01. Juli 2019

Ab ans Kap

Südafrika lockt mit spektakulärer Natur, exzellenten Weinen und szenigen Großstädten. Dennoch hinkt das Tourismuswachstum im globalen Vergleich hinterher. Nun will man die strikten Einreisebestimmungen lockern und um mehr Gäste werben. Wie gelingt das, wenn das Land zugleich mit Kriminalität und Wasserknappheit zu kämpfen hat?

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Elefanten und Giraffen vor atemberaubenden Sonnenuntergängen in der Savanne, die spektakulären Drakensberge, Dinner zwischen Reben auf malerischen Weingütern, die Kap-Halbinsel im gleißenden Sonnenlicht oder Durbans Sandstrände – der Name Südafrika beschwört eine ganze Reihe von Urlaubs­träumen herauf.

Kein Wunder, dass die Vielfalt des Landes an der Südspitze des afrikanischen Kontinents immer mehr Besucherinnen und Besucher anzieht: Im vergangenen Jahr wuchs der Tourismus mit 2,4 Prozent kräftiger als die Gesamtwirtschaft, zu der der Sektor 3 Prozent beiträgt. Insgesamt beziffern manche Schätzungen den Beschäftigtenanteil im Tourismussektor auf über 10 Prozent aller Erwerbstätigen des Landes.

Besonders deutsche Reisende entdeckten das Land in den vergangenen Jahren für sich. 2017 verzeichnete Südafrika mit 349 200 Gästen einen Besucherrekord aus Deutschland; 2018 ging die Zahl nur leicht auf 341 900 Ankünfte zurück. South ­African Airways bietet täglich 550 Plätze aus Deutschland an. Während die Flüge über Weihnachten mehr als ausgelastet sind, bleiben im Sommer viele Plätze leer – dabei gelten die europäischen Sommer- bzw. süd­afrikanischen Wintermonate als beste Zeit zur Wildtierbeobachtung.

Nachdem die erste Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden 2010 Südafrikas Tourismus einen kräftigen Schub versetzte, brachen die Besucherzahlen infolge der westafrikanischen Ebola-Krise 2014 und 2015 wie auf dem gesamten Kontinent ein, wovon sich Südafrika allerdings rasch erholen konnte. Insgesamt zählte das Land 2017 bereits wieder mehr als zehn Millionen ausländischer Gäste, die im Schnitt 835 Euro für ihren Urlaub ausgaben. Die meisten Ankünfte verzeichnete das Land dabei aus den Nachbarländern. Die USA brachten die meisten Besucher aus Übersee, gefolgt von England, Deutschland und den Niederlanden. Selbst zu verreisen ist für viele Südafrikaner jedoch keine Option. Auch wenn die Zahl der inländischen Übernachtungsgäste 2017 leicht auf 44,4 Millionen anstieg, führt die hohe Arbeitslosigkeit dazu, dass ein Drittel der Südafrikaner sich keinen Urlaub leisten kann.


Chinesen als Zielgruppe

Dank der internationalen Touristen ist Südafrika nach Marokko das meist­besuchte Land des Kontinents. Dem globalen Wachstum des Tourismus von rund 7 Prozent hinkt es allerdings hinterher. Schuld daran sind unter anderem die strikten Einreiseregeln. Um Entführungen und Menschenhandel entgegenzuwirken, wurde bisher Eltern, die nicht Geburtsurkunden, Pässe und eine Vielzahl weiterer offizieller Dokumente für ihre Kinder bei sich trugen, die Einreise verweigert. Laut Angaben des Tourism Business Council of South Africa konnten mehr als 13 000 Touristen zwischen Juni 2015 und Juni 2016 ihre Flüge nicht antreten, weil Dokumente fehlten.

