01. Juli 2019

Die Farbe des Geldes

Auch wenn der Skandal um die VBS-Bank dem Image der Branche kaum zuträglich war: Südafrika verfügt über einen stabilen Finanzsektor. Nichtsdestotrotz wird über die Banken angesichts dramatischer Ungleichheit am Kap heftig debattiert: Gehören sie zu den Trümpfen des Landes – oder sind sie Ausdruck eines „weißen Monopolkapitalismus“?

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Für ihren Untersuchungsbericht zum größten Finanzskandal der jüngeren Geschichte wählte die südafrikanische Zentralbank einen hollywoodreifen Titel. „Der große Bankraub“ beschreibt, wie ein Netzwerk aus Managern, Wirtschaftsprüfern und Politikern die Genossenschaftsbank VBS um 1,9 Milliarden Rand erleichterte, umgerechnet rund 117 Millionen Euro. Die Leidtragenden: Tausende Kleinsparer in Limpopo, einer der ärmsten Gegenden Südafrikas.

Zu den Profiteuren der zweifelhaften Geschäftspraktiken der Bank zählen unter anderem die Stiftung des ehemaligen Staatspräsidenten Jacob Zuma und die Familie von Floyd Shivambu, dem zweithöchsten Mann in der marxistisch-­leninistischen Oppositionspartei „Economic Freedom Fighters“ (EFF). Geld floss nach Angaben des Nachrichtenportals „Daily Maverick“ teilweise in die Finanzierung einer EFF-Geburtstagssause. Damit sind, nicht ganz überraschend, zwei der Politiker beschuldigt, die besonders lautstark die Verstaatlichung der Banken fordern – und die der Agrarfläche und der Bergbauunternehmen gleich mit. Nur so könne die Wirtschaft den Händen ausländischer Investoren und der weißen Minderheit im Land entrissen werden, lautet die refrainartig wiederholte Argumentation von Linkspopulisten wie Zuma und Shivambu.

Geschäftspartner von Zuma entwickelten einst mit Hilfe einer britischen PR-Firma eine Strategie zur Verbreitung der Schlagworte „weißes Monopolkapital“ über die sozialen Netzwerke, um von der eigenen Staatsplünderung abzulenken. Der einflussreiche Aktivist und Politiker Andile Mngxitama bezeichnete den „weißen Kapitalismus“ gar als Auslöser für einen verheerenden Sturm in Kapstadt im Jahr 2017.


Ramaphosas Zickzack-Kurs

In nur wenigen Ländern birgt der Finanzsektor vergleichbare politische Sprengkraft und muss so oft für Debatten herhalten. Das lässt sich derzeit am Zickzack-Kurs des vor wenigen Wochen im Amt bestätigten Präsidenten Cyril Ramaphosa beobachten. Er gilt in der internationalen Wirtschaftsgemeinschaft als Hoffnungsträger, weil man ihn als Befürworter wirtschaftsliberaler Reformen sieht. Ob diese Einschätzung wirklich zutrifft, ist allerdings nicht immer ganz klar. Denn Ramaphosa pflegt seine Botschaften der jeweiligen Audienz anzupassen. Verkündete der Präsident noch im Januar vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Unabhängigkeit der Zentralbank als „unantastbar“, so bekräftigte er vor wenigen Wochen bei einer Parlamentsansprache das Ziel seiner Partei, des ANC, die Institution zu verstaatlichen.

Das Thema bewegt die Menschen angesichts der Einkommensunterschiede in Südafrika, die so dramatisch sind wie in kaum einem anderen Land. Haushalte der Weißen haben im Schnitt ein fünf Mal so hohes Einkommen wie die von schwarzen Südafrikanern. Auch innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist der Abstand dramatisch gestiegen. Dort hat sich die Mittelschicht seit dem Ende der Apartheid mehr als verdoppelt, doch eine große Mehrheit lebt weiter in nahezu unveränderter Not. Die sozialen Unterschiede innerhalb dieser ethnischen Gruppe selbst sind inzwischen ähnlich groß wie die zwischen Schwarzen und Weißen.

