01. November 2021

Schwarz, weiß oder dazwischen?

Das Judentum gibt es in allen Farben, denn Vielfalt ist ein Merkmal jüdischer Identitätspolitik.

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Bild: Zeichnung eines farbigen orthodoxen Juden
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Identitätspolitische Debatten über das „Problem jüdischer Identität“ oder die „Identitätskrise Israels“ verlieren immer mehr jüdische Zuhörerinnen und Zuhörer, ihr Ton dagegen hat sich verschärft: Im internationalen Politikfeld wird Jüdisch-Sein verstärkt als hegemoniales „white privilege“ wahrgenommen. Jüdinnen und Juden werden pauschal zu Mitgliedern der „white supremacy“ erklärt und für die Unterdrückung diverser Gruppen in Geschichte und Gegenwart verantwortlich gemacht. Dementgegen nimmt man innerhalb jüdischer Identitätspolitik verstärkt begriffliche Differenzierungen zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Jüdinnen und Juden vor, um die Pluralität jüdischer Lebenssituationen, einschließlich politischer Positionen, zu betonen.


Diese Reaktion provoziert ein Paradox: Jüdische Identitätspolitik zeigt sich zunehmend von eben dem Schwarz-Weiß-Denken eingenommen, gegen das sie sich zu wehren sucht. Je mehr sie sich um die Integration jüdischer Identitäten in eine globale Gemeinschaft bemüht, desto stärker erscheinen optische, geschlechtliche, religiöse oder soziale Differenzen als Charakteristika von „Minderheiten“, deren Identität eine „Mehrheit“ erst als jüdisch anerkennen muss. Das verstärkt nicht nur antisemitische und antizionistische Ressentiments gegenüber einem vermeintlich autoritären Judentum. Es vernachlässigt zudem einen der wesentlichsten Aspekte jüdischer Kultur: Vielfalt kommt zur jüdischen Tradition nicht hinzu, sondern ist ihr inhärent.


Dabei geht es gerade nicht darum, Jüdinnen und Juden ein „überkomplexes“ Selbstverständnis zu unterstellen. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Deutungen gemeinsamer Identitätsmerkmale betont werden. Der israelische Schriftsteller Amos Oz formulierte einst dazu: „Wir Juden können Sätze nicht leiden, die mit ‚Wir Juden‘ beginnen.“ Eine allgemeingültige Definition von Diversität kann sich am jüdischen Diversitätsverständnis orientieren, weil es Ausdruck eines im Judentum gemeinschaftlich kultivierten Bewusstseins für identitätsmäßige Vielfalt ist.


Dass sich letztlich keine Identität auf eine einzige Zuschreibung reduzieren lässt, machen vor allem die lauter werdenden Stimmen schwarzer jüdischer Menschen in den USA, Deutschland und Israel deutlich. Sie plädieren dafür, dass sich (jüdische) Identitätspolitik wissenschaftlich, politisch, kulturell und gesellschaftlich von einem Denken emanzipiert, das Menschen angesichts ihrer individuellen Identität(en) klassifizieren will.
Im Juni veröffentlichte das American Jewish Committee unter dem Motto „Faces of American Jewry“ eine Aussage von Narda Alcorn: „Jüdisch in Amerika zu sein, erfüllt mich mit Freude und Stolz, obgleich ich immer wieder auf Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft treffe, die meine Authentizität hinterfragen. Ich bin schwarz, queer, verheiratet mit einer weißen jüdischen Frau und Elternteil von zwei adoptierten schwarzen, jüdischen Kindern. Dennoch wurde mir gesagt, dass ich als Schwarze niemals richtig jüdisch sein kann.“


