29. Juni 2018

Agil und breitgestreut

Auf dem Weg zu einer europäischen Strategie für Künstliche Intelligenz

Europa hat Chancen, bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz führend zu werden, meinen Paris und Berlin. Es hat die nötige Größe und Vielfalt. Und gerade die Beschränkungen durch den EU-Datenschutz könnten zum Wettbewerbsvorteil werden. Dazu müssten allerdings Start-ups und mittelständische Unternehmen stärker gefördert werden.

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Wie kann eine europäische Strategie für Künstliche Intelligenz aussehen? Eine wichtige Wegmarke hat im März der französische Abgeordnete Cédric Villani gesetzt. Er ist Autor eines parlamentarischen Berichts mit dem Titel „Der Künstlichen Intelligenz Sinn geben“, der in Frankreich lebhafte Diskussionen ausgelöst hat. Villani ist eine markante Persönlichkeit: ein renommierter Mathematiker, der 2010 die Fields-Medaille erhielt, eine der höchsten Auszeichnungen für Mathematiker. In der politischen Landschaft Frankreichs sind Wissenschaftler wie Villani rar. Sein Kleidungsstil und die Begeisterung, mit der er über technologische Themen spricht, haben ihn zum Star gemacht. „Die KI muss ein Thema in der Öffentlichkeit sein, sonst verliert man den Bezug zur Basis“, sagt Cédric Villani immer wieder.

Seine Strategie hat drei Hauptmerkmale. Sie ist europäisch, weil nur Europa die notwendige Diversität und Größe für eine ideale KI-Entwicklung hat. Sie definiert sich als Querschnittsstrategie, d.h. Experten unterschiedlicher Disziplinen, private Unternehmen und Start-ups sollen gemeinsam zur Forschung beitragen. Dafür sollen vereinfachte Verwaltungsvorschriften gelten. Als dritten Punkt nennt Villani, dass die KI-Strategie inklusiv sein muss. Das bedeutet nicht nur, möglichst viele Menschen an der Debatte zu beteiligen, sondern auch für den Schutz der Bürger und für Investitionen in Bildung zu sorgen. Vier Bereiche werden als strategisch wichtig beschrieben: Verkehr, Gesundheit, Verteidigung und Umwelt. Hier sollte der Staat Unterstützung leisten.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit im Bereich der Künstlichen Intelligenz müsse Priorität haben, betont Villani, der während der vergangenen Monate mehrmals in Deutschland war. Beide Länder hätten Spitzenmathematiker und Informatiker, sagte er Anfang März bei einer Rede in der französischen Botschaft in Berlin. „Deutschland fasziniert seine Nachbarn durch die Macht seiner Industrie und seine Fähigkeit, die Zusammenarbeit von ­Forschung und Industrie zu organisieren. Das ist ein Schlüssel für den Erfolg der KI.“ Was Villani allerdings nicht sagte: Die deutsche Industrie wird noch immer von klassischen Produkten – Autos, Chemie, Maschinen – dominiert. Es ist gerade deren Erfolg, der womöglich die Digitalisierung der Wirtschaft bremst, besonders in mittelständischen Unternehmen.

In Frankreich spielt die Industrie keine so führende Rolle wie in Deutschland. Dennoch ist es gelungen, einen sehr dynamischen Modernisierungsprozess in Gang zu bringen. Staatspräsident Emmanuel Macron hat bereits zahlreiche Reformen auf den Weg gebracht. Zugleich wird diskret immer wieder Druck auf die Firmen ausgeübt, in Frankreich zu investieren. Die Gesamtstrategie der öffentlichen Unterstützung für Start-ups trägt langsam Früchte und verändert das Bild, das man sich im Ausland von der digitalen Innovationsfähigkeit Frankreichs macht. 2018 waren bei der Consumer Electronic Show in Las Vegas, der wichtigsten Messe für technologische Innovationen, 270 französische Start-ups vertreten – das größte ausländische Kontingent.

