29. Juni 2018
Buchkritik

Black Box Nordkorea

Drei Neuerscheinungen über eine Terra incognita

Das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un hat ein Land ins Bewusstsein gerufen, über das die Welt wenig weiß. Die Journalisten Thomas Reichart und Matthias Naß und der Wissenschaftler Rüdiger Frank kennen Nordkorea. Und sie wissen: Zu Verhandlungen mit dem Regime gibt es keine Alternative.

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In Korea lautet ein Sprichwort: Beim Kampf der Wale wird die Garnele zerquetscht. Kein Wunder, war die Halbinsel doch in ihrer über 1000-jährigen Geschichte nur sehr selten frei von Fremdherrschaft. Oft lebte das koreanische Volk unter der Kontrolle der Chinesen oder der Japaner. Kaum befreit von der Besatzung Japans, teilten die Sowjetunion und die USA das Land 1948 unter sich auf. Der Überfall des Nordens auf den Süden 1950 führte drei Jahre später zu einem Waffenstillstand, der bis heute gilt, auch wenn völkerrechtlich kein Frieden geschaffen wurde.

Nach der Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrads begann die nordkoreanische Kim-Dynastie, mit der „Chuch’e-Ideologie“ eine autarke Gesellschaft zu prägen. Das Volk zahlte dafür einen hohen Preis. Dazu gehören das Abgeschottetsein, die rückständige technologische Entwicklung, die Gulags, das Kastensystem „Songbun“, wiederholte wirtschaftliche und Ernährungskrisen sowie ein veraltetes Bildungssystem. Hinzu kommt die Trennung von Familien durch die Teilung Koreas. Die starke wirtschaftliche Abhängigkeit von China und Russland wird von Pjöngjang zwar verschwiegen, stellt aber die bittere Realität der selbstgewählten Autarkiepolitik dar.

Viel lernen, aber wenig verstehen

Rüdiger Frank gehört zu den renommierten Korea-Kennern. Der Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens und Leiter des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien hat einige Zeit im Land gelebt. Nun hat er „Unterwegs in Nordkorea“ publiziert, ein Buch, das er nicht als klassischen Reiseführer verstanden wissen will. Reisen durch Nordkorea sind für ihn bis heute eine Gratwanderung, bei der man viel lerne, aber wenig verstehe. Da Frank im Sozialismus der DDR und der Sowjetunion aufgewachsen ist, kann man annehmen, dass ihm diese Facette Nordkoreas nicht ganz fremd ist. Er stellt fest, dass das Land bald länger Bestand haben wird als die Sowjetunion. Den Marxismus als leitende Ideologie hatte schon Kim Il-sung 1955 durch seine „Chuch’e-Ideologie“ ersetzt.

Das Land macht es dem Besucher schwer, ein klares Bild zu gewinnen. Auf einer Reise wird man gezielt isoliert; die Überwachung ist stärker als in China. Ein individuelles Reisen durch Nordkorea erscheint unmöglich. Wer nicht, wie Frank, Koreanisch spricht, hat keine Chance, andere als die offiziellen Informationen zu erhaschen. Ein Abweichen von geplanten Reiserouten wird durch die rationierten Tankvorräte für Reisebusse erschwert. Frank besucht das Land ein- bis zweimal im Jahr mit organisierten westlichen Reisegruppen, für die Einreisen meist nur über China ermöglicht werden, da die Route über Wladiwostok in Russland machbar, aber nicht üblich ist.

Dieser Zugang über Touristenreisen nach Nordkorea ist auch für den Forscher Frank ein ungewöhnlicher Weg zu Erkenntnissen. Das hat damit zu tun, dass Stipendien und För­dergelder wie die, mit denen Frank noch 1991 an der Universität Pjöngjang forschen konnte, nicht mehr angeboten werden. Die politische Lage ist zu brisant.

Ausgesprochen schlechter Ruf

Unter Forschern üblich wäre es, eine Forschungskooperation anzubahnen und nach Pjöngjang zu reisen. Diese Kooperationen sind oft eine Art Türöffner. In Nordkorea ist das anders. Das Atomprogramm startete in den 1950er Jahren mit Forschungs- und Technologieverträgen zwischen Moskau und Pjöngjang. Dies entspricht auch dem heutigen Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen: Die friedliche Nutzung der Atomtechnologie wird gefördert. Jedoch hat dies in Nordkorea zum Gegenteil des Erstrebten geführt. Das Land hat seit dem Korea-Krieg ein besonderes Verhältnis zur Atombombe, mit deren Einsatz die Amerikaner damals gedroht hatten. Seit 2017 kämpft die Staatengemeinschaft mit der inzwischen dritten Nuklearkrise.