Die ebenfalls schwarze jüdische Soziologin Katya Gibel Mevorach führt im Anschluss an die Anthropologin Karen Brodkin innerjüdische Diskriminierung auf ein Argument zurück, das die jüdischen Selbstwahrnehmungen unterwandert hat: Demnach gibt es „Jüd*innen, die weiß sind, aber es gibt andere Menschen, die jüdisch sind, aber nicht weiß wie der Rest“. Jenes „aber“ suggeriert entweder jüdisch oder anders, schwarz zu sein, worüber der stereotypische weiße, osteuropäische Jude entscheidet, der sich für den Erhalt des Judentums allein verantwortlich fühlt. Um den unterschiedlichen jüdischen Identitäten gerecht zu werden, fordert Mevorach, die „intellektuelle Faulheit“ gegenüber Integrationserfahrungen aufzugeben: Kulturell verankerter Rassismus beeinflusst unweigerlich die gesellschaftliche Entwicklung, weil er vergisst, dass Weiß-Sein keine Naturtatsache, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt ist. Jüdinnen und Juden in der Diaspora stehen deshalb vor der Aufgabe, sich von identitätspolitischen Mythen zu lösen: Parolen wie „We are all Americans“ führen zu einer einseitigen Fokussierung auf Dialoge zwischen Jüdinnen und Juden und Schwarzen, die ihre Individualität der amerikanischen „Über-Identität“ unterordnen. Das Buzzword der Black-Jewish-Relations suggeriert, dass es sich bei Juden um eine einheitliche Gruppe ethnisch weißer Amerikaner handelt, denen schwarze Amerikaner gegenüberstehen. Die Komplexität der Realität wird folglich zugunsten des amerikanischen Traums ignoriert.


Doch können Ideale wie Chancengleichheit nicht verwirklicht werden, solange „die amerikanische Perspektive“ die Menschen nicht sieht, wie sie tatsächlich sind: nicht kategorisch gleich, sondern individuell verschieden. Mevorach plädiert dafür, jüdische Identitätskonzepte aus Identität simplifizierenden weißen Ethnizitätsdiskursen zu lösen, weil „Diskriminierung nachhaltig zu überwinden vorausetzt, nicht länger an diskriminierenden Denkstrukturen festzuhalten“. Ihrer Meinung nach muss jüdische Identitätspolitik zu substanzielleren Debatten übergehen, die thematisieren, wie sich jüdische Werte definieren und was es bedeutet, sich über sie zu identifizieren.


Notwendige Einstellungsänderung

Solche Überlegungen sind aufwendiger als bloße Beschreibungen einer pluralen Realität, die religiöse und säkulare jüdische Lebensweisen vergleicht. Um der Diversität jüdischer Identitätsvorstellungen gerecht zu werden und gleichzeitig Judentum vor ideologischer Vereinnahmung zu schützen, muss identitätspolitischen Überlegungen eine Einstellungsänderung vorausgehen. Letztere wird von dem Philosophen Lewis Gordon im Kontext des „Black Existentialism“ als „Dekolonialisierung des Denkens“ bezeichnet: „Schwarz zu sein, bedeutet nicht automatisch, schwarz zu denken, obgleich die Einsicht mit meiner Identität als Schwarzer und Jude zu tun hat.“


So hängen individuelle Einsichten zwar mit der eigenen Herkunft zusammen. Allerdings ändert Individualität nichts daran, dass menschlichem Erkennen Grenzen gesetzt sind. Sich im Sinne Kants an die Stelle anderer denken zu können, legitimiert nicht dazu, für sie zu sprechen. Kritisches Denken hinterfragt vielmehr die Selbstwahrnehmung. Folgt man der Philosophie Gordons, müsste eine dekolonialisierte Identitätspolitik Leitkulturen kritisieren, die objektiv und allgemeingültig sein wollen. Ebenso lehnt er ein partikulares Selbstverständnis ab, das seine Authentizität ausschließlich aus persönlicher Erfahrung ableitet. Wäre Judentum beispielsweise so einseitig, wie fundamentalistische oder nationalistische Jüd*innen es auslegen, hätte es die heutige Vielfalt jüdischer Selbstverständnisse nie gegeben. Die Dekolonialisierung jüdischer Identitätspolitik meint eine Rückbesinnung auf die Partikularität des Judentums. Weltliche Pluralität wurde in die jüdische Tradition integriert und nicht umgekehrt die Welt jüdischen Wahrheitsvorstellungen angepasst beziehungsweise andere Religionskulturen missioniert. Diese Tatsache ist auch für die israelische Identitätspolitik von struktureller Relevanz.


