Titelthema

18. Nov. 2022

Chinas subtile Charme-Offensive

Von Soft Power, Tech und Popkultur

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Bild: Zeichnung eines Alibaba-Lieferanten in Tel Aviv
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In Israel hegen vergleichsweise viele Menschen eine Faszination für China. Laut Umfragen des Pew Research Center haben zwei Drittel der Israelis eine insgesamt positive und wohlwollende Einstellung gegenüber Peking – dieser Wert übertrifft die Stimmungslage in allen anderen westlich orientierten Ländern. Mögliche Erklärungen finden sich in der israelischen und internationalen Presse: Von chinesischen Investitionen in Israel über Hightech-Kooperationen und intelligente Diplomatie bis hin zum chinesischen Einfluss auf die israelischen Medien und zur Popularität von TikTok wurden bereits verschiedene Interpretationen bemüht. Sind die Umfrageergebnisse vielleicht lediglich ein Ausdruck der Bewunderung für die chinesische Tech-Industrie, die chinesische Popkultur und China als Geld­geber? Oder lassen sie Rückschlüsse darauf zu, was Israelis – auch im Hinblick auf kontroverse Themen wie Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit – über das chinesische Wertesystem denken?


Dieser Artikel wirft zunächst einen allgemeinen Blick auf Chinas Image im Ausland und auf die Geschichte der diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen China und Israel. Dabei werden auch verschiedene Faktoren beleuchtet, die in Israel zu einer positiven Wahrnehmung Chinas geführt haben könnten, darunter Wirtschaftsbeziehungen, Sicherheitsbelange, diplomatische Bemühungen und Public Diplomacy sowie (soziale) Medien und Chinas kulturelle Anziehungskraft. Im zweiten Teil werden wir uns mit den Missverständnissen und Unklarheiten befassen, die in Israel mit Blick auf China existieren.


Globale Wahrnehmung Chinas

Es wird oft behauptet, dass die chinesische Soft Power hinter der wirtschaftlichen und neuerdings auch diplomatischen Macht des Landes zurückbleibt. China sei zwar zu einer globalen Supermacht geworden, so die Erzählung, habe es jedoch nicht geschafft, im Ausland ein besonders positives Image aufzubauen. Und tatsächlich ist die Wahrnehmung von China vor allem in liberalen Demokratien eher negativ. Wurde die Volksrepublik einst als riesiges, unterentwickeltes Land und als Produzent billiger Produkte angesehen, so wird sie heute als geopolitischer Konkurrent wahrgenommen, der die westliche Vormachtstellung bedroht. Chinas wirtschaftlicher Aufstieg hat im Ausland nicht zu einer wohlwollenderen Wahrnehmung seiner Werte und kulturellen Erzeugnisse sowie seines politischen und sozialen Systems geführt. Stattdessen mündete der wachsende chinesische Einfluss gerade in westlichen Demokratien stets in neue Wellen der Kritik und der Antipathie und befeuerte die Sorge, dass China das globale System aus den Fugen bringen und eine neue antiliberale Weltordnung schaffen könnte.


Anders verhält es sich jedoch mit Israel, wo das Bild von China ganz erheblich positiver zu sein scheint. Laut Umfragen haben ganze 66 Prozent der Israelis eine insgesamt positive und wohlwollende Einstellung zu China. Ein Wert, mit dem weltweit nur Russland und der Libanon mithalten können. Dem Gefühl der Bedrohung und der Beunruhigung, das mit Blick auf China in vielen anderen westlichen Ländern herrscht, scheint sich Israel also zu entziehen. Kann die chinesische Soft Power durch den Einsatz wirtschaftlicher, diplomatischer, medialer und kultureller Instrumente in Israel anders oder effektiver eine Wirkung erzielen?


