01. März 2021

Einige gegen alle anderen

Zukunftsentwürfe vom „Kampf aller gegen alle“ lenken davon ab, dass die Folgen von Corona auf Kosten der Armen und Schwachen gehen werden. Ein Kommentar zum Szenario „Die totale Isolation“.

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Soziologen entwerfen keine Zukunftsszenarien. Obwohl wir zuweilen gewisse Regelmäßigkeiten entdecken, sind die meisten Modelle, die wir ausrechnen, nicht besonders gut geeignet, vorauszusagen, wie sich die Dinge entwickeln werden: Das Soziale folgt keinem Gesetz. Mit einigen Dingen haben wir uns allerdings wissenschaftlich so oft beschäftigt, dass wir zu verstehen glauben, warum sie so passiert sind, wie sie passiert sind. Und daher gehen wir davon aus, dass sie, wenn wir einen Faktor ändern (etwa, indem wir eine Schule schließen), künftig anders ablaufen werden.

Wir können also vorhersagen, dass sich die Bildungslücken vergrößern werden, wenn Tausende lateinamerikanischer oder US-amerikanischer Kinder aus dem Bildungssystem herausfallen oder wenn es Berliner Schulen nicht gelingt, während eines Lockdowns Kontakt mit sämtlichen Familien aufzunehmen. Oder dass Kinder ein besonderes Risiko laufen, häusliche Gewalt zu erfahren, wenn diejenigen, die hier in der Prävention arbeiten, ihren Job nicht vernünftig ausüben können.

Mithilfe der kreativen und einfallsreichen Menschen, die vor Ort mit Risikogruppen arbeiten, ließen sich derartige Risikoabschätzungen problemlos vornehmen. Es wurden Strategien zur Eindämmung von Corona entwickelt, die nicht der einfachen Logik harter Top-down-Entscheidungen gehorchten, alles für diese Menschen zu schließen, inklusive Spielplätze. Doch niemand schien einen alternativen Ansatz auch nur ausprobieren zu wollen. Nun haben wir die desaströsen Resultate. Kein Wunder. Das ist es, was man mit einer „Flächendeckend“-Strategie erreicht.

Ich sehe kaum Anzeichen dafür, dass sich diese Welt verändern wird. Die Anti-Corona-Maßnahmen verstärken strukturelle Ungleichheiten in unseren Städten, unserem Land, unserem Europa, unserer Welt. Okay, könnte man jetzt im Sinne des hier zu diskutierenden Szenarios fragen, ist das nicht die „totale Isolation“, ist das nicht „Alle gegen alle“? Nein. Unsere Vorstellung davon, wer wir sind, hängt von der Definition dessen ab, der wir nicht sind. Deshalb sind wir unablässlich damit beschäftigt, uns abzugrenzen. Das setzt immer eine Beziehung zu anderen voraus – oder sie wären irrelevant. In sozialer Hinsicht sind wir also niemals völlig isoliert: Wir leben immer in gegenseitigen Abhängigkeiten mit und von anderen.

Natürlich, viele Menschen sind einsam, und sie leiden darunter. Andere glauben, am besten alleine klar zu kommen. Aber auch die werden jemanden brauchen, der Online-Bestellungen bringt – eine gegenseitige Abhängigkeit. Und sie werden irgendwie reagieren müssen, wenn andere Menschen auftauchen. Sie kennen das: Ein lauter Nachbar weckt Sie mitten in der Nacht auf, oder Sie fahren durchs Allgäu und suchen nach Hilfe für Ihren kranken Hund: So etwas wie Isolation gibt es nicht. Es ist eine soziologische Unmöglichkeit. Davon abgesehen, passen totale Isolation und „alle gegen alle“ schlicht nicht zusammen. Wer isoliert ist, hat niemanden, gegen den er sich wehren kann, kein ähnliches Interesse, keine Identität, keine Persönlichkeit: kurz gesagt, nichts, worüber man sich streiten könnte.