Bei der Entwicklung von KI könnten sich die Stärken der französischen und deutschen Wirtschaft hervorragend ergänzen. Allerdings leiden beide unter der Abwanderung von KI-Experten. „Der Streit um die Talente, der Streit um Fachkräfte wird eine der großen europäischen Herausforderungen sein“, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Mai bei einem Besuch in Porto. Ein Beispiel dafür ist der Franzose Yann LeCun, derzeit Chief AI Scientist für Facebook AI Research (FAIR). Doch nicht alle Experten müssen ihr Land verlassen: Antoine Bordes leitet das AI-Research-Zentrum von Facebook in Paris. Und Google hat angekündigt, ebenfalls in der französischen Hauptstadt ein KI-Labor aufzubauen. Um gegen den Braindrain anzukämpfen, müssen KI-Forscher an europäischen Einrichtungen unbedingt besser bezahlt werden, fordert Villani. Außerdem sollten staatliche Labore exzellente Arbeitsbedingungen bieten.

Deutsch-französisches Forschungsnetzwerk

Nach der zähen Regierungsbildung sind in Berlin die Dinge endlich in Bewegung gekommen. So wird u.a. über den bereits im Koalitionsvertrag enthaltenen Vorschlag diskutiert, ein Deutsch-Französisches Zentrum für Künstliche Intelligenz zu gründen. Das Rad braucht man dafür nicht neu zu erfinden. Die deutschen Bundesländer im Südwesten, die nahe an der Grenze zu Frankreich liegen, verweisen auf bereits bestehende Strukturen, die sie zu einem grenzüberschreitenden Forschungsnetzwerk mit Frankreich ausbauen wollen.

So gibt es in Saarbrücken das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, das 1998 als öffentlich-private Partnerschaft gegründet wurde. Es gilt als das bestdotierte KI-Zentrum der Welt und erhält nicht nur Mittel aus dem Bundeshaushalt, sondern auch von großen Konzernen wie BMW, Volkswagen, Airbus, Bosch, SAP, der Deutschen Telekom, Google, Intel und Microsoft. Ebenfalls unweit der französischen Grenze, in Baden-Württemberg, wurde 2016 das „Cyber Valley“ gegründet, ein weiteres Forschungsnetzwerk für Künstliche Intelligenz. Es stützt sich vor allem auf das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, das über Forschungszentren in Tübingen und ­Stuttgart verfügt. Cyber Valley erhält Ländermittel, arbeitet aber auch mit Bosch, Daimler, Porsche, IAV (Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr), ZF Friedrichs­hafen und dem Internetriesen Amazon zusammen. Es konzentriert sich insbesondere auf autonomes Fahren – ein wichtiges Thema für ein Land wie Deutschland mit seiner großen Abhängigkeit von der Automobilindustrie.

In welchem Bundesland wird das neue Deutsch-Französische Zentrum für Künstliche Intelligenz angesiedelt? Darüber streiten sich derzeit die deutschen Politiker. Dabei müsste man eigentlich eine ganz andere Frage stellen: Ist dieses Zentrum wirklich die beste Antwort auf die Herausforderungen durch KI? Frankreich und Deutschland verfügen doch bereits über herausragende Grundlagenforschung, ohne deswegen aber in der Lage zu sein, marktfähige Innovationen hervorzubringen. Das ist der Grund, warum manche Experten empfehlen, sich nicht nur auf die KI-Forschung, sondern auch auf die Förderung von Start-ups und mittelständischen Unternehmen zu konzentrieren, um die Herausbildung eines wirklich europäischen KI-Ökosystems zu ermöglichen. Dafür setzt sich auch der Wissenschaftler und Abgeordnete Villani ein, der von der Notwendigkeit einer „agilen und breitgestreuten“ Forschung spricht – einer Forschung also, die sich durch größere Marktnähe auszeichnet.