Die politische und wirtschaftliche Annäherung zwischen Israel und China hat eine bewegte und wechselhafte Geschichte. Chinas Unterstützung für den Staat Israel beziehungsweise den Zionismus geht bis in das Jahr 1920 zurück, in dem die zionistische Bewegung in Schanghai gegründet wurde. Im Jahr 1947 gehörte China zu den zehn Nationen, die sich bei der historischen Abstimmung der Generalversammlung der Vereinten Nationen über die Aufteilung Palästinas der Stimme enthielten und so der Gründung des Staates Israel den Weg ebneten, da für diese Entscheidung eine Zweidrittelmehrheit erforderlich war. Im Gegenzug war Israel das erste Land des Nahen Ostens, das 1956 die Volksrepublik China anerkannte. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahr 1992 entwickelten sich dann auch erste Kooperationen und Partnerschaften; spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts erkannte China Israel dann als globalen Technologiestandort von entwicklungspolitischer und strategischer Bedeutung an. In Israel entwickelte sich in dieser Zeit wiederum ein Bild von China als alternativem Wirtschafts- und Entwicklungspartner zu den USA oder anderen westlichen Ländern.


Dieser historische Rückblick deutet auf ein bemerkenswertes Phänomen hin: In der israelischen politischen Landschaft gibt es, anders als in Europa und Nordamerika, keine starke antichinesische Lobby. Zwar haben einige Mitglieder der Knesset in der Vergangenheit eine genauere Prüfung des chinesischen Engagements in Israel gefordert. Eine echte antichinesische Lobby, die etwa mit dem Lager von Marco Rubio in den USA vergleichbar wäre, gibt es innerhalb des israelischen politischen Establishments allerdings nicht.


Seit den 1970er Jahren konzentrieren sich Israel und China darauf, Synergien zu identifizieren und das Potenzial ihrer diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen in Bezug auf wirtschaftliche Innovationen zu nutzen. Zwischen 2001 und 2018 hat sich das Volumen des israelisch-chinesischen Handels verzehnfacht. Dazu kommt, dass etwa 50 Prozent der chinesischen Investitionen in Israel in die Infrastruktur flossen, wie zum Beispiel in den neuen Hafen von Haifa. Weniger sichtbar sind derweil die Investitionen in den Hightech-Sektor gestiegen: 50 Prozent der israelischen Exporte nach China sind mittlerweile elektronische Komponenten, die in der chinesischen Produktion verwendet werden. In der Öffentlichkeit wurde die Wirtschaftspartnerschaft der beiden Länder zuletzt folgerichtig als „umfassende Innovationspartnerschaft“ bezeichnet, die beiden Ländern gegenseitige wirtschaftliche Vorteile verschafft.


Dies führt uns zur Perspektive der Verbraucher: Interessant ist hier, dass der chinesische E-Commerce, vertreten durch Unternehmen wie Alibaba, in Israel teilweise erfolgreicher ist als in anderen Ländern. So meldete AliExpress, der Einzelhandelsdienst von Alibaba, dass der israelische Markt trotz seiner geringen Größe international einer seiner größten Abnehmer ist – und erwartet wird, dass die Nachfrage noch steigt. Auch Rami Blachman, Tech-Unternehmer und Experte für den Tech-Sektor in Israel und China, sieht in Israel eine viel größere Offenheit für Geschäfte mit China und sogar eine gewisse Herzlichkeit gegenüber chinesischen Geschäftspartnern: Die Geschichte Israels als Start-up-Nation werde auf dem chinesischen Markt viel mehr geschätzt als in vielen anderen Ländern. Chinesische Produkte und der chinesische Markt scheinen also eine große Anziehungskraft auf israelische Verbraucher und Jungunternehmer auszuüben. Diese allgemeine Atmosphäre prägt natürlich auch die Wahrnehmung von chinesischen Investitionen in Israel: So wurde die Beteiligung von Huawei am israelischen Solarmarkt mit Begeisterung aufgenommen, obwohl die USA versuchten, diesen Schritt zu verhindern, weil sie das Engagement des Konzerns als wichtigstem Sicherheitspartner Israels kritisch sahen.


In Israel selbst scheint die technologische Zusammenarbeit jedoch bis heute recht unkritisch gesehen zu werden, der Sektor ist für das Land ein wichtiger Investitionsbereich. Dies wird auch durch Pew-Umfragen untermauert, die belegen, dass im Jahr 2022 rund 57 Prozent der Israelis eine Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zu Peking unterstützen – trotz anhaltender Debatten über die Menschenrechtssituation in China. Letztere scheinen nur 10 Prozent der Israelis für ein ernstes Problem zu halten.