Unstrittig ist, dass sich die wirtschaftlichen Gewichte langsamer verschieben, als man noch während der neunziger Jahre im In- und Ausland gehofft hatte. Im Jahr 2015 behauptete Jacob Zuma, dass lediglich 3 Prozent der Anteile an den 100 reichsten Firmen, die an der Johannesburger Börse JSE vertreten sind, Schwarzen gehörten.

Für die JSE – immerhin eine der 20 größten Börsen der Welt – ist das ein hochsensibles Thema. Sie reagierte empört und teilte mit, es seien „mindestens 23 Prozent“. Die Regierung geht von 14,3 Prozent aus und fügt hinzu, im Topmanagement südafrikanischer Firmen seien ebenfalls lediglich 14 Prozent der Posten von Schwarzen besetzt. Diese offiziellen Zahlen dürften ­angesichts breit angelegter Affirmative-Action-Programme etwas zu niedrig gegriffen sein. Doch egal, welche Werte der Realität am nächsten kommen – sie sind gering angesichts der Tatsache, dass 77 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung schwarz sind.


Hohe Standards

Sally McGrath war 28 Jahre lang Händlerin an der JSE. In den 1980er Jahren zeichnete sie die Börsenkurse noch mit der Hand auf einen Graphen, dann erlebte sie die Modernisierung aus nächster Nähe. „In den ersten Jahren gab es noch viele Insider-Geschäfte“, sagt sie, „die Umstellung auf elektronische Handelssysteme in den neunziger Jahren verschaffte der JSE mehr Kontrolle.“ Die Börse habe den Lifestyle dominiert; edle Networking-Lunch-Events von Käufern und Verkäufern beim Golf oder auf der Pferderennbahn seien bis zu den niedrigsten Hierarchiestufen Normalität gewesen. Im Jahr 2012 verließ McGrath die JSE – der Stress wurde ihr irgendwann zu viel. Die Branche sei noch immer sehr von Weißen dominiert, sagt sie, erst in ihren letzten Berufsjahren habe es etwas mehr Schwarze gegeben, die den Berufseinstieg schafften.

Ramaphosa, vom Magazin The Economist kürzlich als „Südafrikas beste Chance“ gerühmt, weiß um die Bedeutung des Finanzsektors – er macht schließlich ein Fünftel der südafrikanischen Wirtschaftsleistung aus. Insgesamt gelten für den von den vier Großbanken Barclays Africa, Standard Bank, Nedbank und FirstRand dominierten Bankensektor hohe Standards. Sie sind gut kapitalisiert und umfassend reglementiert, einer der Trümpfe des Landes.

Hinzu kommt, dass der Präsident das ambitionierte Ziel verkündet hat, 100 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen zu generieren. Voraussetzung dafür sind stabile Banken. Diese aber stehen derzeit unter Druck: Mal wird ihnen vorgeworfen, nicht ausreichend Kredite für Schwarze zur Verfügung zu stellen. Oder es wird bei Debatten wie zuletzt zur entschädigungslosen Enteignung weißer Landwirte allzu leichtfertig übersehen, dass viele Landgüter oder künftige Ernten als Sicherheit für Kredite hinterlegt sind. Enteignungen hätten also auch für die Finanzinstitutionen negative Konsequenzen.

Symbolisch für den Zustand von Südafrikas Wirtschaft steht der staatliche Stromkonzern Eskom, der den Haushalten Anfang des Jahres fast täglich für mehrere Stunden den Strom abdrehte. Mangelnde Infrastruktur, hieß es entschuldigend. Der Schuldenberg des maroden Monopolisten hat sich im vergangenen Jahrzehnt auf umgerechnet 30 Milliarden Euro verzehnfacht, was damit zu tun haben könnte, dass 3000 Angestellte nebenher Unternehmen betreiben, die dem Selbstbedienungsladen zuliefern. In welcher Form auch immer.

