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01. Mai 2019

Der smarte Osten

Von Ayad Al-Ani

Neue Technologien verändern die arabische Welt. Eine gewaltige Heraus
forderung für traditionelle Systeme – und eine Chance für den Westen

In London erschien Anfang der 1990er Jahre weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit ein bemerkenswertes Buch mit dem damals zeitgemäßen programmatischen Titel „Die Zukunft der arabischen Nation“. Darin entwickelte eine Gruppe arabischer Wirtschaftswissenschaftler Szenarien zu der ökonomischen Entwicklung der Region. Im Vordergrund ihrer Betrachtungen standen – analog zur Diskussion über den europäischen Wirtschaftsraum – vor allem die Integration einzelner Nationalökonomien. Ein Szenario war auch das Scheitern dieser Integration. Die Autoren gingen von negativen Wachstumsraten für fast alle Ökonomien in der arabischen Welt aus. Mehr noch: Sie prognostizierten die Desintegration einzelner Nationen aufgrund dieser Schwäche und nannten Syrien, Irak, Libanon und Libyen.

Knapp 30 Jahre später muss man feststellen, dass sich nur die Golf-­Region diesem Szenario weitgehend entziehen konnte, die meisten arabischen Länder aber exakt diese Entwicklung genommen haben – und das Ausmaß an politischer Destabilisierung geht sogar noch über diese Prognosen hinaus. Eine Integration der Ökonomien hat nirgendwo stattgefunden. Obwohl Länder wie der Irak, Libyen und der Libanon als Nationalstaaten weiterexistieren, sind sie de facto geteilte Staaten: Institutionen sind zwar vorhanden, schmiegen sich aber gleichsam in die dünne und zerbrechliche Schale von Nationen, die nach Konfessionen und Stammeskriterien getrennt sind.

Technologien und die Änderungen globaler Wertschöpfungsketten werden die bedrängten arabischen Ökonomien nun weiter verändern. Das bedeutet neue Chancen, es werden aber auch Arbeitsplätze verlorengehen. Globale Plattformen, die Güter und Dienstleistungen vermarkten, werden in die Region vordringen und die Wirtschaften unter Druck setzen. Europa und die arabische Welt sollten enger zusammenarbeiten.

Schnitt: Die Konferenz des ­World Economic Forums für die MENA-­Region im jordanischen Akaba im Mai 2017 war mehr als bemerkenswert. Neben dem glamourösen Auftritt des spanischen Monarchen und des jordanischen Königspaars, das den Thronfolger zum Konferenzleiter ernannte, trat eine Reihe jordanischer Start-ups auf. Sie passten habi­tuell so gar nicht zu den Hoheiten und politischen Repräsentanten und waren offensichtlich etwas eingeschüchtert.

Das gemeinsame Auftreten traditioneller Akteure und Start-ups ­sandte dennoch eine zweifache Botschaft aus: Man deutete an, dass die Digitalisierung Probleme der arabischen Welt lösen könnte. Und: Das traditionelle System würde sich auch in dieser Situation behaupten wollen und den Anschluss oder die Hilfe moderner und neuer Organisationsformen und Akteure suchen.

Thron und Telefon

Ganz neu ist das nicht. So bemerkte schon Karl Kraus Anfang des 20. Jahrhunderts, dass der technologische Fortschritt in Europa zu einer „Symbiose zwischen Thron und Telefon“ geführt hatte und dies durchaus erfolgreich im Sinne der Herrschenden.

Nun strahlt die Digitalisierung gerade für die Länder der arabischen Welt eine ähnliche Faszination aus: Kann man hier nicht endlich brachliegende Ressourcen nutzen? Kann man nicht vielleicht sogar die Trennung der arabischen Ökonomien beziehungsweise die Grenzen der von den Kolonialmächten geschaffenen Nationalstaaten überwinden und ein digital vereinigtes oder zumindest verbundenes Arabien schaffen, das auf vielfältige Weise mit anderen globalen Ökonomien interagiert?

Hoffnung auch an desolaten Orten

Arabische Start-ups haben Bemerkenswertes geschaffen. In fast allen Ländern organisieren sich Akteure, die Beiträge zur Wirtschaft, Gesundheit, Kultur oder Landwirtschaft leisten. Mit neuen Technologien und neuen Organisationsformen lösen sie Probleme ihrer Gemeinschaften, stiften Mut und Hoffnung. Ein vom Auswärtigen Amt gefördertes Projekt zum Thema „Digital Arabia“ brachte in wenigen Tagen etliche Ideen zutage, die fast alle Bereiche der Gesellschaft abdecken.