Chinesische Public Diplomacy

Wie kommt es zu dieser deutlich weniger kritischen Wahrnehmung Chinas in Israel? Ein wichtiger Aspekt ist sicher die öffentliche Diplomatie. So publiziert die chinesische Botschaft in Tel Aviv seit 2008 auf ihrer Website in der Rubrik „Embassy News“ kleine Nachrichtenstücke. Ursprünglich wurden dort hebräische Übersetzungen von Propagandamaterial der Kommunistischen Partei veröffentlicht, von denen einige auf den ersten Blick seltsam und in einem westlichen Kontext nur wenig wirkungsvoll erscheinen mögen (so ein Artikel mit dem Titel „CIA steuerte Tibet-Contras seit 1959“).


Nach Angaben des Middle East Institute hat die chinesische Botschaft ihre Nachrichtenrubrik jedoch kontinuierlich verfeinert, indem sie gezieltere und auf ein israelisches Publikum zugeschnittene Beiträge veröffentlichte. So berichtete die Botschaft beispielsweise über die Aktivitäten ihrer eigenen Beamten in Israel, einschließlich diplomatischer und geschäftlicher Treffen, aber auch über das chinesische Engagement in der ­israelischen Gesellschaft. Botschaftswebsites sind nicht dafür bekannt, dass sie den öffentlichen ­Diskurs maßgeblich beeinflussen, aber die Inhalte und Erzählungen können indirekt in den Diskurs einfließen, wenn Journalisten Informationen von der Website aufgreifen und in ihrer Berichterstattung verwenden.


In ähnlicher Weise wandten sich chinesische Botschaftsmitarbeiter an die israelische Öffentlichkeit: So begann Botschafter Zhan Yongxin im Jahr 2015, Artikel in der führenden englischsprachigen Zeitung zu schreiben, der Jerusalem Post. In seinen Texten versuchte er unter anderem, Bedenken über chinesische Investitionen zu zerstreuen, die in den USA Misstrauen hervorriefen und Israel in eine schwierige Lage brachten. 2018 schaltete sich der Botschafter außerdem durch Videointerviews auch in die hebräischsprachigen Lokalnachrichten und eine Vielzahl von Onlinemedien ein, deren Plattformen ihm einen direkten Zugang zu jüngeren Israelis ermöglichten. Das Narrativ lautete dabei stets: „China möchte den besonderen Beziehungen Israels zu anderen Ländern keinen Schaden zufügen“ und „die Zusammenarbeit mit China bietet Chancen für unsere Unternehmen und Bevölkerungen und sogar für die ganze Welt“.


Botschafter Du Wei, Zhans Nachfolger, und andere chinesische Beamte setzten diese Arbeit im Jahr 2020 fort, wobei sie auch mit einer Reihe von religiösen und säkularen Gruppen aus dem gesamten politischen Spektrum Israels in Kontakt traten. In Medienbeiträgen wie Makor Rishon (einer konservativen hebräischen Zeitung, die mit dem rechten religiösen Zionismus in Verbindung gebracht wird) und Yated Ne’eman (einer hebräischen Zeitung, die der orthodoxen Haredi-Gemeinschaft Israels nahesteht) signalisierte die chinesische Diplomatie ein tiefgreifendes und breit gefächertes Verständnis der israelischen Gesellschaft. Durch diese direkten und vielfältigen Formen der Kommunikation sprach China die israelische Öffentlichkeit auf mehreren Ebenen an. Außerdem wurde das Bild Chinas als wohlwollender Geschäftspartner gezeichnet, der alles tut, um internationale politische Spannungen zu vermeiden.


(Soziale) Medien

Die Arbeit chinesischer Medien in Israel kommt als zusätzlicher prägender Faktor hinzu. So veröffentlichte das chinesische Radio International (CRI) 2009 seine ersten hebräischsprachigen Websites. Das CRI ist Chinas nationaler Auslandssender und umfasst ein Netzwerk von über 14 Kanälen in verschiedenen Ländern, das von der China Media Group kontrolliert wird, die ihrerseits wiederum der Kommunistischen Partei untersteht. Kaum überraschend zeichnet der hebräische Arm des CRI ein positives Bild von China, bietet Nutzern die Möglichkeit, Social-Media-Profile anzulegen, und verspricht eine „chinesische Perspektive auf verschiedene Themen“.