Ramaphosa hat nun einige Ingenieure damit beauftragt, herauszufinden, was denn überhaupt das Problem sei. Diese Frage stellt er sich seit beachtlichen fünf Jahren, schließlich war er während seiner Zeit als Vizepräsident schon ab dem Jahr 2014 für die Eskom-Sanierung mitverantwortlich. Was, wenn Eskom seine Schulden nicht mehr bedienen kann? Man habe sich mit diesem Szenario intensiv beschäftigt, meint Zentralbankchef Lesetja Kganyago, „der Finanz­sektor wird in der Lage sein, das auszuhalten“. Er ist ein Optimist.

Nicht zuletzt wegen Eskom ist die Staatsverschuldung in den vergangenen Jahren massiv gewachsen – eine Kehrtwende, galt Südafrikas Fiskalpolitik doch lange Zeit als konservativ. Sowohl Staat als auch Privathaushalte sind proportional inzwischen höher verschuldet als die der meisten anderen Schwellenländer. Man hat sich blenden lassen von den goldenen Jahren zwischen 2004 und 2007, als Südafrika von makroökonomischer Stabilität, dem Rohstoffboom und dem schuldenfinanzierten Konsum privater Haushalte profitierte und beeindruckende Wachstumszahlen präsentierte.


Kurz vorm Ramschniveau

Ramaphosa betont gern, dass im Jahr 2018 – dem ersten Jahr seiner Amtszeit – 70 Milliarden Rand (4,28 Milliarden Euro) ausländischer Direktinvestitionen nach Südafrika geflossen seien. Das ist immerhin das Vierfache der Summe aus dem letzten Zuma-Jahr. Doch der Internationale Währungsfonds erwartet für 2019 nur 1,4 Prozent Wirtschaftswachstum. Neben internationalen Firmen halten sich auch lokale Unternehmen zurück.

Bislang ist Südafrika noch immer irgendwie knapp am Abgrund vorbeigeschlittert. Das Land ist schon bald auf eine Fortsetzung dieser Serie angewiesen. Nach dem von Korruption geprägten Zuma-Jahrzehnt ist die Ratingagentur Moody’s die letzte der drei größten Agenturen, die Südafrikas Kreditwürdigkeit gerade noch auf Investmentniveau führt. Die anderen sehen sie auf Ramschniveau. Spätestens im November wird Moody’s neu bewerten – folgt es der Konkurrenz, würde das Südafrikas vor sich hin dümpelnde Wirtschaft wohl in eine tiefe Krise stürzen. Dass es wegen der jüngsten Korruptionsskandale zwar zahlreiche Untersuchungskommissionen, aber keine Verurteilungen gibt, stärkt das Vertrauen nicht gerade.

Derzeit belegt Südafrika auf der Weltbank-Rangliste zur Geschäftsfreundlichkeit nur den 82. Platz; innerhalb eines Jahrzehnts stürzte das Land um 50 Positionen ab. Während viele andere afrikanische Länder Bürokratie abbauten, verkomplizierte Südafrika Unternehmensgründungen und den Markteinstieg. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Arbeitslosigkeit mit rund 27 Prozent so hoch ist wie selten in der demokratischen Geschichte des Landes.

Abschreckend auf Investoren wirken auch die im Vergleich zu vielen anderen afrikanischen Ländern ausgeprägten Arbeitnehmerrechte. In vielen traditionell arbeitsintensiven Branchen, wie dem Bergbau und der Landwirtschaft, ist es zudem inzwischen schlicht ökonomischer, gering qualifizierte Arbeitnehmer durch Maschinen zu ersetzen. Der Dienstleistungssektor ist zwar im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich gewachsen, schafft aber nicht die nötige Zahl neuer Arbeitsplätze – zumal Südafrikas Bevölkerung jährlich um eine halbe Million wächst.

Christian Putsch arbeitet als Afrikakorrespondent für die Welt in Kapstadt.

Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 02, Juli - Oktober 2019, S. 22-25

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