Einerseits ist Israel Sinnbild jüdischer Diversität, die sich aus den Traditionen der osteuropäischen (Aschkenazim), arabischen (Misrachim) und afrikanischen (Beta Israel) Juden zusammensetzt. Andererseits erfahren die Beta Israel seit ihrer Rückkehr nach Israel massive Diskriminierung. Sie begann bei der angeblich notwendigen Anerkennung ihrer jüdischen Identität durch das Oberrabbinat, die erst 1977 abgeschlossen wurde. Die rabbinischen Vertreter der Aschkenazim und Misrachim sahen sich dazu bestimmt, den „schwarzen“ Juden zu bestätigen, wer sie sind: der „verlorene“ Stamm Dans. Jüngst hinzugekommen ist die politische Instrumentalisierung ihrer sozial prekären Situation: Äthiopischen Einwander*innen wird subventionierter Wohnraum im Westjordanland angeboten, was zugleich helfen soll, die internationale Kritik am Ausbau der Siedlungsprojekte zu entkräften. Der Verweis auf Juden, die „schwarz und bedürftig“ sind, dient dazu, BDS-Kampagnen (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) entgegenzuwirken, welche die jüdische Bevölkerung zu „weißen, reichen Unterdrückern“ der palästinensischen „People of Color“ stilisieren. Natürlich geht die Idee nicht auf, rassistisch gefärbten Antizionismus und Anti­semitismus mit rassistisch gefärbtem Zionismus zu bekämpfen. Seit 2015 häufen sich Proteste äthiopischer Juden, die sich mit der Black-Lives-­Matter-Bewegung solidarisieren. Sie postulieren: „Wir werden die schwarze Person nicht länger die arme, unterdrückte Person sein lassen.“


Selbst ernsthafte Bemühungen um die Verbesserung der Situation äthiopischer Jüdinnen und Juden scheinen nicht ohne vereinseitigende Gegenüberstellungen auszukommen. Mehereta Baruch Ron, ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Tel Aviv und als erste äthiopische Jüdin in das Amt gewählt, sagt dazu: „Ich betrachte die Traditionsgeschichte der Beta Israel als ein weiteres Zeugnis jüdisch diasporischer Erfahrung. Ihre Einzigartigkeit sollte nicht dazu verwendet werden, die Differenzen zwischen den verschiedenen jüdischen Strömungen zu verhärten.“ Ihre Aussage zielt auf wissenschaftliche Bemühungen, die Originalität äthiopischer Traditionsauslegungen jüdischer Schriften gegenüber dem Traditionsverständnis osteuropäischer Juden nachzuweisen, was die „Authentizität“ letzterer infrage stellt. Äthiopische Juden werden dadurch unmerklich zu Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Elite erklärt, welche die Vorstellungen einer Hierarchie jüdischer Ethnizität bestätigt. Baruch Ron fügt hinzu: „Die Beta Israel wollten niemals zu anderen jüdischen Gruppen in Konkurrenz treten. Wir gehören zur jüdischen Gemeinschaft dazu und wollen nicht mehr wie „Falasha“ (Fremde) in unserem eigenen Land behandelt werden.“