Präsident Cyril Ramaphosa kündigte im Februar eine Liberalisierung der Einreisebestimmungen an, weil auch der Tourismus dazu beitragen soll, die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. So soll die Geburtsurkundenregelung gelockert und vor allem mit Blick nach Asien durch vereinfachte Bestimmungen um neue Besucher geworben werden. Niemand gibt weltweit mehr Geld für Reisen aus als die Chinesen, die bisher um Südafrika jedoch einen Bogen machen, weil sie nur mit erheblichem Aufwand ein Touristenvisum erhalten können. Nun nimmt man sich ein Beispiel an Nordafrika: Als Marokko 2016 die Visabestimmungen lockerte, katapultierte die Zahl der chinesischen Touristen das Land an die Tourismus-Spitze des Kontinents.

Bisher mussten Chinesen, die nach Südafrika reisen wollen, zunächst persönlich bei einer südafrikanischen Vertretung erscheinen; nun sollen Visa­anträge auch per Kurier eingereicht werden können. Reisende aus 19 Ländern, darunter den Golfstaaten, müssen künftig überhaupt keine Visa mehr beantragen. Zugleich sollen für Geschäftsleute Visa angeboten werden, die über ­einen längeren Zeitraum die flexible Ein- und Ausreise ermöglichen. Viele dieser Änderungen sind allerdings schon seit Jahren im Gespräch – ob und wie schnell sie nun umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Neben Touristen aus Asien sollen weitere Besuchergruppen gezielt umworben werden. Südafrika ist bei den Millennials schwer im Trend – gerade in Kapstadt treten sich die „Influencer“ und „Instagramer“ bereits gegenseitig auf die Füße. Auch die Zahl der über 55-Jährigen steigt stetig; nun will man auch die mittleren Jahrgänge ins Land locken.

Ein Besucherhemmnis ist jedoch die hohe Kriminalität. Südafrika findet sich in beinahe jeder weltweiten Verbrechensstatistik auf den vorderen Plätzen wieder. 57 Morde und 109 Vergewaltigungen wurden 2018 pro Tag gemeldet; dazu kommen unzählige Raubüberfälle und Autodiebstähle. Besonders betroffen sind Großstädte wie Johannesburg, Pretoria, Durban, Port Elizabeth und Kapstadt sowie deren Randgebiete. Immer wieder machen Berichte über bewaffnete Raubüberfälle die Runde, bei denen verletzte oder gar tote Touristen zu beklagen sind. Das Auswärtige Amt rät, Innenstädte nach Anbruch der Dunkelheit zu meiden und auch am Tag Wertsachen nicht offen zur Schau zu stellen.

Hinzu kam im vergangenen Jahr die Furcht, dass der Touristenhochburg Kapstadt das Wasser ausgehen könne. Heute ist die Wasserkrise überwunden, sie ist in der Hotelindustrie der Stadt allerdings noch immer deutlich zu spüren. Nachdem sich die Nachricht von Kapstadts Wassernot verbreitet hatte, gingen die Buchungen schlagartig zurück. Viele Hoteliers ergriffen auf eigene Initiative Maßnahmen, um sich vom Staat unabhängig zu machen: Brunnenlöcher wurden gebohrt, Wassertanks gekauft, Rasenflächen durch Kieselsteine ersetzt, und Schmutzwasser wird nun recycelt und in den Zimmerduschen aufgefangen, um damit den Boden zu wischen. Das Westin-Hotel in der Nähe des Hafens begann sogar mit dem Bau einer eigenen Meerwasserentsalzungsanlage.


Tafelberg und Townships

Trotz aller Probleme kommen die Touristen. Vor allem Kapstadt und die Provinz Westkap mit der berühmten Garden Route sowie dem Tafelberg sind bei deutschen Touristen beliebt – so sehr, dass einige Kultviertel wie Bo-Kaap bereits mit Gentrifizierung und explodierenden Immobilienpreisen zu kämpfen haben. Auch Safaris im Krüger-Nationalpark im Nordosten des Landes sind bei den Besuchern sehr beliebt. Als weitere Höhepunkte Südafrikas gelten die Ausgrabungsstätten Sterkfontein und Kromdraai, seit 1999 UNESCO-Weltkultur­erbe, die Weinregion um Stellenbosch, das Blütenparadies Namaqualand, die Wild Coast im Osten des Landes und Johannesburg mit dem Witwatersrand.

