Drei Fragen an...

Drei Fragen an … Annette Niederfranke

Direktorin der International Labour Organization (ILO) Deutschland

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Bild: Porträt von Annette Niederfranke

1. Was hätte ein Boykott der WM in Katar im Kampf gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen bewirken können?

Nach meiner Einschätzung und im Lichte anderer Beispiele – wenig. Der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen in der Arbeitswelt kann nur im Land selbst gewonnen werden. Dies braucht Zeit. Aufgrund ihres Mandats ist die ILO ein anerkannter Akteur. Für unsere Arbeit hat die WM tatsächlich einen Push-Effekt: Katar hat ein hohes Interesse an Veränderungen und will den Kritikern etwas entgegensetzen. Wir konnten unsere Arbeit seit 2018 intensivieren und Maßnahmen umsetzen – wie Arbeitsverbot in der Mittagshitze, menschenwürdige Unterbringung, Recht auf Wechsel des Arbeitgebers und Verlassen des Landes.  



2. Was macht Sie ­zuversichtlich, dass Reformen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen nach der WM nicht wieder zurückgedreht werden?

Ich erwarte keinen Selbstläufer. Zentral ist, den staatlichen Reformwillen auch nach der WM durch die ILO zu unterstützen, Sozialpartnerschaft zu etablieren, Arbeitsmarktreformen auszuweiten und Kontroll- und Hilfestrukturen aufzubauen. Das ist ein langwieriger Weg. Gleichzeitig muss der Hebel der wirtschaftlichen Zusammenarbeit genutzt werden, um Reformen der Arbeitsbedingungen einzufordern, als Bestandteil der Wirtschaftskooperation. Katar möchte anerkannt und als Vorreiter am Golf wahrgenommen werden. Das ist ein starkes Motiv, an finanziellen Ressourcen wird es nicht scheitern.

 

3. Inwiefern würde es helfen, wenn die Vergabe von Sport­ereignissen an strenge Standards in Sachen Arbeitsbedingungen gekoppelt würde?

Das wäre ein absolut notwendiger Schritt. Erkenntnisse über Umsetzung von Menschenrechtskonventionen und deren Verletzung sollten regelmäßig bei der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen berücksichtigt werden. Sorgfaltspflichten müssen verbindlich von Auftragnehmenden erfüllt werden. Sollte die Vergabe in Zukunft an aktive Reformen der nationalen Gesetzgebung und den Aufbau von Institutionen zur Sicherung von Arbeits- und Sozialbedingungen geknüpft sein, steigen die Chancen, dass der positive Effekt über das Sportereignis hinaus wirkt und nachhaltig bestehen bleibt.

 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2022, S. 8

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