Neben den herkömmlichen Medien ist das CRI auch in den sozialen Medien aktiv: Xi Xiaoqi oder „Chinese Itzik“ ist beispielsweise ein beliebter chinesisch-hebräischsprachiger Influencer, der das israelische Publikum mit lokalen Beiträgen anspricht und gleichzeitig mit positiven Botschaften über China unterhält. Itzik steht offiziell bei der Chinese Media Group unter Vertrag und ist bereits in verschiedenen Fernsehsendungen aufgetreten, außerdem hat er kurze Videos für verschiedene TV-Programme produziert, in denen er auch zu geopolitischen Themen und der chinesischen Kultur Stellung bezieht. So kritisierte er in einem Interview etwa die US-amerikanische Außenpolitik und verteidigte Chinas Regierung. Der Social-Media-Popstar ist ein gutes Beispiel dafür, wie China es geschafft hat, mit lokal verbreiteten und sehr gezielten Botschaften die öffentliche Meinung im Ausland zu beeinflussen.


Neben der wachsenden Präsenz in den Medien investierte China in den 2000er und 2010er Jahren erheblich in den Export chinesischer Kultur nach Israel. Dieser Schritt kann als Teil der chinesischen „Charmeoffensive“ zur Verbesserung des chinesischen Ansehens im Ausland verstanden werden. Im Jahr 2007 eröffnete China sein erstes Konfuzius-Institut an der Universität Tel Aviv. Das zweite folgte 2015 an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Diese Institute werden von einem Ableger des chinesischen Kulturministeriums betrieben und unterliegen damit direkt der politischen Kontrolle der Kommunistischen Partei. Interessanterweise konzentrieren sich die israelischen Konfuzius-Institute jedoch – anders als Dependancen in anderen Ländern – nicht auf die Verbreitung der chinesischen Sprache, sondern legen einen besonderen Schwerpunkt auf die Finanzierung von chinabezogener Forschung, Konferenzen und kulturellen Aktivitäten wie Aufführungen, also etwa chinesische Feste und Feiertage. All diese Aktivitäten zielen darauf ab, das Interesse und das Verständnis für die chinesische Kultur zu fördern.


Neben dem Konfuzius-Institut richtete die chinesische Regierung in Tel Aviv auch ein Kulturzentrum ein. Während die Konfuzius-Institute auf ein akademisches Publikum abzielen, richten sich die chinesischen Kulturzentren an die breite Öffentlichkeit und verbreiten mit Hilfe von Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen ein positives Bild des Landes, von chinesischer Kunst und Kultur. Diese sehr lokalisierte und gezielte Form des kulturellen Engagements zeigt, dass China mittlerweile vermehrt auf Instrumente der sanften Diplomatie setzt, um die israelische Wahrnehmung zu beeinflussen.


Wenngleich die israelische Wahrnehmung Chinas im Vergleich relativ positiv ist, sind die israelisch-chinesischen Beziehungen nicht unproblematisch. Im Gegenteil: Es gibt Hinweise darauf, dass die beiden Länder in einer ganzen Reihe von Themen eher kritisch miteinander umgehen und eine gewisse Skepsis hegen. Und gegenüber dem chinesischen Engagement in Israel gibt es neben viel Wohlwollen ebenfalls Argwohn und Misstrauen. Zudem werden die chinesische (öffentliche) Diplomatie, die strategische Kommunikation und die wirtschaftliche Strategie Pekings nicht immer positiv gesehen. In der internationalen Politik gab und gibt es zwischen China und Israel erhebliche Meinungsverschiedenheiten, die in der israelischen Öffentlichkeit auch sehr ausgiebig besprochen werden. Wie bereits erwähnt, hat das Problem der Handels- und Sicherheitsbeziehungen in der Verteidigung, insbesondere aufgrund der Abhängigkeit von den USA, wiederholt zu negativen Debatten über China geführt. Darüber hinaus wurde Chinas langjährige Unterstützung der palästinensischen Sache in internationalen Foren wie der Generalversammlung der Vereinten Nationen und dem UN-Menschenrechtsrat kritisch gesehen, auch wenn diese politischen Schachzüge von der israelischen Führung routinemäßig als „Witz“ oder als „Zirkus“ abgetan wurden. Zudem wird in Israel das wachsende chinesische Engagement in Westasien – etwa durch Waffen-, Energie- und Infrastrukturgeschäfte – kritisiert. Diese Fragen blieben in Israel jedoch bislang vor allem ein Thema der Eliten und fanden in den Medien kaum Widerhall.