Jüdische Diversität ist mehr als Hautfarben

Jüdische Diversität konkurrenzhaft, hierarchisch auszulegen, führt im öffentlichen israelischen Diskurs dazu, Übergriffe auf äthiopische Juden als Folge der „De-Orientalisierung“ zu bewerten: Das gewalttätige Verhalten überwiegend misrachischer Polizist*innen wird dadurch „entschuldigt“, dass sich die arabischstämmigen Juden zu sehr dem „westlichen weißen Autoritarismus“ der Aschkenasim angepasst hätten. Jenes Argument bestärkt eine rassistische Definition jüdischer Identität: Es wird so getan, als ob „jüdische Diversität“ sich nur auf Hautfarben bezieht und nicht auf denkende Menschen. Trotz allem bleibt Israel auch der äthiopisch-­jüdische Traum. Dazu Pnina Tamano-Shata, die erste äthiopische Jüdin, die in das israelische Parlament gewählt wurde und seit 2020 Ministerin für Einwanderung und Integration ist: „Wenn ich meine Liebe zum Land allein von den Rassisten abhängig mache, dann würden sie gewinnen und ich, samt der restlichen israelischen Gesellschaft, verlieren.“ Die Gefahr besteht darin, Zionismus einseitig im Rahmen gesellschaftlicher Ausgrenzung und sicherheitspolitischer Abgrenzung misszuverstehen. Der „Juden-Staat“ sollte stattdessen als ein Schutzraum „jüdischer Diversität“ betrachtet werden, der die Chance zur Entfaltung unterschiedlicher jüdischer Kulturen bietet, während es gleichzeitig darum geht, eine gemeinsame Stimme zu finden, die mit Nationen und Kulturen in Dialog tritt.


Um die Vision „Israel“ zu verwirklichen, reicht es nicht aus, auf Anfeindungen israe­lisch-jüdischer Identität mit der ­vermeintlich „positiven“ Diskriminierung israelischer Be­völkerungs­gruppen zu reagieren. Man kann das gesellschaftlich Verbindende nicht auf eine gruppenspezifische Erfahrung reduzieren und muss ein gemeinsames Interesse an Emanzipation von Ideologien entwickeln. Demnach darf die Wirkung von Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus und Nationalismus auf die israelische Staatsgeschichte und Gesellschaft nicht länger unterschätzt werden. Jüdisch zu sein schützt nicht davor, ideologisch zu denken. „Jüdisches Denken“ besitzt jedoch das Potenzial, sich traditionsgemäß gerade nicht an Ideologie, sondern an Vielfalt zu orientieren.


„Aufzuzeigen, dass es Judentum in allen Farben gibt, wird eine starke Wirkung auf das jüdische Volk und den Rest der Welt haben“, sagt Nissim Black, orthodoxer Jude und Rapper afroamerikanischer Herkunft. Mit seiner Musik will er eine Stimme für schwarze Jüdinnen und Juden sein und Diskussionen anregen, inwieweit schwarze Kulturen zum Judentum gehören: „Jüdischkeit heißt für mich zweierlei: Erstens kann ich in allem, wie ich bin und was ich tue, sehr selbstbewusst sein, weil ich eine enge Beziehung zum Ewigen habe.“ Die vielen Regeln jüdischer Orthodoxie betrachtet Black nicht als Vorschriften, sondern als „Liebesbeweise“, die er „als Ausdruck einer guten Beziehung zu sich selbst und zu Gott erbringen darf“. „Zweitens geht es um das Bewusstsein, dass Kulturen sich unweigerlich gegenseitig beeinflussen.“ Die verschiedenen jüdischen Identitätsvorstellungen resultieren aus einer Traditionsentwicklung, die andere Lebensweisen ernst nimmt und deshalb mit ihnen in Beziehung tritt.


Zu klären bleibt, wie sich die grundsätzliche Weltoffenheit des Judentums mit autoritären Positionen mancher Juden verträgt. Auf die Frage, was Judentum in Deutschland ausmacht, antwortet Artur Abramovych, Vorsitzender der Juden in der AfD, dass deutsches Judentum heute postsowjetisches Judentum sei: „Begriffe wie jüdische Diversität nutze ich nicht. Es gibt Juden, die das Judentum befolgen, solche, die es nicht tun, und dazwischen unzählige Abstufungen.“


