Online-Veröffentlichung

22. Juni 2026

Eine nationalistische Internationale gibt es nicht

Grönlandkrise, Irankrieg und die Abwahl von Viktor Orbán zeigen: Einer dauerhaften, strukturellen Zusammenarbeit illiberaler Nationalisten in Demokratien steht ihr eigener Nationalismus im Weg. Das bedeutet keine Entwarnung für die liberale Demokratie, bietet aber Ansporn zu ihrer kreativen Verteidigung. 

Roland Freudenstein
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Bild: Orban, Abscal und Le Pen bei einem Treffen der "Europäischen Patrioten"
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Vor acht Jahren schickte sich Steve Bannon an, europäische Nationalpopulisten zu stärken und zu koordinieren. 2018 hatte das noch keinen größeren Effekt; das lag natürlich auch am überschaubaren intellektuellen Kaliber Bannons und seinem mangelnden Europaverständnis. In den Folgejahren entwickelte sich allerdings eine weitaus langfristigere und durchaus substanzielle internationale Kooperation der Alt-Right, transatlantisch und in Europa selbst. Das wiederum hat auch mit dem Erstarken des Nationalpopulismus zu tun – sowohl in den meisten EU-Mitgliedstaaten als auch im Europaparlament. Dort waren bis 2024 alle Versuche einer übergreifenden Konzentration der in mindestens drei Fraktionen gespaltenen Rechten jenseits der Europäischen Volkspartei (EVP) ziemlich ergebnislos geblieben. 

Allerdings kamen in den Jahren zwischen 2018 und 2024 mehrere Entwicklungen zusammen: Migration als Kernthema der Alt-Right auf beiden Seiten des Atlantiks nahm tendenziell an Bedeutung zu. Dasselbe gilt für einen immer schärferen Kulturkampf gegen „Wokeness“, politische Korrektheit und den Vormarsch von LGBTQ-Rechten. Außerdem blühte die „Autocracy, Inc.“ (Anne Applebaum), also die existenzielle Zusammenarbeit der Diktaturen neuen Typs, in Russland, China, Iran, Nordkorea, Belarus etc.
 

Die Achse der Illiberalen

Ein frühes Beispiel für direkte Finanzhilfen unter illiberalen Kräften war der 9-Millionen-Euro-Kredit der kremlnahen First Czech Russian Bank an Marine Le Pens Front National (heute Rassemblement National) für Wahlkampfzwecke im Jahr 2014. Zwischen Ungarns Fidesz-Partei und der MAGA-Bewegung existierten schon seit der ersten Trump-Regierung enge Bande; im Vorlauf zu Trump II bildete sich dazu eine enge Zusammenarbeit von Think Tanks und intellektuellen Netzwerken heraus. Auf amerikanischer Seite trieben die Heritage Foundation und die Conservative Political Action Conference (CPAC) diese Entwicklung voran, auf ungarischer Seite das Danube Institute und das Mathias Corvinus Collegium (MCC).

Der Gipfel der Symbiose war das offensichtlich durch Orbáns „illiberale Demokratie“ beeinflusste Heritage-Programm „Mandate for Leadership“ (auch bekannt als „Project 2025“), das ein Leitfaden für den Rückbau von Staatsstrukturen und Zivilgesellschaft und die Zentralisierung von Macht unter Trump II werden sollte. 

Beim Kampf gegen eine starke EU ergaben sich im Laufe des Jahres 2025 – also zu Beginn der zweiten Regierung Trump – weitere Gemeinsamkeiten zwischen MAGA und der europäischen Alt-Right. Die neue US-Regierung hatte ein manifestes Interesse an einer schwachen EU, ablesbar in den transatlantischen Spannungen in Handel und Sicherheitspolitik. Europas Neue Rechte begann größtenteils, die EU nicht nur als überbordende Bürokratie und Instrument woker Eliten zu bekämpfen, sondern die Idee supranationaler Integration an sich als „aus der Zeit gefallen“ zu brandmarken. Diese sei ungeeignet für die Großmachtrivalitäten des 21. Jahrhunderts und nicht konkurrenzfähig im Zeitalter von Big Tech und KI. Doch die Jahreswende 2025/2026 wurde zum Debakel für MAGAs Verbindung zu Gleichgesinnten aus der Alten Welt.
 

Grönlandkrise und Irankrieg: Turbulenzen beim Transatlantik-MAGA

Trumps Bullying gegenüber Europa inklusive der Ukraine hatte die transatlantischen Beziehungen schon im Jahr 2025 auf eine harte Probe gestellt. Bei den diversen Strafzöllen konnten sich Europas Nationalpopulisten noch auf die Position zurückziehen, ihre jeweiligen Regierungen seien schlicht inkompetent. Da für alle EU-Mitgliedstaaten die Verhandlungskompetenz in Handelsfragen bei der EU-Kommission liegt, konnte man selbst in Budapest oder Bratislava immer noch, wie üblich, auf die Kommission einprügeln. Das war bei Grönland dann komplizierter.