Worüber wir allerdings diskutieren könnten, ist die Frage, wie die Pflege von sozialen Kontakten in wachsendem Maße zum Gegenstand einer eigenen Entscheidung werden könnte. Das ist aber keine Frage von „gelingenden“ oder „nicht gelingenden“ sozialen Bindungen, wie in der Szenarien-Grafik suggeriert, sondern der Ressourcenkontrolle. Einige von uns genießen das Privileg, sich mit den Menschen beschäftigen zu können, die sie mögen, und alle anderen zu meiden.

In dem Buch „Creating the Unequal City“ habe ich zusammen mit anderen Autorinnen beschrieben, wie der Wunsch, sich auf sich selbst, auf die eigenen Bedürfnisse und Ziele zu konzentrieren, Eltern aus der Mittelschicht dazu veranlasst hat, bestimmte Stadtteile und Schulen auszusuchen, in denen sie sich das Beste für ihre Kinder erhofften. Unbeabsichtigte Folge davon war eine wachsende soziale Segregation, nicht Isolation.

Wie meine Kollegin Johanna Hoerning betont, teilt sich die Stadtbevölkerung unter den Bedingungen des Lockdowns in diejenigen, die sich zu Hause selbst isolieren, und diejenigen, die unterwegs sein müssen, um diese Selbstisolation zu ermöglichen. Wenn sich einige zurückziehen wollen, dann setzt das immer voraus, dass andere ausgebeutet werden. Studien aus Lateinamerika zur Lebenssituation der Reichen haben das zweifelsfrei nachgewiesen.

Das ist kein „Alle gegen alle“. Das ist ein „Einige nutzen alle anderen aus, um unter ihresgleichen zu bleiben“. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung kommt für das Jahr 2018 zu dem Ergebnis, dass 12 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland prekären Bedingungen ausgesetzt waren. Uber, Lieferando, Book-a-Tiger und andere Ausbeuterfirmen haben das Ihrige dazu beigetragen.

Vieles von dem, was die Menschen tun, die den Luxus haben, zu Hause zu bleiben, stärkt diesen Sektor. Das – nicht „Homeoffice“ – ist ihre neue „Unternehmenskultur“. Und denken Sie daran: Diese Unternehmen haben einmal als lokale Firmen angefangen. Diejenigen, die das Lokale geradezu kultisch als das Bessere verehren, sollten an die Ausbeutung des Hauspersonals und andere Formen moderner Sklaverei denken.

Das Hauptproblem des „Isolations“-Szenarios aber ist ein ganz grundsätzliches. In ihm kommt etwas zum Ausdruck, das der französische Soziologe Pierre Bourdieu als „Doxa“ bezeichnet hat – Überzeugungen und Meinungen, die von einer Gesellschaft unhinterfragt als wirklich oder wahr angenommen werden. Damit ist das Szenario nicht mehr als ein Gedankenspiel für die Bessergestellten. Wenn wir uns nur anpassen können, ohne den Lauf der Dinge grundsätzlich zu hinterfragen, weil es einen vordefinierten „Möglichkeitsraum“ gibt, dann stimme ich zu: Zukunftsintelligenz ist das beste Immunsystem – gegen soziale Veränderungen, die den Interessen der Etablierten zuwiderlaufen könnten.

21,3 Prozent der deutschen Kinder, 2 800 000 Kinder, lebten vor dem Lockdown in Armut. Experten warnen seit Sommer vor steigenden Zahlen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF berichtet, dass 150 Millionen Kinder weltweit seit Beginn der Corona-Pandemie in extreme Armut geraten sind. Ein Szenario für sie erfordert Gedanken zu Gerechtigkeit, Gleichheit und Umverteilung.

Ohne derartige Überlegungen sind alle diese Szenarien für die zukünftige Generation genau das, von dem der Autor behauptet, dass sie es nicht seien: eine Fortsetzung ihres Status quo. Und dagegen hilft auch keine „Wir-Kultur“.

 

Prof. Dr. Talja Blokland lehrt Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt- Universität zu Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2021, S. 28-29

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