkeit ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie mehr Klimafinanzierung bereitstellen und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschleunigen. Ohne diese Maßnahmen wird es keinen echten Fortschritt geben. Untätigkeit hätte katastrophale Folgen – nicht nur für afrikanische Länder, sondern auch für die gesamte Weltgemeinschaft.
Ein Weg zu mehr Inklusion wäre, Klima- und Energieziele stärker an den Bedürfnissen und Prioritäten afrikanischer Länder auszurichten. Mit Südafrikas G20-Präsidentschaft, dem 7. AU-EU-Gipfel und der Weltklimakonferenz in Brasilien bietet das Jahr 2025 zahlreiche Gelegenheiten, ein neues Kapitel aufzuschlagen und dringend notwendige Fortschritte zu erzielen.
Aus dem Englischen von Hannah Lettl
Internationale Politik Special 2, Mai 2025, S. 30-34
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