Frank interessiert die ­Motivation, die Reisende in das Land treibt, das nach wie vor einen ausgesprochen schlechten Ruf hat. Einen Großteil der Neugier schreibt er den nordkoreanischen Geheimnissen zu, auch den Legenden von Drachen, Geistern, Feen und Helden, die sich über westliche Medien nur unvollkommen erschließen lassen. Zur Anziehungskraft gehören für ihn einsame Sandstrände, Monumente sowie die Sonderwirtschaftszonen, die neuen Kleinmärkte neben den alten revolutionären Stätten im Norden. Von hier stammt der Gründer und „Ewige Präsident“ des Landes. Diese Position wird seit dem Tod Kim Il-sungs nicht mehr besetzt.

Das Dreiländereck im Norden ist die Wiege der Revolution. Allerdings wurden über Jahrhunderte Oppositionelle hierhin abgeschoben. Daher gelten die Menschen dort als schwer zugänglich. Am nördlichen Verlauf des Yalu-Grenzflusses, auf chinesischer Seite, in Yanbian, sprechen sie dann überraschend offen. Die Verbindungen zu den Verwandten hinter der Grenze sind stark. Hier hört Frank, dass in Nordkorea ein starker zweiter Mann fehle, ein nordkoreanischer Deng Xiaoping. Der Chinese war Wegbegleiter Mao Zedongs und hatte diesen bei seinem Aufstieg unterstützt. Die chinesischen Nachbarn sehen einen solchen für einen Wandel in Nordkorea als notwendig an.

Inzwischen werde das Dreiländer­eck von nordkoreanischen Gastarbeitern bevölkert. Sogar hier gebe es einen Braindrain. Die Chinesen, die in der Region leben und ausgebildet werden, haben einen Vorteil auf dem südkoreanischen Arbeitsmarkt: Sie sind zweisprachig und erhalten daher gute Gehälter. Ihren Platz daheim nehmen wiederum Kräfte aus Nordkorea ein, die für Devisenzuwächse in Pjöngjang sorgen. Wie Frank berichtet, findet man sie auch auf russischem Territorium, wo sie Hilfsarbeiten übernehmen.

Der gefährlichste Konflikt der Welt

Das Land, dessen innere Rückständigkeit im 21. Jahrhundert fast nicht zu glauben ist, ist in den Augen von Matthias Naß der gefährlichste Konflikt­herd der Welt. Hier treffen aus Sicht des Internationalen Korrespondenten der ZEIT die geopolitischen Interessen der Atommächte USA, China und Russland sowie Japans aufeinander. Die heutigen Fronten verlaufen für ihn aber nicht so deutlich wie im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Hier stießen vielmehr die Interessen dreier Atommächte aufeinander, von denen jede ihre ganz eigenen Pläne für die Halbinsel habe.

Naß bereist Korea seit 30 Jahren. Seiner Ansicht nach ist das Kim-Regime ein rational handelndes Herrscherhaus, in mittlerweile dritter Generation. Zugleich habe Kim Jong-un die bösartigste Despotie der Gegenwart hervorgebracht. Naß vergleicht die Entwicklung der koreanischen Länder und hält dem Kim-Regime vor, Millionen von Bürgern ihr Leben gestohlen zu haben, während Südkorea sich aus einer Militärdiktatur in einen demokratischen Staat verwandelt habe.

Donald Trump steckt nach der Analyse von Naß mit dem Korea-Konflikt im gleichen Dilemma wie seine Vorgänger: Ein militärischer Schlag hätte Zerstörungen größten Ausmaßes auch in Südkorea zur Folge. Die damit verbundene Angst vor dem Einsatz der Atombombe, der auch umliegende Regionen betreffen würde, mache den Konflikt noch brisanter. Hinzu kommt, dass Nordkorea inzwischen mit Interkontinentalraketen auch das amerikanische Festland bedrohe.