Eine fragwürdige „Sehenswürdigkeit“ sind die Townships, in denen zahlreiche Besuchertouren angeboten werden. Die Townships entstanden im Zuge der Apartheidpolitik als Wohnsiedlungen für die schwarze, farbige und indischstämmige Bevölkerung. Viele Townships haben eine extrem hohe Bevölkerungsdichte und längst das Ausmaß großer Städte erreicht, während es häufig an Infrastruktur wie befestigten Straßen, sanitären Anlagen und fließendem Wasser fehlt.

Auch wenn sich die Situation in manchen Townships durch zahlreiche Ini­tiativen seit dem Ende der Apartheid verbessert hat, werden viele dieser Siedlungen noch immer von Kriminalität und Armut beherrscht. Die bekannteste Township ist Soweto in Johannesburg, die mittlerweile eine lebhafte Künstlerszene beheimatet. Zahlreiche Denkmäler und Museen, die an die Apartheid erinnern – etwa Nelson Mandelas Wohnhaus – können hier bei ­diversen Touren besichtigt werden. Allzu häufig haben diese Township-Touren jedoch den Charakter von Armuts­tourismus: Kleine Gruppen meist weißer Besucher werden durch die Wellblechhütten der am Existenzminimum lebenden Bevölkerung geführt und dringen mit Kameras und entsetzten Gesichtern in die Privatsphäre anderer Menschen ein, die diese aus ihrer Not heraus aufgeben.


Apartheid geht weiter: weiße Manager, schwarzes Personal

Dabei muss man als Tourist nicht durch eine Wellblechsiedlung laufen, um zu bemerken, dass Südafrika noch immer mit den Folgen der Apartheid in Form von gravierender Ungleichheit, Rassismus und Armut zu kämpfen hat. Nach wie vor sind die Siedlungen der großen Städte weitestgehend nach Hautfarbe getrennt, in vielen alltäglichen Situationen werden noch immer Stereotype reproduziert. Auch in Hotels ist das Service- oder Reinigungspersonal überwiegend schwarz, während im Management häufig weiße Südafrikaner arbeiten.

Tatsächlich hat die südafrikanische Regierung bereits 2002 Richtlinien für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung erarbeitet, in der die gesamte Bevölkerung besser berücksichtigt werden soll. Lokale Organisationen versuchen seither, vor allem die ländliche Bevölkerung in das Safari-Geschäft einzubeziehen. So schloss in diesem Jahr der Krüger-Nationalpark mit den angrenzenden privaten Reservaten und Gemeinden einen Kooperationsvertrag ab, durch den geregelt werden soll, dass Safari-Lodges und Reiseveranstalter etwa durch den Kauf regionaler Produkte engere Verbindungen mit lokalen Gemeinden eingehen. Auch soll Wasser im Park gespart und Plastikmüll reduziert werden.

Erklärtes Ziel von Staatspräsident Cyril Ramaphosa ist es, die Zahl der Touristen bis 2030 zu verdoppeln. Wenn man bedenkt, dass der Kapstädter Flughafen noch vor 20 Jahren von einer internationalen Anbindung weit entfernt war und Südafrika als politischer Problemfall und gefährliches Reiseziel galt, dann hat das Land, das heute in jedem größeren Reisekatalog vertreten ist, bereits einen weiten Weg hinter sich. Ob es Südafrikas Tourismussektor nun gelingt, die Versäumnisse der Regierung Zuma wettzumachen und im internationalen Vergleich aufzuholen, bleibt abzuwarten – ebenso, ob dies auf eine Weise vollzogen werden kann, die die Ressourcen des Landes schont und alle Bevölkerungsgruppen ungeachtet ihrer Hautfarbe einbezieht.

Katharina Wilhelm ist Doktorandin am Institut für Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt und arbeitet als Journalistin u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 02, Juli - Oktober 2019, S. 60-63

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