„Die offen erklärte Absicht des US-Präsidenten, Grönland annektieren zu wollen, war ein Alarmsignal auch für Europas Rechte.“

Die offen erklärte Absicht des US-Präsidenten, Grönland annektieren zu wollen, gab den transatlantischen Beziehungen eine vollkommen neue Dimension: Erstmals schienen die USA einen Verbündeten direkt territorial zu bedrohen. Das war ein Alarmsignal auch für Europas Rechte. Die meisten europäischen Nationalpopulisten begannen, sich in dieser Frage von den USA abzusetzen. Sogar Nigel Farage, der bisher Trump in persönlicher Freundschaft verbunden war, distanzierte sich; Deutschlands AfD rang um Fassung. Der Iran-Krieg ab März 2026 verstärkte die Absetzbewegung noch. Sobald territoriale Nullsummenspiele oder Kriege mit komplexen geopolitischen Zielen aufs Tapet kamen, versagte die Internationale der Alt-Right. Allerdings blieben Polen und Ungarn zunächst noch außen vor.
 

Der Fall Polen: MAGA im Sinkflug

In Polen funktionierte die MAGA-PiS-Achse seit Trumps Amtsantritt 2017. Die Ideologisierung und Radikalisierung des Konservatismus erfolgten, wenn auch in unterschiedlichem ideengeschichtlichem Kontext, in beiden Ländern parallel. Ein mindestens 100 Jahre alter Proamerikanismus Polens hatte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 geholfen, ein Sonderverhältnis zu schaffen. Entsprechend zählte Polen auch 2003 zu den Vorreitern des von Präsident George W. Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld apostrophierten „New Europe“, das sich aktiv am damaligen Irakkrieg beteiligte – und dabei deutlich von Deutschland und Frankreich absetzte. 

Als die PiS-Partei 2023 in Warschau in die Opposition ging, wurde der von Jarosław Kaczyński unterstützte Präsident Andrzej Duda aus MAGA-Sicht zur zentralen Figur auf polnischer Seite. Sein Nachfolger Karol Nawrocki, formell parteilos, aber von der PiS unterstützt, war als Kandidat anfangs weit abgeschlagen gegen den Liberalen Trzaskowski und holte im Endspurt auf – wahrscheinlich auch dank expliziter Unterstützung aus dem Weißen Haus. 

Allerdings verdüsterte sich das Bild für MAGA-PiS im Laufe des Jahres 2025. Zwar sind Polen und Rumänien weiterhin die einzigen europäischen Länder, die sich mehr US-Militärpräsenz wünschen. Aber was die wachsende Unbeliebtheit Donald Trumps bei den Europäern angeht, ist Polen keine Ausnahme. Entsprechend negativ war die Reaktion der öffentlichen Meinung auf den diplomatischen Boykott des Parlamentspräsidenten Włodzimierz Czarzasty durch US-Botschafter Thomas Rose, nachdem der Pole sich im Februar 2026 öffentlich geweigert hatte, die Verleihung des Friedensnobelpreises an Präsident Trump zu unterstützen. 

Ob Trumps neueste Volte gegenüber Polen im Mai 2026 diesen Sinkflug nachhaltig aufhalten kann, darf bezweifelt werden – erst ein de facto-Abzug von 4000 US-Soldaten aus Polen und wenige Tage später die Zusage einer zusätzlichen Stationierung von 5000, angeblich aus persönlicher Freundschaft für Nawrocki. Vermutlich wird der Eindruck von Willkür und Unzuverlässigkeit schwerer wiegen als der Nettozuwachs von 1000 Soldaten.

Die Regierung Tusk ist seit Ende des Kommunismus die erste, die sich auf die USA sicherheitspolitisch nicht mehr ausschließlich oder auch nur hauptsächlich verlassen will. Erstmals seit 1989 vertraut nur noch etwa ein Drittel der Polen Trump persönlich oder den USA als Land.
 

Der Fall Ungarn: Die MAGA-Connection stürzt ab

Die Abwahl Viktor Orbáns in Ungarn am 12. April 2026 dürfte als Musterbeispiel für die Schwäche einer rechten Internationalen in die Geschichte eingehen. Trotz jahrelanger Trumpscher Unterstützung für Orbán, trotz spektakulärer Gipfel, beispielloser ideologischer Nähe und persönlicher Unterstützung durch Marco Rubio im Februar 2026 und J.D. Vance wenige Tage vor der Wahl im April: Orbán verlor haushoch. 