Der Bericht der Beratungsgesellschaft Roland Berger mit dem Titel „Artificial Intelligence – A strategy for European startups“ argumentiert ganz ähnlich. „Nicht die großen Konzerne, sondern die Start-ups sind im Bereich der Künstlichen Intelligenz die Motoren der Innovation. Sie sind es, die Technologien wie Bilderkennung, Sprachverarbeitung und autonomes Fahren entwickelt haben“, schreiben die Autoren. Fast 40 Prozent aller Start-ups, die in der KI tätig sind, befinden sich in den USA. Die Beratungsgesellschaft empfiehlt, einen europäischen Rechtsstatus für Start-ups zu schaffen und Anreize zur Finanzierung der europäischen KI-Start-ups zu schaffen, die bisher über weniger Kapital verfügen als ihre amerikanischen oder chinesischen Wettbewerber. Auch die Stiftung Neue Verantwortung empfiehlt, Strukturen zur Unterstützung von mittelständischen Unternehmen zu schaffen, um ihnen die Umsetzung von KI-Lösungen zu ermöglichen.

Kernfrage Akzeptanz

Genau an dieser Stelle wird die Kernfrage für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in Europa deutlich: Es geht um die Akzeptanz dieser Technologie in der Bevölkerung und in den mittelständischen Unternehmen. Ob man Atomkraft, gentechnisch veränderte Lebensmittel oder, ganz aktuell, die Dieselmotoren nimmt: Keine Technologie kann sich durchsetzen, die von einem großen Teil der Bevölkerung dauerhaft abgelehnt wird. KI fasziniert die breite Öffentlichkeit nicht nur, sondern ängstigt sie auch. Das liegt an den ethischen Fragen, die KI aufwirft, aber auch an den Katastrophenszenarien über die Vernichtung von Abertausenden von Arbeitsplätzen, die die Debatte bislang geprägt haben.

Mittelständische Unternehmen wiederum sorgen sich, dass sie vom technologischen Fortschritt insbesondere bei der Datenverarbeitung abgehängt werden. Auch diese Befürchtungen bedürften einer europäischen Antwort. Die EU-Datenschutzverordnung, die am 25. Mai in Kraft getreten ist, ist ein wichtiger Meilenstein. Sie ermöglicht es Europa, sich gegenüber seinen Konkurrenten als eine Region zu profilieren, in der die Technologie das Privatleben respektiert. Das ist auch eine Schutzgarantie für die Bürger.

Die ethische Dimension trägt zur Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit Europas bei. Vor allem in den USA gibt es zahlreiche KI-Forscher, die sich beunruhigt über den Umgang mit persönlichen Daten gezeigt haben. In Europa ist man davon überzeugt, dass es in den meisten Fällen völlig ausreicht, anonymisierte Datensätze zu verwenden und auf diese Weise den Datenschutz nicht zu gefährden. Das ist nicht nur für die Bürger beruhigend, sondern auch für die Unternehmen. Diese können sicher sein, dass sie Daten verwenden dürfen, ohne dass sie Abstriche bei ihren Ansprüchen an Qualität und den Schutz ihrer Kunden und Geschäftspartner machen müssen. Auf diese Weise können sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Ökosystems der Künstlichen Intelligenz werden.

Denn ohne Daten nutzt der beste Algorithmus nichts – und nur diejenigen Unternehmen, die wissen, wie man Daten sammelt und auswertet, sie aber auch schützt, können großen Nutzen daraus ziehen. Die europäischen Werte Sicherheit und Schutz der Menschen müssen gemeinsam nur nachdrücklich genug verteidigt werden. Dann können sie zu einer Grundlage werden, um Künstliche Intelligenz „Made in Europe“ wettbewerbsfähig zu machen.

Cécile Boutelet berichtet seit 2010 als Wirtschaftskorrespondentin für die französische Tageszeitung Le Monde aus Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli-August 2018, S. 32 - 35

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