Streitbar ist, was er mit „das Judentum“ meint: Jüdische AfDler betrachten sich als generische Deutsche oder integrierte deutsche Jüdinnen und Juden, die auf einem anderen religiösen Hintergrund dieselben „jüdisch-christlichen“ Werte teilen. So nutzt die AfD das Prinzip der „racecraft“: Demnach wird die kollektive „Fantasie einer Rasse“, getarnt als Volksgemeinschaft, durch praktizierten Rassismus erzeugt. Die Wertschätzung integrationswilliger Minderheiten legitimiert dann die Diskriminierung all jener, die sich gegen die identitäre Vereinnahmung sperren. Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie scheinen in der AfD verschwunden, da das „Deutsch-Sein“ das Jüdisch-, Queer- oder Farbig-Sein als primäre Identität verdrängt.


Die Gründe, warum sich manche Juden dennoch solch extremistischen Bewegungen anschließen, sind vielfältig. Natürlich wäre es ebenso ideologisch, von „den Juden“ eine unfehlbare Moral zu erwarten. Doch auch eine selbst­bestimmte jüdische Identität schützt nicht vor fatalen Fehleinschätzungen, wie jüdische AfDler sie begehen. Deshalb fordern linke jüdische Aktivistinnen wie der Lyriker Max Czollek „radikale Desintegration“. Ideologische „Gedankentheater“ sollen durch „radikale Vielfalt“ überwunden werden. In einem Tweet kritisiert er 2021 das fehlende Bewusstsein für die postmigrantische Realität und die Hybridität von Gesellschaft: „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland bedeuten, dass Juden hier länger leben als die allermeisten Deutschen. Man könnte also auch 1700 Jahre Migration nach Judistan feiern.“


Auf öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen wie den internationalen Tagen der jüdisch-muslimischen Leitkultur 2020 am Maxim-Gorki-Theater Berlin konfrontiert er mit anderen Kunstschaffenden das Publikum durch Überstilisierung klischeehafter Identitätsvorstellungen mit den eigenen Vorurteilen. Allerdings auf Kosten einer fraglichen Selbstkonfrontation: Die Darstellerinnen und Darsteller fügen sich selbst Diskriminierungserfahrungen zu, die ihnen bisher nur von anderen angetan wurden, und werten jene positiv um. Identitätsmerkmale wie Jüdisch-, Schwarz- oder Queer-Sein sollen identitätsmäßige Gruppen ausbilden, die sich gemäß des „struggle of alliances“ für sozialökonomische Gerechtigkeit zusammenschließen. Vertreter der Queertheorie kritisieren solche identitätspolitischen Praktiken: Anstatt die Diskriminierung Einzelner zu überwinden, wird die binäre Dualität „Wir gegen die Anderen“ im Kampf „der Minderheiten“ gegen „die Mehrheitsgesellschaft“ fortgeschrieben. Der Zwang, individuelle Bedürfnisse den Zielsetzungen eines konstruierten Gruppen-Multikulturalismus unterzuordnen, bleibt somit bestehen.


Philip Egbune, dessen Selbstverständnis jüdisch, nigerianisch und osteuropäisch beeinflusst ist, hat das Gefühl, sich entscheiden zu müssen: „Ich fühle mich häufig nur akzeptiert, wenn ich allein für ‚die schwarze‘ oder ‚die jüdische‘ Sache einstehe. Ich kann mich aber nicht zerreißen.“ Seine Aussage verdeutlicht, dass identitätspolitische Bemühungen, solange sie sich auf Machtfragen reduzieren, die „special interests“ von Individuen vernachlässigen. So sollte er nach Ansicht eines ­jüdischen Bekannten nicht zu einer Black-Lives-­Matter-Demo in München gehen, „weil ihn die Leute dort als Juden sowieso nicht akzeptieren würden“. Dennoch berührt Egbune die Solidarität, die er während der Demonstration erfährt: „Natürlich lehne ich jede identitätspolitische Verbreitung von Antisemitismus und Antizionismus ab. Aber ich würde nie die Kritik an linker und rechter Politik gleichsetzen.“ Linksorientierte Aktivisten setzten sich im Gegensatz zu rechten Identitären für gesellschaftliche Pluralität und Demokratie ein. Dennoch müsste das Bewusstsein für die Komplexität von Identität, die nicht in Kategorien wie „race, class, gender“ aufgeht, weiter geschult werden. Egbune: „Ich denke, dass wir noch lange nicht das Potenzial jüdischer Tradition für gesellschaftspolitische Fragen ausgeschöpft haben.“