Zwar gibt es keinen belastbaren Beleg für die These, die MAGA-Unterstützung habe Orbán weitere Stimmen gekostet. Allerdings hat ihm Trumps Freundschaft erkennbar nichts gebracht, in einer von Inflation, Korruption und schlechten öffentlichen Dienstleistungen geprägten Wechselstimmung. Man sollte die generelle Unbeliebtheit der Person Trump und eines imperialen Amerikas in ganz Europa nicht unterschätzen – da macht Ungarn keine Ausnahme.
 

Ein „Europa der Vaterländer“ ist kein Europa

Das Ungarn-Desaster wird unter europäischen Nationalpopulisten derzeit als Einzelfall abgetan. Man tröstet sich mit dem Gedanken, die prekäre Wirtschaftslage Europas schade allen Regierenden – und das sei im Falle Orbáns eben ein Populist gewesen. Fast überall sonst sind Populisten in der EU noch in der Opposition; Rückenwind erhalten sie von der schlechten Wirtschaftslage. Wenn mehr ganz oder teilweise rechtsextreme Regierungen gebildet würden, dürften sich Abnutzungseffekte wie in Ungarn womöglich sogar schneller einstellen. In jedem Fall wird es mehr bilaterale Konflikte und mehr Streit um die Zukunft der EU geben.

In der Frage der Instrumente wirtschaftlicher Solidarität ist in Europa der Gegensatz Nordwest versus Südost unter Nationalpopulisten noch schärfer als unter den jetzigen Regierungen. Während die AfD die EU gleich ganz abschaffen und durch einen schwach definierten Staatenbund ersetzen will, polemisieren etwa die Schwedendemokraten gegen „wirtschaftliche Umverteilung“ in den Kohäsionsfonds. Die polnische PiS dagegen ist sehr für nettozahlerfinanzierte regionale Entwicklung, vorausgesetzt, sie wird nicht rechtsstaatlich konditioniert. Und Giorgia Melonis Fratelli d’Italia wollen die Austeritätspolitik überwinden und die Kohäsionspolitik stärken. Das geht alles schwerlich zusammen.

Ohnehin haben Nationalpopulisten aus Nachbarländern mit schwieriger Vergangenheit Spannungen untereinander. Ungarische und rumänische, deutsche und polnische oder polnische und ukrainische Nationalisten werden sich kaum je einig in der Geschichtspolitik, die doch für alle rechtsnationalen Parteien identitätsbildend wirkt – bei aller Gemeinsamkeit im Kampf gegen EU-Eliten und „Wokeness“.

Das beste Beispiel aus jüngster Zeit ist hier die scharfe Abgrenzung des potenziellen zukünftigen französischen Präsidenten Jordan Bardella (Rassemblement National) von der deutschen AfD. Sie ist nicht nur dem im Vergleich zur AfD noch gemäßigteren Kurs des RN geschuldet, sondern auch den tiefen Gegensätzen zwischen französischem und deutschem Nationalismus im Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser komplexen Nachbarschaft.
 

Die Achillesferse der Internationalen

Wer immer die offene Gesellschaft gegen Nationalpopulismus wirksam verteidigen will, sollte dessen Achillesferse im Internationalen genau im Auge behalten und zu nutzen wissen. Nicht nur die Thematisierung von Korruption ist ein probates Mittel, um Illiberale anzugreifen, siehe Ungarn; es gilt auch, die früher oder später automatisch relevanteren Gegensätze zwischen Nationalisten zu betonen und öffentlich zu diskutieren.

Das alles bedeutet keine Entwarnung bezüglich des Vormarschs nationalpopulistischer Ideen in den Demokratien der Welt. Der große Test für Europas Demokraten kommt 2027, wenn Bardella oder Le Pen die Präsidentschaft Frankreichs gewinnen könnten – und in den Jahren danach Nationalpopulisten in Deutschland und Großbritannien zumindest Teil einer Regierung werden können. Aber die Annahme, dass dieser Vormarsch durch eine Internationale der Nationalpopulisten entscheidend begünstigt wird, ist falsch. Die Verteidiger der liberalen Demokratie können Synergieeffekte mobilisieren, auf die illiberale Nationalisten nicht in demselben Maße Zugriff haben. Sie sollten sie nutzen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 22. Juni 2026

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Roland Freudenstein ist Direktor des Brüsseler Büros der Free Russia Foundation und betreibt die unabhängige Plattform „Brussels Freedom Hub“. Zuvor war er viele Jahre lang Policy Director im Wilfried Martens Centre for European Studies und zuletzt Vizepräsident und Direktor des Brüsseler Büros der Denkfabrik Globsec mit Zentrale in Bratislava.

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