Nicht alle Bemühungen der chinesischen Öffentlichkeitsdiplomatie scheinen also auf fruchtbaren Boden zu fallen – und wie viel Aufmerksamkeit entsprechenden Aktionen in Israel zuteil wird, ist weiterhin von Fall zu Fall höchst unterschiedlich. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass die chinesische Politik, chinesische Angelegenheiten und die israelisch-chinesischen Beziehungen ganz allgemein trotz ihrer wachsenden wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung in den israelischen Medien nur wenig Beachtung finden. Ein Großteil der Berichterstattung über China wird aus europäischen oder amerikanischen Zeitungen übernommen und einfach übersetzt.


Auch chinesische Investitionen und wirtschaftliche Aktivitäten blieben in Israel nicht immer ohne Kritik. So wurde beispielsweise die Übernahme des zweitgrößten israelischen Molkereiunternehmens Tnuva durch das staatliche chinesische Agrar- und Lebensmittelunternehmen Bright Food von Befürchtungen hinsichtlich der Kontrolle und der Abhängigkeit von dem chinesischen Megakonzern begleitet. Ähnliche Bedenken wurden geäußert, als der israelische Versicherungs- und Finanzkonzern Phoenix beinahe von der größten privaten chinesischen Holding Fosun International gekauft worden wäre. Angesichts der drohenden Übernahme rief die Phoenix-Gewerkschaft zu Streiks auf, da der neue Eigentümer angeblich weitergehende Verhandlungen verweigerte. Auch mehrere Analysten äußerten Sicherheitsbedenken, da Phoenix ihrer Meinung nach durch seinen großen Marktanteil ein systemrelevantes Unternehmen sei, dessen Übernahme die nationale Sicherheit beeinträchtigen könnte. Schließlich wurde das Geschäft unter Verweis auf angebliche Korruption von chinesischer Seite abgeblasen, während israelische Insider über eine gescheiterte behördliche Genehmigung berichteten.


Einige israelische Wissenschaftler haben auch auf ein allgemeines Problem hingewiesen, das die Kommunikation zwischen China und der Außenwelt belastet. So argumentiert Wang Yu, dass „chinesische ausländische Eigentümer gut mit Zahlen umgehen können, aber schlecht darin sind, andere Mentalitäten zu verstehen“. Chinesische Investitionen im Ausland scheiterten deshalb oft nicht an wirtschaftlichen Bedenken, sondern an kultureller Skepsis. Und selbst Wissenschaftler, die dem chinesischen Engagement im Ausland positiv gegenüberstehen, wie der Experte für Schifffahrt und Häfen Yigal Maor, der in der Vergangenheit unter anderem die Verpachtung des Hafens von Haifa an chinesische Unternehmen verteidigte, lassen sich mit Aussagen wie diesen zitieren: „Ich stimme zu, dass wir China nicht vollständig verstehen – sie haben dort eine andere Mentalität als wir.“


Die oft angesprochenen (kulturellen) Unterschiede zwischen Israel und China sind für Unternehmen mittlerweile sogar zu einer interessanten Nische geworden: So wurde beispielsweise der „China Israel Innovation Accelerator“ gegründet, um Unterschiede zu überbrücken und es chinesischen wie israelischen Unternehmern zu ermöglichen, auf den jeweiligen Märkten Fuß zu fassen. „In China werden Geschäfte anders gemacht“, sagt Gründer Rami Blachman, der sich selbst als „Tech-Entrepreneur“ bezeichnet und beide Märkte sehr gut kennt. Für ihn besteht die Attraktivität Israels darin, dass es eine Art neues Silicon Valley werden könnte, auch wenn das Land für China in globaler Perspektive gar nicht so wichtig ist. China wiederum hat sich in Israel als ein sehr offener Markt präsentiert, der weder mit hohen Eintrittshürden aufwartet noch ehrgeizige politische Forderungen stellt.
Trotz allem wurde die anfängliche israelische Begeisterung über den chinesischen Markt bis zu einem gewissen Grad von der Realität eingeholt. Viele israelische Technologieunternehmen konnten in China nicht so leicht Fuß fassen wie versprochen – und andersherum sah es genauso aus.


