Interview

26. März 2021

„Die Pandemie wirft ein Schlaglicht auf die Ungerechtigkeiten in der Welt“

Trotz der globalen COVAX-Initiative wird es 2021 viel weniger Impfungen in Afrika geben als in reichen Ländern. Interview mit der WHO-Regionaldirektorin für Afrika, Matshidiso Moeti.

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Bild: Porträt von Matshidiso Moeti
Dr. Matshidiso Moeti ist seit 2015 Regionaldirektorin Afrika der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die aus Botswana stammende Ärztin arbeitet seit Ende der neunziger Jahre für die WHO und ist die erste Frau, die in dieses Amt gewählt wurde. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Förderung von starken Partnerschaften im Gesundheitswesen sowohl mit traditionellen als auch mit neuen Akteuren.
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IP: Als erstes Land hat Ghana Ende Februar Corona-Impfstoff über die globale COVAX-Initiative erhalten – 600 000 Dosen von AstraZeneca. Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf eine gerechte Verteilung der Impfstoffe?

Matshidiso Moeti: Die Covid-19-Pandemie wirft ein Schlaglicht auf die Ungerechtigkeiten in der Welt. Für afrikanische Länder erwies sich zum Beispiel der Zugang zu Testkits über lange Zeit als sehr schwierig, weil sie auf globale Lieferketten angewiesen sind, die mit der Nachfrage nicht mithalten konnten. Hinzu kam, dass einige Länder, die diese lebenswichtigen Güter produzieren, Exportverbote erlassen haben. Die COVAX-Initiative, die von der WHO, der Impfallianz Gavi und der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations geleitet wird, wurde gegründet, um eine gerechte Verteilung der Covid-19-Impfstoffe sicherzustellen. Sie ist ein wichtiger Anfangspunkt. Mehrere reiche Länder legen schon seit vergangenem Jahr ein hohes Tempo beim Impfen vor. Die afrikanischen Länder haben diese Zeit genutzt, um in ihre Vorsorge zu investieren und beginnen nun mit ihren Kampagnen. COVAX hat sich vorgenommen, in den teilnehmenden Ländern zunächst 20 Prozent der Bevölkerung bis Ende 2021 zu impfen. Reiche Länder zielen auf eine viel höhere Impfquote. Wir haben auch gesehen, dass manche Regierungen auf bilaterale Verträge mit Herstellern setzen, die Impfstoffe für COVAX produzieren. Dies kann dazu führen, dass unentbehrliche Lieferungen von afrikanischen Ländern weggelenkt werden.
 

Welche Regionen und Länder in Afrika sind am stärksten von der Covid-19-Pandemie betroffen?

Alle Länder und Regionen Afrikas sind von der Pandemie betroffen. Betrachtet man die unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen, waren Fallzahlen in manchen Ländern im Süden und im Norden am höchsten. Südafrika ist mit 38 Prozent der Fälle und 48 Prozent der Todesfälle das am härtesten getroffene Land Afrikas. Auf die zehn am härtesten getroffenen Länder entfallen 81 Prozent der Fälle: Südafrika, Marokko, Tunesien, Ägypten, Äthiopien, Nigeria, Libyen, Algerien, Kenia und Ghana. Man kann aber auch die Infektionsrate im Vergleich zur gefährdeten Risikobevölkerung betrachten. Die Infektionsrate war im Februar auf den Seychellen, in Botswana, São Tomé und Príncipe, Kap Verde und Namibia am höchsten.

Jenseits der gesundheitlichen Auswirkungen bedeutet die Pandemie einen enormen Schaden für Existenzgrundlagen und Volkswirtschaften. Sie hat Afrika in die erste Rezession seit 25 Jahren getrieben.
 

Wie beurteilen Sie die relativ niedrigen Infektionsraten in Afrika insgesamt, verglichen mit den Zahlen in Europa und Amerika?

In allen Ländern der Welt gibt es eine Dunkelziffer. Die niedrigeren Infektionsraten in afrikanischen Ländern sind wahrscheinlich auf eine ganze Reihe von Faktoren zurückzuführen. Dazu gehört, dass der Kontinent eine junge Bevölkerung hat und viele Gemeinden immer noch ländlich geprägt sind und nur eine begrenzte Mobilität aufweisen. Das hilft, die Ausbreitung der Infektion zu begrenzen. Wie bereits erwähnt, ist der Zugang zu Testkits eine echte Herausforderung. In der WHO-Region Afrika wurden bis März 2021 kumuliert etwa 27 Millionen Covid-19-Tests durchgeführt, was 245 Tests je 10 000 Einwohner entspricht. In den USA gab es im selben Zeitraum mehr als 340 Millionen Tests. Mehrere afrikanische Länder haben die von der WHO empfohlene Mindestrate von 10 Tests pro 10 000 Einwohner pro Woche noch kein einziges Mal erreicht. Um besser zu verstehen, wie weit Covid-19 in den afrikanischen Ländern und der übrigen Welt bereits verbreitet ist, werden derzeit Studien zum Nachweis von Antikörpern durchgeführt.
 

Welche Lehren haben die WHO und Afrika aus dem Kampf gegen Ebola gezogen? Was bedeuten die neuerlichen Ausbrüche von Ebola in Guinea und der Demokratischen Republik Kongo in Zeiten von Covid-19?

Die Ebola-Ausbrüche haben gezeigt, wie wichtig es ist, in die Notfallvorsorge zu investieren und Kapazitäten aufzubauen. Wenn erkannt wird, dass die Gefahr eines Ausbruchs besteht, muss man rasch reagieren können. Die meisten afrikanischen Regierungen haben schnell und entschlossen gehandelt und Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und im sozialen Bereich ergriffen, um die Ausbreitung dieses neuen Virus einzudämmen. Um besser vorsorgen und auf Ausbrüche reagieren zu können, hat die WHO die Länder beim Aufbau von Kapazitäten zur Umsetzung der Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2005 unterstützt.

Guinea und die Demokratische Republik Kongo stehen derzeit vor der doppelten Herausforderung, auf Covid-19 und Ebola zu reagieren. Beide Länder haben schnell die Kapazitäten mobilisiert, die bei früheren Einsätzen zur Ausbruchsbekämpfung aufgebaut wurden. Nationale und lokale Behörden, die WHO und ihre Partner haben sofort Teams in die betroffenen Gebiete entsandt. In beiden Ländern dauerte es nach Bekanntgabe der Ausbrüche nur eine gute Woche, bis mit der Ebola-Impfung von besonders gefährdeten Personen begonnen werden konnte.

 

Die Fragen stellten Tobias Bergner und Uta Kuhlmann. Aus dem Englischen von Bettina Vestring
Die vollständige Fassung des Interviews erscheint in der Mai/Juni-Ausgabe der IP am 30.04.2021

Bibliografische Angaben

Internationale Politik, online exklusive, März 2021

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