Naß berichtet von Gesprächen mit renommierten Wissenschaftlern und Chefstrategen, die oft die Seiten zwischen Politik und Denkfabriken in Washington wechseln. Einer von ihnen, Robert Galucci, kennt als Chefverhandler die Nordkoreaner zwar gut, aber auch nach Jahrzehnten überraschen sie ihn. Im Kalten Krieg hatten es die Amerikaner mit über 30 000 Atombomben auf sowjetischer Seite zu tun. Damit hätten sie beinahe 50 Jahre gelebt und sich an das sicherheitspolitische Instrument der Abschreckung gewöhnt. Galucci wundert sich daher, dass die Koreaner glaubten, die wenigen Raketen, die sie besäßen, hätten bereits „Game Changer“-Qualität.

Galucci gehört laut Naß zu den stärksten Kritikern von Obamas Nordkorea-Strategie, die aufgrund der Annahme geringer Erfolgsaussichten Gespräche ausschloss. Denn diese Annahme, dass man mit Nordkorea nicht sprechen könne, sei falsch. Auch liege die Verantwortung nicht allein bei den Chinesen, denn das nordkoreanische Regime wolle von den Vereinigten Staaten anerkannt werden. Daher müssten direkte Gespräche geführt werden.

Nordkorea hatte die USA schon im Krieg 1950–1953 als Hauptfeind betrachtet, obgleich an diesem Konflikt über 20 Staaten beteiligt waren. Doch die Befehlsgewalt des „Unified Command“ der Vereinten Nationen lag von Beginn an in den Händen der Amerikaner. Das hat Pjöngjang Wa­shington bis heute nicht verziehen. Auch die Bürger auf den Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt sprechen von „US-Imperialismus“, wenn sie von ausländischen Journalisten hierzu befragt werden.

Kampf um die Vormacht in Asien

Die USA spielen nach Auffassung Thomas Reicharts, in Peking Leiter des ZDF-Ostasienstudios, im Pazifik­raum noch eine weitere Rolle, die die Lage verkompliziert: Auf der koreanischen Halbinsel gehe es auch um die Zukunft der internationalen Ordnung. Der Kampf um die Vormacht in Asien zwischen China und Amerika begründet nach Reicharts Auffassung die reale Gefahr, dass ein neuer Kalter Krieg beginne. Bevor der Konflikt in Korea gelöst werden könne, müsse also das Kräfteverhältnis zwischen den USA und China geklärt werden. Hierfür könnte es nach Reichart hilfreich sein, dass die Amerikaner über ihren Schatten springen und China als zweite Supermacht anerkennen. Diesem Schritt wiederum müsse die Anerkennung Nordkoreas als neunter Atomwaffenstaat folgen.

Der Hebel zur Lösung der Nord­korea-Krise liegt für Reichart allerdings eher in China: Etwas außerhalb von Dandong, am südlichen Verlauf des chinesisch-nordkoreanischen Grenzflusses Yalu, auf einem abgeschotteten Güterbahnhof, werden die Ölimporte Nordkoreas zwischengelagert. Würde China die Ausfuhr stoppen, bräche in Pjöngjang einiges zusammen. Reichart hat in seinen Gesprächen mit Praktikern und Experten, aber auch mit Flüchtlingen einen weiteren Hebel entdeckt: die Menschen. Wie 1989 Ungarn könnte heute China seine Grenze öffnen und den Menschen den Weg in die Freiheit ermöglichen.

Allerdings verfolge das immer mächtiger werdende „Reich der Mitte“ mit seinen 1,4 Milliarden Menschen in der Region vollkommen andere Pläne. Daher könnten die Nordkoreaner weiter ohne Beeinträchtigung mit ihrer Cyberarmee von chinesischem Territorium aus auf Raubzüge ausschwärmen und dabei Daten, Informationen und Geld stehlen. Derweil bleibe ihr Land aufgrund rückständiger Technologie und rudimentärer Internetanbindungen digital wenig angreifbar. Dies gelte, so Reichart, auch für die Nuklearanlagen. Sie sind sicher vor Cyberattacken. Das für die Herstellung der Bombe nötige Know-how ist aber im Land. Die Gefahr für die Nichtverbreitung ist daher der Wissenstransfer. Das Dilemma aufzulösen, ist nach dem Trump-Kim-Gipfel Sache der Diplomatie.

Denise Feldner ist Juristin, Technologieberaterin sowie Lehrbeauftragte an der Deutschen Universität Speyer.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli-August 2018, S. 138 - 141

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