Fazit

Die vergleichsweise positive Wahrnehmung Chi­nas in Israel ist faszinierend, wenn man bedenkt, dass das Misstrauen gegenüber der Volksrepublik zuletzt weltweit eher zugenommen hat. Die Gründe für diese Stimmung im Land sind jedoch vielfältig; dieser Artikel stellt nur einige Aspekte der vielschichtigen und verwobenen Erklärungen dar. China hat in Israel eine ganze Reihe von Soft-Power-Instrumenten effektiv eingesetzt, um seine Entwicklungsagenda voranzutreiben. Dazu gehören gezielte und lokalisierte Formen der öffentlichen Diplomatie in Zusammenarbeit mit Medien. Das Ziel dieser Strategie lag hauptsächlich darin, die wirtschaftliche Rolle Chinas zu bekräftigen sowie Staaten und Akteure zu besänftigen, die eine chinesische Einmischung in Sicherheitsfragen befürchteten. Im Mittelpunkt der Beziehungen standen für China also stets die eigenen wirtschaftlichen Vorteile. China versuchte darüber hinaus, seine kulturelle Anziehungskraft durch die Eröffnung von Konfuzius-Instituten und Kulturzentren sowie durch lokale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder Influencer zu stärken.


Dennoch können auch diese Soft-Power-Instrumente das anhaltende Misstrauen und die Kritik nicht ausgleichen, die in den Diskursen rund um das israelisch-chinesische Verhältnis vorherrschen. Denn trotz der Konzentration auf den wirtschaftlichen Aspekt der Partnerschaft wuchs die Frustration auch in Israel schnell, als sich die wirtschaftlichen Hoffnungen nicht in vollem Umfang verwirklichten. In dieser Hinsicht wird China bis heute nicht als echter alternativer Partner wahrgenommen, der die Beziehungen zu den USA gefährden könnte. Auf die israelische ­Öffentlichkeit – und insbesondere auf ein jüngeres Publikum – scheint die chinesische Soft-­Power-Strategie jedoch weiterhin große Anziehungskraft auszuüben. Sie ist anscheinend so stark, dass wirtschaftliche Interessen sogar Vorrang vor Menschenrechtsbedenken haben können.


Aus dem Englischen von Kai Schnier

 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 07, November 2022, S.38-45

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Maya Rollberg ist Masterstudentin der Environmental Governance und lebt derzeit in Freiburg, wo sie als freie Redakteurin für den Südwest­rundfunk arbeitet. Außerdem ist sie als freiberufliche Moderatorin für Kulturveranstaltungen und politische Diskussionen tätig und engagiert sich als Senatssprecherin der Universität Freiburg und in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Im journalistischen Nachwuchskollektiv „We Talk Freiburg“ hat sie ehrenamtlich Bildungsarbeit zu Erinnerungskultur und Integration geleistet und sich in ihrem Auslandsjahr (Penn State University) mit den Konfliktlinien zwischen Israelis und Palästinenser*innen aus US-Perspektive beschäftigt.

Lukas Wiehler ist Absolvent des Masterprogramms Transnational Governance am European University Institute in Florenz und an der Hertie School of Governance in Berlin. Für seine Masterarbeit beschäftigte er sich mit transnationalen Regulierungsansätzen für Künstliche Intelligenz, zuvor hat er sich u.a. auf die Politik des Nahen Ostens und der Türkei spezialisiert. Parallel arbeitete er als Redakteur im ZDF-Debattenformat „13 Fragen“. Mit Theater- und Kurz- oder Dokumentarfilmprojekten hat er zudem die subkulturelle und freie Szene stets im Blick.