Die Vorschläge reichten von Abfallrecycling und Smart Cities über die Bekämpfung gefälschter Nachrichten, von digitaler Landwirtschaft bis zu historischen virtuellen Archiven. Eine erste Analyse der arabischen Akteure in fünf Ländern der Region eröffnet den Blick auf eine sehr diverse und lebhafte digitale Community.

Selbst in völlig desolaten Gegenden wie dem kriegsgebeutelten Gaza-Streifen und der ebenfalls isolierten Westbank bemerkte die Weltbank erstaunt das Auftauchen innovativer arabischer Plattformen, etwa im Bereich von Mobilität und Bildung. Hubs wie Gaza Sky Geeks stützen diesen Trend. Sie bieten technologische Arbeitsplätze an, kümmern sich um Finanzierung, Ausbildung und Vermarktung. Plattformen wie die Arbeitsvermittlung Wuzzuf in Ägypten versuchen jene Bereiche abzudecken, die die öffentliche Hand vernachlässigt. Im technologisch affinen Dubai gingen zuletzt sogar ­regionale Plattformen als Konkurrenz internationaler Megaunternehmen an den Start, etwa die Mobilitätsplattform Careem und die Handelsplattform Souq. Ist die Symbiose traditioneller Ökonomien und Gesellschaften mit der digitalen Sphäre also machbar?

Die Stunde der Einzelkämpfer

Jenseits berechtigter Erwartungen sind einige Besonderheiten dieser Entwicklung festzustellen: Viele Akteure sind nach wie vor recht isoliert. Sie versuchen, ihre Ideen in ihren Communities auf sich gestellt voranzubringen. Diese Isolierung mag erstaunlich erscheinen, ist aber mit ihrer geringen staatlichen und kommerziellen Unterstützung und auch mit dem Selbstschutz vor widrigen externen Einflüssen zu erklären. Dazu passt, dass die Diskussion innerhalb der arabischen Welt über die digitale Transformation kaum über das Stadium eines Start-ups hinauszugehen scheint. Schlimmer noch: Es herrscht die Vorstellung vor, diese Veränderungen würden traditionelles Wirtschaften kaum berühren, traditionelle Strukturen und neue Unternehmen könnten also quasi parallel existieren. Die im Westen vor einiger Zeit begonnene Diskussion über die gravierenden Auswirkungen der Digitalisierung auf traditionelle Arbeitsplätze durch Technologien wie Künstliche Intelligenz, Roboter und Plattformen beginnt nur zaghaft in die Region vorzudringen.

Neue Technologien aber werden die bestehenden Industrien und Wirtschaftssysteme in der arabischen Welt massiv verändern. Der Bedarf an Arbeitskräften wird so nicht nur prinzipiell geringer, mehr noch: Auch westliche Unternehmen setzen neue Technologien ein und werden so weniger Zulieferungen aus der arabischen Welt benötigen. Selbst der moderne IT-Sektor in der arabischen Welt kommt unter Druck: Arbeit, die jetzt in Callcentern Nordafrikas für europäische Märkte geleistet wird, wird in absehbarer Zeit durch Chatbots abgewickelt werden. Die „Dematerialisierung“ von Gütern (Software im elektrischen Auto wird wichtiger als der vergleichbar „einfache“ Antrieb) wird auch zu einem geringeren Bedarf an arabischen Zulieferungen etwa in der Autozulieferindustrie führen. Eine Analyse der Internationalen Arbeitsorganisation kam zu dem Schluss, dass allein durch Roboter in den Entwicklungsländern im Zeitraum 2004 bis 2012 insgesamt 14 Prozent der Arbeitsplätze in den relevanten Industrien vernichtet wurden.

Szenarien der Transformation

Ausgehend vom heutigen technologischen Wandel lassen sich einige Szenarien unterschiedlicher Ausprägung ableiten. Da ist die vollständige digitale Transformation, in der wichtige Industrien automatisiert werden und die Bevölkerung anderen Jobs in Politik, Erziehung oder Kultur nachgeht. Sie wird über Grundeinkommen unterstützt, das sich aus den Abgaben der Roboter-Fabrik speist.

Ein zweites Szenario ist in den Golf-Staaten schon Realität, mit einem Unterschied: Noch sind es asiatische Gastarbeiter, die jenen Mehrwert für eine aus Renteneinnahmen versorgte Gesellschaft schaffen, der in Zukunft von Robotern erwirtschaftet werden soll. Dazwischen liegt, drittens, das Szenario der partiellen Digitalisierung: Da die Digitalisierung zumeist in einigen urbanen Zentren und Hubs erfolgreich sein wird, drohen umliegende Regionen zurückzubleiben. Im besten Fall übernehmen in diesem Szenario auf niedrige Einkommensgruppen spezialisierte Plattformen aus China oder dem Westen die Infrastrukturen rund um Wasser, Strom, Mobilität oder künstliche Nahrung. Sie liefern Basisdienstleistungen, um Migration zu unterbinden und den Druck auf die Hubs zu mildern.

