01. Juli 2020
Porträt

Die „Anti-Trump“

Neuseeland gehört beim Kampf gegen Covid-19 zu den erfolgreichsten Nationen. Ohne Jacinda Arderns empathische Kommunikation hätte der Lockdown nicht gegriffen. Im September steht die weltweit populäre Regierungschefin zur Wiederwahl.

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Bild: Porträt Jacinda Ardern
Mutige Entscheiderin, überzeugende Kommunikatorin: Premierministerin Jacinda Ardern hat sich mit ihrem Führungsstil weltweit Sympathien erworben.
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Der Abend vorm Beginn des Lockdowns in Neuseeland war gespenstig ruhig: die Straßen wie ausgestorben, alle Bars geschlossen und knapp fünf Millionen Menschen ab sofort auf unbestimmte Zeit daheim. In diese Stille schrillte am 25. März von sämtlichen Handys ein Alarmsignal. Es kam mit einer offiziellen SMS der Regierung über die Einschränkungen der nächsten Wochen. „Verhalten Sie sich so, als ob Sie Covid-19 hätten. Das wird Leben retten“, hieß es darin, und zum Schluss die Maori-Worte „kia kaha“ – seid stark.

Wenig später konnte man die Verantwortliche für die SMS-Sirene live beim Facebook-Chat erleben: Premierministerin Jacinda Ardern saß im Sweatshirt zuhause vor dem Computer, hatte Tochter Neve ins Bett gebracht und erzählte, dass es ihr genauso ginge wie allen in diesen Stunden. Authentisch und warmherzig beruhigte die junge Mutter im Plauderton die gesamte Nation. An jenem Abend zeigte sich, wie die Führungsstrategie der momentan erfolgreichsten Regierungschefin der Welt im Kampf gegen Covid-19 funktioniert: strenge Maßnahmen flankiert von sanften Worten, dazu Social-Media-Kompetenz.


„Go hard and go early“

Arderns mutigster Schritt war die plötzliche Schließung der Grenzen eine Woche zuvor. Vier Millionen Reisende – fast so viele wie Einwohner – besuchen jedes Jahr Neuseeland. Nicht Lammfleisch und Wolle, sondern der Tourismus ist Haupteinnahmequelle im Pazifikstaat. Darauf zu verzichten, um Leben zu schützen, war wirtschaftlich hochriskant.

Zwei Tage darauf erläuterte Ardern in einer Fernsehansprache ihre Corona-Maßnahmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungschefs hatte sie einen ausformulierten Plan: „Be kind“ (seid nett) war das Mantra und „go hard and go early“ die Taktik. Der Fokus lag auf dem Wir-Gefühl – wissend, dass der Pandemieplan nur funktioniert, wenn das „Team von fünf Millionen“ solidarisch mitzieht.

Das tat es: 87 Prozent der Bevölkerung unterstützten nach vier Wochen rigidem Lockdown eine Verlängerung. Die Maßnahmen wurden hier weitaus mehr akzeptiert als in den G7-Staaten. „Wenn man das Volk nicht an die Hand nehmen kann, dann funktioniert auch die beste Politik nicht“, so David Brain von der Umfragefirma Stickybeak über die Meisterleistung an PR. „Vieles davon hat mit Jacinda Arderns persönlichem Stil und ihrer Empathie zu tun.“ Mittlerweile ist „Jacindamania“ auf den Rest der Welt übergeschwappt. US-Medien kürten sie zur „Anti-Trump“.

Es anders zu machen, ist typisch – für das Land und für Ardern: Als erster Staat der Welt gab Neuseeland Frauen das Wahlrecht (1893) und wurde zur nuklearfreien Zone (1987). Der gleiche Ansatz zieht sich heute durch die Politik seiner 39-jährigen Regierungschefin, die einst DJ war und aus einer Mormonenfamilie stammt. Von der Religion sagte sich die Tochter eines Polizisten los, aber der Blick auf das ärmliche Umfeld ihrer Herkunft blieb ihr erhalten. „Bei ihrer Antrittsrede im Parlament nannte sie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und Demokratie als ihre wichtigsten Werte“, so Michelle Duff, Autorin von Arderns unautorisierter Biografie. „Das sind bis heute ihre Prioritäten.“

Ihre ersten Karriereschritte in der Labour-Partei tat Jacinda Ardern unter der damaligen Premierministerin Helen Clark, die bis 2008 regierte. Der Zeitschrift The Atlantic sagte Clark, dass Ardern nicht auf die Menschen einpredige, sondern neben ihnen stehe. „Sie denken vielleicht sogar: ‚Nun, ich verstehe nicht ganz, warum die Regierung das macht, aber ich weiß, dass sie auf uns aufpasst.‘ Wegen ihrer Empathie vertrauen ihr so viele.“

Neue Maßstäbe

Im März 2017 wurde Ardern stellvertretende Vorsitzende der Labour-Partei. Bereits fünf Monate später übernahm sie die Parteiführung – nur sieben Wochen vor den Nationalwahlen. Als sie als Premierministerin antrat, war sie mit 37 Jahren nicht nur die jüngste Frau der Welt in diesem Amt, sondern auch schwanger. Nach Benazir Bhutto wurde sie als aktive zweite Regierungschefin Mutter – und setzte auch damit neue Maßstäbe. Ihr Lebensgefährte, Fernsehmoderator und Angler Clarke Gayford, ist Vollzeitvater. Gemeinsam reisten sie mit Baby zur UN-Vollversammlung und gaben damit Arderns Rede zum Klimawandel zusätzlich Gewicht.