Sein Einwand ist angesichts von Globalisierung und Migration hoch relevant: Aufgrund der Vielfalt jüdischer Selbstverständnisse sollte überlegt werden, inwieweit jüdische Identitätspolitik eine konkret vermittelnde Position zwischen den unterschiedlichen Gruppen- und Individualinteressen einnehmen kann. Die identitätspolitische Aufgabe beschränkt sich nicht darauf, wachsende gesellschaftliche Multikulturalität festzustellen. Sie hat ebenso die Pflicht, die Multidimensionalität jeder einzelnen Identität zu berücksichtigen.


Gegenentwurf zum Extremismus

Die dargestellten Positionen schwarzer und jüdischer Personen zeigen einen solchen Perspektivwechsel an. Sie rufen dazu auf, sich von einem Denken frei zu machen, das Menschen kategorisch ausgrenzt. Dabei geht es nicht um die Idealisierung von Jüdinnen und Juden mit schwarzer gegenüber weißer Hautfarbe. Vielmehr stehen nichtweiße Identitäten schlicht im Kontext einer Diskriminierungsgeschichte, die sie für die Fragilität von Identitätskonstrukten besonders sensibilisieren.


Der Chefredakteur des Zeit Magazins Sascha Chaimowicz, geboren in München, hat jüdische, polnische und karibische Wurzeln; er sagte in der Sendung „Freitagnacht Jews“: „Eine einzige dominante Antwort auf die Frage, was Identität ist, kann es nicht geben.“ Um der Vielschichtigkeit von Gesellschaft und Persönlichkeit gerecht zu werden, reicht es identitätspolitisch nicht aus, „herkömmlichen“ Integrationskonzepten „alternative“ Desintegrationskonzepte gegenüberzustellen. Ein echtes Umdenken, das Identität nicht länger definitorisch fixiert und die Lebendigkeit von Individualität zelebriert, bedarf einer zusätzlichen, kritischen Selbstreflexion. Diversität resultiert aus der spezifisch menschlichen Fähigkeit, sich und die Welt verändern zu wollen. Die eigenen Vorstellungen durch den Austausch mit anderen Meinungen kontinuierlich zu hinterfragen, zeugt nicht von Identitätsverlust, sondern ist Ausdruck individueller, humaner Selbstverwirklichung.


Diese selbstbewusste, selbstkritische Haltung kommt einem der Hauptanliegen entgegen, das sich aus der jüdischen Kulturgeschichte ergibt: Das globale Handlungspotenzial der diversen jüdischen „Identitäten“ besteht darin, ein lebendiger Gegenentwurf zu extremistischen Gemeinschaften zu sein und sich gegen den Identitätszwang totalitärer Politiken einsetzen zu können.

 

Rebecca Rose Mitzner erhielt für ihre Masterarbeit in Interreligiösen Studien die PUSH-Auszeichnung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. An der Universität Bamberg, wo sie auch ihren Bachelor in Philosophie, Jüdische Studien und Europäische Ethnologie machte, war sie von 2013 bis 2017 studentisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Jüdische Studien. Nach einem weiteren Master in Human Rights and Transitional Justice an der Hebrew University of Jerusalem, promovierte sie zuletzt in Philosophie und jüdischer Geistesgeschichte in Heidelberg. Im Rahmen des Goldman Fellowship of the American Jewish Committee arbeitete sie 2019 als Rechercheassistentin im Department of African-Jewish Affairs in New York. Darüber hinaus ist sie Stipendiatin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks und Alumni der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Max Weber Programms.

 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 7, November 2021, S.22-28

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