Ein weiteres Szenario ist frappierend. So lud der irakische Autor Hassan Blasim weltweit Landsleute ein, Kurzgeschichten über eine Welt einzusenden, die 100 Jahre nach der amerikanischen Invasion spielen sollte. Fast alle zeigen überraschenderweise eine Vision, in der die Iraker ihrem kulturellen und religiösen Leben nachgehen und anscheinend unsichtbar von chinesischen Unternehmen und Plattformen gesteuert werden. Science Fiction? Nun: China hat seine Beziehungen zu vier arabischen Ländern Nordafrikas zu strategischen Partnerschaften heraufgestuft. Und: In der Zeit zwischen 1999 und 2017 wurde das Handelsvolumen Pekings mit den nordafrikanischen Ländern um den Faktor 17 erhöht.

Was zu tun ist

Ganz abgesehen von China: Notwendig wäre eine Diskussion jenseits der üblichen Start-up-Rhetorik. Digitale Impulse müssen für die Transformation der bestehenden Industrie (Textil, Landwirtschaft, Autozulieferer, Bildung und Verwaltung) genutzt werden. Aus Autozulieferern etwa könnten eigene Technologieentwickler gemacht werden, die selbstfahrende Autos, aber auch Dienstleistungen für regionale Mobilitätsplattformen erstellen. Zum anderen muss auch die Diskussion über regionale arabische Plattformen endlich begonnen werden. Erst kürzlich hat etwa Amazon verkündet – nachdem es die regionale arabische Handelsplattform Souq aufgekauft hatte – nun auch direkt in den arabischen Markt einzutreten. Werden traditionelle und neue arabische Unternehmen also in derartige globale Plattformen als Lieferanten integriert? Oder gelingt es, eigene Plattformen aufzubauen, die Daten in ihren Ländern belassen und sie für die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen nutzen können?

Neue digitale Kerne müssen auf andere Industrien ausstrahlen und auch dort eine Transformation ermöglichen. Diese Projekte müssen regionalen Charakter haben. Wenn sich etwa Frankreich und Deutschland bei Agenden zur kostspieligen und komplexen Künstlichen Intelligenz stärker koordinieren wollen, kann nicht erwartet werden, dass eine nationale digitale Strategie für Tunesien oder Jordanien an deren Grenzen stehen bleibt, wenn sie erfolgreich sein will.

Eine Chance auch für den Westen

Indes – viele arabische Länder sind schon mit ihrer gegenwärtigen Situation überfordert und ringen mit einer politischen Transformation. Sind sie in der Lage, eine komplexe Neuausrichtung ihrer Ökonomien und Gesellschaften alleine in den Griff zu bekommen? Dies ist eine Situation, welche die arabische Welt und den Westen enger zusammenbringen könnte. Beide Regionen sind gleichermaßen betroffen, beide Seiten betreten in vielerlei Hinsicht Terra incognita. Die geografische Nähe und die heute schon enge Verzahnung der Märkte verknüpfen die arabische Digitalisierung eng mit der europäischen. Europa befindet sich durch den Brexit, amerikanische Handelsrestriktionen, den Krim-Konflikt und den Antagonismus zwischen China und den USA in einer schwierigen Position. Es sollte den arabischen Wirtschaftsraum stärker in seine Strategien ­integrieren.

Durchaus denkbar wäre ein „digitales Andalusien“. Dort könnten sich europäische und arabische Unternehmen in ihrer Suche nach Lösungen auf Augenhöhe begegnen und gemeinsame Plattformen aufbauen, mit regionalen Produkten und Services bestücken und die Daten regelbasiert verwenden. Dies hätte den Vorteil, einerseits brachliegende arabische Kreativressourcen zu nutzen, andererseits aber auch den Migrationsdruck zu reduzieren. Gleichzeitig würde das europäische Digitalisierungsmodell gegenüber China und den USA gestärkt und global attraktiver.

Die arabische Tech Diaspora, die gerade in Berlin ihre ersten Unternehmen aufbaut, könnte hierbei eine Brückenfunktion übernehmen. Unternehmen wie Gaza Sky Geeks und Careem haben auch in Deutschland Verbindungsbüros und Hubs aufgebaut. Das Digital Arabia Network versucht, die einzelnen Akteure zu vernetzen. Kooperationspartner wären also durchaus vorhanden.
 

Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani ist assoziiertes Mitglied des Einstein Center Digital Future (ECDF), dem Zentrum für Digitalisierungsforschung in Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2019, S. 116-120

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