Die Empathie, mit der Jacinda Ardern zum Polit-Idol wurde, zeigte sich in einer der schwärzesten Stunden der Antipoden. Am 15. März 2019 ermordete ein Rechtsextremist in zwei Moscheen in Christchurch 51 Menschen. Wenige Stunden danach bezeichnete Ardern den Anschlag als „Terrorakt“, legte ein schwarzes Kopftuch an und umarmte trauernde Angehörige: „Sie sind wir.“ Als US-Präsident Trump fragte, womit er helfen könne, antwortete sie: „Mit Mitgefühl und Liebe für alle muslimischen Gemeinschaften.“

Sechs Tage nach dem Attentat änderte sie das Waffengesetz; halbautomatische Maschinengewehre wurden verboten. Aus den Reihen der Opfer in Christchurch war nur Dankbarkeit zu hören und kein einziger Aufruf zur Vergeltung. In Dubai wurde Arderns Konterfei samt Hidschab auf einen Wolkenkratzer gebeamt. Zwei Monate nach dem Massaker setzte Ardern in Paris mit Emmanuel Macron und den Chefs von Facebook und anderen Technologiefirmen den „Christchurch Call“ um, der die Verbreitung terroristischer Inhalte in den sozialen Medien verhindern soll. „Weibliche Führung“ wurde synonym mit mehr Menschlichkeit – und Ardern bricht laut Umfragen alle Beliebtheitsrekorde.


Wahlen im September

Ende vergangenen Jahres stand sie einer weiteren Tragödie in ihrer kurzen Amtszeit gegenüber, als der Vulkan auf Whakaari White Island ausbrach. 21 Menschen kamen ums Leben. Die nächste Hürde, die auf sie wartet, sind die Wahlen im September. Bis dahin dürfte es eine Grenzöffnung zumindest gegenüber dem Nachbarn Australien geben, was den Wintertourismus ankurbelt. Dennoch steht Neuseeland eine massive Rezession bevor, mit einer prognostizierten Arbeitslosenrate bis zu 26 Prozent.

Ardern kürzte ihr eigenes Gehalt um 20 Prozent und schlug die Vier-Tage-Woche vor, um die Folgen der Wirtschaftskrise abzumildern. Ihre Lockdown-Maßnahmen stießen bei Wählern aller Couleur auf Zustimmung: 92 Prozent hielten das strikte Vorgehen gegen die Pandemie gerechtfertigt. Wäre im Februar gewählt worden, hätten 46 Prozent Labour gewählt; bei einer Umfrage Mitte Mai waren es über 56 Prozent – das beste Ergebnis, das je eine Partei im Lande hatte.

Diese Zahlen könnten sich angesichts der ökonomischen Lage bis September jedoch ändern, da die gesundheitliche Gefahr nie wirklich spürbar wurde (bis Anfang Juni gab es ca. 1500 Infizierte und 22 Todesfälle). Am 8. Juni erklärte Ardern ihr Land für vorerst coronafrei. Der Schrecken vom März ist verblasst, der infizierte Rest der Welt weiter weg denn je.

Aber das Präventionsparadox macht Ardern zu schaffen – ihr Lebensgefährte schrieb verteidigend auf Twitter: „Der Rettungswagen am Fuße der Klippe ist leer, weil der Zaun oben gewirkt hat.“ Es gibt bereits gerichtliche Klagen rund um die Legalität des Lockdowns.

Konservative und Neoliberale behaupten, dass der Starkult um die „heilige Jacinda“ verschleiere, wie autoritär ihr Vorgehen gewesen sei. Dass Ardern ihr weltweiter Ruhm jetzt negativ ausgelegt wird, hält Buchautorin Duff jedoch für „albern und sexistisch“ – kein Mann in einer Machtposition müsse sich dafür rechtfertigen. Die Journalistin sieht aber, dass sich die internationale Popularität zuhause nicht genauso fortgesetzt hat. „Es lässt sich nicht leugnen, dass es noch viele Bereiche gibt, in denen die Regierung nachholen muss: Wohnraum, Soziales und indigene Rechte.“

 

Anke Richter berichtet als „südlichstes Mitglied“ des Korrespondenten- Netzwerks Weltreporter seit 2003 aus Neuseeland.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2020, S. 7-9

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